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1. Variantenreiche Wing Chun Entstehungsgeschichte - Fakt oder Märchen?

     
     

Die Geschichte von der Entstehung des Wing Chun Kung Fu Stiles ist nicht gesichert und basiert tatsächlich mehr auf Annahmen und stark ausgeschmückten Legenden als auf belegbaren Fakten.
Nichtsdestotrotz wird besonders in Deutschland stets an der "Standard-Legende" von der "Nonne Ng Mui und ihrer Schülerin Yim Wing Chun" festgehalten.
Das finde ich merkwürdig, da es doch viel mehr Varianten der Entstehungslegende gibt, die den Wing Chun Schüler interessieren könnten...und viele davon erscheinen wesentlich plausibler als die Erfindung des Systems durch eine Frau!

Da allein im asiatischen Raum etliche Wing Chun Stilarten existieren (siehe unten), findet man bereits dort ebenso viele unterschiedliche Ursprungsgeschichten wie man Wing Chun Stilarten vorfinden kann. Die Legenden der Entstehung werden meist von den Vertretern dieser sich unterscheidenden Wing Chun Varianten verbreitet - wobei jede Ursprungsgeschichte ihre eigene Dramatik und Spannung aufweist. Dabei erinnern die über Jahrhunderte entstandenen Varianten stark an recht "aufgeblasene Volksmärchen".

Um auch dem Anfänger im Wing Chun einen ersten Anhaltspunkt zur Entstehungsgeschichte des Wing Chun-Systems zu geben, habe ich im Artikel "Die Wing Chun Geschichte" zuerst die "Standard-Legende" aufgeschrieben, die besonders in Deutschland weit verbreitet ist.

Aber Achtung - sie ist nur "eine mögliche Variante" der Entstehungslegende; daher versuche ich auf dieser Seite alternative Entstehungsgeschichten des Wing Chun-Systems kritisch zu hinterfragen und andere, ebenfalls berechtigte Sichtweisen darzulegen.

(nach oben)

 

Variantenreiche Entstehungsgeschichte - Fakt oder Märchen?

 
           
    2. Ein effizientes System - "vergessene Ursprünge" und resultierende Konsequenzen      
     

Will man etwas von der Entwicklung des Wing Chun Systems verstehen, muss man sich in die Zeit seiner Entstehung um ca. 1700 - 1750 zurückversetzen und den geschichtlichen Rückblick wagen.
Die "chinesische Geschichte" ist sehr reichhaltig dokumentiert und erstreckt sich bekanntermaßen über mehrere Jahrtausende. Glücklicherweise muss man hier nur wenige Jahrhunderte recherchieren, um etwas über zeitgeschichtliche Umstände bzgl. Wing Chun zu finden.

Mir stellen sich automatisch zwei Fragen:

  1. Welchen Wandel hat Wing Chun im Vergleich zum Wing Chun der damaligen Zeit erfahren?
  2. Welche politischen Umstände bzw. Lebensbedingungen herrschten damals in China und beeinflussten die Entwicklung im Kampfkunstbereich und führten speziell zur Ausprägung von Wing Chun?

Wing Chun - heute das Hobby vieler.

Anders als in unserer Gegenwart, wo z.B. deutschlandweit Kampfkunst bzw. Kampfsport häufig nur noch zur Körperertüchtigung trainiert bzw. betrieben wird, um in kleinen "Straßenrangeleien" die Oberhand zu gewinnen oder durch Regeln begrenzte Wettkämpfe zu bestreiten, war Kampfkunst in China vor hunderten von Jahren definitiv eine Art von "Lebensversicherung" und ist es in vielen anderen Ländern heute sicherlich auch nocht. Mit "Spaß", "Zeitvertreib", "Lifestyle" oder sogar "Hobby" (wenn man diesen unschönen Begriff im Zusammenhang mit jeder Art von Kampfkunst überhaupt benutzen mag) hatte Wing Chun definitiv nichts zu tun.

Wing Chun war gedacht, um das eigene Leben zu verteidigen und einen etwaigen Gegner kampfunfähig zu machen - wenn nicht sogar, um ihn zu töten.

Die dafür eingesetzten Wing Chun typischen Techniken, wie Tritte (z.B. Richtung Genitalbereich, Hüfte, Zerstörung des Knie- oder Sprunggelenkes), Handkantenschläge (z.B. Richtung Halsschlagader, Kehlkopf), Fingerstiche und Daumenstöße (z.B. Richtung Kehle oder Augen), Faustschläge (z.B. auf kurze Rippe, Niere, Leber, Solar Plexus), Knieschläge (z.B. Richtung Kopf, Magen, Rippen, Rückgrat) waren bzw. sind dermaßen brutal, dass sie heutzutage kaum noch einsetzbar sind, ohne dass der Tatbestand der "Notwehrüberschreitung" vorliegt (siehe den Artikel "Notwehr und Notwehrrecht").

  Vergessene Ursprünge und resultierende Konsequenzen  
     


Wing Chun Training an der Holzpuppe (Mok Yan Chong) - Das Training an der Holzpuppe ist mit die fortgeschrittenste Trainingsmethode im Wing Chun. Hier kann die Technikvielfalt des Systems mit voller Power, funktionaler Kraft, Explosivität und perfektem Timing trainiert werden, ohne dass man um die Verletzung des Partners fürchten muss.

     
     

Die Vorgehensweise im Wing Chun hat sich stark der heutigen Gesetzeslage angepasst und man agiert daher wesentlich "entschärfter" und stärker ans deutsche Recht (Notwehr, etc.) angepasst, als es ursprünglich im System vorgesehen war.

Die Kampftechniken des Wing Chun bestehen aus einem großen Sammelsurium "letaler Techniken", die - richtig eingesetzt - stark an das Hantieren mit einer scharfen Klinge erinnern. Man findet eine Vielzahl von "Hack-, Schnitt-, Stich- und Schlagtechniken" wieder - so, als hätte man statt der bloßen Hand ein Messer gegriffen.

Es gibt aber auch Techniken im modernen Wing Chun, die geschichtlich betrachtet im System nichts zu suchen hatten. Anders als den Schülern heutzutage in vielen Schulen weisgemacht wird, enthielt Wing Chun ursprünglich weder "Bodenkampftechniken" noch die sogenannten "sanften Mittel", durch die es möglich sein soll, den Gegner "unverletzt" unter Kontrolle zu bringen und abzuführen.

Historisch betrachtet war es weder angedacht, sich mit dem Gegner auf "dem Boden zu wälzen", noch ihn weitestgehend "unverletzt" unter Kontrolle zu bringen, um ihn den Behörden zu übergeben.
"Bodenkampf" und "sanfte Mittel" sind nichts anderes als eine "Ergänzung" des Wing Chun Systems, die man sich im Wing Chun des 18. Jahrhundert "nicht leisten" konnte - die daraus resultierende Gefahr eines "nicht endenden Kampfes" war schlichtweg zu hoch.

