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1. Yip Man (Ip Man) - Öffnung des Wing Chun Systems

     
     

Yip Man (im Mandarin "Ye Wen", im Kantonesischen "Jip Man", auch "Ip Man"  oder chinesisch kantonesichen "Yip Kai Man") wurde am 10.10.1893 als dritter Sohn von vier Kindern (Älterer Bruder Yip Kai Gak, ältere Schwester Yip Wan Mei, jüngere Schwester Yip Wan Hum), einer sehr wohlhabenden Familie in "Foshan" (auch "Fatshan" geschrieben, heißt: "Buddhaberg", Stadt der südchinesischen Provinz Guangdong) in China geboren.
Als Kind reicher Eltern erhielt er eine ausgesprochen "traditionelle" chinesische Ausbildung.

 

Yip Kai Man - Öffnung des Wing Chun Systems

 
     


Yip Man - Er gilt als Urvater vieler Wing Chun-Stilrichtungen weltweit. Er war der erste chinesische Wing Chun-Lehrer, der die chinesische Kampfkunst Wing Chun "offen" - also für jedermann erlernbar - unterrichtet hat.
Zum Copyright des Bildes: Entsprechend Sektion 17, Kapitel 528 des "Law of Hong Kong" ist das Copyright des Bildes in Hong Kong erloschen. Weiterhin gilt das Kunsturhebergesetz (KunstUrhG) bzgl. der Darstellung von Personen der Zeitgeschichte (z.B. Yip Man).

   
     

Allgemein wird behauptet, dass Yip Man der erste chinesische Kampfkunstlehrer war, der die chinesische Kampfkunst Wing Chun (international anerkannte Schreibweise) "offen" - also für beliebige interessierte Schüler - unterrichtet hat, anstatt sie nur einem kleinen Kreis von Schülern bzw. rein intrafamiliär weiterzugeben. Er ist somit für "die Öffnung" des Wing Chun Systems verantwortlich.
Viele seine zahlreichen Schüler, zu denen bekannte Namen wie "Leung Cheung", "Lok Yiu", "Wong Shun Leung", "William Cheung", "Hawkins Cheung", "Bruce Lee", "Lo Man Kam", "Moy Yat", "Yip Chun" und auch "Leung Ting" zählten - von denen heute nach wie vor etliche am Leben sind - wurden später selbst Wing Chun Lehrer und trugen dazu bei, Wing Chun einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und es schließlich über die ganze Welt zu verbreiten.

Nach seinem Tod am 02.12.1972 in Hongkong (manchmal wird auch der 01.12.1972 angegeben) ehrten einige Vertreter der Wing Chun-Stilarten ihn als "Großmeister" der Kampfkunst Wing Chun (international meistverwendete Schreibweise), obwohl Yip Man selbst auf Titel wie "Meister" oder gar "Großmeister" verzichtet hat, da er vermutlich schon früh die Sinnlosigkeit solcher Titel innerhalb einer Kampfkunst erfasst hatte.

Viele der heute auf der ganzen Welt verbreiteten Wing Chun-Stilrichtung - u.a. auch der in dieser Schule unterrichtete Wing Chun Stil  - berufen sich als "Variante" auf die Wing Chun-Lehre von Yip Man.

(nach oben)

     
           
 
 

2. Yip Mans Jugendzeit und Beginn der Wing Chun-Ausbildung

     
     

Analog zur Wing Chun Geschichte, die in großen Teilen als ungesichert gilt, ranken sich um Yip Man ebenfalls viele Geschichten und Mythen. Es existieren wenige schriftliche Nachweise und viele von Yip Mans Schülern sind verstorben. Die, die noch am Leben sind, verbreiten diverse Geschichten von und über ihren Lehrer und tragen nicht gerade zur Transparenz bei.
Will man Yip Mans Biographie niederschreiben, kann man im Prinzip auch nur von der "Yip Man-Legende" sprechen. Einige Eckpunkte gelten als gesichert, viele Geschichten sind vermutlich reich ausgeschmückt worden und ihr Wahrheitsgehalt kann nicht hundertprozentig festgestellt werden.
Wie es so bei Lebensläufen ist, weiß im Prinzip nur Yip Man selbst, wie Yip Man gelebt und was er erlebt hat. Nicht einmal Yip Chun (Yip Mans Sohn) kann detaillierte, präzise Aussagen zu Yip Mans Leben machen.
Dementsprechend ist alles, was hier und im Internet oder in Büchern geschrieben steht oder gar verfilmt ist, mit Vorsicht zu genießen und stellt lediglich einen gewissen Anhaltspunkt dar.

Als Yip Man 13 Jahre alt war, begann er als letzter der "16 Schüler" des mittlerweile "70-jährigen Chan Wah-Shun" in der Stadt "Lin Fa Dei" Wing Chun zu lernen.

Laut den in Wing Chun Kreisen kursierenden Geschichten soll Chan Wah-Shun keine eigenen Unterrichtsräume für seine Kung Fu-Schule besessen haben. Im Bedarfsfall mietete er sich stattdessen Räumlichkeiten an.
So soll Yip Mans Vater "Oi Doh" so freundlich gewesen sein, und Chan Wah-Shun den alten Familientempel des Yip-Clans für Unterrichtszwecke zur Verfügung gestellt haben.
Wie es im Wing Chun (leider) so üblich ist, verlangte Chan Wah-Shun ein hohes Schulgeld in Höhe von 3-4 Tael Silber.

Wer nicht gerade täglich in China einkaufen geht, muss wissen, dass "Tael" die Bezeichnung für eine heute nicht mehr gebräuchliche chinesische Währungseinzeit ist.

"Tael" oder "Liang" war eine Masseeinheit für Edelmetall, die je nach Zeit und Ort starken Schwankungen unterworfen war.
Ein Tael waren 1868 in Shanghai 34,246 g. Also verlangte Chan Wah-Shun vermutlich monatlich ca. 102 - 136 g Silber pro Monat.

