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1. Was versteht man unter einem "Prinzip"?

     
     

Wer den Artikel zu den "Vier Kampfprinzipien" nicht gelesen hat und direkt hierher gesurft ist, kann unter "Wing Chun Kampfprinzipien" nachlesen, was eigentlich ein "Prinzip" ist und wie man Prinzipien klassifiziert - wen's interessiert.

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Was ist ein Prinzip?

 
           
 
 

2. "Kraft" - Definition und Bedeutung für Wing Chun

     
     

Zuerst wenden wir uns in diesem Artikel formal dem "Kraftbegriff" zu.

Was versteht man eigentlich unter "Kraft"? Normalerweise verbindet man Kraft in erster Linie mit "Muskelkraft" bzw. der Fähigkeit "schwere Gegenstände" heben zu können.

Korrekter Weise wendet man sich am besten dem Fachgebiet zu, welches sich mit Definition solcher Begriffe am genauesten auskennt: "die Physik!"

Der Begriff der Kraft wird in der Physik - wie es sich für eine fundamentale Naturwissenschaft gehört - präzise und nüchtern folgendermaßen definiert:

Definition des Begriffes "Kraft":

  1. Kraft ist das Produkt aus der Masse eines Körpers und der durch die Kraft verursachten Beschleunigung des Körpers.
  2. Kraft ist stets eine gerichtete Größe und zeigt in Richtung der Beschleunigung.
  3. Noch nüchterner lässt sich der Kraftbegriff in eine Formel pressen: "F=m*a", was soviel bedeutet, wie Kraft (F) ist ein Produkt aus Masse (m) und Beschleunigung (a).
  Kraftdefinition - Bedeutung für Wing Chun  
     

Kampfprinzipien
Federkraft - Zwei Personen ziehen einen Feder auseinander. Durch die immer stärker gespannte Feder "spüren" beide eine sogenannte "Rückstellkraft" - eine Kraft, die in die Richtung der Federachse zeigt und entgegengesetzt zur Zugrichtung verläuft. Kraft ist also eine gerichtete Größe.

   
     

Diese Aussage erinnert jeden jetzt bestimmt grauenvoll an die Schulzeit und den Physikunterricht, den man - falls man ihn überhaupt hatte - ohnehin kaum verstanden hat. Ich höre schon viele meiner Wing Chun-Freunde nörgeln: "Cord, das ist mir alles viel zu theoretisch".

Klar, mir geht zu starkes "Theoretisieren" im Wing Chun auch furchtbar auf den Wecker - vor allem dann, wenn fehlende Kampfkraft durch theoretischen Unsinn übertüncht werden soll. Leider wird allzu oft versucht, Wing Chun "naturwissenschaftlich" zu erklären, wobei meistens von vielen Leuten äußerst laienhafte Erklärungen abgegeben werden, die entweder falsch oder einfach nur kompletter Unfug sind. Man merkt dann schnell, dass diejenigen, die besonders stark theoretisieren eigentlich am wenigsten fundierten Plan haben ...

Dennoch: trotz Abneigung gegen zuviel Theorie im Wing Chun sage ich hier: ACHTUNG!

In der "Definition des Kraftbegriffes" liegt einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis effizienter Wing Chun Bewegungen bzw. besser gesagt "etlicher Bewegungen aus allen Kampfsportarten", wenn man diese mit optimaler Wirkung am Gegner anbringen will.

Dabei geht es nicht nur um das reine Schlagen bzw. den Angriff allein, sondern um Bewegung des gesamten Körpers zu unterschiedlichen Zeitpunkten eines Kampfes. Diese Bewegungen müssen besonders ökonomisch - also mit minimalem Kraftaufwand aber gleichzeitig maximaler Wirkung ausgeführt werden.

Körperbewegungen und Kollisionsphänomene im Wing Chun sind rein "mechanische Ereignisse", wobei Kraft, Kraftrichtung, Impuls, Impulsänderungen, Kraftstöße, etc. grundlegende Reaktionsmuster des erfahrenen Wing Chun Kämpfers bedingen.

Aus dem Verständnis der "allgemeinen Kraftdefintion" lassen sich unmittelbar etliche Begriffe, Lehrinhalte und Bewegungsprinzipien des Wing Chun  ableiten.

