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1. Chinesische Philosophie

     
     

Wing Chun Kung Fu ist als eine der zahlreichen Kampfkünste Asiens in China entstanden und dementsprechend von der "chinesischen Kultur" geprägt. Die "chinesische Kultur" wiederum findet ihren Ursprung in der "chinesischen Philosophie", die ein Teil der so- genannten "östlichen Philosophie" ist. Sie hat die asiatische Denkweise im ostasiatischen Kulturraum Chinas, Japans, Koreas und Taiwans maßgeblich beeinflusst.

Will man eine Art "Philosophie-Vergleich" mit dem europäischen Raum anstrengen, wäre sie vergleichbar mit der "antiken griechischen Philosophie", die das europäische Denken in vergleichbarer Weise geprägt hat.

 

Chinesische Philosophie

 
     


China, das Land der Mitte - Wing Chun Kung Fu ist in China entstanden und wurde durch die "chinesische Kultur" geprägt. Diese hingegen findet ihren Ursprung wiederum in der "chinesischen Philosophie", die ein Teil der so genannten "östlichen Philosophie" ist.

   
     

Die drei großen östlichen Philosophien "Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus" sind als die "drei großen Lehren" Chinas fester Bestandteil der chinesischen Kultur.
Wie alle asiatischen Kampfkünste und Kampfsportarten ist auch Wing Chun in seinen eigentlichen Ursprüngen von chinesischer Kultur und von Grundüberlegungen dieser drei chinesischen Philosophien tiefgreifend durchzogen.

So wirken sich beispielsweise alte, konfuzianische Denkweisen auf die im traditionellen Wing Chun auffindbare familiäre Hierarchie aus (siehe dazu "Konfuzianismus im Wing Chun"). Dies kann man anhand der in manchen Schulen verwendeten Bezeichnungen wie "Sifu", "Sihing", etc. oder den "Respektsbezeugungen" (Verneigung, etc.) gegenüber "älteren Mitschülern oder Lehrern" sehen.

Ein weiteres Beispiel wäre die Vorstellung von "Kampfkunst als Lebensweg", die tief in den Grundgedanken des Daoismus wurzelt. Die Bewegungen des Wing Chun folgen dem Prinzip von "Yin und Yang" und "Wu Wei" und es heißt nicht umsonst "Wing Chun ist in Bewegung umgesetzter Daoismus" (siehe "Daoismus (Taoismus) im Wing Chun").

Der Wing Chun Kämpfer folgt unter anderem dem Ziel, in jeder Bewegung und seinem Tun und Handeln die "Einheit von Körper, Geist und Technik" zu erreichen, sich ganz der momentanen Bewegung zu widmen und im übertragenen Sinn "egofrei", also "absichtslos" zu werden. Er folgt somit den Grundgedanken des Buddhismus bzw. genauer gesagt des "Chan-Buddhismus", der eine der philosophischen Grundpfeiler vieler asiatischer Kampfkünste darstellt. Dazu mehr im Artikel "Buddhismus im Wing Chun".

Will man also Wing Chun in seiner Gesamtheit verstehen, muss man sich konsequenterweise mit den "geistigen Hintergründen" des Systems beschäftigen. Daraus folgt, dass man sich zwangsweise mit den Inhalten und Hintergründen der chinesischen Philosophie und Kultur auseinandersetzen muss. Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus stellen die "philosophischen Säulen des Systems" dar.

An dieser Stelle manifestiert sich für uns Europäer allerdings ein wesentliches Problem: aufgewachsen in Europa werden wir kaum in der Lage sein, die chinesische Kultur derart zu erfassen, wie es einem gebürtigen Chinesen möglich sein wird.

Wir können es aber versuchen!

(nach oben)

     
           
    2. Europäisches Unverständnis und seine Folgen      
     

Wing Chun Kung Fu hat in China eine lange Entwicklungsphase durchlaufen. Hervorgegangen aus dem "Shaolin Kung Fu" hat es sich in den letzten Jahrhunderten mit vielen Aspekten anderer Kampfkunststile vermischt und ist schließlich zu dem Kung Fu Stil geworden, der in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Weg nach Deutschland gefunden hat.
Wing Chun ist also in einer Gesellschaft entstanden, die einem anderen Kulturkreis als dem europäischen angehört, wobei sich der chinesische und der europäische Kulturkreis stark voneinander unterscheiden. So ist die chinesische Kultur stark von der chinesischen Philosophie geprägt, wohingegen die europäische Kultur ihre Ursprünge in der griechischen Philosophie findet.

Was passiert nun, wenn man Wing Chun Kung Fu - als ursprünglich chinesische Kampfkunst -  in ein mehrere tausend Kilometer entferntes Deutschland, England oder Amerika "exportiert" und dort unterrichtet?

Es kollidieren zwangsweise zwei grundverschiedene Kulturkreise!

  Europäisches Unverständnis und seine Folgen  
     


Kollision der Kulturen - Reisfelder versus Weinberg? Der chinesische und europäische Kulturkreis unterscheiden sich stark voneinander.

   
     

Europäer verstehen die chinesische Sprache nicht, können die chinesischen Schrift nicht lesen und sind - wenn überhaupt - eher mit griechischer Philosophie (Platon, Sokrates, etc.) vertraut, als sich mit Konfuzius, Laotse oder anderen chinesischen Philosophiegrößen auszukennen.

Europäer sind also zwangsweise aufgrund ihres Unverständnisses der chinesischen Kultur, inklusive Sprache, Schrift und Philosophie vom tieferen Verständnis des "Wing Chun Kung Fu" quasi abgeschnitten.

