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1. Taktik und Strategie - "Sieben Phasen eines Kampfes"

     
     

Jeder, der sich schon einmal in einer brenzligen Situation befunden hat, weiß aus Erfahrung, dass der Gesamtablauf einer Konfrontation mit einem Aggressor prinzipiell in einzelne "Phasen" aufgespaltet werden kann.

Dabei unterscheidet man im Wing Chun und anderen Kampfsportarten typischerweise "zwei Vorkampfphasen" und "fünf Kampfphasen".

Diese insgesamt "Sieben Phasen eines Kampfes" werden entsprechend der allgemein bekannten "Drei Eskalationsstufen" folgendermaßen aufgeteilt:

Vorkampfphasen (visuell und verbal - erste und zweite Eskalationsstufe):

  • 1. Vorkampfphase - Erkennen potentieller Opfer (visuelle Kontaktaufnahme)
  • 2. Vorkampfphase - Verbale Kontaktaufnahme (Beschimpfungen, Pöbeleien)

Kampfphasen (taktil - dritte und letzte Eskalationsstufe):

  • 1. Kampfphase - Lange Distanz (Tritttechniken)
  • 2. Kampfphase - Mittlere Distanz (Handtechniken aller Art)
  • 3. Kampfphase - Nahkampf- bzw. kurze Distanz (Knie- und Ellbogentechniken, etc.)
  • 4. Kampfphase - Clinch- bzw. Anti-Bodenkampf
  • 5. Kampfphase - Bodenkampf

Im nachfolgend dargestellten Flussdiagramm sind die "Sieben Phasen eines Kampfes" kompakt dargestellt.

 

Die sieben Phasen eines Kampfes

 
     


Sieben Phasen eines Kampfes - Man unterscheidet Vorkampf- von Kampfphasen. Innerhalb der zwei Vorkampfphasen haben keine physischen Kampfhandlungen stattgefunden. Stattdessen wählt der Agressor in der ersten Vorkampfphase - der "ersten Eskalationsstufe" - "visuell" ein geeignetes Opfer aus. In der zweiten Vorkampfphase - der "zweiten Eskalationsstufe" - beginnt er mit "verbalen Attacken". Gelingt es nicht, eine der beiden Vorkampfphasen durch Deeskalation zu verlassen, betritt man unweigerlich die "dritte Eskalationsstufe" - der Kampf beginnt.

Die nun folgende körperliche Auseinandersetzung lässt sich in fünf Kampfphasen unterteilen. Jeder Kampfphase entspricht eine Distanz zum Gegner, in der ein geübter Wing Chun-Kämpfer spezifische Techniken zum Einsatz bringt. Wie es in einer realistischen Auseinandersetzung üblich ist, bewegt man sich typischerweise zwischen den möglichen Distanzen rasch hin- und her.

     
     

Wie der Name schon sagt, haben sich innerhalb der "Vorkampfphasen" noch keine physischen Kampfhandlungen - also Übergriffe körperlicher Art wie z.B. Schläge, Tritte, Handgreiflichkeiten, etc. - ereignet. Stattdessen sondiert ein Aggressor innerhalb der ersten Vorkampfphasen "visuell" ein für ihn geeignetes Opfer - dies enspricht der "ersten Eskalationsstufe".

In der zweiten Vorkampfphase, die nicht notwendigerweise durchlaufen werden muss, nimmt er mit dem Opfer "verbalen" Kontakt auf. Dabei bleibt stets unklar, ob die Konfrontation tatsächlich in eine kämpferische Auseinandersetzung eskaliert oder mit der zweiten Vorkampfphase endet. Die zweite Vorkampfphase entspricht der "zweiten Eskalationsstufe".

Das Verlassen der ersten oder zweiten Vorkampfphase durch "Deeskalation" der Situation ist prinzipiell möglich.

Gelingt es dem Opfer nicht, bereits die erste oder zweite Vorkampfphase durch angemessenes Verhalten zu deeskalieren und deutet sich eine unvermeidliche Kampfhandlung an, tritt man automatisch in eine der "fünf Kampfphasen" ein - in diesem Fall ist die Situation "eskaliert" und endet tatsächlich in einem "Kampf". Man hat die dritte und letzte Eskalationsstufe erreicht.

Die Unterscheidung in Vorkampf- und Kampfphasen liegt auf der Hand, wird in vielen Kampfsportarten aber eher selten betont, da man hier hauptsächlich das Vorgehen innerhalb der fünf Kampfphasen trainiert.

Erinnern wir uns aber an den Ausspruch "Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft", wird deutlich, wie wichtig das Erlernen effektiver "Deeskalationsstrategien" ist. In eine der Kampfphasen einzutreten ist das schlechteste Ergebnis, das man erreichen kann.

Ist man erst in eine der fünf Kampfphasen eingetreten, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Verletzungen aller Beteiligten zu rechnen. Bevor man sich in solche risikoreichen Auseinandersetzungen begibt bzw. in solche hineingezogen wird, sollte man zuerst zu deeskalieren versuchen, um es gar nicht erst zu einem Kampf kommen zu lassen!

     
     

Es sollte also das allererste Ziel eines wirklichen Wing Chun-Kämpfers (bzw. allgemein gesprochen: eines Kampfsportlers / Kampfkünstlers) sein, durch geeignete "Deeskalationmethoden" eine beginnende Auseinandersetzung nach der ersten bzw. spätestens zweiten Vorkampfphase abzubrechen!