  Yip Mans Jugendzeit und Beginn der Wing Chun Ausbildung  
     


Zehn Tael Silber - Hier im Bild sind "10 Tael Silber in Trommelform" aus der Qing-Dynastie gezeigt. Man sieht auch, dass dieser Block gegossen wurde, was äußerst selten gewesen sein soll. Das Gewicht dieses Silberblocks entspricht also ca. 342 g.

Die Begriffsverwirrung über die chinesischen Währungsbegriffe war in ausländischen Büchern so groß, dass sich der Autor "J. Scheibert" zu Beginn des 20. Jahrhunderts genötigt sah, eine genaue Definition zu liefern:

Das Tael ist nichts anderes als ein "Begriff", und noch dazu ein schwankender; in jeder Provinz, ja fast in jeder Stadt berechnet man seinen Wert verschieden und überdies hängt der letztere im internationalen Verkehr auch von dem jeweiligen Preis des Silbers ab.
Die chinesischen Kaufleute hingegen haben noch die alte Zahlungsweise, in der sich bereits Abraham mit Hephron bei dem Ankauf der Grabstelle Sarahs auseinandersetzte (1. Mos. 23, 16): sie wägen ihr Geld.
Geprägte oder gegossene Silberstücke gibt es nämlich im Innern des Landes nicht, sondern die Kaufleute führen Silberbarren, je im Gewichte von etwas mehr als ein Kilogramm bei sich und schneiden mit einer großen Schere dann immer so viel ab, wie die Rechnung beträgt. Diese Abschnitte werden in Säckchen gesammelt, und wenn ein genügendes Quantum vorhanden ist, zum Wechsler gebracht und von diesem wieder zu Barren eingeschmolzen. Jeder Kaufmann besitzt daher eine Wiegeschale, die in einem Glaskasten aufbewahrt wird, an dem die Worte zu stehen pflegen:

"Wage sei geschäftig, wiege täglich Waren viele tausend Taels wert."

Die chinesischen Kaufleute haben es beim Abschneiden der Silberbarren zu einer wunderbaren Geschicklichkeit gebracht, so dass beim Nachwiegen kaum ein Stückchen abgeschnitten oder hinzugelegt zu werden braucht. Die böse Welt behauptet allerdings, dass der chinesische "Geld- bzw. Silberwechsler" im Hantieren der Wage eine noch größere Geschicklichkeit als im Gebrauch der Schere besäße und dass es stets einen kleinen Unterschied mache, ob er kaufe oder verkaufe. Jedenfalls gehören die Wechsler immer zu den reichsten Leuten der Stadt; aber es ist viel richtiger, ihnen diesen nicht ganz ordnungsgemäßen Extra-Vorteil zu gönnen, als in die Hände gerissener Gauner zu fallen, die das Silber mit minderwertigem Metall mischen oder, da ein scharfes Auge den Betrug unschwer erkennt, in die Mitte des Barrens ein Stück Eisen verstecken.

Hier muss man sich erinnern, dass Chan Wah-Shuns Spitzname "Wah der Geldwechsler" war. Er war also mit dem Wechseln und Hantieren mit Taels professionell vertraut und bestimmt nicht gerade arm.

     
     

Eine kleine Rechnung und Randbemerkung an dieser Stelle:
Rein aus Interesse kann man den damaligen Monatspreis von 3-4 Tael Silber mal auf den heutigen Silberpreis (Jahr 2009 - ausgehend von dem Marktpreis für eine Feinunze Silber) umrechnen. Eine Feinunze Silber entspricht 31 g und kostet 16.4 US-Dollar. Umgerechnet sind das ca. 12 Euro. Nach heutiger Vorstellung hätte Chan Wah-Shun also ca. 36 - 48 Euro Monatsbeitrag genommen.
Wenn man sich vorstellt, dass das Monatseinkommen von 35 % aller Chinesen im Jahr 2007 bei ca. 60 Dollar (ca. 50 Euro) lag, kann man sich vorstellen, was 3-4 Tael Silber im Jahr 1900 wert gewesen sein müssen.

Fazit:
Zu Yip Mans Zeit, also im Jahr 1906, waren 3 Tael Silber bezogen auf die damalige Kaufkraft und das monatliche Einkommen ein so unglaublich hoher Monatsbeitrag, dass eigentlich überhaupt niemand diesen zu bezahlen in der Lage war. Es ist anzunehmen, dass dies auch ein Grund dafür war, dass Chan Wah-Shun nicht viele Schüler hatte.

Nicht zuletzt hat sich wegen dieser schon damals etablierten "Finanzstruktur" (die offensichtlich schon vor hundert Jahren praktiziert wurde) die - in meinen Augen - peinliche Aussage etabliert, Wing Chun sei "die Kampfkunst des reichen Mannes".

Eine andere Geschichte besagt, Chan Wah-Chun hätte 3-4 Tael Silber als "Aufnahmegebühr" verlangt. Dies soll ein so immens hoher Betrag um die Zeit herum gewesen sein, dass man sich dafür schon hätte ein kleines Haus kaufen können.

Naja - wie auch immer die Geschichte wirklich war - Fakt ist, dass es sich bei Chan Wah-Shuns Preis für Wing Chun-Training um viel Geld gehandelt haben muss. Damit verkörpert er schon damals den Typ von Lehrer, der sich geradezu in unverschämter Art und Weise an seinen Schülern zu bereichern versucht - eine Praxis, die heute in der einen oder anderen Schule und diversen Verbänden oder Organisationen geschickt versteckt immer noch praktiziert wird.

Da Yip Man der Sohn des Vermieters der Räumlichkeiten war, in denen Chan Wah-Shun trainierte, kam es zwangsläufig zu einer Kontaktaufnahme.