Als Resultat können sich zwei extreme Reaktionen bilden:

  1. Neugier
  2. Gleichgültigkeit oder Abneigung

Die erste Reaktion der "Neugier" führt manchmal dazu, dass manch einer alles über die fremde Kultur erfahren und ihren Einfluss auf Wing Chun ergründen möchte und kulturelle Gepflogenheiten Chinas in sein Wing Chun Training übernimmt, "ohne sie kritisch zu hinterfragen".
Das führt sogar soweit, dass er sich auf die weite Reise nach China begibt, um auf den Spuren alter Wing Chun Lehrer wie Yip Man oder Dr. Leung Jan zu wandeln, in der Hoffnung, hier noch das eine oder andere "Quentchen verschollener Historie" zu entstauben. Hier tut sich ein "Fass ohne Boden" auf, denn diese Suche wird nie zum Ende führen.

Andere wiederum begegnen jeglicher fremder Kultur mit "Gleichgültigkeit", wenn es nicht ihre eigene Kultur ist. Ihnen reicht es, wenn Wing Chun seinen "Selbstverteidigungsaspekt" erfüllt. Sie wollen mit Wing Chun "kämpfen" oder sich "sicher und geschützt" fühlen. Der philosophische Unterbau, Theorien und andere Inhalte, die man "rein physisch nicht trainieren bzw. greifen kann" sind ihrer Meinung nach überflüssig.
Die Extremreaktion ist manchmal sogar eine Form der "Abneigung". Man will überhaupt nichts von "Philosophie im Wing Chun" oder gar "innerer Energie" hören und hält solche Begriffe im Kampfsport oder einer Kampfkunst für "Mumpitz, Klimbim oder Firlefanz". Es zählt nur das, was den Gegner K.O. schlägt.

Auswirkungen dieser zwei gegensätzlichen Reaktionen kann man leider häufig erleben.

Es gibt Schulen, in denen sich Lehrer geradezu zwanghaft an "chinesischen Pseudotraditionen" festklammern, ohne wirklich zu wissen, ob diese tatsächlich chinesischen Gepflogenheiten entsprechen.
Vom Schüler wird verlangt, den Lehrer unbedingt mit "Sifu" anzusprechen, nach Technikerklärungen des Lehrers eine "Verbeugung" auszuführen und unbedingten Gehorsam zu leisten. Das System wird "hermetisch abgeriegelt" und Wissensinhalte nur "häppchenweise" vermittelt und zu allem Überfluß werden teils astronomisch hohe Preise für diese Wissensinhalte verlangt. Das Ganze wird mit dem Argument "das war schon immer so" bzw. "das ist Tradition" oder "Wing Chun war schon immer die Kampfkunst der reichen chinesischen Elite" rechtfertigt - was Dümmeres gibt es wohl kaum!

Als weiteres Beispiel wird in manchen Extremfällen auch gerne mal die "Tee-Zeremonie" praktiziert, mit der ein Schüler den Lehrer um Aufnahme in seine Schule bittet, ohne eigentlich zu wissen, was er da nach alter chinesischer Auffassung wirklich tut. Man hat fast den Eindruck, mancher europäischer Wing Chun Lehrer versucht "chinesischer zu sein, als mancher Chinese".

     
     


Tee-Zeremonie - in manchen Wing Chun Schulen wird sogar die Tee-Zeremonie praktiziert, mit der ein Schüler den Lehrer um Aufnahme in seine Schule bittet bzw. ihm die Ehre erweist. Diese in Europa oft missverstandene Tradition erweckt eher den Eindruck, als wollte man chinesischer sein als mancher Chinese.

     
     

Hier besteht leider eine hohe Wahrscheinlichkeit für "Augenwischerei", da solche Lehrer ahnungslosen Schülern gerne weismachen, die "Pseudotraditionen" wären "original chinesisches Kulturgut". Hier ist bitte kritisches Denken gefragt!

Gleichgültigkeit oder gar Abneigung gegen kulturelle Wurzeln des Wing Chun sind mindestens genauso schlimm!
Sie führen dazu, dass das System bruchstückhaft und lediglich als "Reduktion auf bloße physische Techniken" vermittelt wird. Schülern wird sogar erklärt, es gäbe außer den Techniken nichts mehr zu lernen
"Innere Aspekte" des Systems wie "inneres Kung Fu", "philosophische Hintergründe, innere Energie" und viele, viele andere Aspekte werden in Folge nicht unterrichtet und - eben aus Unverständnis heraus - ignoriert oder sogar belächelt.
Solche Lehrer unterrichten nach dem Motto: "Alles, womit ich den Gegner nicht umhauen kann, brauch ich nicht!" Dementsprechend werden Theorien, alte Leitsätze und vieles, bei dem man "nachdenken" bzw. sein "Hirn anstrengen muss" von vornherein ignoriert. Als Resultat werden Schüler solcher Lehrer vielleicht kampfstark - was natürlich gut ist, wenn das auch das einzige Ziel des Schülers war.
Aber Schüler solcher Lehrer werden definitiv nicht zum tieferen Sinn des Wing Chun vordringen.
Das ist wiederum sehr schade, wenn ein Schüler sich dieses Ziel gesetzt hatte und es mit diesem Lehrer nicht erreichen kann bzw. von ihm gar nicht mitgeteilt wird, welche Möglichkeiten Wing Chun sonst noch bietet!