Bodenkampftechniken wurden beispielsweise erst zwischen 1980 und 1990 mehr oder weniger strukturiert im System eingeführt, um auch am Boden im Vergleich zu Ju-Jutsu, Judo, Brazilian Jiu-Jitsu oder Mixed-Martial-Arts (MMA) nicht komplett wehrlos zu sein. Dennoch liegt hier sicherlich kein Spezialgebiet des Systems.
Die "sanften Mittel" wurden als "Spezialtechniken" von größeren Wing Chun-Verbänden nur aus dem Grund eingeführt, um Wing Chun der Polizei als Ersatz für das standardmäßig unterrichtete Ju-Jutsu schmackhaft zu machen und zu einer größeren gesellschaftlichen Akzeptanz zu führen und eine größere bundesweite Verbreitung zu erwirken.
Die Polizei lehnte Wing Chun nicht umsonst vorerst als Ersatz für Ju-Jutsu und als Kampfkunst für Polizisten ab, da Wing Chun zu direkt und schonungslos mit dem Gegner verfährt. So wurde von einigen Leuten erkannt, dass dies keine Vorgehensweise sein kann, die die Polizei gegenüber einem Bürger anwenden sollte, zu dessen Schutz sie unter anderem eingesetzt wird.
Mittlerweile sieht dies anders aus und es wird bei einige Einheiten der Polizei Wing Chun betrieben, da in das System auch schonendere Methoden aufgenommen wurden bzw. da in manchen Einheiten direktere Kampfstrategien notwendig sind, als sie im Ju-Jutsu existieren bzw. trainiert werden.

Wing Chun ist auf schnelles, unkompliziertes und schnörkelloses Beenden eines Kampfes "ohne Regeln" ausgelegt.
Warum sollte man vor hunderten Jahren den Gegner in einem Zustand zurücklassen, in dem er erneut einen Angriff beginnen bzw. später - nach Gesundung etwaiger Verletzungen - sogar Rache nehmen kann?

Wing Chun Techniken richtig eingesetzt, sind in der Hand des "Kunstfertigen" eine ernsthafte Waffe. Genau genommen bildet der gesamte Körper des Wing Chun Kämpfers diese Waffe, die anhand typischer Wing Chun Bewegungsweisen und Techniken zum Einsatz gebracht wird. Das ist natürlich in allen anderen Kampfkünsten und Kampfsportarten ebenfalls der Fall und Ziel eines jeden Kampfsport- oder Kampfkunsttrainings. Der Körper wird durch die Technik zur Waffe, die durch den Geist gelenkt wird.

Der Einsatzbereich von Wing Chun ist die Nahdistanz.

Wing Chun ist in erster Linie ein für die Nahdistanz gedachtes Kampfsystem (engl. "close range combat system") und ursprünglich nicht für den Bodenkampf ausgelegt. Heutzutage scheint dem System auch die "lange Distanz" - das Überbrücken der Schlagdistanz - verloren gegangen zu sein. Viele Lehrer scheinen vergessen zu haben, bzw. wissen offensichtlich nicht, dass Wing Chun ein "Box-System" ist, und eine Art von "chinesischem Boxen" darstellt.
Wing Chun hat mit Boxen mehr gemein, als gemeinhin behauptet wird. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Wing Chun bzw. das, was es früher als Kampfkunst einmal war, kam damals vermutlich waffenlos oder bewaffnet mit Messern täglich zum Einsatz - sei es, um das eigene Leben zu verteidigen oder den Gegner aus nächster Nähe kampfunfähig zu machen - wenn nicht sogar, um ihn zu töten.
Da Diebstahl, Bedrohung, Verschleppung, Erpressung, Duelle, etc. vor mehreren Jahrhunderten eher zur Tagesordnung gehörten als es heutzutage der Fall ist, war man gut beraten, wenn man durch Waffen- oder Kampfkunstkenntnisse einen Vorteil erringen konnte.

     
     


Doppelmesser im Wing Chun - "Arme und Hände wie Klingen" - die Techniken des Wing Chun zeigen eine Vielzahl an "Hack-, Schnitt-, Stich- und Schlagtechniken", die an die Vorgehensweise mit einem Messer (Machete, Schwert, etc.) erinnern. Hände, Unterarme, Ellbogen werden eingesetzt, als wären sie ein Schwert, mit dem gehackt, geschnitten, gestochen oder geschlagen werden kann.

     
     

Heute wird Wing Chun hingegen nicht mehr auf die gleiche Art und Weise eingesetzt, wie es vermutlich vor über 200 Jahren der Fall war. Eine Ursache ist die "Zivilisierung", die unsere Gesellschaft in den letzten zweihundert Jahren maßgeblich verändert hat - worüber man sich natürlich freuen sollte.
Die heute weltweit existierenden "zivilisierten Staaten" teilen eine Weltanschauung und definieren ihre "Kultur" in diesem Zusammenhang als lokal begrenzte, Sinn stiftende Produktion von "gemeinsamen Werten und Normen".

In dieser gesellschaftlichen Vorstellung von "gemeinsamen Werten und Normen" haben archaisch anmutende Kampfkunstsysteme aus grauer Vorzeit nicht unbedingt einen Platz. Daher wird die Benutzung von Kampfkunstfähigkeiten in einer Auseinandersetzung nur unter Berücksichtigung der "Rechtsgrenzen" wie z.B. des Notwehrparagraphen gebilligt. Das führt dazu, dass viele Wing Chun Techniken kritisch unterrichtet werden müssen und das System zu verkümmern droht.

Aufgund gesellschaftlicher Entwicklung und zivilisatorischer Prozesse ist eine Kampfkunst wie Wing Chun (genau wie alle Kampfkünste und Kampfsportarten) permanent im Wandel und es besteht durchaus die Gefahr, dass ihr wahrer "Sinn und Zweck", ihre Härte, Arbeitsweise, etc. in Vergessenheit geraten.

Trifft man heutzutage in einer X-beliebigen Schule auf eine erschlaffte, weiche und uneffektive Trainingsweise, durch die Wing Chun vermittelt werden soll, hat man vermutlich eine dieser Schulen getroffen, in der alles Wesentliche über Wing Chun vergessen wurde.

Die Zeiten ändern sich...

... und auch Wing Chun hat sich seit seinen Ursprüngen bis zum heutigen Tag geändert und wird dies immer weiter tun! Hoffentlich bleibt der Kern des Systems intakt und wird von fähigen Lehrern weiterhin erhalten.

(nach oben)

     
           
 
 

3. Wing Chun - entstanden im Zuge des Wechsels von Ming- zur Qing-Dynastie

     
     

Man muss sich die Frage stellen, warum bzw. aufgrund welcher Motivation Wing Chun ca. im 17. Jahrhundert entstanden ist?  Kampfkunst wurde nicht zum Spaß betrieben, weil man - wie heute - einen "Ausgleich zur körperlichen Arbeit oder Büroarbeit" suchte und nicht wusste, wo man mal "Dampf ablassen" kann.

Kampfkünste und auch Wing Chun wurden "aus der Not geboren", aus der Not, sein eigenes Leben "verteidigen zu müssen" und eine wirkungsvolle Kampftechnik zur Verfügung zu stellen!