Einige wichtige Inhalte, die direkt aus der Kraftdefinition resultieren sind z.B. "die Kraftlinie (bzw. das Körper-hinter-den-Schlag-bringen), die optimale Kraftübertragung, das Rückstoßprinzip, die Kraftrückgewinnung, Defensivverschiebungen und viele mehr".

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    3. Krafteinwirkungen im Kampf - der "Kraftstoß" als Impulsübertrag bei Kollisionen      
     

In kämpferischen Auseinandersetzungen bewegen wir unsere Gliedmaßen, führen Schläge bzw. generell Handbewegungen aus, um den eigenen Körper zu verteidigen und den Gegner zu treffen und in Folge kampfunfähig zu machen.

Dabei ereignen sich zwangsweise Kollisionen zwischen unseren Armen, Beinen, unserem Körper und den Gliedmaßen bzw. dem Körper des Gegners. Schläge zum Kopf, zum Körper, Körperstöße (wie z.B. der Schulterstoß) und andere Kollisionsarten kommen vor.

  Kraftstoß als Impulsübertrag bei Kollisionen  
     

Kampfprinzipien
Newton'sches Pendel als Beispiel für einen Kraftstoß mit Impulsübertragung - Hier sieht man ein altbekanntes Beispiel für ein Pendel: das "Newton'sche Pendel. Trifft die rechte rote Kugel gegen die erste rechte schwarze Kugel, führt die ganz linke schwarze Kugel die Pendelbewegung fort. Durch den "Kraftstoß" beim Auftreffen findet von einer Kugel zur nächsten ein "Impulsübertrag" statt. Diese Art von Kollisionen können 1:1 auf Wing Chun Bewegungen übertragen werden, da im Kampf permanent "Kollisionen" (mit Armen, Beinen oder dem ganzen Körper) stattfinden.

   
     

Verstehen wir unsere Fäuste, unsere Arme, Beine oder schlicht unseren Körper allgemein als "Masse", so wird diese Masse durch die körpereigene Muskelkraft beschleunigt.
Je nachdem, welche Beschleunigungen möglich sind (abhängig vom Trainingszustand und der Anatomie des Muskels bzw. der Muskelgruppen jedes Einzelnen) und je nachdem, wie hoch die Masse des beschleunigten Körpers, der Arme oder Beine ist, kann die erzeugte Kraft unterschiedlich hoch ausfallen.

Bewegt sich ein Körper (Faust, Fuß, etc.) einer bestimmten Masse mit einer bestimmten Beschleunigung und trifft schließlich auf den gegnerischen Körper, wird durch die Kraft und die Zeitdauer der Krafteinwirkung bestimmt, welche Krafteinwirkung auf den Gegner erfolgt. Man spricht hierbei von einem "Kraftstoß" oder einem "Impulsübertrag" infolge der sich ereignenden Kollision.

Exakt dieser Zeitpunkt der Kollision mit dem dabei stattfindenden "Impulsübertrag" determiniert den weiteren Kampfesverlauf.

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4. "Kraftprinzipien" legen die Vorgehensweise des Kämpfers nach Kollisionen fest

     
     

Ist es zu einer Kollision mit dem Gegner gekommen, ereignet sich ein Kraftübertrag zwischen den Kontrahenten.

  Kraftprinzipien - Vorgehensweise nach Kollisionen  
     

Kampfprinzipien
Kollisionen beim Billard - Wer kennt nicht die beim Billard permanent stattfindenden "Kollisions-phänomene"? Trifft eine Kugel auf die nächste, findet ein Kraftstoß und ein Impulsübertrag statt. In Abhängigkeit von der Richtung, in der sich die erste Kugel bewegt hat, rollt die "gestoßene" Kugel nach dem Stoß weiter. Analog verlaufen Kollisionen im Kampfgeschehen, wo durch Kraftüber-tragung zwischen zwei Körpern festgelegt wird, ob der Gegner durch die Wucht des Schlages gestoppt wird, sich weiter bewegt oder zurückprallt bzw. ob Körperachsdrehungen stattfinden.

   
     

Die Vorgehensweise, die ein erfahrener und austrainierter Wing Chun Kämpfer im Verlauf solcher Kollisionen zum Einsatz bringt, verfolgt das Ziel, einen "fließenden Körper" zu schaffen.