Ich will in diesem Abschnitt zum Ausdruck bringen, dass hier der Ausspruch: "andere Länder, andere Sitten" zum Tragen kommt. Jeder von uns tut sich sicherlich schwer, Dinge zu akzeptieren bzw. zu erlernen, die ihm neu und unvertraut vorkommen bzw. deren Nutzen sich ihm nicht sofort erschließt. Das gilt für viele Inhalte des Wing Chun Systems, die ihren Ursprung nun mal in der chinesischen Kultur haben.

Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus sind asiatische Philosophien bzw. Religionen, die zwar heutzutage Verbreitung über die ganze Welt erfahren, aber dennoch weitestgehend Begriffe oder Vorstellungen enthalten, die uns Europäern fremd erscheinen, wie z.B. "die Fünf Elemente", "Ziran", "Chi - die innere Energie", "der Dreierwärmer", "Yin und Yang", "Inhalte der traditionellen chinesischen Medizin (TCM)", "Konzeptionsgefäß", "Lenkergefäß" und viele, viele mehr.

Wing Chun enthält ganz klar Aspekte, die ihren Ursprung in der tausende Jahre stattfindenden Entwicklung des "Reichs der Mitte" haben und die wir Europäer nur mit größter Mühe verstehen können.
Letztendlich müssen wir sie als gegeben akzeptieren. Wir müssen versuchen, uns von den uns bekannten Denkstrukturen zu entfernen und uns in die chinesische Denkweise hinein zu versetzen. Nur so haben wir eine Chance, zu verstehen, welcher Reichtum neben dem bloßen Selbstverteidigungsaspekt in dem System vorhanden ist.

Ich fordere daher jeden Leser auf, sich "frei von Vorurteilen", "festgefahrenen Denkstrukturen" oder schlichtweg "Bequemlichkeit und Denkfaulheit" zu machen. Bewahren wir alle einen "freien Geist" und lassen neue Denkweisen und Denkanstöße zu. Nur so können wir uns alle gewinnbringend mit den interessanten Inhalten der chinesischen Kultur befassen und ihre Auswirkungen auf Wing Chun begreifen.
Das gilt sowohl für die chinesischen Philosophien als auch für die "innere Seite" des Systems, die eng mit dem Gedanken des "Chi" und der "traditionellen chinesischen Medizin (TCM)" und ihre Auswirkungen auf "Chi Kung" oder "Akupunktur", etc. verknüpft ist.

     
     


Akupunktur als Inhalt der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) - es existieren unglaublich viele interessante Inhalte innerhalb des chinesischen Kulturkreises, mit denen es sich auseinanderzusetzen lohnt. Ein Beispiel wäre der Aspekt des "Chi - der inneren Energie" und seine Auswirkungen auf die traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur, Akupressur, uvm..

     
     

Ich reiße nun im Folgenden kurz die "Geschichte der chinesischen Philosophie" an und nenne einige ausgewählte Grundbegriffe aus dem riesigen Gebiet der chinesischen Philosophie. Sollten sich hier Verständnisproblem auftun, ist jeder aufgefordert, erstmal in Ruhe weiterzulesen und sich - bei Interesse - selbst weiter zu informieren und weiter zu bilden.

Weiterführende Artikel zu Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus und ihre Bedeutung zu Wing Chun finden sich für den interessierten Leser in höherer Detailtiefe auf den nächsten Seiten.

(nach oben)

     
           
 
 

3. Geschichte der chinesischen Philosophie

     
     

Die Ursprünge der chinesischen Philosophie reichen zurück in die Zeit um 1000 v. Chr - sind also älter als 4000 Jahre!
Zu dieser Zeit entstand das "Yijing" (andere Umschriften: "I Ging, I Jing, Yi King", etc.), eines der ältesten philosophischen Werke der Welt. Es enthält die Kosmologie und Philosophie des alten China.

Ein Beispiel des Inhaltes des Yijing sind die "Acht Trigramme" (chin. "Guan"). Dies sind zur Weissagung dienende Symbole, welche die Grundlage des altchinesischen Yijing (I Ging - Buch der Wandlungen) bilden. Sie bestehen aus drei durchgezogenen (Yang) oder unterbrochenen (Yin) Linien, woraus sich 2^3 = 8 Kombinationsmöglichkeiten ergeben, die oft in Form eines Kreises mit dem Yin-Yang-Symbol in der Mitte dargestellt werden (siehe im Bild unten).

Die Grundidee ist, dass alles Dasein aus dem gesetzmäßigen Wandel der Grundkräfte "Yin und Yang" hervorgeht. Die Trigramme sind als universales Orientierungsmodell zu verstehen, das auch Elemente enthält, die auf die Lebensgestaltung des Menschen Einfluss nehmen.
Aufgrund von Orientierungsprinzipien und der für die Lebensgestaltung bestimmenden Elemente ist jedem Menschen eine bewusstere Selbstbestimmung möglich. Die Himmelsrichtungen stehen z.B. auch für innere Orientierung, die Organe für bestimmte psychische Verfassungen (Stimmungen, Persönlichkeitsstrukturen). So entspricht den physischen Qualitäten immer auch eine innere (psychische) Qualität.

  Geschichte der chinesischen Philosophie  
     


Acht Trigramme - Die Acht Trigramme (chin. Ba Gua = acht Orakelzeichen) sind zur Weissagung dienende Symbole, welche die Grundlage des altchinesischen Yijing (I Ging - Buch der Wandlungen) bilden.