Wie kann Wing Chun entstanden sein? Welche politischen Strukturen und gesellschaftlichen Spannungen existierten vor dem 18. Jahrhundert?

Hier liegt sicherlich einer der wesentlichen Schlüssel für die Entstehung von Wing Chun. Um dazu eine Antwort geben zu können, darf man nicht versuchen, mit der heutigen, modernen Denkweise des 21. Jahrhunderts diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Stattdessen müssen wir uns in die damalige Zeit versetzen.

Wenn man die unterschiedlichen, weltweit existierenden Wing Chun-Stilrichtungen betrachtet

  • Yip Man Wing Chun,
  • Yuen Kay-San Wing Chun,
  • Gu Lao Wing Chun,
  • Nanyang Wing Chun,
  • Pan Nam Wing Chun,
  • Pao La Fien Wing Chun,
  • Hung Suen Wing Chun,
  • Jee Shim (Chi Sim) Wing Chun,
  • Fujian Wing Chun,
  • Hung Suen Hay Ban Wing Chun,
  • Pien San Wing Chun,
  • Yiu Kai Wing Chun,
  • malayisches Wing Chun,
  • vietnamesisches Wing Chun,
  • Kernspecht Self-Defence (hahaha)
  • ...
  • und viele mehr...

und die innerhalb dieser Stilrichtungen verbreiteten Entstehungsgeschichten vergleicht, bleiben viele Fragen offen. Es ist schlichtweg "sehr schwer, bis geradezu unmöglich", zu sagen, wer den Wing Chun Stil erfunden und entwickelt hat.

  Wing Chun - entstanden im Zuge des Wechsels von Ming- zur Qing-Dynastie  
     


Stilvielfalt im Wing Chun - Wing Chun Stile gibt es weltweit wie Sand am Meer. Gerade außerhalb Deutschlands existieren endlose viele "Wing Chun"-Varianten. Häufig sind diese Stilarten und ihre Entstehungsgeschichten auf die gleichen Ursprünge zurückzuführen.

     
     

Die Entstehungsgeschichten bzw. -legenden der einzelnen Wing Chun Stilrichtungen schreiben unterschiedlichsten Personen die Gründung des Systems zu.

In der Zeit, in der das Wing Chun System entstanden sein soll, herrschte die "Ming-Dynastie" (von 1368 bis 1644) im Kaiserreich China. Sie endete im 17. Jahrhundert und wurde von der "Qing-Dynastie" abgelöst.
Den Untergang der Ming-Dynastie läuteten Angriffe der Mandschu ein, zu denen sich heftige Bauernaufstände gesellten.
Als die Ming-Armee im Jahr 1583 Familienmitglieder des Mandschu-Fürsten Nurhaci tötete, wandelte sich dieser zum Feind der Ming. 1619 schlug er vier gleichzeitig gegen ihn vorrückende Ming-Armeen am Berg Sarhu bei Mukden.
Analog dazu hatten wiederholte Missernten 1627/28 eine Hungersnot ausgelöst. Es kam zu Bauernaufständen in Shaanxi, die unter "Gao Qingxiang", "Li Zicheng" und ferner "Zhang Xianzhong" organisiert wurden und schließlich den Sturz der Ming-Dynastie zum Ziel hatten. Im April 1644 zog Li Zicheng schließlich in Peking ein und erklärte sich zum Kaiser, worauf sich der letzte Ming-Kaiser Chongzhen erhängte.

Man muss sich also vergegenwärtigen, dass um die Zeit der Entstehung des Wing Chun Systems eine Dynastie, die fast 300 Jahre lang währte, gewaltsam beendet wurde.

Spannungen innerhalb des Volkes waren durch den Wechsel von Ming- zur Qing-Dynastie vorprogrammiert!

Die "Ming-Dynastie" hatte analog zu der ihr folgenden "Qing-Dynastie" unter dem neuen Kaiser Li Zicheng sowohl Befürworter und Anhänger als auch Gegner. Die Gegner der neu beginnenden Qing-Dynastie waren bestrebt, sie zu stürzen und die alte Ming-Dynastie wiedereinzusetzen - und wenn nötig zur Erreichung dieses Zieles Gewalt einzusetzen!

     
     


Ming Vase (links) und Qing Vase (rechts) - Chinesisches Porzellan stellt einen zentralen Bestandteil der Kunst und Kultur Chinas dar und wurde zum Vorbild der Porzellanerzeugung auch im Westen. Von 1662 bis 1796 beherrschten China lediglich drei Kaiser: Kangxi, Yongzheng und Qianlong. Die Periode gilt als letzte große Blütezeit der klassischen chinesischen Kultur und hat auf dem Gebiet der Porzellankunst Bedeutsames hervorgebracht: Während man einerseits die Herstellungstechnik der Ming-Dynastie für das Porzellan selbst beibehielt, neigte man aber verstärkt zu Überglasur-Dekor. Hochwertiges chinesisches Porzellan kann geradezu phantastische Preise erzielen. So hat die oben rechts gezeigte Vase auf einer Auktion einen Preis in Höhe von 7.2 Millionen Euro erzielt. Wahnsinn!

     
     

Wirft man einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Pan Nam Wing Chun, datiert man dort den Beginn der Kampfkunst auf die Zeit des Dynastiewechsels von der Ming- zur Qing-Dynastie. Die Systementstehung wird im Pan Nam Wing Chun in Zusammenhang mit der Revolutionsbewegung der "Anti-Qing-Dynastie" und der Gründung der "Tiandihui" (auch als "Tien Die Wui", "Himmel-und-Erde-Gesellschaft" oder engl. "Heaven-and-Earth-Society" bezeichnet) gebracht.

Die "Tiandihui" war eine Art von Geheimgesellschaft bzw. Bruderschaft, deren Gründer - Ti Xi, Zhu Dingyuan und Tao Yuan - alle aus Zhangpu in Fujian an der Grenze zu Guangdong kamen.
Solche Mitgliedschaften in Geheimorganisationen waren in der Qing-Dynastie streng verboten, wodurch viele Leute in die Arme des "Anti-Qing-Widerstandes" getrieben wurden. Geheimgesellschaften dieser Art hatten sich das Ziel gesetzt, die Qing zu stürzen.

Interessanterweise beanspruchten die Tiandihui für sich, ihre Gesellschaft sei aus einer Allianz zwischen "Ming-Loyalisten und den Fünf Älteren" des zerstörten Shaolin-Klosters hervorgegangen. Auf sie soll der Ausspruch: "Stürze die Qing und erneuere die Ming" zurückzuführen sein.

Im Zuge des Umsturzes der Ming-Dynastie bot das Shaolin-Kloster (der "Siu Lam Tempel", "Shaolinsi") Unterschlupf für loyale Ming-Anhänger.
Revolutionäre Untergruppen (wie die besagte Tiandihui) wurden gegründet und machten sich innerhalb des Shaolin-Klosters breit. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass selbst Mönche in diese revolutionären Untergrundgruppen involviert waren oder dass Revolutionäre die Gewohnheiten und Namen von Mönchen angenommen haben, um sich besser zu tarnen.