     
     

Die Kenntnis der insgesamt sieben Kampfphasen hat unmittelbare Konsequenzen auf die notwendigen Handlungen, die man in der jeweiligen Kampfphase treffen muss, wenn man persönlich in einen Konflikt gerät.

Nachfolgend gehe ich auf die einzelnen Phasen ein und beschreibe die daraus erwachsenden Konsequenzen und stelle - wo nötig - einige Missverständnisse klar.

(nach oben)

     
           
 
 

2. Die erste Vorkampfphase - "Erkennen potentieller Opfer"

     
     

Es ist äußerst selten, dass man auf der Straße ohne irgendeine Art von "Vorwarnung" in Form von Pöbeleien oder verbaler Auseinandersetzungen in eine Schlägerei gerät.

Stattdessen geht einem Kampf immer die erste Phase - die "visuelle Kontaktaufnahme" - voraus. Bevor ein Aggressor handgreiflich wird, hat er vorher eine Person längere Zeit beobachtet und diese als "geeignetes Opfer" ausgemacht.

  Die erste Vorkampfphase  
     


Erste Vorkampfphase - visuell - Erkennen potentieller Opfer - Bevor ein Aggressor handgreiflich wird, hat er sich ein geeignetes Opfer "ausgesucht". Anschließend folgt bei extrem aggressiven Personen sofort ein Angriff oder es finden vorerst verbale Attacken statt.

   
     

Dabei kann ein erfahrener Angreifer recht gut einordnen, wer sich als Opfer eignet bzw. von wem er lieber "die Finger lassen" sollte.

Beispielsweise laden eine Körpergröße von zwei Metern gepaart mit einem genauso breiten Kreuz und Fäusten wie Vorschlaghämmer natürlich nicht gerade zu einer Schlägerei ein. Ein Angreifer wird sich eher "schwach" aussehende Opfer suchen.

Gestik, Mimik und Körpersprache verraten im Allgemeinen Unsicherheit und Angst, und aus dem Körperbau lässt sich zusätzlich auf die sportliche Verfassung (Kraft, Ausdauer, Kondition, etc.) und somit mögliche Gegenwehr schließen.

Man könnte sagen, dass gewisse Menschen den "Ärger förmlich anziehen", so dass sie leichter und häufiger Opfer von Übergriffen werden können.

Kennt man die typischen Verhaltensweisen von Opfer und Aggressor, kann man "richtig geschult" Maßnahmen rechtzeitig ergreifen, um eine sich entwickelnde Konfrontation zu "deeskalieren" und einen drohenden Kampf zu vermeiden.

Die "Selektion" eines Opfers durch einen Aggressor folgt "vereinfacht ausgedrückt" einem uralten Schema. Unserem Verhalten liegen Strukturen zugrunde, die wir tagtäglich in der Tierwelt beobachten können.

Beispielsweise selektiert ein Raubtier das schwächste Tier (Beutetier) aus einer Herde und schlägt im geeigneten Moment zu.
Bemerkt das Beutetier das Raubtier (z.B. indem es in dessen Richtung schaut), kann es dessen unmittelbaren Angriff ungewollt provozieren.

     
     


Vergleichbare Strukturen in der Tierwelt - Ein Raubtier "selektiert" aus einer Herde das "geeignete Beutetier" - dabei kann es sich um das schwächste Tier (krank, jung, etc.) oder auch das in kürzester Entfernung befindliche Tier handeln. Erkennt das Beutetier das Raubtier, kann ein unmittelbarer Angriff provoziert werden.

     
     

"Langes Anstarren" verbinden wir Menschen nach wie vor mit einem unangenehmen Gefühl. Uns ergeht es dann fast so wie dem Beutetier, dass von dem Raubtier "fixiert" wird. Es macht sich infolge ein mulmiges Bauchgefühl breit.
Durch Anstarren wird eine Form von erhöhter Aufmerksamkeit, Aggressivität und Kampfbereitschaft signalisiert. Intensives Anstarren wird häufig als Aggression gewertet.

Wird man angestarrt oder fixiert, wäre eine mögliche Verhaltensweise, den Blick des Aggressors lediglich zu streifen und somit zu signalisieren, dass man das Gegenüber registriert hat. Ansonsten sollte man den Blick ruhig und gelassen erwidern und dann einfach wegschauen, womit "Selbstbewusstsein" demonstriert wird.

Reagiert man auf Anstarren mit einem Lächeln oder Grinsen, kann diese ursprünglich als defensives Verhalten gedachte Mimik fälschlicherweise sogar als Aufforderung oder andere Form der Provokation gewertet werden.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass ein Aggressor sich in den Kopf gesetzt hat, eine Schlägerei zu beginnen. In diesem Fall ist ein Ausstieg aus der ersten Vorkampfphase grundsätzlich nicht möglich.
Aus diesem Grund muss man sich bereits zu Beginn aggressiven Verhaltens - auch in Form von Anstarren - auf Schlimmeres gefasst machen.

(nach oben)

     
           
    3. Die zweite Vorkampfphase - "Verbale Kontaktaufnahme"      
     

Hat der erste Blickkontakt stattgefunden und hat ein Aggressor eine seiner Meinung nach geeignete Person ausgewählt, folgt der Übergang in die "zweite Vorkampfphase" bzw. die "erste Kampfphase".