     
     

Zwei Trigramme ergeben eines der 64 = 2^6 = 8 * 8 Hexagramme, deren Bedeutungen im Yijing beschrieben wird. Die einzelnen Zustände dieses Wandels werden durch "Vierundsechzig Hexagramme (8 mal 8)" symbolisiert.
Sie sind Sinnbilder für die Richtungen des Geschehens, überzeitliche Urtypen des Weltgesetzes, die sich aber in der Welt der Erscheinungen manifestieren. Dazu an anderer Stelle mehr.

     
     


Vierundsechzig Hexagramme - sie sind 64 Kombinationen, die sich aus den Grundelementen des chinesischen Orakelbuches Yijing (I Ging) (TXJ 2.svg) und durchgezogenem (TXJ 1.svg) Strich bilden lassen, wenn jeweils sechs solcher Elemente zusammengefasst werden. Üblich ist auch die Betrachtung, dass jedes Hexagramm aus jeweils zwei "Trigrammen" aufgebaut wird.

     
     

Die "klassische chinesische Philosophie" nahm in der Periode der "Hundert Schulen" vom 6. Jh. v. Chr. bis zum Beginn der "Qin-Dynastie" 221 v. Chr. Gestalt an.

Konfuzius
Die klassische Zeit beginnt im 6. Jh. v. Chr. mit "Konfuzius" (551 - 479 v. Chr.) - siehe dazu den Artikel "Konfuzianismus im Wing Chun".
Konfuzius hat seine Anschauungen nicht in einem geschlossenen System geordnet, sondern diese sind uns von seinen Schülern in Form von Gesprächen und Anekdoten überliefert worden.
Im Mittelpunkt seines Denkens steht der "Himmelsbegriff". Der "Himmel (Tian)" ist bei ihm ein unpersönliches Wesen, wenngleich es gelegentlich anthropomorphe Züge trägt.
Er stellt an den Menschen "absolute sittliche Forderungen", die sowohl die Pflichten und Tugenden der Herrscher als auch die der Untertanen umfassen. Die Moral hat insofern bei Konfuzius eine metaphysische Grundlage, als er davon ausgeht, dass sie den Ausdruck eines unabänderlichen Weltgesetzes darstellt, das den Verlauf der Geschichte in einer der kosmischen Harmonie entsprechenden Weise regelt.

Der konfuzianischen Ethik liegt der Gedanke zugrunde, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass alles Böse an ihm durch mangelnde Einsicht entstanden ist.
Das Ziel der Erziehung ist es daher, die richtige Erkenntnis zu vermitteln. Das beste Mittel dazu stellt das Studium der Geschichte dar. Die großen Gestalten der Vergangenheit liefern die Vorbilder, denen man nacheifern kann. Die Ehrerbietung gegenüber den Eltern ist die erste Pflicht. Aber auch über die Familie hinaus gibt es eine Verpflichtung gegenüber der Erde als Ganzes.

Das soziale Leben wird nach Konfuzius Auffassung von den "fünf menschlichen Elementarbeziehungen" (chin. "Wulun") geregelt: "Vater - Sohn, Mann - Frau, älterer Bruder - jüngerer Bruder, Fürst - Untertan, Freund - Freund". Aus diesen Beziehungen ergeben sich jeweils unterschiedliche Verpflichtungen (s. "Konfuzianismus im Wing Chun").

Als praktische Richtschnur des Handelns empfiehlt Konfuzius die "Goldene Regel: "Was Du selbst nicht wünschest, tu nicht an andern“ - eine Regel, die an eines der 10 Gebote der Christenheit erinnert.

Das sittliche Ideal stellt der "edle“ Mensch (kurz: "der Edle") dar. Seine Aufgabe ist es, die Gesamtheit des Volkes auf eine höhere sittliche Stufe zu heben. Sein Verhalten ist gekennzeichnet durch Höflichkeit im Umgang, Ehrerbietung gegenüber der Obrigkeit, Fürsorge für das Volk. Er ist gerecht und sorgt sich nur um die Wahrheit, nicht um sich selbst.

Laotse (Laozi)
Die zweite große Gestalt der klassischen Epoche stellt Laotse (zwischen dem 6. und 3. Jh. v. Chr.) dar (siehe den Artikel "Daoismus (Taoismus) im Wing Chun").
Von seinem Leben ist, abgesehen von einer Legende, in der er als älterer Zeitgenosse und Lehrer des Konfuzius erscheint, wenig bekannt.
Das ihm zugeschriebene Werk, das "Daodejing" - oft auch einfach als "Laotse bzw. Laozi“ bezeichnet - ist eines der Grundbücher des Daoismus. Es ist das am häufigsten übersetzte Werk des fernen Ostens. In seiner Bedeutung für den asiatischen Raum kommt es den Werken Platons für die abendländische Philosophie gleich.
Das Buch (chin. "Jing") handelt vom dem Weltgesetz bzw. dem Weg (chin. "Dao") und seinem Wirken (chin. "De"). Das Dao ist "der beständige, wahre Weg“, "ein Weg ohne Weg, ein Weg, der unter den eigenen Füßen entsteht, indem man ihn geht“. Um diesen Weg zu gehen und am Dao teilhaben zu können, bedarf es des "De".
Ein Mensch, der über "De" verfügt, leuchtet dem "Daodejing" zufolge zwar nicht in den Augen seiner Mitmenschen, doch wirkt er auf diese überaus wohltuend. Er fügt niemandem Schaden zu, er übt Güte gegenüber Freunden und Feinden, er verlangt nichts für sich, sondern fördert durch sein Nicht-Tun den segensreichen Lauf aller Dinge.
Dem Suchenden ist er ein Vorbild, dem weltlichen Menschen kein Hindernis. Das Dao ist durch Einfachheit, Wortlosigkeit, Spontaneität und Natürlichkeit gekennzeichnet. Es folgt seiner eigenen Natur ("Zìran") und ist ein "Tun ohne Tun (Wu wei)".