Obwohl Yip Man der Sohn einer in Foshan angesehenen Familie war, in deren Besitz sowohl Land, als auch Immobilien und ein landwirtschaftlicher Betrieb waren, entwickelte sich in ihm bereits früh eine Hingabe zur Kampfkunst, obwohl sein gesellschaftlicher Status ihm das Leben eines Art "Edelmannes" der gehobenen Gesellschaftsschicht erlaubt hätte. Kung Fu als "Freizeitbeschäftigung" war für einen gebildeten Chinesen der allgemeinen Auffassung nach kein adäquater Zeitvertreib (vergleichbar mit Boxkämpfen im Westen, die auch eher der Unterschicht zugeordnet werden).
Im Gegensatz zu Karate oder Judo, die in Japan einen so hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen, dass sie an Universitäten betrieben werden, blieb Kung Fu eine Beschäftigung der reinen Arbeiterklasse.
Dementsprechend waren zwar viele Kung Fu Kämpfer als gute Kämpfer ausgewiesen, hatten aber häufig nicht den Bildungshintergrund oder die mentale Struktur, um einerseits die Theorie hinter dem System zu verstehen und andererseits das System in seiner Gesamtheit an nachfolgende Schüler zu vermitteln.

Begeistert von Chan Wah-Shuns Kampfkunst lies sich Yip Man dennoch nicht von den hohen Schulgeldforderungen abbringen und schaffte es irgendwie (vermutlich aus Eigenersparnissen), die drei Tael Silber aufzutreiben.
Chan Wah-Shun akzeptierte Yip Man schließlich als Schüler, soll ihn aber nicht sehr intensiv unterrichtet haben, da er ihn einerseits für "recht jung" und andererseits auch für "verweichlicht" hielt. Dieses Vorurteil konnte Yip Man aber von Beginn an durch hartes Training und rasche Auffassungsgabe zerstreuen, so dass Chan Wah-Shun ihm mehr Aufmerksamkeit zukommen lies und sich in der Folgezeit stärker dem Unterricht Yip Mans widmete.

Da ältere Lehrer aufgrund des "physischen Verfalls", den das Alter zwangsweise mit sich bringt, häufig die körperlichen Voraussetzungen für kraftvolle, schnelle Techniken in Kombination mit der nötigen Aggression verlieren, lernte Yip Man viele der Techniken, Vorgehensweisen und Theorien von Chan Wah-Shuns zweitältesten Schüler "Ng Chung-Sok", der Yip Mans "Si-Hing" (älterer Kung Fu-Bruder) war.

Leider starb Chan Wah-Shun bereits drei Jahre nach Beginn von Yip Mans Training. Yip Man war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Glücklicherweise soll Chan Wah-Shun auf dem Sterbebett den Wunsch geäußert haben, dass Yip Man von Ng Chung-Sok weiter unterrichtet würde, ansonsten wäre der Wing Chun-Weg Yip Mans und die Verbreitung des Systems über die ganze Welt vermutlich anders verlaufen.

(nach oben)

     
           
    3. Yip Man zieht nach Hongkong und trifft Leung Bik, Dr. Leung Jans Sohn      
     

Im selben Jahr verließ Yip Man Foshan und zog mit Unterstützung des Bekannten "Leung Fut Ting" nach Hongkong und besuchte dort im Alter von 16 das "St. Stephens College", eine "Secondary School" (vom Bildungsgrad einem Gymnasium in Deutschland vergleichbar). Der Besuch des St. Stephens College war für Kinder reicher Eltern oder für Ausländer, die in Hongkong lebten, vorgesehen.

  Yip Man trifft Leung Bik  
     


Bild aus dem alten Hongkong - In diesem Bild der Queensroad aus dem Jahr 1955 sieht man, wie es in Hongkong ausgesehen hat.

   
     

Yip Man hat später über sich selbst gesagt, er sei zu dieser Zeit "zu arrogant und zu selbstsicher" gewesen.

Schenkt man den Schilderungen von Yip Mans Söhnen "Yip Chun" und "Yip Ching" Glauben, soll Yip Man während seiner Schulzeit Zeuge des Übergriffes eines Polizisten gegenüber einer Frau geworden sein. Der Polizist soll die Frau geschlagen haben, worauf Yip Man eingriff, um dies zu verhindern. Der Polizist soll daraufhin versucht haben, Yip Man zu schlagen, der mit Hilfe seiner bis dato erlernten Kampfkunstfähigkeiten stattdessen den Polizist niederschlug und schließlich mit seinen Klassenkameraden in Richtung Schule floh.

Die Geschichte geht so weiter, dass einer von Yip Mans Klassenkameraden die Geschichte von dieser kleinen Schlägerei einem älteren, im Kung Fu versierten Mann erzählte, der im gleichen Wohnhaus wie der Klassenkamerad wohnte. Daraufhin soll der ältere Mann Yip Man zu sich eingeladen haben.

Eine andere Variante der Geschichte besagt, dass Yip Man sich in der Schulzeit diversen Kämpfen mit Mitschülern widmete und verschiedene Kämpfe gegen europäische Mitschüler für sich gewann. Ein Mitschüler namens "Lai" soll Yip Man auf einen älteren Mann im Betrieb seines Vaters hingewiesen haben, der selbst im Kung Fu recht erfahren sei und fragte Yip Man schließlich, ob er sich traue, mit diesem Mann ein paar Kung Fu Bewegungen zu tun. Yip Man kannte bis dahin keine bzw. wenig Niederlagen und willigte ein.

Ob Yip Man nun eingeladen wurde oder nicht, spielt keine wichtige Rolle - jedenfalls traf er in Folge den besagten älteren Mann und wurde von diesem gefragt, welche Kampfkunst er denn trainiere. Als Yip Man antwortete, er studiere und trainiere Wing Chun, forderte der ältere Mann ihn auf, die ersten zwei Formen, die "Siu Nim Tao" (auch "Sil Nim Tao" geschrieben) und die "Cham Kiu" (auch "Chum Kiu" geschrieben) vorzuführen.
Zu Yip Mans Enttäuschung teilte der Mann ihm anschließend mit, "seine Formen wären nicht allzu gut bzw. schlampig" und lud ihn schließlich zu einer Runde "Go Sao", einer Art "Sparring auf Chi Sao-Distanz" ("Chi Sao" heißt "klebende Hände bzw. klebende Arme") ein, um Yip Mans erlernte Wing Chun-Reflexe und seine Kampfkraft zu testen. Dabei soll Yip Man aufgefordert worden sein, jeden Körperteil des älteren Mannes anzugreifen, während dieser sich auf reine Abwehrbewegungen konzentrieren würde.