Dieses "fundamentale Prinzip" des Wing Chun könnte man auch als "Fähigkeit zur vorteilhaften Anpassung an den Gegner" bezeichnen. Diese Fähigkeit soll unter Beachtung der so genannten "Vier Kraftprinzipien" umgesetzt werden, was durch langes und ausgiebiges Training erreicht werden kann.

Die "Vier Kraftprinzipien" werden häufig folgendermaßen formuliert:

  1. Befreie Dich von Deiner eigenen Kraft!
  2. Befreie Dich von der Kraft des Gegners!
  3. Nutze die Kraft des Gegners und richte sie gegen ihn selbst!
  4. Füge der gegnerischen Kraft Deine eigene Kraft hinzu!

Diese vier essentiellen Kampfprinzipien werden im Kampfesverlauf vom Wing Chun Kämpfer im perfekten Zusammenspiel mit den vier Kampfprinzipien (siehe "Wing Chun Kampfprinzipien") zum Einsatz gebracht.

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5. Das erste Kraftprinzip: "Befreie Dich von Deiner eigenen Kraft!"

     
     

Sich von seiner eigenen Kraft zu befreien, ist Inhalt des ersten Kraftprinzips. Zu diesem Zweck lernt man zuerst, die eigenen Muskeln ohne unnötige Verspannungen zu kontrollieren.

Bereits in der Siu Nim Tao (siehe den Artikel zur "Siu Nim Tao") - der ersten im Wing Chun gelernten Form - lernt der Schüler, "partiell" die Muskulatur anzuspannen und "zum rechten Zeitpunkt" wieder zu entspannen - sich also quasi von seiner eigenen Anspannung bzw. Kraft zu befreien.
Rumpf und Arme werden entspannt gehalten, während die Adduktoren der Beine trainiert werden. Mittels der Siu Nim Tao wird nicht nur Muskelkontrolle geübt, sondern auch das Verständnis der richtigen Gelenkwinkel und das Funktionsprinzips des Ellbogens zur Unterstützung der korrekten Kraftlinie vieler Bewegungen verbessert.

Das erste Kraftprinzip beinhaltet also sozusagen die Aufforderung des Lösens von Muskelanspannungen - und zwar "zur rechten Zeit"!

Hier ist also das bewusste und gezielte Einsetzen der  Muskulatur im Sinne von Anspannungen und Entspannungen gemeint, wobei das "ideale Timing" die entscheidende Rolle spielt.

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  Erstes Kraftprinzip  
           
    6. Das zweite Kraftprinzip: "Befreie Dich von der Kraft des Gegners!"      
     

Durch dieses Prinzip wird der Wing Chun Kämpfer aufgefordert, dem Gegner keinerlei Ansatzpunkte zu bieten, aufgrund derer er seine Kraft einsetzen kann.

Anstatt der gegnerischen Kraft mit der eigenen Kraft zu begegnen, gibt man nach und "befreit sich so von der Kraft des Gegners". Statt Kraft gegen Kraft einzusetzen, wird die gegnerische Kraft quasi "begleitet".

Aus diesem Prinzip ist unmittelbar ersichtlich, dass im Wing Chun keine Techniken vorkommen, durch die der gegnerische Angriff "geblockt" wird - bei denen also "Kraft gegen Kraft" aufgewendet wird, um den gegnerischen Angriff zu stoppen. Durch diese Arbeitsweise definiert Wing Chun sich unter anderem als sogenannter "weicher Kampfkunststil".

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  Zweites Kraftprinzip  
           
   

7. Das dritte Kraftprinzip: "Nutze die Kraft des Gegners und richte sie gegen ihn selbst!"

     
     

Die Kraftaufwendung des Gegners soll durch Befolgung des dritten Kraftprinzips für die eigene Verteidigung genutzt werden, anstatt sie ungenutzt verpuffen zu lassen.

Oft wird in diesem Zusammenhang behauptet, man "borge sich die Kraft des Gegners und lenke diese um".

Wer die weiter oben genannte Kraftdefinition im Kern verstanden hat, weiß, dass Kräfte "gerichtete Größen" sind - also eine "klar definierte Richtung" aufweisen. Auf dieser Erkenntnis - als auf "Kraftrichtungen" - basiert die Funktionsweise des Chi Sao Trainingskonzeptes.