Nach dem Vorbild des Dao ist auch das Handeln der Weisen ein "Nicht-Handeln (Wu Wei)". Dies bedeutet kein bloßes Nichts-Tun, sondern ein natürliches Tun, ohne ein unnötiges Eingreifen in den Gang der Dinge ("Das Nicht-Handeln üben: so kommt alles in Ordnung“).

Laotses Ethik unterscheidet sich in diesem Punkt wesentlich von der des Konfuzius. Sie betont die Bedeutung eines Lebens im Einklang mit der Natur, während der Bereich der Kultur im Vergleich zum Konfuzianismus stärker in den Hintergrund tritt.

In der "Han-Zeit" (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) werden die konfuzianischen Schriften kanonisiert und der Konfuzianismus entwickelt sich zur Staatsideologie.
Es werden Elemente der Yin-Yang-Schule und des I Ging aufgenommen. In der Periode der Zersplitterung des Reiches (200 – 600 n. Chr.) verschwindet der Konfuzianismus und der Daoismus wird vorherrschend.
Zwischen 500 und 900 n. Chr. in der Zeit der "Tang-Dynastie" – wird in China der "Buddhismus" zur beherrschenden geistigen Strömung - siehe den Artikel "Buddhismus im Wing Chun". Bis etwa zum 6. Jh. n. Chr. verbreitete sich die chinesische Philosophie zusammen mit der chinesischen Schrift (Han-Schrift, chin. "Hanzì", jap. "Kanji") über ganz Ostasien und vermischte sich mit lokalen (Matriarchat, Shinto) und überregionalen (Buddhismus) Lehren.

(nach oben)

     
           
    4. Einige ausgewählte Grundgedanken der chinesischen Weltanschauung      
     

Die chinesische Weltanschauung ist von einigen wesentlichen Grundgedanken geprägt, die ich nachfolgend lediglich auflisten und knapp erläutern möchte.
Wie schon weiter oben erwähnt, sind diese Themengebiete als lebenslange Studienobjekte geeignet. Daher ist die Information hier lediglich als "Anhaltspunkt" zu verstehen. Jeder, der sich tiefer informieren möchte, bedient sich am Besten bei der reichhaltigen Literatur, die es zu diesen Themen gibt.

Will man einige Grundgedanken der chinesischen Weltanschauung auswählen, sucht man der chinesischen Denkweise nach unter anderem die "Harmonie von Himmel, Mensch und Erde (heaven, man, earth)". Dabei spielen Begrifflichkeiten wie "die fünf Elemente", "Yin und Yang", "das höchste Weltprinzip", etc. eine wesentliche Rolle.

"Harmonie von Himmel, Mensch und Erde" - chinesische Weltanschauung
Nach chinesischem Denken sind "Himmel (Tian), Mensch (Ren), Erde (Di) und Dao (der Weg - siehe Artikel zu "Daoismus im Wing Chun")" die vier Komponenten des "Ziran". Der Begriff "Ziran" ist in China ein gängiger philosophischer Fachterminus und kann am leichtesten verstanden werden, wenn man das Schriftzeichen betrachtet. Ziran ist ein Zwei-Zeichen-Wort, das aus den Schriftzeichen "Zi" und "Ran" besteht. Einfach übersetzt würde Ziran soviel wie "selbst-so" bedeuten.
Diese Übersetzung ist zwar recht einfach, gibt aber schon einen Hinweis auf den Ursprungsgedanken, der hinter dem "Ziran-Konzept" steckt. Korrekt übersetzt bedeutet Ziran: "Natur, natürlich, von selbst, auf natürlichem Wege, dem Lauf der Dinge gemäß". Ziran kann also mit "Natur" gleichgesetzt werden, impliziert aber auch eine innere Natur der Wesen und Dinge, welche quasi "selbst-so" sind.

Himmel, Mensch, Erde und Dao stehen dem chinesischen Denken zufolge in einer engen Wechselbeziehung zueinander.

"Der Mensch hat als Gesetzmäßigkeit die Erde, die Erde hat als Gesetzmäßigkeit den Himmel, der Himmel hat als Gesetzmäßigkeit das Dao und das Dao hat schließlich als Gesetzmäßigkeit das Ziran."

In einem Denken, das alles in eine Einheit integriert, haben alle Erscheinungen des Mikrokosmos im Makrokosmos ihre Entsprechung und umgekehrt.

Dieses Regulierungsprinzip ist auch das der chinesischen Gesellschaft. Die Voraussetzung für ein glückliches Leben ist der Einklang mit dem Universum. Dazu ist es notwendig, die Vergangenheit zu erfassen, um gegenwärtige und zukünftige Tendenzen des Weltverlaufs bestimmen zu können. Darüber hinaus ist es für das Glück des Menschen ebenfalls notwendig, sich durch die Wirkkraft (De) mit der Erde, dem Himmel und dem Dao zu bewegen.

Der persönliche Lebensweg (Dao) innerhalb der Natur, in der Gemeinschaft und eines jeden Einzelnen bedingen sich gegenseitig - eine Störung in einem Bereich hat auch immer Störungen in den anderen Bereichen zur Folge.