Werden also Provokationen ausgetauscht oder finden Pöbeleien und Beschimpfungen statt, befindet man sich in der "zweiten Vorkampfphase" in der so genannte "verbale Angriffe" stattfinden.

  Die zweite Vorkampfphase  
     


Zweite Vorkampfphase - Verbalattacken - In der zweiten Vorkampfphase finden Beschimpfungen, Pöbelein, Beleidigungen und generell Provokationen statt. Häufig sucht der Aggressor einen Grund, um sein Opfer zu demütigen und aus dessen Hilflosigkeit Befriedigung zu ziehen. Gegenwehr eines Opfers ist für den Aggressor eine willkommene "Steilvorlage", um mit einem ersten körperlichen Angriff zu beginnen.
Die zweite Vorkampfphase kann übersprungen werden, wenn der Aggressor einfach "prügeln" will oder eine "Schlägerei" sucht.

   
     

Allerdings ist es auch möglich, dass diese Phase übersprungen wird und direkt nach dem ersten Blickkontakt ein erster Schlagabtausch folgt und somit direkt in die "erste Kampfphase" eingetreten wird.
In diesem Fall schlägt der Angreifer das Opfer ohne Vorwarnung. Auch mit solchen Situationen sollte man stets rechnen, wenn ein Angreifer einfach nur "prügeln" will bzw. eine "Schlägerei" sucht.

Bleiben wir aber erstmal bei der zweiten Vorkampfphase. Nehmen wir also an, ein verbaler Angriff folgt unmittelbar, nachdem der erste Blickkontakt stattgefunden hat.

"Verbalattacken" muss man genauso gewandt kontern können, wie man dies im Kampfkunsttraining für körperliche Angriffe erlernt.
Dabei sollte man seinem Gegenüber fest in die Augen blicken und versuchen, die gefährliche Situation durch geeignete Wortwahl, Stimme, Gestik und Mimik zu deeskalieren.
Da es einem oft aufgrund der Aufregung die Sprache verschlägt, wenn man aggressiv angepöbelt wird, bringt man "ungeübt" meistens keinen Ton mehr heraus.

Die Auswirkungen von Aufregung zeigen sich durch typische Angst- bzw. Stressphänomene wie z.B.

  • Angstschweiß (feuchte, kalte Hände),
  • Muskelstarre (teilweise Bewegungslosigkeit),
  • Zähneklappern (ähnlich wie Frieren),
  • Augenzucken,
  • zitternde Beine, zitternde Knie,
  • Gänsehaut,
  • trockener Mund, usw.

Stresshormone, die in Konfliktsituationen von unserem Körper ausgeschüttet werden, lähmen quasi den Körper und hindern uns daran, adäquat zu handeln. Die drei genetisch vorprogrammierten Stressreaktionen fasst man in der Kurzform mit "kämpfen-fliehen-totstellen" (engl. "Fight-Flight-Freeze") zusammen.

"Fliehen" oder "totstellen/ignorieren" sind zwei Reaktionen, die leider nicht immer möglich sind. Ist eine Flucht unmöglich oder wird Ignorieren als Form von Provokation gewertet, aufgrund derer erst recht ein Angriff erfolgt, muss man wissen, wie man einerseits die zweite Vorkampfphase effektiv deeskalieren kann und wie man sich andererseits selbstbewusst auf einen Kampf einstellt.

Beispielsweise kann man sich durch spezielles "Deeskalations- und Situationstraining" vorbereiten, ummit eintrainierten Standardverhaltensweisen und Standardformulierungen auf verbale Attacken angemessen zu reagieren.
Hat man einige Standardantworten zur Hand, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass man in einer Stresssituation gar nichts mehr zu sagen weiß.

Auf die Frage: "Hey Du, hast Du ein Problem?", könnte man beispielsweise "Nein, alles in Ordnung" antworten. Auf die Frage "Was glotzt Du so blöd?" versucht man es z.B. mit "Entschuldigung, ich habe Sie verwechselt".

Ein weiterer Tipp wäre, durch die Verwendung der Anrede "Sie" eine natürliche Distanz zum Gegner zu schaffen und sich auch durch Beschimpfungen oder Pöbeleien nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Dabei sollte man die ganze Zeit darauf achten, die nötige Distanz zum Gegner beizubehalten.
Steht man schon in "Trittdistanz" und kann sich z.B. einen Genitaltritt, eine Ohrfeige oder einen Haken "einfangen", war man bereits hier unachtsam und hat schon einen ersten Fehler gemacht.

Steht der Angreifer dennoch bereits dicht vor einem, sollte man grundsätzlich ein Bein vorsetzen, die Hände in "Abwehrhaltung" nach vorne strecken und das Gewicht über das hintere Bein verlagern. Durch diese Schutzhaltung schützt man sich vor überraschenden Unterleibstritten bzw. kann überraschenden Angriffen vorbeugen.

Weiterhin sollte man jegliche Art von eigener Provokation vermeiden. Das Ballen der Fäuste, Recken des Kinns oder ebenfalls in Pöbeleien zu verfallen, ist vollkommen ungeeignet, um zu deeskalieren.

Es kann auch wirkungsvoll sein, die eigene Stimme als Waffe einzusetzen. Brüllt man beispielsweise "Stop, bleiben Sie stehen und kommen Sie nicht näher!" kann dies so überraschend auf einen Angreifer wirken, dass dieser kurzfristig stark verunsichert wird. Zudem macht man auf diese Art und Weise Mitmenschen auf die aggressive Situation aufmerksam und kann evtl. auf Hilfe von außen hoffen.