Es ist auch zu vermuten, dass sich in dieser Zeit die Entwicklung der Kampfkunst gewandelt hat. Man hatte Bedarf an schnell erlernbaren, hocheffektiven Techniken, die wesentlich effektiver als die Techniken der klassischen Kampfkünste sein sollten, die von den Mandschu-Soldaten verwendet wurden.
Hier könnte eine mögliche "Wurzel der Entstehung von Wing Chun" liegen, deren Weiterentwicklung sich später innerhalb des Wing Chuns der "Opern-Truppen der Roten Dschunke" ("Hung Suen Hay Ban") wiederfindet.

Der Ursprung des Wing Chun kann somit möglicherweise in den revolutionären Unruhen der damaligen politischen Wirren während des "Wechsels von Ming- zur Qing-Dynastie" zu finden sein.
Verbunden mit diesem Wechsel bestand die Notwendigkeit, "schnell zu erlernende, hocheffiziente Kampftechniken" zu entwickeln - ein Markenzeichen für Wing Chun, durch das sich das System heute nach wie vor auszeichnet.

(nach oben)

     
           
    4. Der Shaolin Tempel - wo liegt er denn nun wirklich?      
     

Es wird berichtet, dass der "Haupttempel", der "Siu Lam Tempel" (Shaolin Kloster) im Songshan Gebirge, in der Provinz Henan zu finden ist.
Mündliche Überlieferungen berichten hingegen, dass es auch weitere Tempel in Fujian, Jiangxi, Guangdong und anderen Orten gegeben haben soll. Diese Unstimmigkeiten führten zu großer Verwirrung bzgl. der Frage, welchem Tempel denn nun die Entstehungsgeschichte des Wing Chun Systems zugeschrieben werden soll.

Da Wing Chun in all seinen endlosen Ausführungsformen den südlichen Kampfkunststilen Fujians und Guangdongs wesentlich stärker als den nördlichen Stilen ähnelt, ist es wahrscheinlich - wenn denn tatsächlich eine Verbindung zum Shaolin Kloster existiert - dass der Ursprung im "Fujian Tempel" und nicht im "Henan Tempel" zu finden ist.

  Der Shaolin Tempel - wo liegt er nun wirklich?  
     


Fujian (rote Markierung) - Lag das legendäre Shaolin Kloster eventuell in Fujian? Das Shaolin Kloster, das den Ursprung von Wing Chun darstellen soll, kann an mehreren Orten gelegen haben.

   
     

Dummerweise sind heutzutage keinerlei Überreste des Fujian Shaolin Klosters zu finden, um den Beweis anzutreten.
Hingegen wurde das Henan Shaolin Kloster mehrmals in den letzten Jahrhunderten zerstört und wieder aufgebaut und existiert auch heute noch. Diese Tatsache passt wiederum sehr gut zu den alten Legenden von der Zerstörung des Shaolin Klosters durch die Mandschu, der darauf folgenden Flucht der "Fünf Älteren" und der Verstreuung der "Gründer des Systems".

Andererseits ist auch eine ganz andere, wesentlich "nüchternere" Variante möglich. Sie besagt, dass die weit verbreitete Entstehungslegende des Systems und die Entwicklung desselben durch Ng Mui nichts anderes als ein Volksmärchen ist und dass die Ursprünge des Systems in Wahrheit in den einfachen Dörfern der Region liegen.

Wer weiß?

(nach oben)

     
           
   

5. "Wing Chun" - woher kommt der Name wirklich? Etliche Versionen existieren…

     
     

Obwohl es immer wieder heißt, das System wäre von "Leung Bok Chao" zu Ehren seiner Frau "Yim Wing Chun" um das 18. Jahrhundert herum benannt worden, existieren viele unterschiedliche Geschichten bzgl. der Namensgebung des Systems.

Eine erste Variante der Namensgebung besagt, dass der Name "Wing Chun" verwendet wurde, um sich der "Halle-des-immerwährenden-Frühlings" ("Wing Chun Tong") des Siu Lam Tempels zu erinnern und sie zu ehren. In ihr soll der Abt Jee Shim (auch "Chi Sim" - falls er überhaupt existiert hat) Schüler in den Kampfkünsten des Shaolin Kung Fu unterwiesen haben. Da diese Halle im Shaolin Kloster in Henan nicht existiert, kann sie im legendären Fujian Tempel gewesen sein, wodurch die These der Existenz eines Klosters in Fujian gestützt würde.

Eine zweite Variante besagt, dass die Kampfkunst in "Yong Chun" ("Wing Chun" bzw. "immerwährender Frühling") einem Bezirk in der Provinz Fujian ausgeübt wurde und somit "Yong Chun Chuan" bzw. "Yong Chun Quan", der "Box-Stil des Bezirks Yong Chun", genannt wurde.
Wie einige Wing Chun Trainierende in Deutschland wissen, wird "Yong Chun" manchmal gleichbedeutend für die Kampfkunst "Wing Chun" verwendet, um sich von den großen, in Deutschland existierenden Wing Chun-Verbänden abzusetzen.

Im Pan Nam Wing Chun wird wiederum berichtet, dass das Schriftzeichen für  "Wing Chun" aus dem Schriftzeichen des Revolutionsführer "Chan Wing-Wah" und einer Kombination aus den Schriftzeichen für "Yat" (Sonne), "Tai" (groß) und "Tin" (Himmel) geformt wurde. Diese Kombination soll an die gestürzte Ming-Dynastie erinnern und auf die Rebellen der "Tiandihui"  ("Himmel-und-Erde-Gesellschaft" engl. "Heaven-and-Earth-Society") verweisen.

  Die Wing Chun Namensgebung - Etliche Versionen...  
     


Mitgliedschaft, bestätigt auf Wolltuch - Auf einem uralten Tuch aus Wolle wurde hier bestätigt, dass die hier genannte Person Mitglied in einer Geheimgesellschaft war.

     
     

Eine andere schöne Variante kommt aus dem "Pao La Fien Wing Chun". Hier heißt es, der Name "Wing Chun" wäre eine Abkürzung für den revolutionären Slogan "WING yun chi jee; mo mong Hon juk; Dai day wui CHUN" - was soviel bedeutet wie: "Äußere Dich stets mit Entschlossenheit; Vergiss die Han-Nation nicht; Frühling wird wiederkehren". Abgekürzt ergibt sich aus dem gesamten Spruch die verkürzte Version "WING CHUN" wie eine Art Kampfparole, ein Passwort, etc.

Eine weitere Legende besagt, dass im Hung Suen Wing Chun dieser revolutionäre Slogan durch das Schriftzeichen "Yim" ergänzt wurde, was übersetzt "schützen" bedeutet. Man kann also zweifeln, ob "Yim Wing Chun" eine reale Person oder eher eine Kampfparole war.
Tja, vielleicht war "Wing Chun" also eine Art "abgekürzte Kampfparole" für Rebellen, um sie während ihres täglichen Trainings immer wieder zu erinnern und anzutreiben, ihre Kampfkunst zum Sturz der Qing-Dynastie einzusetzen?