"Die fünf Elemente" und "Yin und Yang"
Der griechische Philosoph "Thales von Milet" (624-546 v. Chr.) in Ionien vertrat die Ansicht, dass alle Stoffe nur verschiedene Aspekte des Urstoffes Wasser darstellen, denn Wasser war seiner Ansicht nach in größter Menge vorhanden. Er stellte sich vor, dass die Erde als flache Scheibe auf Wasser schwimmen würde und dass auch über dem halbkugeligen Himmelsgewölbe Wasser vorhanden sei. Seine Theorien fanden große Anerkennung, es wurde jedoch angefochten, dass Wasser der "Urstoff" sei. In den folgenden Jahrhunderten führten astronomische Überlegungen in Griechenland zu dem Schluss, dass der Himmel eine Kugel sei, in dessen Mitte sich die ebenfalls kugelförmige Erde befinde.

"Anaximenes" (585-525 v. Chr.) – ebenfalls aus Milet – kam zu dem Schluss, dass die Luft der Urstoff sei und zum Mittelpunkt des Universums hin zusammengepresst werde, wodurch die anderen Elemente Wasser und Erde entstünden.

"Heraklit" (ca. 540-475 v. Chr.) aus der Nachbarstadt Ephesus war der Ansicht, dass das sich stets wandelnde und verändernde Feuer der Urstoff sein müsse, da sich im Universum alles wandelt.

Es bildete sich also in Griechenland das aus, was man als "Vier-Elemente-Lehre" bezeichnete. Gemäß dieser Lehre besteht "alles Sein aus den vier Grundelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde". Diese "Vier-Elemente-Theorie" war bis ins 17. Jahrhundert hinein bestimmend für die Chemie, die bis dahin durchweg "Alchemie" genannt wurde. Heute ist diese Theorie überholt und gilt als total veraltet.

Das chinesische Denken kennt anstelle der "Vier Elemente" die "Fünf Elemente (chin. "Xing"): Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde", die nicht als materielle Substanzen, sondern als "Kräfte" bzw. "Wandlungsphasen" oder "Aktionsqualitäten" aufgefasst werden:

  1. Holz - "Aufbruch, Entwicklung eines Handlungsimpulses, Expansion, Steigen"
  2. Feuer - "Ausgestaltung, dynamische Phase, Aktion"
  3. Erde - "wandelnd, umwandelnd, verändernd, Fruchtbildung"
  4. Metall - "Reife, Kontraktion, Kondensation, Ablösung, Sinken"
  5. Wasser - "Betrachtung, Lageerfassung, Ruhe"

Die Interaktion dieser Elemente bewirkt einen Prozessablauf, der als Zyklus beschrieben und auf verschiedenste Abläufe im Bereich des Organischen angewendet wird, zum Beispiel im menschlichen Körper, in der Charakterkunde, in der Astrologie oder auch in Organisationen, zum Beispiel einem Unternehmen oder auch in der Politik. Die fünf Elemente finden ihre Entsprechung in den verschiedenen Zuständen des Wandels von Himmel, Erde und Mensch.

Die zu den Fünf Elementen zugehörige "Fünf-Elemente-Lehre" (chin. "Wuxíng = Fünf Wandlungsphasen") ist eine daoistische Theorie zur Naturbeschreibung. Die Fünf-Elemente-Lehre untersucht die Gesetzmäßigkeiten, nach denen dynamische Prozesse (Wandlungen) im Bereich des Lebendigen ablaufen, betont also "Werden, Wandlung und Vergehen".
Die Fünf-Elemente-Lehre prägt die chinesische Philosophie und ist ferner von großer Bedeutung im Shiatsu, Feng Shui, Taijiquan, Xingyiquan, Chi Kung, dem Ayurveda, in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der Akupunktur.

Fragestellung und Methodik der Fünf-Elemente-Lehre ähneln stark dem Yijing, dem Buch der Wandlungen. Beide stehen auf dem gemeinsamen geistigen Hintergrund des Daoismus.
Wie im Yijing und auch im Daodejing des Laotse ist in der Fünf-Elemente-Lehre das Dao, die monistische schöpferische Funktion des großen Einen, selbst unbenennbar und tritt als der Erkenntnis zugängliches Prinzip nur als komplementärer Dualismus in Erscheinung: als "Yin und Yang".
Diese beiden erzeugen durch Verdopplung die "Vier Hsia" und durch Verdreifachung die "Acht Guan", die "Acht Trigramme" (siehe oben).
Die Erde als wandelnde Qualität wird beiden dualen Polen (Yin und Yang) zugeordnet, die 4 Hsia den übrigen vier Elementen.
Im Daoismus gelten alle Aussagen über die Realität als Symbol und nicht selbst als Realität. Deshalb gibt es keinen Ausschließlichkeitsanspruch für ihre Gültigkeit, es können durchaus verschiedene Aussagen und Theorien (hier z. B.: das Yijing und die Fünf-Elemente-Lehre) nebeneinander bestehen - man wechselt je nach Anwendung zwanglos zwischen ihnen hin und her.
Dieses Vorgehen erscheint uns im westlichen Denken oft problematisch, wird aber dennoch praktiziert: die Berechnung der Tide nach dem Mondstand und die Beschreibung der Tageszeiten nach dem Sonnenlauf stellt selbstverständlich die Erde als Bezugspunkt in die Mitte, obwohl das geozentrische Weltbild längst widerlegt ist.