     
     


Man soll klare "Grenzen ziehen" - Sag Stop! - Die Stimme kann eine Waffe sein. Es ist ratsam, die eigene Stimme wie eine Waffe einzusetzen und laut und aggressiv "Stop, bleiben Sie stehen und kommen Sie nicht näher!" zu brüllen. Man demonstriert eigene Aggressivität, erregt Aufmerk-samkeit und zieht klare Grenzen. Mit solchen Reaktionen rechnen Aggressoren eher nicht.

     
     

Klar, diese ganzen kleinen Beispiele zur Deeskalation sind immer so einfach "runtergetippt" - und manche Situationen in der Realität sehen dann ganz anders aus.

Wie man es dreht und wendet kann jede Art der Körpersprache, Gestik oder Mimik vom Angreifer als Provokation "ausgelegt" werden. Legt ein Aggressor es "wirklich" auf eine Schlägerei an, wird er sich von den oben genannten Beispielantworten bzw. vorgeschlagenen Verhaltensweisen nicht abschrecken lassen.

Dazu hier eine kleine Beispielgeschichte:

     
     

Jeden Tag wird das Häschen mit der roten Mütze vom Bär und dem Fuchs verprügelt.

Eines Tages denkt sich der Fuchs, "das ist doch total langweilig, wir brauchen einen Grund."
Am nächsten Tag wird das Häschen verprügelt, weil es eine rote Mütze auf hat.

Dann denkt sich der Fuchs, "der Grund ist doof. Wir fragen morgen nach einer Zigarette. Wenn es uns eine mit Filter gibt, hauen wir es um, weil es uns den Geschmack versauen will. Gibt es uns eine ohne Filter, schlagen wir es, weil es uns vergiften will."

Am nächsten Tag treffen Fuchs und Bär wieder das Häschen. Sie halten es auf und fragen nach einer Zigarette. Daraufhin antwortet das Häschen: "Wollt Ihr welche mit oder welche ohne Filter?" - Fuchs und Bär schauen sich dumm an, dann tippt der Bär den Fuchs an und sagt: "Du, es hat immer noch die rote Mütze auf!"

     
     

Einem Aggressor, der es wirklich auf eine Schlägerei anlegt, wird natürlich irgendeine passende, weitere Provokation bzw. ein x-beliebiger Grund einfallen in Richtung Kampf zu eskalieren.
Manchmal ist beim Angreifer überhaupt kein plausibler Grund außer der "Lust und Freude an Gewaltausübung" ersichtlich.

Wenn man also Pech hat, reagiert der Angreifer bzw. Aggressor auf unsere Deeskalationsversuche nicht.

Greift er an und schlägt, beginnt nach der zweiten Vorkampfphase automatisch die körperliche Auseinandersetzung und man tritt - je nach Distanz, in der die kämpferische Auseinandersetzung beginnt - in eine der fünf Kampfphasen ein. 

(nach oben)

     
           
   

4. Die erste der fünf Kampfphasen - Die "lange Distanz" (Tritttechniken aller Art)

     
     

Ist es nicht gelungen, aus einer der ersten beiden Vorkampfphasen durch Deeskalation auszusteigen und greift der Gegner an, beginnt eine der fünf Kampfphasen. Vorausgesetzt, man hat den Gegner nicht zu nahe an sich herantreten lassen und befindet sich noch in "Trittreichweite", ist die erste Kampfphase die "lange Distanz", innerhalb derer Tritte zur Anwendung kommen.

Die längste Waffe, die unser Körper zu bieten hat, ist der seitliche Tritt, bei dem die Hüfte 90° ausgedreht wird, der ganze Körper eine Ebene bildet und der Tritt parallel zum Boden und geradlinig ausgeführt wird.
Dieser seitliche Tritt unterscheidet sich vom "seitlichen Cham Kiu-Tritt", bei dem die Hüfte nur um 45° gedreht wird, um mit dem Körper weiterhin zum Gegner ausgerichtet zu sein.

Die Distanz, die der Gegner durch einen seitlichen Tritt ansatzlos (also ohne Zwischenschritt) überwinden kann, definiert den Radius des "Gefährdungskreises", in dessen Mittelpunkt der Gegner steht.

Befinden wir uns außerhalb dieses Gefährdungskreises, kann er uns nicht durch einen ansatzlosen Tritt treffen, sondern müsste dazu einen Zwischenschritt ausführen. Solange wir uns also nicht in diesen Kreis begeben, befinden wir uns außerhalb der unmittelbaren Treffergefahr.

Es gibt auch andere, "falsche ausgelegte Definitionen dieses Kreises". Hierbei wird die Distanz, die man durch einen seitlichen Tritt zurücklegen kann als Radius des so genannten "Sicherheitskreises" in dessen Mittelpunkt man selbst steht definiert. Befindet sich der Angreifer außerhalb dieses "Sicherheitskreises", können wir ihn zwar durch einen ansatzlosen Tritt (ohne Zwischenschritt, etc.) nicht treffen, was aber nicht bedeutet, dass er uns gleichermaßen nicht erreichen kann.
Ist der Gegner größer als wir und hat längere Beine, ist es durchaus möglich, dass er uns mit einem Tritt treffen kann, obwohl wir ihn selbst nicht treffen können. Somit ist die Bezeichnung "Sicherheitskreis" manchmal irreführend und wird gerne falsch benutzt.