Interessanterweise existieren für "Wing" zwei unterschiedliche chinesische Schriftzeichen. Einige Wing Chun Stilrichtungen verwenden ein Schriftzeichen für "Wing" was übersetzt "immer, unvergänglich oder immerwährend" bedeutet.
Andere Stilrichtungen schreiben "Wing" mit einem Schriftzeichen, dass die Bedeutung "vortragen bzw. singen" besitzt.
Die allgemeine Meinung besagt, dass das erste Schriftzeichen mit der Bedeutung "immer, unvergänglich oder immerwährend" die Originalschreibweise war, später allerdings zu dem Schriftzeichen mit der Bedeutung "singen bzw. vortragen" modifiziert wurde. Die Begründung ist die, dass durch das erste Schriftzeichen die "Anti-Qing-Einstellung" der Rebellen nur allzu deutlich zur Schau gestellt wurde und besser verschleiert werden sollte.
Es ist gut möglich, dass beide Schriftzeichen - da sie gleich klingen und über Generationen lediglich mündlich weitergegeben wurden (nur die wenigsten Chinesen beherrschten die äußerst komplexe chinesische Schrift) - unbewusst in beiden Varianten verwendet wurden aber von Generation zu Generation in ihrer Bedeutung wechselten. Jedenfalls findet man heutzutage beide Schreibweisen innerhalb der vielfältigen Wing Chun Stilrichtungen.

     
     


Schriftzeichen für "Wing"- Zwei der im Wing Chun gebräuchlichen Schriftzeichen für "Wing", allerdings mit vollkommen anderer Bedeutung. Das links dargestellte Zeichen bedeutet "immer, unvergänglich, immerwährend" und das rechts dargestellte Schriftzeichen steht für "vortragen, singen". Das linke Schriftzeichen symbolisiert die "Anti-Qing-Einstellung" der Rebellen. Somit wurde später zwecks Verschleierung das rechte, modifizierte Schriftzeichen verwendet. Heute existieren beide Versionen.

     
     

Abschließend kann die Behauptung aufgestellt werden, dass die wahre Ursache für die Namensgebung des Systems nie gefunden werden kann!
Dennoch ist die Legende von der Benennung des Systems nach dem Mädchen "Yim Wing Chun" nur eine sehr beschränkte Variante unter den vielen stark unterschiedlichen Entstehungsgeschichten. Sie lässt völlig außer Acht, in welcher politisch angespannten Situation sich China im 18. Jahrhundert befand und welche Konsequenzen daraus erwuchsen.

Es muss klar sein, dass der Name "Wing Chun" mit seiner ausgeprägten "revolutionären Bedeutung" während der Qing-Dynastie von vielen, vielen Stilrichtungen in der Provinz Fujian verwendet wurde.
Eventuell besaßen diese Stilrichtungen einen gemeinsamen Ursprung oder auch nicht - sie hatten aber vermutlich alle ein gemeinsames Ziel: "die Qing-Dynastie zu stürzen und die Ming-Dynastie wieder einzusetzen".

Während die anderen Stilrichtungen einzigartige Namen besaßen, unter denen sie später bekannt wurden, hatte die einzigartige Kampfkunst der "Opern-Truppen (Hung Suen) der Roten Dschunke" keinen Namen, weswegen es sein kann, dass die Bezeichnung "Wing Chun" quasi "haften blieb" - es fand sich einfach keine andere.

(nach oben)

     
           
   

6. Die "Opern-Truppen der Roten Dschunke" - Ausgangspunkt vieler Entwicklungen

     
     

Neben den Wing Chun Kuen Legenden aus grauer Vorzeit haben sicherlich viele bemerkenswerte Wing Chun Kämpfer und Lehrer die Kunst erlernt und sie nachfolgenden Generation weitergegeben.
Jeder von ihnen wird dem Stil, wie er zur damaligen Zeit gestaltet war, seine eigene Interpretation mitgegeben und seine eigenen Erfahrungen aufgeprägt haben. Genau so wird heutzutage Wing Chun verändert und modifiziert. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von Kampf bzw. Selbstverteidigung und lassen diese Vorstellungen und Erfahrungen in das System einfließen - sei es zum Vorteil oder zum Nachteil der Systementwicklung.
Letzten Endes ergeben sich aus diesen Einflüssen tausender und abertausender Wing Chun Kämpfer der letzten Jahrhunderte und Neuzeit die vielfältigen Wing Chun Stilrichtungen und Interpretationen des Systems, die man heutzutage vorfindet.

Blickt man in die Vergangenheit und sucht relativ gesicherte Ursprünge des Wing Chun, endet man definitiv bei den "Opern-Truppen der Roten Dschunke" nach 1800 (und später).

Viele Personen sind der Meinung, dass das Wing Chun der "Opern-Truppen der Roten Dschunke" auf "Cheung Ng (Zhang Wu)" - auch bekannt als "Tan Sao Ng" - zurückzuführen war. Er wird sowohl  in historischen Schriften der Guangdong Oper als auch in Überlieferungen des Pan Nam und Hung Suen Wing Chun erwähnt. Cheung Ng wohnte in Foshan (Fatshan, in Guangdong) und organisierte die "Rote Dschunken Oper", gründete die "Hung Fa Wui Goon (Red Flower Union)" und unterrichtete die Opern-Mitgliedern in seinen Fähigkeiten. Historische Aufzeichnungen der Guangdong Oper bestätigen, dass Cheung Ng sowohl sehr gute Kenntnisse der "nördlichen Oper" als auch der "Techniken des Siu Lam (Shaolin Kung Fu)" besessen hat.

  Die Opern-Truppen der Roten Dschunke  
     


Rote Dschunke - Auf solchen Booten könnte die "Opern-Truppe der Roten Dschunke" unterwegs gewesen sein, um ihre eingeübten Stücke vor zahlendem Publikum zum Besten zu geben.

     
     

Da die Opern-Truppen der Roten Dschunke aufgrund ihrer schauspielerischen Tätigkeit zwangsweise weit herumkamen und zusätzlich während der Vorstellung starkes Make-up trugen (typisch für die klassische chinesische Oper), um ihr Aussehen zu verändern, waren sie ein idealer Ort, um Zuflucht zu suchen. So waren sie hervorragend geeignet, um zu einem Schmelztiegel revolutionärer Aktivitäten zu werden.

     
     


Chinesische Oper - Hier ist eine klassische Aufführung der chinesischen Oper zu sehen. Man sieht, dass jeder Schauspieler ein Waffe (Schwert, Säbel, Stock, Speer, etc.) in der Hand hält. Neben schauspielerischem Talent waren auch sehr gute Kampfkunstkenntnisse notwendig. Zusätzlich konnten sich Rebellen der damaligen Zeit gut hinter den bunten Masken bzw. dem starken Make-up verstecken. Interessant ist auch die Mütze der Schauspielerin in der ersten Reihe, oder? Welch unterschiedliche Bedeutung gewisse negativ belegte Symbole doch in anderen Ländern besitzen...