Yip Man beabsichtige nun, die Gelegenheit zu nutzen, um dem Mann doch noch zu beweisen, dass sein Kung Fu qualitativ gut war, fand sich aber bereits nach wenigen Bewegungen am Boden wieder. Während der ganzen freundschaftlichen Auseinandersetzung war keiner seiner Angriffe bzw. keine seiner eigenen Abwehrbewegungen von Erfolg gekrönt.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Mann kein anderer als "Leung Bik" war, der Sohn von Dr. Leung Jan.
Wie ich in dem Artikel "Die Wing Chun-Geschichte" beschrieben habe, war Dr. Leung Jan (mit Spitznamen "König des Wing Chun") Leung Biks Vater und hatte ihn und Chan Wah-Shun (Yip Mans ersten Lehrer) im Wing Chun unterrichtet. Leung Bik war also der ältere Kung Fu-Bruder von Chan Wah-Shun. Nach chinesischer Kampfkunsttradition war Leung Bik somit Yip Mans "Kung Fu-Onkel", während Chan Wah-Shun dessen "Kampfkunst-Vater", also sein Sifu war.

Trotz seiner fehlgeschlagenen Versuche, hatte Yip Man Kampfgeist und Einsatz bewiesen und durfte sein Wing Chun-Training bei Leung Bik, seinem zweiten Sifu (väterlichen Lehrer) fortsetzen und kehrte schließlich im Alter von 24 Jahren mit extrem verbesserten Wing Chun-Fähigkeiten nach Foshan zurück.

Auch hier ist nicht ganz klar, ob diese Geschichte nicht auch wieder lediglich "eine Legende" darstellt. Die Person des "Leung Bik" ist jedenfalls umstritten. Einige Quellen geben Leung Bik als eine Erfindung von Yip Mans Schüler "Lee Man" aus, der zeitweilig als Reporter tätig war.

Wie üblich kann man der Geschichte im Wing Chun aufgrund der zurückliegenden Zeitspanne und den vielen unterschiedlichen Quellen bzw. teilweise fehlenden Beweisen nicht vollständig trauen.

(nach oben)

     
           
   

4. Yip Man kehrt nach Foshan zurück

     
     

Zurück in Foshan führte Yip Man das Leben des Kindes reicher Eltern weiter und musste sich als solches um sein Einkommen keine Gedanken machen.

  Yip Man kehrt nach Foshan zurück  
     


Foshan liegt im Südosten Chinas - Foshan auch "Fatshan" geschrieben, heißt: "Buddhaberg" und ist eine Stadt der südchinesischen Provinz Guangdong

   
     

Er widmete seine Freizeit dem Training mit seinem früheren Si-Hing (älteren Kung Fu-Bruder) Ng Chung-Sok und dessen Schülern. Dabei muss er festgestellt haben, dass er in seiner Zeit in Hongkong wesentlich besser geworden war, was seinen Mitschülern auch nicht verborgen geblieben sein kann.
Sie sollen sich beklagt haben, Yip Man habe etwas gelernt, was ihr gemeinsamer verstorbener Meister Chan Wah-Shun ihnen nicht vermittelt habe und beschuldigten ihn, von der "wahren Lehre" des Meisters und somit des Wing Chun Systems (wie sie es kannten) abgewichen zu sein.

Eine mögliche Erklärung, die Ng Chung-Sok gegeben haben soll, beruft sich auf die mangelnde Bildung von Chan Wah-Shun, der zwar praktisch sehr versiert war, aber aufgrund fehlender Bildung in einigen Bereichen nicht in der Lage gewesen sein soll, den Schülern die komplexe Theorie des Systems darzulegen.
Dieser Zustand ist auch heute nicht anders. Nicht jeder, der sich hauptsächlich dem Kampfsport bzw. der Kampfkunst widmet ist automatisch mit großer Intelligenz gesegnet. Er kann das System daher nur im Rahmen seiner begrenzten intellektuellen Möglichkeiten verstehen und weitergeben. Das hat für den Detaillierungsgrad und das Systemverständnis der Schüler selbstverständlich Konsequenzen, da im Wing Chun Praxis UND Theorie Hand in Hand gehen.
Im Gegensatz zu Chan Wah-Shun war Leung Bik als Sohn des Arztes, Apothekers und Wing Chun Experten Dr. Leung Jan selbst ein Gelehrter und somit in der Lage, Yip Man die wichtige Theorie des Wing Chun präzise zu erklären.

     
     

An dieser Stelle möchte ich eine weitere Randbemerkung einfügen:
Im Wing Chun trifft man diese Verhaltensweise, also Wing Chun-Kämpfer, die Techniken oder Theorien anderer Wing Chun-Kämpfer kritisieren, extrem häufig an. Diese Verhaltensweise ist total albern!
Jeder Lehrer hat seine eigene Auffassung von Wing Chun und vermittelt eben diese Auffassung - wobei er dabei ganz natürlich seinen eigenen Beschränkungen im Sinne von Körperkraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Wendigkeit, Kampfkraft, Wortgewandtheit, theoretischem Verständnis unterliegt. Ich persönlich kenne keine zwei Wing Chun Lehrer, die exakt der gleichen Meinung sind. Dementsprechend werden sich auch ihre Schüler unterscheiden.
Schüler, sowohl unerfahrene als auch erfahrene, gehen immer davon aus, Wing Chun sei ja Wing Chun und somit lernten ja alle exakt das Gleiche. Das ist schlichtweg falsch. Jeder Lehrer legt gewisse Betonungen auf spezielle Aspekte des Systems und versucht diese besonders intensiv zu unterrichten - das spiegelt sich heutzutage z.B. darin wider, dass einige Lehrer verstärkt Chi Sao, andere wiederum mehr Lat Sao und ganz andere einen Mix trainieren. Wiederum lassen viele Schulen "innere Aspekte" des Systems ganz einfach weg. Theoretische Hintergründe des Systems werden häufig fast komplett weggelassen, da sie als langweilig empfunden werden.
Aufgrund dieser Unterrichtsweisen unterschiedlichster Lehrer könnten die Varianten an Wing Chun-Auffassungen nicht verschiedener sein - obwohl der große Oberbegriff dennoch "Wing Chun" heißt. Meistens unterscheiden sich bereits zwei Schulen in der gleichen Stadt schon stark.