Wie auch immer man diesen "Gefährdungs- bzw. Sicherheitskreis" definiert - eines ist klar: tritt der Angreifer soweit an uns heran, dass er uns unmittelbar ohne Zwischenschritt mit einem seitlichen Tritt treffen könnte, befinden wir uns innerhalb des gegnerischen Gefährdungskreises.
Ist ab diesem Zeitpunkt "zweifellos" geklärt, dass es sich um eine Notwehrsituation handelt - wir also abgesichert durch das Notwehrrecht handeln, MÜSSEN (!) wir die nötigen Kampfhandlungen zur eigenen Verteidigung ergreifen (siehe dazu den Artikel zu "Notwehr und Notwehrrecht").

Die Betonung liegt hier auf "MÜSSEN".

Oft zögert man und ergreift die Initiative nicht (Stichwort: "Schlaghemmung") oder zu spät und "verschläft" somit die Möglichkeit, Tritttechniken als eine der effektivsten Waffen einzusetzen und den gegnerischen Angriff bereits im Ansatz zu stoppen.

In der "langen Distanz" der ersten Kampfphase verteidigt man sich also gegen Tritte und kann selbst mit Tritten angreifen.

  Die erste Kampfphase  
     


Tritte aller Art sind die Techniken der "langen Distanz" - In der langen Distanz greift man den Gegner mit Wing Chun typischen Tritten aller Art an. Hier greift der Gegner (schwarz) mit einem Wing Chun untypischen hohen seitlichen Schnapptritt an.

     
     

Typischerweise werden Wing Chun Tritttechniken niedrig und in Kombination mit Hand- oder Grifftechniken ausgeführt. Einerseits wird die eigene Kampfstellung so nur minimal geöffnet und andererseits das Gleichgewicht bestmöglich gewahrt.
Die maximale Höhe, bis zu der getreten wird, liegt knapp oberhalb des gegnerischen Beckens. Es kommen in der Regel drei Trittarten im Wing Chun zum Einsatz:

  1. Stoptritte,
  2. Stampftritte und
  3. Fegende Tritte

Durch Tritttechniken verfolgt man im Wing Chun das Ziel, den Gegner zu stoppen oder dessen Vertikalachse (die der Körperachse entspricht) zu brechen bzw. zu knicken und infolge das gegnerische Gleichgewicht zu brechen.

Die Tritttechniken im Wing Chun unterscheiden sich deutlich von den entsprechenden Techniken anderer ähnlicher Kampfkünste.

Viele der Fußtritte, die im Wing Chun ausgeführt werden, gehören zu den so genannten "durchstoßenden Techniken".

Diese Tritte werden so geführt, als ob der Gegner mit dem Fuß "durchtreten" wird. Es wird mit der Kraft des ganzen Körpers und nicht nur des Beines getreten. Die Techniken werden hauptsächlich an den Pratzen geübt, wo man sie ohne Abzustoppen mit voller Kraft ausführen kann.

Bei der Ausführung eines Fußtritts muss die größte Aufmerksamkeit der Kopf- und Körperdeckung gewidmet werden, da jeder Gegenschlag sehr gefährlich sein kann, wenn man nur auf einem Fuß steht.

Im Wing Chun-Training übt man aber nicht nur, Tritttechniken am Gegner anzubringen, sondern auch gegen Tritte aller Art, auf jeder Höhe und aus verschiedensten Kampfstilen zu bestehen.

Allerdings ist es schwieriger, Tritte abzuwehren, als man denkt, da sie von einem "geschulten Kämpfer" mit einer enormen Wucht ausgeführt werden. Das Gewicht des Beines wird durch die Hüfte, Quadrizeps, etc. in Bewegung versetzt und hat ein hohes Zerstörungspotential. Zudem werden Tritttechniken normalerweise in Kombination mit  Fausttechniken ausgeführt.

Als Beispiel für den wohl gefährlichsten Tritt ist der "Low-Kick aus dem Muay Thai Boxen" zu nennen. Wird dieser Tritt von einem geschulten Thai-Boxer richtig und mit voller Wucht ausgeführt, ist er durchaus in der Lage, den Oberschenkelknochen des Gegners zu brechen.

Tritttechniken abzuwehren und selbst Tritttechniken effektiv auszuführen, erfordert ein hohes Maß an Timing und Distanzgefühl.

Die üblichen Vorgehensweisen, die sich bei der Abwehr von Tritttechniken anbieten sind:

  1. Vorgehen (Distanzverkürzung),
  2. Abwehren oder im Ansatz stoppen,
  3. Ausweichen und
  4. Kontakt herstellen (Chi Gerk)

Durch "Vorgehen" verkürzt man die Distanz zum Gegner und dringt in die gegnerische Stellung ein. Diese Methode ist relativ riskant, da man direkt in die Schlagdistanz des Gegners gerät. Daher sind ein präzises Timing, eine gute Deckung und ein eigener Angriff notwendig, falls man die Distanz verkürzen möchte. Dennoch ist das Vor- bzw. Hineingehen in den Tritt des Gegners bzw. sobald man Trittabsichten beim Gegner vermutet, eine sehr effektive Methode, einen Tritt abzuwehren.