     
     

Die bekanntesten Namen von Mitgliedern der "Roten Dschunke", die Fähigkeiten im Wing Chun besessen haben sollen, waren "Wong Wah-Bo", "Leung Yee Tai", "Dai Fa Min Kam (Painted Face Kam)" und "Gao Lo Chung". Jeder von ihnen wird in vielfältigen Geschichten genannt und taucht in diversen Stilrichtungen des Wing Chun auf.

Die "Rote Dschunken Oper" war also eine wandernde Opern-Truppe, die auf einer roten Dschunke (dem Markenzeichen der Truppe) durch das südliche China tourten.

Die Mitglieder der Roten Dschunke sollen ausgeprägte, breite Kenntnisse über Kampfkünste gehabt haben, die sowohl in Vorstellungen als auch im Kampf zum Einsatz kamen. Als Darsteller der Oper mussten Wong Wah-Boh, Leung Yee Tai, Dai Fa Min Kam und andere hochqualifiziertes Wissen über dynamische Boxtechniken und Waffentechniken besessen haben.
Die Oper war vermutlich der Ort, wo die nördlichen Kampfkunststile und die beim Volk wegen der optischen Wirkung beliebteren südlichen Kampfkunststile gemeinsam ausgeführt wurden.

Als Rebellen und revolutionäre Gruppe benötigten die Mitglieder der Roten Dschunke ihre Kampfkunstfertigkeiten für die Ermordung von Beamten der Qing-Regierung und für den Nahkampf in engen Räumen oder schmalen Straßen im Süden Chinas.
Das soll einer der Hauptgründe sein, warum Wing Chun sich auf die Art und Weise entwickelt hat, wie es heute vorzufinden ist - eine Kampfkunst, die vor allen Dingen auf den "Nahkampf" (engl. "close-range-combat") bzw. den "Infight" spezialisiert ist. Die Opern-Truppe soll auch die erste größere Gruppe gewesen sein, die das System zu strukturieren begann.

Im Stil des Gu Lao Wing Chun wird überliefert, dass das frühe Wing Chun aus unzusammenhängenden Handtechniken bestanden hat, die sowohl an der Holzpuppe (Mok Yan Chong) als auch mit Partner und mit Doppelmesser trainiert wurden. Das klingt äußerst plausibel, da diese drei Trainingsmethoden (alleine, mit Partner unbewaffnet und mit Partner bewaffnet) direkt einleuchten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Operndarsteller ihr Wissen strukturierten und ausbauten, um die "Kernbewegungen" des Systems herauszuarbeiten und miteinander zu verbinden.
Ebenfalls ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass zu diesem Zeitpunkt die drei Formen, die in allen Wing Chun Stilrichtungen am weitesten verbreitet sind, bezüglich ihres Ablaufs festgelegt wurden - das sind zum einen die "Siu Nim Tao" (auch "Siu Lin Tao" - die "kleine Idee" bzw. "erste Übung"), zum anderen die "Cham Kiu" (auch "Chum Kiu" - "die Brücke suchen", "Brücke schlagen" bzw. "Brücke absenken") und dann noch die "Biu Tze" (auch "Bil Jee", "Biu Jee", etc. - "stechende Finger").
Die Techniken der "Sechs-Einhalb-Punkt-Langstockform" werden vermutlich zu dieser Zeit auch in das System integriert worden sein, wobei der Langstock neben den Doppelmessern eine der zwei fundamentalen Waffen des Systems wurde.
Weiterhin ist denkbar, dass die "Fei Biu (Wurfpfeile)" ebenfalls beliebte Waffen im Wing Chun gewesen sind. Diese sind heutzutage allerdings nicht mehr im System zu finden.

     
     


Kernelemente im Wing Chun - Es ist wahrscheinlich, dass die Operndarsteller ihr Wissen strukturierten und Kernelemente herausarbeiteten. Training mit Partner, an der Holzpuppe und bewaffnet mit Langstock und Doppelmesser waren die wesentlichen Elemente im Wing Chun.

     
     

Die drei wesentlichen "Box-Formen" (Siu Nim Tao, Cham Kiu und Biu Tze) sind bezüglich ihres Ablaufs in vielen unterschiedlichen Varianten des Wing Chun Systems weitestgehend konsistent und enthalten stets ähnliche Techniken.
Hingegen gilt dies nicht für die Holzpuppen-, die Langstock- und die Doppelmesser-Formen der unterschiedlichen Wing Chun Stilrichtungen. Zwar enthalten alle Formenvarianten ähnliche Techniken, sind aber bzgl. ihrer Choreographie von Stil zu Stil vollkommen verschieden.
Diese Tatsache deutet darauf hin, dass die drei ersten Box-Formen bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Roten Dschunke "formalisiert" wurden, wohingegen die Holzpuppen-, Langstock- und Doppelmesser-Techniken aus losen, unzusammenhängenden Techniken bestanden und in keinem festen Ablauf bzw. in keiner Form zusammengefasst waren.
Das ist ein Grund, warum heutige Holzpuppen-, Langstock- und Doppelmesserformen von Lehrer zu Lehrer, Schule zu Schule bzw. Verband zu Verband völlig unterschiedlich sind. Es gibt also keine "Original-Form" - jede Form der existierenden Formen ist ein Original für sich.

Da jedes Mitglied der Opern-Truppen der Roten Dschunke ein breites und variantenreiches Wissen über Kampfkunstarten besaß, kann man sicher sein, dass jeder seine eigene Version des Wing Chun Kuen weitergab. So konnten sich über Generationen, durch natürliche Evolution, persönlichen Geschmack, eigenen Innovationsreichtum und Erfahrungswerte die unterschiedlichen Zweige des Wing Chun Kung Fu entwickeln, die wir - wie oben bereits erwähnt - heute über die ganze Welt verstreut vorfinden.

Die Fragen zu stellen, welcher Stil bzw. welche Schule das "Original Wing Chun" verkörpert, welcher Lehrer das "beste und effektivste Wing Chun" unterrichtet, bzw. in welchem Stil das "authentische, orthodoxe und traditionsverbundene Wing Chun" vermittelt wird, ist daher vollkommen sinnlos, naiv oder einfach nur dumm.

Alle und keiner - wäre die einzig sinnvolle und korrekte Aussage! Alles andere zeugt schlichtweg von mangelndem Verständnis bzw. - sollte ein Lehrer solche Aussagen tätigen - von "eigener Unbildung" oder sogar "bewusster Täuschung" der Schüler.

(nach oben)

     
           
    7. Yip Man und Yuen Kay-San - Wing Chun erreicht das 20. Jahrhundert      
     

Obwohl sich Wing Chun bereits im 18. Jahrhundert schnell zu entwickeln begann, waren die Varianten, die man später bei "Yip Man", "Yuen Kay-San" und anderen Wing Chun Vertretern sehen konnte, damals noch nicht voll ausgereift.

Woher kamen dann Yip Mans oder Yuen Kay-Sans Wing Chun Stilrichtungen? - Vermutlich von Yip Man, Yuen Kay-San und ihren Schülern selbst!