Die fünf Elemente stellen Wandlungsphasen von Prozessen oder Aktionsqualitäten dar. Es handelt sich daher nicht um Elemente im Sinne von Bestandteilen, sondern um Aspekte eines dynamischen Ablaufes, der als zyklisch erlebt und meist in einem fünfgeteilten Kreis im Uhrzeigersinn - "Die 5 Wandlungsphasen" genannt - dargestellt wird.

  Einige ausgewählte Grundgedanken  
     


Die fünf Wandlungsphasen - Die "Fünf Elemente" stellen Wandlungsphasen von Prozessen oder Aktionsqualitäten dar. Es handelt sich daher nicht um Elemente im Sinne von Bestandteilen, sondern um Aspekte eines dynamischen Ablaufes, der als zyklisch erlebt und meist in einem fünfgeteilten Kreis im Uhrzeigersinn - "Die 5 Wandlungsphasen" genannt - dargestellt wird.

     
     

Die Vorstellung organischer Prozesse als zyklisch bedeutet jedoch nicht eine stetige, monotone Wiederholung, sondern beinhaltet ebenso eine (im Westen meist linear gedachte) Evolution: jeder Durchlauf des zyklischen Prozesses verändert die Ausgangslage für den folgenden Durchlauf.

Die im Prozess wechselnden Phasen werden häufig an der Jahreszeitenfolge verdeutlicht:

  1. Wasser steht unten als ruhender Ausgangspunkt und wesentlicher Bestandteil jeder Dynamik, und entspricht dem Winter.
  2. Holz folgt als vorbereitende, expandierende Phase, (Vor)frühling.
  3. Feuer bildet den Höhepunkt der eigentlichen Aktion; es steht für den Sommer.
  4. Erde steht für den wandelnden Aspekt, der im zyklischen Prozess Evolution bewirkt (etwa die Metamorphose hin zur Fruchtbildung) sowie den Spätsommer.
  5. Metall konzentriert und strukturiert die Aktion, dies gewährleistet die Wirkung der Aktion, entsprechend der Reifung im Herbst.
  6. Dem schließt sich wieder die Ruhephase (Wasser) an.

Hier gibt es natürlich auch andere Interpretationen...

Die Fünf Elemente sind aber keine ewigen, letzten Substanzen, sondern verdanken ihr Dasein den beiden Urgewalten "Yin und Yang". 
Yang wird dabei als das "männliche, aktive, zeugende, schöpferische Prinzip und Prinzip des Lichts" aufgefasst, während Yin das "weibliche, passive, empfangende, hingebende und verhüllende Prinzip" darstellt.
Yin und Yang sind gegensätzliche Prinzipien, die sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen und durch ihr Zusammenwirken alle Erscheinungen des Kosmos hervorbringen. Yin und Yang sind wiederum die beiden Seiten des All-Einen, des sich im ständigen Wandel begriffenen Seienden.

"Das höchste Weltprinzip"
Das "höchste Weltprinzip", dem letztlich Yin und Yang zugrunde liegen, wird in der chinesischen Philosophie durch die drei Begriffe "Shangdi, Tian und Dao" ausgedrückt.

"Shangdi" war die Gottheit der "Shang-Dynastie" und wurde später stark durch die Gottheit der Zhou, den Himmel (chin. "Tian"), verdrängt. Mit Shangdi wird der oberste Herrscher bezeichnet - der Begriff bedeutet wörtlich "höchster oder oberer Ahn", und meint eine Art "göttlichen Ahn", d.h. einen Gott, der an einem festen Punkt im Himmel residiert und unter dessen Augen sich das Weltgeschehen abspielt. Ihm müssen auch Könige dienen. Er bringt denen, die ein tugendhaftes Leben führen, Segen, während er den Übeltätern Unheil zuteil werden lässt. Er ist Urheber von allem, was geschieht, bleibt aber selbst dabei untätig.
Shangdi manifestiert sich als eine Personifikation der Ordnung in der Natur, der Sittlichkeit und im Ritus. Durch ihn wird die Fülle der zusammenhanglosen Einzelerscheinungen der Welt zu einem geordneten Ganzen zusammengefügt.

Statt des Shangdi erscheint in vielen Texten der "Himmel (Tian)" als höchstes Weltprinzip. Er ist der Urgrund aller Dinge, der zusammen mit seiner ihm nachgeordneten "Gattin“, der Erde, alles hervorbringt.

     
     


"Tian", der Himmel als höchstes Weltprinzip - Der Himmel als "Urgrund aller Dinge" beherrscht nach chinesischer Auffassung die Welt und die Menschen.

     
     

Er beherrscht die Welt und die Menschen, sendet den Guten Glück und den Bösen Unglück herab. Sein Zorn äußert sich in Dürren, Missernten und gesellschaftlichen Wirren. Da er im Grund seines Wesens aber barmherzig und ohne Hass ist, darf man auf seine Gnade hoffen. Der Begriff des Tian entspricht in etwa dem des Shangdi. Die menschenähnlichen Züge sind allerdings noch geringer. Von ihm wird ausdrücklich gesagt, dass er nicht redet, dass er lautlos und ohne Spur wirkt.

Das Wort "Dao" bedeutet ursprünglich "Weg“, wie z.B. den "Weg der Gestirne" am Himmel. Es bezeichnet aber auch den "sinnvollen Weg", der zum Ziel führt, die "Ordnung" und das "Gesetz", das in allem wirkt.
Im "Daodejing" wurde das "Dao" zum ersten Mal als "höchstes Prinzip" des Absoluten und Urgrund und Wesen der Welt dargestellt.