Weiterhin werden Fußtritte im Wing Chun nicht nur durch das Verkürzen der Distanz, sondern auch durch Handtechniken (z.B. Scheren Gaan Sao, etc.) oder Fußtechniken "abgewehrt". Es kommen für die Abwehr Beintechniken analog dem Kick- und Thai-Boxen zum Einsatz.
Tritte, die nicht höher als auf Rippenhöhe ausgeführt werden, werden dabei mit Tan Gerk oder Bong Gerk abgewehrt. Bei diesen beiden Techniken handelt es sich um eine Art "Schienbeinblock", bei dem das abwehrende Bein analog einer Feder zusammengedrückt wird und somit die Wucht des gegnerischen Trittes (Low Kick, etc.) möglichst absorbiert. Einer Abwehr folgt dann in der Regel sofort ein Kontertritt - wenn es die Situation zulässt.

Beim "Ausweichen", der dritten möglichen Vorgehensweise der Abwehr von Tritten, versucht man durch ausgefeilte Schrittarbeit geschickt auszuweichen. Diese Methode ist - wie alle anderen auch - recht riskant, da der Gegner unserer Ausweichbewegung folgen kann bzw. durch Täuschungen / Finten eine Ausweichbewegung provozieren kann und in die Richtung unseres Ausweichens tritt.
Weicht man beispielsweise zurück - was eine eher untypische Verhaltensweise im Wing Chun ist - ist die entstandene Lücke unmittelbar wieder zu schließen.

Die letzte Vorgehensweise betrifft das "Herstellen des Kontaktes" zum Gegner, auch als "Kleben bleiben" bezeichnet.

Eigentlich ist diese Methode nur einsetzbar, wenn man sich bereits in der mittleren bzw. kurzen Distanz befindet und den Gegner daran hindern will, erneut in die lange Distanz zu wechseln.

In diesem Fall bleibt man förmlich am Gegner "kleben" und stellt - wenn möglich - sogar den direkten Kontakt zu dessen vorderem Bein her. Diese Arbeitsweise ist eines der Spezialgebiete im Wing Chun und wird im "Chi Gerk", dem Reflex- und Reaktionstraining für die Beine trainiert.

Egal in welcher Kampfphase man sich befindet, benötigt man einige rein technisch-handwerkliche Fähigkeiten, zu denen

  1. ein sicheres Auge,
  2. die nötige Ausdauer,
  3. die richtige Bewegung,
  4. eine durch Training erworbene Flinkheit,
  5. hinreichende Kondition,
  6. gezielte Kraft,
  7. zweckmäßige Tritte und Schläge,
  8. die erforderliche Schnelligkeit und
  9. richtige Schrittfolgen, uvm.

zählen, um nur einige wenige Voraussetzungen zu nennen. Zudem braucht der Wing Chun-Kämpfer mit das Wichtigste: den "Kampfgeist".

Ohne Kampfgeist - der u.a. Mut und Entschlossenheit beinhaltet - geht nichts. Man darf nicht eine Sekunde zögern, wenn man in eine der Kampfphasen einsteigt.

(nach oben)

     
           
   

5. Die zweite der fünf Kampfphasen - Die "mittlere Distanz" (Handtechniken aller Art)

     
     

Es gibt diverse Möglichkeiten, um innerhalb des Kampfes in die mittlere Distanz zu gelangen.

Eventuell hat man den Gegner bereits zu dicht an sich herankommen lassen und die lange Distanz "verpasst" hat. In diesem Fall startet der Kampf direkt in der zweiten Kampfphase, ohne dass überhaupt die erste Kampfphase durchlaufen wird.

Andererseits ist es auch möglich, dass man die lange Distanz durchlaufen hat, Tritttechniken ausgeführt hat und nun in der Schlagdistanz landet.

  Die zweite Kampfphase  
     


Ein Faustschlag ist eine der Techniken der "mittleren Distanz" - Faustschläge, Haken, Aufwärtshaken, Rückhandschläge, Fingerstiche, Handkantenschläge, Handflächenstöße, etc. sind die Techniken, mit denen man in der mittleren Distanz arbeitet.

   
     

Man kann auch permanent zwischen erster und zweiter Kampfphase hin- und herpendeln. Das ist der Fall, wenn man tritt und schlägt und wieder Distanz zum Gegner aufbaut und erneut tritt und schlägt. Das wäre ebenfalls ein möglicher Kampfverlauf, bei dem mehrmals die lange und mittlere Distanz im Wechsel durchlaufen wird - es kommt also oft zum wechselseitigen Abtausch von Tritt- und Schlagtechniken.

In der mittleren Distanz kommen sämtliche Handtechniken wie z.B. gerade Faustschläge, Haken, Aufwärtshaken, Rückhandschläge, Fingerstiche, Handkantenschläge, Handflächenstöße, etc. zum Einsatz. Ein erfahrener Wing Chun Kämpfer verlässt sich nicht auf Einzeltechniken bzw. Einzelschläge, sondern greift immer mit Technik- bzw. Schlagserien an.

     
     


Die "mittlere Distanz" - Handtechniken aller Art - Wing Chun enthält sämtliche Schlagarten, die es in anderen Kampfkünsten bzw. -sportarten ebenfalls gibt. Allerdings unterscheiden sie sich in der Art und Weise, wie sie zum Einsatz kommen.