Man weiß über die Entwicklung der Wing Chun Systeme beider Lehrer recht wenig. Yuen Kay-San, der mindestens genau so versiert im Wing Chun wie Yip Man gewesen sein soll, lernte seine Formen von "Fok Bo-Chuen" und die fortgeschrittenen Anwendungen derselben von "Fung Siu-Ching". In der Folgezeit verbrachte er Jahre damit, sein Wissen zu kombinieren, Übungen zu arrangieren und seine Kampfkunst zu perfektionieren.

Yip Man bekam sein erstes Training im Wing Chun von Chan Wah-Shun, dem Schüler von Leung Jan. Als Chan Wah-Shun starb, setzte Yip Man sein Training bei Ng Chung-Sok, Chan Wah-Shuns talentiertesten Schüler, fort.

Doch auch bzgl. Yip Man gibt es unterschiedliche Geschichten, die nicht übereinstimmen. So behaupten einige ältere Versionen, Yip Man sei irgendwann zwischen 1895 und 1898 geboren worden und hätte im Alter von 13 begonnen, bei Chan Wah-Shun Wing Chun zu lernen.
Neuere Versionen hingegen besagen, Yip Man sei 1893 geboren worden und hätte im Alter von neun bzw. früher mit dem Wing Chun-Training begonnen.

Vergleicht man diese Daten mit denen von Yip Mans Trainingspartner "Lai Hip Chi", wird man feststellen, dass von Lai Hip Chi exakt das Gleiche behauptet wird. Er soll 1898 geboren sein und mit 13 sein Training bei Chan Wah Shun aufgenommen haben.

Was stimmt nun?

Weiteren Berichten zufolge, soll Yip Man nach Hongkong gezogen sein und dort fortgeschrittene Wing Chun Anwendungen von "Leung Bik", dem Sohn Dr. Leung Jans gelernt haben.
Frühe Schüler von Yip Man hingegen behaupten, dies sei lediglich "eine Geschichte" gewesen, die sich "Lee Man", der zeitweise als Reporter und in der Gewerkschaft der Hongkonger Restaurant Arbeiter tätig war, ausgedacht hatte (siehe dazu auch den Artikel zu "Yip Man - Urvater vieler Wing Chun-Stilrichtungen weltweit"). Durch diese Geschichte sollte das Interesse an Wing Chun als "neue Kampfkunst" in Hongkong in der Anfangszeit von Yip Mans erstem Unterricht verstärkt werden - quasi "gute, traditionsverbundene chinesische Werbung".

Chinesische Kampfkünstler vergangener Zeiten verbargen sich nicht selten hinter falschen Namen, Künstlernamen von Theaterschauspielern oder verbanden - in manchen Fällen - ihre Kunst und Kampfkunstentwicklungen mit frei erfundenen Charakteren oder reellen historischen Figuren.
Tatsächlich war es im alten China nicht unüblich, eine Kunstform zu entwickeln und sie anschließend einem berühmten Vorfahren, einer berühmten Person oder einem mystischen Gründer zuzuschreiben, so dass der Kunstform eine stärkere Bedeutung beigemessen werden würde. Es sollte quasi "der Glanz" des berühmten Namens auf die neue Kampfkunst übergehen und ihr etwas von der Berühmtheit übertragen.
Im Gegensatz zur westlichen Welt, in der der das Attribut "neu und verbessert" so sehr viel gilt, messen die Chinesen eher alten und traditionellen Kampfkünsten mehr Wert bei. Es wundert also nicht, dass etliche Wing Chun Lehrer urplötzlich ihr Wing Chun von heute auf morgen "Ip Man Wing Chun" umgenannt haben, als der Film "Ip Man" mit Donnie Yen 2008 im Kino erschien. Jeder wollte noch schnell auf diesen kostenlosen "Werbezug" aufspringen ... Typisch Wing Chun'ler, armselig!

Es ist eine Tatsache, dass Yip Man in seiner eigenen aufgeschriebenen "Geschichte des Wing Chun Systems" Leung Bik bemerkenswerterweise mit keinem Wort erwähnt. Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass man ihm den größten Einfluss auf Yip Man zuschreibt. Leung Bik taucht weder in anderen Kampfkunstlinien innerhalb Chinas noch in Geschichten, die über "Yip Man und Wing Chun" in China geschrieben wurden, auf.
Es ist daher schlichtweg unmöglich, mit Sicherheit zu behaupten, Yip Man hätte von Leung Bik gelernt.

  Wing Chun erreicht das 20. Jahrhundert  
     


Auszug aus der Originalschrift von Yip Man zur "Geschichte des Wing Chun" - Obwohl behauptet wird, Yip Man hätte von Leung Bik, dem Sohn von Dr. Leung Jan, fortgeschrittene Wing Chun Techniken erlernt, wird Leung Bik von Yip Man in seiner handschriftlichen Aufzeichnung der "Geschichte des Wing Chun" in keinem Wort erwähnt. Wie kommt es dazu? War die Geschichte von Leung Bik lediglich eine Art von "chinesischer Werbung", um Yip Mans Reputation aufzupolieren und seine Wing Chun Klasse mit interessierten Schülern zu füllen?

     
     

Sicher ist nur, dass Yip Man sehr fortschrittliche Fähigkeiten im Wing Chun erreicht hat - wie und von welchem Lehrer kann abschließend nicht behauptet werden.

Viele der sehr guten Wing Chun Kämpfer des 19. Jahrhunderts (nach 1900) waren Söhne reicher Kaufleute. Daraus resultierte, dass sie sowohl die hohen Kosten, die die damaligen Lehrer verlangten, bezahlen, als auch ihre meiste Zeit dem Training widmen konnten. Sie mussten ihren Lebensunterhalt schließlich nicht selbst verdienen.  
Es wird überliefert, dass viele Schüler verschiedener Wing Chun Stile sich in sogenannten "Rauchhäusern" trafen, um Anwendungen zu trainieren und Ideen zu diskutieren. Yip Man und Yuen Kay-San sollen unter diesen Schülern gewesen sein.

Sowohl Yip Man als auch Yuen Kay-San trugen dazu bei, dass sowohl die Formen des Wing Chun als auch die Anwendungen, Konzepte und Prinzipien optimiert wurden. Während dieser Optimierungsphase soll die Trainingsmethode des "Poon Sao bzw. Luk Sao" ("rollende bzw. faltende Arme"), Chi Sao ("Klebende Hände bzw. Arme") und "Go Sao" ("Chi Sao Sparring") in das System integriert worden sein, wodurch ein vollkommen neues Niveau drillfähiger Techniken erreicht wurde.
Während das Wing Chun Yip Mans und Yuen Kay-Sans "Chi Sao als Trainingsmethode" kennen, ist es in anderen Wing Chun Stilrichtungen vollkommen unbekannt. Stattdessen werden strikt choreographierte Zwei-Mann-Formen praktiziert, die keinerlei Variationsreichtum oder gar Kreativität gestatten.

Zusätzlich ist sehr wahrscheinlich, dass in der Zeit, in der Yip Man das System der Öffentlichkeit zugänglich machte, die Holzpuppen-, Langstock- und Doppelmesser-Techniken in fest choreographierte Formen überführt wurden.