Man sieht, die chinesische Kultur "basiert" auf Begriffen, Vorstellungen und Bildlichkeiten, die uns Europäern komplett fremd sind. Beschäftigt man sich aber nicht mit den hier kurz umrissenen Inhalten, wird man den Aspekt des "Chi", der "inneren Energie", der "traditionellen chinesischen Medizin "TCM)" und somit auch "Akupunktur" und ihren Zusammenhang mit Wing Chun nie verstehen.

Dabei ist die Verbindung mit Wing Chun offensichtlich. Denkt man nur an einige der im Wing Chun üblichen Mottos, wie z.B. bei der Siu Nim Tao, wo der "Mensch" seine "Füße in den Boden drücken und den Kopf in den Himmel strecken" soll, klingt hier direkt die Verbindung zu dem Grundgedanken des Ziran und seinen vier Komponenten (Himmel (Tian), Mensch (Ren), Erde (Di) und Dao (der Weg), s.o.) an.

Auch Begrifflichkeiten wie "Yin und Yang", als Wechselspiel der Gegensätze, spiegeln sich direkt in der Wing Chun Arbeitsweise wieder (weich aufnehmen, hart zuschlagen, etc.).

Auch Aussagen wie "die Siu Nim Tao entwickelt innere Energie (Chi)" oder das traditionelle "Chi Sao Training" sind eng an die chinesische Kultur, Vorstellungen und Bildlichkeiten geknüpft.

Wie soll man all das jemals verstehen, wenn man dauerhaft in seiner westlichen Denkstruktur verhaftet bleibt?

(nach oben)

     
           
   

5. Drei Lehren - eine Familie bzw. ein System

     
     

Ein alter chinesischer Leitspruch lautet: "Drei Lehren, eine Familie".

Bezüglich der chinesischen Philosophie und ihrer Auswirkung auf Wing Chun wurde dieser Leitspruch zu "Drei Lehren, ein System" abgewandelt.

Unter den Drei Lehren (chin.: "Sanjiao") versteht man die oben erwähnten "drei großen Lehren" Chinas: "Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus". Obwohl diese drei Lehren an manchen Punkte im Widerspruch zueinander stehen, ergänzen sie sich aber auch an anderer Stelle.

So war ein chinesischer Beamter in seiner Amtsausführung selbstverständlich Konfuzianist. Legte er Wert auf lebensverlängernde Maßnahmen, war er Daoist und starb jemand in der Familie, so konsultierte er einen buddhistischen Mönch, da die Buddhisten den besten Kontakt zum Jenseits hatten.

Diese Haltung spiegelt sich in dem Satz eines chinesischen Kaisers der Ming-Dynastie wider: "Die Drei Lehren sind eins."

Für Wing Chun sind bestimmte Aspekte  der drei Philosophien von großer Bedeutung. Will man eine extrem verkürzte Zusammenfassung der Bedeutung der "Drei Lehren" für Wing Chun geben wollen, wäre folgende Aussage ansatzweise treffend:

Der "Daoismus" steht für das kluge Nachgeben, die Vereinigung der Gegensätze von Yin und Yang und das aktive Nichthandeln (Wu Wei) - siehe "Daoismus (Taoismus) im Wing Chun".

  Drei Lehren - eine Familie bzw. ein System  
     


Daoismus - Vereinigung von Gegensätzen (Yin und Yang) und das aktive Nichthandeln (Wu Wei) sind einige Aspekte des Daoismus, die im Wing Chun eine Rolle spielen.

     
     

Aspekte des "Konfuzianismus" regeln das respektvolle Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und Lehrer und prägen mit ihren Regeln und Verhaltensweisen den Unterricht in traditionell ausgerichteten Wing Chun Schulen - siehe "Konfuzianismus im Wing Chun".

     
     


Konfuzianismus - Das "respektvolle Verhältnis" zwischen Schüler und Lehrer lehnt sich im Wing Chun an die Grundgedanken des Konfuzianismus an.

     
     

Der "Buddhismus" bzw. "Chan-Buddhismus" steht im Wing Chun u.a. für das harte, konzentrierte Üben und Trainieren, sowie für die Einstellung im Training und im Kampf. Es wird das "Im-Augenblick-Sein" und die "Vereinigung von Körper, Geist und Technik in jeder Bewegung" trainiert - siehe dazu "Buddhismus im Wing Chun".

     
     


Buddhismus - obwohl der "Buddha" auf diesem Bild nicht gerade so aussieht, als würde er viel Sport treiben, steht der Buddhismus - besser gesagt: der Chan-Buddhismus im Wing Chun für das "harte und konzentrierte Üben", sowie für die Einstellung im Training und im Kampf. Gesucht wird die "Vereinigung von Körper, Geist und Technik in jeder im Wing Chun ausgeführten Bewegung".

     
     

Diese kurze Zusammenfassung ist allerdings dermaßen knapp, dass dadurch die Bedeutung der "Drei Lehren" für Wing Chun nur ansatzweise wiedergegeben wird. Dennoch wird klar, wie sich philosophisches Gedankengut im System niederschlägt.

Zudem werden einige der Grundbegriffe, die ich hier angeführt habe, auf den folgenden Seiten immer wieder auftauchen (z.B. "Chi, innere Energie, Trigramme, Hexagramme, traditionelle chinesische Medizin (TCM), etc."). Dementsprechend ist es sinnvoll, sie hier zum ersten Mal einzuführen, damit gewissen Verständnisproblemen an anderer Stelle vorgebeugt wird.

Auf den folgenden Seiten kann der interessierte Leser mehr Details zu den "Drei Lehren" erfahren.

(nach oben)

     
           
   
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