     
     

Natürlich sind auch in der mittleren Distanz weiterhin Tritte möglich. Dabei werden nur noch Ziele knapp über dem Boden wie etwa Knie- oder Sprunggelenke angegriffen. Zusätzlich wird häufig "Fußkontrolle" ausgeübt, durch die verhindert wird, dass der Gegner sich erneut in Trittdistanz begibt.

(nach oben)

     
           
    6. Die dritte der fünf Kampfphasen - Die "Nahkampf- bzw. kurze Distanz"      
     

In der kurzen Distanz befindet man sich so dicht am Gegner, dass kraftvolle "gerade Faustschläge" nicht mehr sinnvoll sind. In diesem Fall kommen "Knie-, Ellbogentechniken und Kopfstöße" zum Einsatz.

  Die dritte Kampfphase  
     


Ellbogenschlag in der "Nahkampf bzw. kurze Distanz"- Faustschläge sind in dieser Distanz nicht mehr geeignet. Stattdessen kommen Ellbogen-, Knietechniken und Kopfstöße zum Einsatz.

   
     

Der Ellbogen ist die gefährlichste Waffe des menschlichen Körpers. Ellbogenschläge werden sowohl in der nahen Schlagdistanz als auch im Clinch ausgeführt. Im Wing Chun gibt es "acht Grundellenbogentechniken" und unzählige weitere daraus abgeleitete Ellbogentechniken. Dabei legt man einen ähnlich hohen Wert auf die Ellbogentechniken wie beispielsweise im Muay Thai. Klingt komisch, ist aber so!

Ein Treffer mit dem Ellbogen zum Kopf führt meistens zum sofortigen K.O. Aufgrund dieser Gefährlichkeit der Ellbogenschläge widmet man im Wing Chun eine große Aufmerksamkeit der Verteidigung gegen Ellbogenschläge.

Ellbogentechniken eignen sich hervorragend zur Selbstverteidigung auf der Strasse, weil auch körperlich schwächere Personen in der Lage sind, mit den Ellbogen extrem hart zuschlagen zu können.
Ellbogenschläge erfolgen dabei aus allen Richtung: vertikal abwärts, diagonal abwärts, horizontal, diagonal aufwärts und vertikal aufwärts. Dabei wird der Ellbogen ähnlich einer Machete "geschnitten" bzw. "gehackt" oder ähnlich einer Lanze "gestochen".

Knietechniken werden in Form von Knieschlägen (ohne Einsatz der Hüfte) und Kniestößen (mit Einsatz der Hüfte) ausgeführt.
Knietechniken sind sehr harte Waffen. Sie können die Oberschenkel, den Körper oder den Kopf treffen. Dabei werden die Kniestöße grob in solche mit und solche ohne Umklammerung des Gegners gegliedert.

Besonders wirkungsvoll sind die Knietechniken, bei denen der Gegner umklammert wurde und während des Knieangriffs zum Knie gezogen wird. Die meisten Kniestöße werden ausgeführt, nachdem der Gegner erfasst wurde.

Die Kniestöße im Clinch ("vierte Kampfphase - Clinch- bzw. Anti-Bodenkampfdistanz") sind am effektivsten. Richtig umklammert gelangt der Gegner in eine sehr gefährliche Lage, aus der er sich nur schwer befreien kann. Wichtig ist dabei die richtige Grifftechnik, um die Knieschläge effektiv ausführen zu können, und auch sich selbst vor Knie-Attacken zu schützen.

Weiterhin werden in der kurzen Distanz Kontrolltechniken wie z.B. Fußkontrolle, Kniehebel, Fußhebel, etc. eingesetzt, die auf die kurzfristige Immobilisierung und Gelenkzerstörung des Gegners abzielen.

(nach oben)

     
           
   

7. Die vierte der fünf Kampfphasen - Die "Clinch- bzw. Anti-Bodenkampfdistanz"

     
     

In dieser Kampfphase hat man es mit Greifen, Umklammern, Würgen, Halten, Ziehen, Hebeln, Wurf- und Fegetechniken zu tun.

Ziel in der Clinch-Distanz ist es, sich keinesfalls auf einen Bodenkampf einzulassen. Im Clinch versucht der Wing Chun Kämpfer analog zur kurzen Distanz weiterhin Serien von Knie- und Ellenbogenschlägen auszuteilen.

Das Clinchen ist das Härteste und Anstrengendste im Kampf. Wer sich nicht persönlich überzeugt hat, ahnt nicht, wieviel Anstrengung das Clinchen beansprucht.

Es gibt im Clinch unzählige ringkampfähnliche Griffe unter gleichzeitiger Anwendung von Knie und Ellenbogentechniken. Es ist dabei sehr wichtig, zu erlernen, sich der gegnerischen Kraft zu bedienen. Hier werden auch die Befreiungstechniken aus verschiedenen Griffen, mit denen uns der Gegner in einer gefährlichen Lage hält, erlernt. Durch den Einsatz von Chi Sao-Techniken kann man schon im Ansatz die verschiedenen Angriffe wie Hebel, Würfe oder das Greifen der Beine verhindern.

Im Clinch ist der Kämpfer im Vorteil, der den inneren Griff erreichen kann, da man aus dieser Position den Gegner besser kontrollieren, sein Gleichgewicht leicht brechen und Knietechniken erfolgreicher ins Ziel bringen kann.

Nur wer ein hohes Repertoire an Grifftechniken beherrscht, kann auch im Clinch effektive Knie- und Ellenbogentechniken anbringen bzw. vermeiden, dass er getroffen wird.