Entscheidend ist, dass jeder Schüler, der das System in seiner Komplettheit erfassen möchte, sich selbst bemüht, das System in dieser Komplettheit zu erarbeiten und sich nicht "passiv" verhält und darauf verlässt, dass der Lehrer schon alles vermitteln wird.
Ich persönlich mag Aussagen anderer WT-ler wie "das hat mir mein Lehrer aber noch nie gezeigt und der ist immerhin eine WT-Meister" bzw. "so kenn ich die Technik aber nicht" oder "das habe ich noch nie trainiert" überhaupt nicht.
Für mich zeigt dieses Verhalten nur, dass derjenige keine Lust hat, selbst zu denken. Stattdessen kaut er nur das wider, was er von seinem Lehrer erlernt hat und bemüht sich nicht, weiteres Wissen zu sammeln und über den Tellerrand seiner eigenen Begrenzung zu schauen. Vielmehr beruft er sich auf die Autorität seines Lehrer in der Hoffnung, dessen Name würde gute Argumente zunichte machen.

Das ist WT-Quark! Dazu an anderer, passenderer Stelle mehr.

     
     

Das jedenfalls als kleiner Einschub zu der Kritik von Yip Mans Trainingspartnern zu Yip Mans Wing Chun-Fortschritten.

Später soll Yip Man in Foshan als Polizist tätig gewesen sein. Es wird auch berichtet, er sei eine zeitlang sogar Leiter der dortigen Polizei gewesen.

(nach oben)

     
           
   

5. Die Zeit des zweiten Weltkriegs erschüttert China

     
     

Die Yip Man-Legende berichtet weiter, dass Yip Man in Foshan über die Zeit ein hohes Ansehen in den Reihen der dort ansässigen Kampfkünstler erlangt haben soll.
Dennoch soll er nie auch nur die geringste Absicht gehegt haben, sein Wissen weiterzugeben oder Schüler zu unterrichten. Er weigerte sich sogar, seine Söhne zu unterrichten.

Für ihn war Wing Chun eine wirklich "tödliche Methode" innerhalb der Kampfkünste und je mehr er sich mit dem System beschäftigte und sich darin vertiefte, desto mehr Wert maß er diesem Selbstverteidigungssystem bei.

Im 2. Weltkrieg, in dem große Teile Chinas von den Japanern besetzt und kontrolliert wurden, wurde Yip Mans Familie enteignet und all ihrer Besitztümer beraubt. Es zog in dieser Zeit zu "Kwok Fu", einem seiner engeren Vertrauten.

  Japan besetzt China im 2. Weltkrieg  
     


Auswirkungen des zweiten Weltkriegs in China - Während des zweiten Weltkriegs wurde China von Japan besetzt.

   
     

Nach dem Krieg kehrte er nach Foshan zurück und trat erneut die Stelle eines Polizisten an.
Nachdem allerdings 1949 die Kommunistische Partei Chinas den chinesischen Bürgerkrieg für sich gewonnen hatte, entschied sich Yip Man, ohne seine Familie nach Hongkong zu fliehen. Als Polizist, der der Oppositionspartei "Kuomintang" unterstand, befürchtete er starke Repressionen, sobald die Kommunisten nach Foshan gelangten.

(nach oben)

     
           
    6. Yip Man in Hongkong      
     

In Hongkong musste Yip Man schlussendlich seinen dekadenten Lebensstil aufgeben. Da er als Sohn reicher Eltern aufgewachsen war, fiel es ihm sehr schwer, eine geeignete Arbeit zu finden und musste sich somit mit einem Leben in Armut begnügen.

1949 wurde ihm auf Vermittlung von "Lee Man", einem Freund und Kung Fu-Bruder Yip Mans der Posten eines Kung Fu-Lehrers innerhalb der "Gewerkschaft der Hongkonger Restaurant Arbeiter" angeboten. Obwohl Yip Man nicht unterrichten wollte, willigte er schließlich - vermutlich auch aufgrund finanzieller Sorgen - ein.

Der Unterricht der ersten Klasse begann im Mai, 1950 mit gerade mal acht Teilnehmern (unter ihnen waren Leung Sheung, Lok Yiu, Lau Ming, Tsui Chon, Chan Kau und Chan Sing Tao). Später wuchs die Gruppe auf 16 Mitglieder, unter ihnen waren Hui Yee, Lee Yan Wing und Tsang Wing.
Da Wing Chun auf attraktive Bewegungen und Showeffekte bewusst verzichtet, war man anfangs von Yip Mans Unterricht nicht besonders angetan. Zudem lag es ihm nicht, sich in den Vordergrund zu drängen und mit seinem Können anzugeben. Somit wurde Wing Chun nicht gerade bekannter.

Es wird berichtet, dass nur wenige Monate später eine neue, zweite Klasse gegründet wurde, die anfangs 30 Teilnehmer aufwies. Dennoch fehlte es vielen an Durchhaltevermögen und Geduld, so dass nur zwei Mitglieder am Ende übrigblieben.

Während seiner Jugendzeit in Foshan war es für junge Männer aus reichen Häusern nicht unüblich, Opium zu rauchen. Obwohl es in Hongkong verboten war, soll es nicht schwer gewesen sein, sich Opium auf dem schwarzen Markt zu besorgen.
Es ist bekannt, dass Yip Man "opiumsüchtig" war und seine Lebenshaltungskosten auch aufgrund des Opiumkonsums so hoch waren. Er benötigte also eine verlässliche Geldquelle, um einerseits seine Lebensgewohnheiten beizubehalten und seine Familie, die nach wie vor in Foshan lebte, unterstützen zu können.