Richtigerweise "lenkt" man im Wing Chun keine Kräfte um, sondern "arbeitet mit der Kraftrichtung" des gegnerischen Angriffes.

Diese Arbeitsweise ergibt die ökonomischste Art der Körperreaktion mit der geringsten eigenen Kraftanstrengung.

Das Umlenken von Kräften hingegen erfordert einen extra Kraftaufwand, der speziell zum Zweck des Umlenkens aufgewendet werden muss, was nicht Sinn der Kraftprinzipien ist.

Man sieht hier, wie wichtig es durchaus sein kann, Begriffe wie "Kraft" in ihrer Kernbedeutung verstanden zu haben, um sinnlose Aussagen oder gar falsche Aussagen im Sinne des Wing Chun zu vermeiden. Behauptungen wie z.B. "Kräfte werden im Wing Chun umgelenkt" sind schlichtweg falsch und verdeutlichen, wie wenig derjenige, der solche Aussagen trifft, eigentlich wirklich vom "Kraftbegriff" verstanden hat: nämlich gar nichts!

Man sieht: im Wing Chun gehen Praxis UND Theorie Hand in Hand ...

Richtigerweise wird die Kraft des Gegners nur geborgt, "nicht" umgelenkt, und intelligent für die Beschleunigung oder Ausführung des eigenen Angriffes ausgenutzt, was man mit dem Zusatz: "richte die Kraft des Gegners gegen ihn selbst" verdeutlicht.

Mit dieser Aussage ist genauer gemeint, dass der Gegner durch kraftvolle Angriffe gewisse Wing Chun typische Reaktionen des Wing Chun Kämpfers hervorruft, die je nach gegnerischem Kraftaufwand in ihrer Stärke angepasst werden.
Man könnte "platt" sagen: "Je stärker und unbedachter der Gegner angreift, desto intensiver schlägt es bei ihm selbst ein." - das ist zwar nicht ganz korrekt, illustriert aber ganz nett den Inhalt des dritten Kampfprinzips.

Die Umsetzung des dritten Kraftprinzips erfolgt durch Kombination ausgefeilter Handtechniken und Schrittarbeit. Geschicktes Wenden, Zurückweichen und Vorgehen ermöglichen zusätzlich die Kontrolle gegnerischer Krafteinwirkungen.

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  Drittes Kraftprinzip  
           
    8. Das vierte Kraftprinzip: "Füge der gegnerischen Kraft Deine eigene Kraft hinzu!"      
     

Werden die ersten drei Kraftprinzipien sinnvoll eingesetzt, kann der Wing Chun Kämpfer sich infolgedessen in eine taktisch und strategisch günstige Angriffsposition manövrieren, aus der er seine Waffen (Hände, Füße, Körper, etc.) gewinnbringend einsetzen kann.

Die nun folgenden Angriffstechniken werden schließlich unter Einhaltung des vierten Kraftprinzips zum Einsatz gebracht, indem die eigene Kraft gezielt gegen den Gegner angewendet wird.

Jegliche Reaktion des Wing Chun Kämpfers, die primär vom Gegner durch dessen eigenen Angriff quasi "provoziert" wird, wird vom Wing Chun Kämpfer kraftunterstützt ausgeführt.

Heißt: anstatt nur passiv zu reagieren, wird die eigenen Muskelkraft eingesetzt, um beispielsweise maximale Schlagwirkung zu erzielen.

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  Viertes Kraftprinzip  
           
    9. Fazit aus den Kraftprinzipien      
     

Die Kraftprinzipien verfolgen das Ziel, den Kämpfer in die Lage zu versetzen, mit minimalem Kraftaufwand die effektivsten Bewegungen auszuführen - ganz im Sinn des allgemein bekannten "Mini-Max-Prinzips":

Minimaler Kraftaufwand = maximale Effizienz!

Eine sehr gut ausgeführte Wing Chun Bewegung liegt vor, wenn sie trotz minimalen Kraftaufwandes die größte Wirkung erzielt - diese Arten von Bewegungen erscheinen auf den ersten Blick fast "mühelos", haben aber beeindruckende Folgen für den Gegner.

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  Fazit aus den Kraftprinzipien  
           
   
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