Es gibt im Wing Chun unzählige Wurftechniken im Clinch, die innerhalb der Holzpuppen-Chi Sao Sektionen unterrichtet werden.

Allerdings ist ist im Clinch nicht die Kraft entscheidend, sondern wer die bessere Technik hat. Wer im Clinch nur mit roher Kraft arbeitet, ist für einen technisch versierten Kämpfer eine leichte Beute.

(nach oben)

  Die vierte Kampfphase  
           
    8. Die fünfte und letzte Kampfphase - Der "Bodenkampf"      
     

Ist man durch den Gegner zu Boden geworfen worden oder infolge eines Clinchangriffs zu Boden gerissen worden, beginnt der Bodenkampf- die letzte der fünf Kampfphasen.
 
Der Bodenkampf ist definitiv kein Spezialgebiet eines Wing Chun Kämpfers, was allerdings nicht bedeutet, dass ein Wing Chun Kämpfer am Boden wehrlos ist. Dennoch lassen sich Chi Sao-artige Reflexe am Boden schlecht einbringen, die Bewegungsfreiheit und das Wahrnehmungsvermögen sind stark eingeschränkt und man ist vor allem gegen mehrere Gegner so gut wie chancenlos. Mit anderen Worten kann ein Wing Chun Kämpfer am Boden nicht seine vorteilhaften Chi Sao Reflexe so einbringen, wie es im Standkampf möglich ist.

Am Boden sind Judokas, Ju-Jutsukas, Jiu-Jitsukas, Mixed Martial Arts Kämpfer (MMA) oder Ringer die Spezialisten.

Das ist auch der Grund, warum man sich hier lieber einer Mischung aus Brazilian Jiu Jitsu (BJJ) und Schlagtechniken (Ellbogen, Knie, etc.) bedienen sollte und Wing Chun lieber außen vorlässt bzw. diese Kampfkünste vorteilhaft zusammenbringt.

  Die Fünfte Kampfphase  
     


Bodenkampf - Hier enden die Kampfphasen, wenn man vom Gegner zu Boden gezogen wird. Der Bodenkampf sollte unbedingt vermieden werden, da die Bewegungsfreiheit und das Wahrnehmungsvermögen stark eingeschränkt sind. Bodenkampf ist kein Spezialgebiet des Wing Chun. Dennoch werden am Boden ebenfalls Ziele attackiert, die in dieser gefährlichen Distanz angebracht sind.

   
     

Die Erfahrung aus regellosen Kämpfen hat gezeigt, dass das eigene Verletzungsrisiko am Boden minimiert werden kann, da es durch die geringe Distanz in der Bodenlage kaum Gelegenheiten gibt, in denen wirklich harte Schläge ausgeführt werden können. Hier sind Hebel-, Würgetechniken oder Fingerstiche bzw. Schläge zu empfindlichen Stellen (Kehlkopf, Luftröhre, Solarplexus, Halsschlagader, Auge, etc.) die geeigneteren Techniken.

Ursprünglich war im Wing Chun kein Bodenkampf vorgesehen. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Wing Chun an dieser Front dennoch minimal zugelegt und sich diverser Anleihen aus den oben genannten renommierten Kampfsportarten bedient.

Einige der Inhalte im Wing Chun, die man für den Bodenkampf implementiert hat, sind allerdings reichlich zweifelhaft. Beispielsweise ist das "Zu Boden gehen" im traditionellen Wing Chun, bei dem man sich im Rückwärtsgang auf das Steißbein fallen lässt, schlichtweg als grober Unfug einzuordnen.
Wer natürlich wochenlang mit gebrochenem Steißbein auf einem aufgeblasenen Sitzring aus Gummi sitzen mag, kann das natürlich gerne auch weiterhin so üben ... hahaha!

Wie dem auch sei sind manche Wing Chun Kämpfer durch diese "Anleihen" bei fremden Systemen zwar nicht mehr total hilflos am Boden, können sich aber mit Brazilian Jiu Jitsukas, den wahren Experten am Boden, nicht messen.

Da die Bodenkampflösung, die Wing Chun bietet bzw. bieten kann, ohnehin nicht aus dem Wing Chun stammen, sondern nur geklaut - bzw. freundlicher ausgedrückt - "geliehen" sind, trainieren wir den Bodenkampf in dieser Schule lieber gleich richtig. Daher wird ausschließlich Standard Brazilian Jiu Jitsu / BJJ (Escapes, Controls, Submissions, Sweeps, etc.) als erwiesenermaßen beste Lösung am Boden trainiert.

Anfänger beginnen daher mit "Ukemi", der Fallschule wie man sie aus dem Judo, Jiu Jitsu, Aikido, etc. kennt (Stürze seitwärts, vorwärts, rückwärts, Rollen, etc.). Zu diesem Zweck ist die gesamte Trainingsfläche mit Judomatten ausgelegt, wodurch Falltechniken vorteilhaft abgemildert werden.

Am Boden verfolgen wird trotzallem nach wie vor die Wing Chun-eigenen Prinzipien und bringen alle Techniken, die ein regelloser Kampf beinhaltet, zum Einsatz. Dazu zählen nach wie vor Fingerstiche, Ellbogen- und Knietechniken - also das ganze am Boden mögliche Repertoire.

Wie gesagt: im Wing Chun gibt es keine Regeln!

(nach oben)

     
           
   
© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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