  Yip Man in Hongkong  
     


Opiumraucher im alten China - Opium ist der durch Anritzen getrocknete Milchsaft unreifer, ausgewachsener Samenkapseln des zu den Mohngewächsen gehörenden "Schlafmohns". Im Verlauf des Trocknungsprozesses entsteht aus dem Milchsaft durch Autoxidation eine braune bis schwarze Masse, das Rohopium. Zu den körperlichen Langzeitfolgen von missbräuchlichem Opiumgebrauch gehören Appetitlosigkeit und dadurch Gewichtsverlust bis zur Abmagerung und völligen Entkräftung, aber auch Kreislaufstörung und Muskelschmerzen. Bei Überdosierung droht akute Atemlähmung mit Todesfolge. Psychische Auswirkungen sind Abhängigkeit, Antriebsschwäche, Depressionen, häufig starke Persönlichkeitsveränderungen einhergehend mit Apathie.

Yip Man soll opiumabhängig gewesen sein (Quelle: "Wing Chun Warrior", Autor: Ken Ing, Seite: 109, Blacksmith Books).

     
     

Zu Beginn seiner Lehrtätigkeit in der eigenen Schule war das Geschäft mit Wing Chun schlecht, da seine Schüler typischerweise lediglich für einige Monate bei ihm trainierten.

1951 eröffnete Yip Man die dritte Klasse in der "Kung On-Behörde" in Sheung Wan (mittlerer Westen von Hongkong), an der 40 Personen teilnahmen.

Weitere Klassen wurden von Yip Man im Wa Ying-Restaurant in der Stanley Straße im Zentraldistrikt Hongkongs eröffnet. Selbst auf dem Dach eines Gebäudes der Bridges Straße wurde unterrichtet.
Viele Teilnehmer waren Köche oder Kellner, dennoch kamen mit der Zeit auch Leute anderer Berufe. Unter ihnen waren Schüler wie z.B. Ho Kui Wah, Law Chung Yin, Hui Yin Leung, Yip Po Ching, Law Bing, Lee Wing, Man Siu Hung und Chiu Wan.

1954 mietete Yip Man die 4. Etage eines Gebäudes in der Hoi Tan Straße, um dort zu unterrichten. Zu dieser Zeit kam "Wong Shun Leung" in Yip Mans Schule, um die Effektivität des Wing Chun zu erproben. "Lo Man Kam" nahm die Herausforderung an. Doch erst durch "Yip Po Ching" konnte Wong Shun Leung überzeugt werden und wurde Mitglied und später einer der besten Wing Chun-Kämpfer, die Yip Man hervorgebracht hat. Später kamen Lee Kam Shing und William Cheung dazu.

Später unterrichtete Yip Man im "Saam Tai Tze Tempel", wobei in dieser Klasse Lee Hon und Lee Cheung dabei waren.

Als Yip Man 1956 seine Schule in die "Lee Tat Straße" in "Yau Ma Tei" verlegte, traten Yip Yin, Wong Kiu, Wong Cze, Choy Siu Kwong, Wong Tsok, Wong Long, Fung Ping Pol, Chan Chi Man, Siu Yuk Man und andere ein.

1957 musste Yip Man seine Schule erneut verlegen und zog in das "Li Cheng Uk Anwesen", einen Wohnblock in Kowloon. In dieser Periode waren Ho Kam Ming, Chow Tze Chuen, Mak Po, etc. Schüler von Yip Man. Häufig gab es Herausforderungen zwischen den Schulen unterschiedlicher Kung Fu-Stile und geheime Kämpfe und Auseinandersetzungen.

1961 zog die Schule erneut um und fand sich im "Hing Ip Gebäude" in der Castle Peak Road.

1962 kamen schließlich Yip Chun und Yip Ching aus Foshan nach Hongkong und begannen Wing Chun zu lernen. Mit anderen Worten begannen die beiden Söhne Yip Mans erst 10 Jahre vor Yip Mans Tod mit Wing Chun.

     
     


Yip Chun (links) und Yip Ching (rechts) - Die beiden mittlerweile betagten Söhne Yip Mans lehren auch heute nach wie vor Wing Chun. Beeindruckend!

     
     

Sie lernten vor allem von "Moy Yat" und anderen Schülern. Ab dieser Zeit wuchs Yip Mans Wing Chun-Familie mächtig an und viele seiner Schüler begannen, selbst Unterricht zu erteilen und arbeiteten zusammen, um Wing Chun zu verbreiten.

(nach oben)

     
           
   

7. Yip Man zieht sich zurück

     
     

1964 sah Yip Man, dass er nun genug hochqualifizierte Schüler ausgebildet hatte und sich auf sie bzgl. der Verbreitung des Wing Chun Systems verlassen konnte. Er beschloss, seine Schule zu schließen (man sagt im Englischen "he closed his door") und fortan nur noch Privatunterricht nach Absprache zu geben. 

Yip Mans großer Wunsch am Ende seines Lebens war, Wing Chun zu fördern und der Nachwelt zu hinterlassen.
Zu diesem Zweck gründete er fünf Jahre vor seinem Tod die "Hongkong Ving Tsun Athletic Association (VTAA)".

  Yip Man zieht sich vom Unterricht zurück  
     


Ving Tsun Athletic Association in Hongkong - Die Gründung der "Hongkong Ving Tsun Athletic Association" war mit Yip Mans Wunsch verbunden, Wing Chun zu fördern und der Nachwelt zu hinterlassen. Wie man an diesem Schild sehen kann, ist die Schule aber wohl nicht mehr im besten Zustand.

   
     

Im Jahr 1969 schickte dieser Verband mehrere Kämpfer zum "First South Asia Kung Fu Tournament" in Singapore.
Da allerdings nicht der Erfolg eintrat, den man im Verband erwartete, griff Yip Man trotz seines fortgeschrittenen Alters und seines Entschlusses, nur noch Privatstunden zu geben, wieder verstärkt in den Unterricht ein und eröffnete weitere Klassen und reduzierte die Schulgebühren.

Da sich vorher nur die privilegierte Oberschicht überhaupt Wing Chun leisten konnte, war es nun auch der unteren Klasse möglich, Wing Chun zu erlernen. Die Klassen füllten sich und der Bekanntheitsgrad wuchs immer mehr.