Nach Yip Mans Tod führten die Machtfrage bzgl. Yip Mans "Nachfolge (der Nachfolger-Streit)", "diverse Skandale" und übliche "Wing Chun-Politik" unter seinen zahlreichen Schülern zu einer noch ausgeprägteren Zersplitterung innerhalb des Yip Man Wing Chun und der aus ihm folgenden eigenen Linien.

Man kann nur hoffen, dass aufgrund aller uns heute zur Verfügung stehenden Informationsmöglichkeiten (Literatur, Internet, Stilvielfalt) das System langsam wieder enger zusammenwächst!

Das wird aber vermutlich ein unerfüllbarer Wunschtraum bleiben, der am so häufig anzutreffenden "übergroßen Ego der Wing Chun-Individuen" scheitern wird. Schade!

(nach oben)

     
           
   

8. Abschließende Gedanken

     
     

Abschließend kann man festhalten, dass sich trotz Nachforschungen in der Literatur zur Geschichte des Wing Chun Kung Fu die "Wahrheit" der Entstehung nie wirklich herauskristallisieren wird.

Trotz der Tatsache, dass Wing Chun im Vergleich zu anderen Kampfkünsten eine noch so junge Kunst darstellt, existieren bereits "große Lücken" aufgrund unvollständiger, inkonsistenter, blumig ausgeschmückter oder gar verloren gegangener Berichte.

Zusätzlich tragen viele Lehrer heutzutage nicht gerade zur Transparenz bei, indem sie ihrem Wing Chun Stil "Originalität" und "Einzigartigkeit" attestieren und es auf einen willkürlichen chinesischen Namen der Wing Chun Geschichte zurückführen und mit Urkunden über zweifelhafte Meisterschaften um sich werfen.
Die größten "Gurken" nennen sich heute "Meister", "Großmeister", "Dai-Sifu" ... und was es sonst noch so an merkwürdigen wertlosen Titeln gibt, die man sich am besten ins Klo nageln kann. Diese Urkunden lässt man sich am besten von irgendeinem Chinesen vergeben.

Das wäre dann fast so, als ob ich mir eine mit chinesischen Schriftzeichen übersäte Urkunde bzgl. der Meisterschaft des Wing Chun Systems schnell am Computer zusammenfummel, in fünf Minuten hochwertig auf dickem Papier ausdrucken lasse und zum nächsten chinesischen Restaurant gehe.
Dort geb' ich dann dem chinesischen Koch 10 Euro, zieh ihm einen gelben Seidenbademantel an und lass mich mit ihm gemeinsam ablichten. Dann schreib ich unter das Foto: "Großmeister Kwai Chan Kaine überreicht XYZ die Meisterurkunde und erkennt ihn als Großmeister des Wing Chun Systems an". Das wäre dann quasi die "Meisterung des Wing Chun-Systems in fünf Minuten", wobei der Drucker vier Minuten brauchte, um die wertlose Urkunde auszudrucken...

  Abschliessende Gedanken  
     


Druck Deine eigene "Wink Tsonk Bademeister and Thai-Sifu" Urkunde - Viele Wing Chun-Stile zeichnen sich nicht gerade durch Bescheidenheit aus - Urkundenjagd, Titelwahnsinn und Hybris verschleiern oft den wahren Kern der Kampfkunst. "Pomp und Tralala" in Form modischer Klamotten mit hierarchischer Farbordnung (weiß-grau-schwarz-rot-gelb-gold...) und selbstvergebene Titel wischen wahre Wing Chun Inhalte hinweg. Durch mangelnde Transparenz wird die Wing Chun Geschichte immer undurchschaubarer. Warum druckt man sich nicht selbst in fünf Minuten seine eigene Wing Chun-Großmeister-Urkunde aus und lässt sie sich druckfrisch mit Beweisfoto vom nächsten Chinesen in seidenem Morgenrock überreichen? Ist doch genau so wertlos wie der ganze restliche Urkunden-Hype...oder?!?

     
     

Was will ich mit dem Artikel dieser Seite zum Ausdruck bringen?

Diese kleine Aufzählung von Überlegungen, die ich aus vielen Bereichen der bekannten und weniger bekannten Wing Chun-Literatur der vor allem englischsprachigen Welt zusammen getragen habe (die von vielen Vertretern außerhalb Deutschlands geteilt wird), soll zeigen, dass es viele, viele unterschiedliche Sichtweisen, Geschichten und Legenden über Wing Chun gibt - und zwar zu allen Bereichen: den Formen, dem Chi Sao, den Sektionen, den Waffen, etc..
Man könnte darüber ein komplettes Buch schreiben und obwohl dieser Artikel schon sehr lang ist, kann ich hier nur knapp anreißen, was ich eigentlich dazu zu sagen hätte.

Interessanterweise sind diese Betrachtungen zum Ursprung des Systems im Gegensatz zum Ausland in Deutschland so gut wie nicht verbreitet. Stattdessen wird mantraartig wiederholt, das System sei auf die Nonne Ng Mui und das Mädchen Yim Wing Chun zurückzuführen. Tja - das Marketing mancher großer Verbände hat wohl sehr gut funktioniert. Immerhin kann man so viel besser rechtfertigen, dass jeder sich mit Wing Chun verteidigen könnte, wenn das System schon von Frauen effektiv gehandhabt wurde.

Schade nur, dass dadurch andere, ebenso wahrscheinliche Entwicklungsgeschichten (wenn nicht sogar wahrscheinlicher) bedauerlicherweise effektiv unterdrückt wurden und nach wie vor werden.

Selbst über den erst 1972 verstorbenen Yip Man existieren inkonsistente Geschichten, Märchen und unrealistische Heldengeschichten, die man einfach nicht ernst nehmen kann.

Aus dem Variationsreichtum des Systems lernt man vor allem eines...

...dass jeder, wirklich jeder, der sich leidenschaftlich mit Wing Chun beschäftigt, einen kritischen Blick behalten muss und sich keinen "Bären aufbinden bzw. auf den Arm nehmen lässt".
Das ist innerhalb des Systems nur allzu leicht möglich und kommt nicht selten vor, um das System im Vergleich zum Wing Chun anderer Lehrer bzw. gegenüber anderen Kampfkünsten oder Kampfsportarten "besonders interessant" aussehen zu lassen.

Wing Chun ist in all seinen Ausprägungen eine nicht mehr oder weniger faszinierende Kampfkunst als alle anderen Kampfsportarten und Kampfkünste auch - wenn man sie ernsthaft trainiert. Es hat Vor- und Nachteile, macht aber enormen Spaß, wenn man sich auf's Wesentliche beschränkt: das Training und die nötige Theorie!

Man sollte weiterhin stets über den Tellerrand seiner eigenen persönlichen Beschränkungen schauen, einen offenen Geist bewahren und Sichtweisen anderer zulassen und prüfen!

Ansonsten ist die Wahrheit - falls sie denn irgendwann doch einmal herauskommt - schärfer als ein Schwert!

(nach oben)

     
           
   
© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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