Schließlich zog sich Yip Man 1970 vom öffentlichen Unterrichten zurück und "schloss seine Tür dauerhaft". Man fand ihn üblicherweise morgens, nachmittags und abends im Teehaus, wo er mit seinen Schülern beisammen saß.

Als kleine Auflistung nenne ich hier noch mal die bekanntesten Schüler Yip Mans. Unter ihnen waren Lun Gai, Gwok Fu, Leung Sheung, Lok Yiu,  Chu Shong-Tin, Wong Shun Leung, Wang Kiu, Yip Bo Ching, William Cheung, Hawkins Cheung, Lo Man Kam (Yip Mans Neffe), Wong Long, Wong Chok, Law Bing, Lee Shing, Ho Kam-Ming, Moy Yat, Duncan Leung, Derek Fung (Fung Ping Bor), Chris Chan (Chan Shing), Victor Kan, Stanley Chan, Chow Sze Chuen, Tam Lai, Yip Ching (Yip Mans Sohn), Yip Chun (Yip Mans Sohn), Lee Che Kong, und natürlich Bruce Lee.

     
     


Yip Man und Bruce Lee (Lee Yun Fan) - Bruce Lee soll im Alter von 13 mit dem Wing Chun Training bei Yip Man begonnen haben. Nach einem Jahr des Wing Chun Trainings in Yip Mans Schule sollen einige der Schüler sich geweigert haben, mit Bruce Lee zu trainieren, da seine Mutter teilweise deutscher Herkunft war. Chinesen waren generell gegen das Unterrichten ihrer Kampfkunst an Nicht-Asiaten. Ob Yip Man Bruce Lee persönlich unterrichtet hat, kann auch wieder in Frage gestellt werden. Lees Sparringspartner "Hawinks Cheung" sagte später folgendes:

"Vermutlich sind weniger als sechs Personen der gesamten Yip Man Wing Chun Familie persönlich oder auch nur teilweise von Yip Man unterrichtet worden."

Jedenfalls zeigte Bruce Lee wohl ein hohes Interesse an der Kampfkunst Wing Chun und trainierte privat viel mit William Cheung und Wong Shun Leung. Wing Chun soll jedenfalls immer der Kern der von Bruce Lee später entwickelten eigenen Kampfkunst "Jun Fan Kung Fu" (bedeutet im Prinzip: Bruce Lees Kung Fu) und seines zuletzt entwickelten Systems "Jeet Kune Do" gewesen sein. Man kann in zahlreichen seiner Filme stets diverse abgewandelte Wing Chun Techniken sehen.

     
     

Yip Mans letzter Schüler soll Leung Ting gewesen sein. Jedenfalls behauptet Leung Ting selbst, der letzte Schüler (quasi "Privatschüler") Yip Mans gewesen zu sein (so genannter "closed door student" bzw. "closed door disciple", der von Yip Man akzeptiert wurde, nachdem dieser seine Tür für jeglichen Unterricht geschlossen hatte).
Unter Yip Mans Schülern besteht allerdings nach wie vor der Konflikt, ob Leung Ting überhaupt von Yip Man in direktem Kontakt unterrichtet wurde - von dem Status des "letzten Privatschülers" ganz zu schweigen. Einige kontroverse Diskussionen, die auch als so genannter "Nachfolgerstreit" die Wing Chun-Welt längere Zeit beschäftigt hat, kann man immer noch hier nachlesen: http://vingtsun.virtue.nu/ hier findet man ein Screendump der Seite, falls sie kurzfristig offline ist.

Es existieren zwar Fotos von Leung Ting, auf denen er neben Yip Man und Kwok Keung an der Holzpuppe steht, aber ob das nun gleich Beweis genug ist, wird als zweifelhaft angesehen.

Im Endeffekt spielt es in meinen Augen auch keine Rolle, da Leung Ting im Bereich des Wing Chun große Leistungen vollbracht hat, die sicherlich honoriert werden müssen - ob er nun "closed door student" war oder nicht. Wen interessiert das heutzutage wirklich noch?

Interessant an der Auflistung der Schüler ist die Tatsache, dass viele von ihnen später behaupteten, "authentisches Yip Man Wing Chun" zu praktizieren.
Aus ihrer Sicht mag das sogar stimmen. Dennoch muss man hier etwas differenzierter hinschauen.
Wing Chun ist ein lebendiges System und somit einem ständigen Wechsel unterworfen. Jeder Lehrer wird im Laufe seiner Wing Chun-Lehrtätigkeit ständig neue Erkenntnisse gewinnen (vorausgesetzt er bildet sich weiter). Neue Techniken und neue theoretische Hintergründe verändern die persönliche Auffassung des Systems.
Somit können wir davon ausgehen, dass Yip Man sein System permanent "optimiert" hat. Wer also 1950 bei Yip Man gelernt hat, hat sicherlich genauso "authentisches Yip Man Wing Chun" gelernt, wie jemand, der 1962 bei Yip Man gelernt hat.
Dennoch werden sich die Inhalte von dem Wing Chun, was Yip Man 1962 unterrichtet hat, drastisch von den Inhalten, die er 1950 unterrichtet hat, unterschieden haben.

Der beste Beweis dafür zeigt sich in den unterschiedlichen Holzpuppenformen, die von den Schülern Yip Mans demonstriert wurden bzw. werden.

Yip Man soll von den 108 Bewegungen der Holzpuppe die ersten 60 Bewegungen dem Schüler persönlich beigebracht haben. Die restlichen 48 Bewegungen hat er von seinen fortgeschritteneren Schülern zeigen lassen. Diese Schüler hatten aber eigene Interpretationen der 48 Bewegungen, weswegen diese 48 Bewegungen mit den 48 Bewegungen anderer Schüler häufig nicht übereinstimmten.
Leung Ting hat z.B. acht zusätzliche Bewegungen in die Holzpuppen-Form aufgenommen und sie auf 116 Bewegungen erweitert.

Das Training in der Schule Yip Mans zu verschiedenen zeitlichen Perioden ist somit einer der Gründe, warum viele Yip Man Schüler in großen Teilen dennoch unterschiedliches Wing Chun praktizieren, viele von ihnen aber behaupten, sie alleine machen das "einzig wahre Yip Man Wing Chun". Alle haben irgendetwas bei Yip Man gelernt - die Frage ist nur, was Yip Man wann wem gezeigt hat?

Um einen sinnvollen Schlussstrich unter die ganzen Überlegungen zu ziehen, kann man abschließend sagen: das "einzig wahre Yip Man Wing Chun" hat todsicher nur einer gemacht…nämlich "Yip Man selbst" .

Yip Man kannte jedenfalls ganz sicher keine Chi Sao Sektionen (Partnerformen), da diese eine Erfindung von Leung Ting sind. Wer also Chi Sao-Sektionen vermittelt und behauptet, er würde "authentisches Yip Man Wing Chun" vermitteln, unterliegt recht sicher einem Irrtum.

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    8. Yip Mans Tod      
     

Als Yip Man schließlich starb, war er 79 Jahre alt. Eine ärztliche Untersuchung hatte als Folge seiner langen Rauchgewohnheiten als Diagnose "Kehlkopfkrebs" ergeben und sein körperlicher Verfall konnte von Tag zu Tag beobachtet werden.

Aus den letzten Tagen seines Lebens existieren noch erstaunliche Foto- und Filmaufnahmen, die Yip Man an der Holzpuppe und bei der Ausführung der Siu Nim Tao, der Cham Kiu, der Holzpuppen-Form und einiger Langstock-Bewegungen zeigen. Yip Man trainierte wahrhaftig sein ganzes Leben lang Wing Chun - so, wie es sein sollte. Er ist in weiten Teilen wirklich ein Vorbild für viele Generationen von Wing Chun Begeisterten.

Obwohl er der Krankheit gelassen entgegentrat, weiterhin seinen Optimismus bewahrte und regelmäßig im Teehaus anzutreffen war, war es dann doch am 02.12.1972 soweit und Yip Man erlag seiner Krankheit.

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  Yip Man stirbt  
           
    9. Legenden rund um Yip Man      
     

Wie es sich für zünftige Märchen gehört, ranken sich natürlich auch um Yip Man diverse Geschichten, in denen er quasi übermenschliche Taten vollbracht haben soll. Zwei dieser Geschichten, von denen ja heutzutage sogar eine in Filmen wie "Ip Man" glorifiziert wird, will ich hier kurz umreißen.

Eine der Geschichten besagt, dass Yip Man während eines Straßenfestes in Foshan mit einem Soldaten aneinander geraten sein soll.
Yip Man wohnte dem Umzug in Begleitung einer jungen Frau bei. Der Soldat soll jedenfalls Yip Mans Begleitung unhöflich angesprochen bzw. beleidigt haben, was Yip Man nicht dulden wollte.
In der folgenden Auseinandersetzung zog der Soldat seinen Revolver und wollte ihn auf Yip Man richten. Dieser zögerte laut der Geschichte keinen Augenblick, schlug den Arm des Soldaten zur Seite und "entriss daraufhin dem Revolver die Trommel". Bis der Soldat sich von seinem Schrecken erholt hatte, war Yip Man mit seiner schönen Begleitung in der Menge verschwunden. Schöne Geschichte und sehr amüsant… quasi ein Revolver "Made in China"… was auch immer das heißen mag.

  Legenden rund um Yip Man  
     


Trommelrevolver - Eine der fantastischen Geschichten über Yip Man besagt, dass Yip Man mit der bloßen Hand die Trommel aus einem Revolver gerissen hat. Wer weiß, ob es wahr oder bloß ein Märchen ist?

     
     

Eine weitere Geschichte besagt, dass Yip Man im Rahmen seiner Polizistentätigkeit mit seinen Kollegen eine Gruppe von Verbrechern bis zu einem Bauernhof verfolgte, der von einem massiven Tor aus armdicken Fichtenstämmen, verschlossen und durch Ketten und Schlösser gesichert war. Da man keine Werkzeuge dabei hatte, um das Tor zu öffnen, soll Yip Man kurzerhand mit einem dermaßen starken Tritt gegen das Tor getreten haben, dass gleichzeitig "vier dicke Fichtenstämme" zerbrachen. Naja… ist klar… nach einer ordentlich Portion Spinat geht ja auch bei Popeye einiges.

Es gibt noch zahlreiche weitere solcher Geschichten. Ehrlich gesagt, klingen sie mehr als zweifelhaft und beschönigen die Kampfkraft, die man durch Wing Chun erreichen kann, doch stärker, als es der Realität entspricht.

Sicherlich sind Aspekte wie "Kraftlinie, entspanntes Schlagen", etc. Begriffe bzw. Fähigkeiten, mit denen man im Wing Chun konfrontiert wird bzw. die man erlernt und durch die man beeindruckende Fähigkeiten für das "ungeschulte Auge von Nicht-Wing Chun-Praktizierenden" erwirbt. Aber man kann durch Wing Chun sicher keine übermenschlichen Fähigkeiten entwickeln.

Trotzdem sind die Geschichten natürlich schön zu lesen - eben genauso wie die Geschichten der Gebrüder Grimm - man denke da z.B. an "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Vielleicht hätte es Yip Man bei dem Tor aus armdicken Fichtenstämmen lieber einmal mit "Sesam öffne Dich" versucht, anstatt gleich alles zu zertreten…haha. Man sollte solche Geschichten immer sehr kritisch lesen und hinterfragen!

Ich belasse es hier bei den beiden kurzen Ausflügen ins "Yip Man-Sagen-und-Legenden-Land".
Wer mehr darüber lesen will, findet in einschlägiger Wing Chun-Literatur noch viele solcher scherzhafter Geschichten. Viel Spaß dabei…

Entscheidend ist nur, dass Wing Chun ohne Yip Man niemals solch eine Verbreitung gefunden hätte und man nicht derart Spaß und Freude mit dieser Kampfkunst haben könnte. Dafür und für seine Lebensleistung gebührt ihm Respekt!

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