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1. Hierarchische Strukturen im Wing Chun

     
     

Als Hierarchie (abgeleitet von "Hi|eros: heilig" und "Arché: Herrschaft") bezeichnet man rein formal ein System von Elementen, die einander über- bzw. untergeordnet sind.

Aus dem Blickwinkel der Soziologie - der "Wissenschaft von den Voraussetzungen, Abläufen und Folgen des Zusammenlebens von Menschen" - sind Hierarchien oft mit
"Verhältnissen von Herrschaft und Autorität" verbunden - beispielsweise in der Linienorganisation eines Unternehmens, bei Behörden, im Militärwesen oder auch schlichtweg in Familienstrukturen.

Traditionell wird Wing Chun als "hierarchisch geordnetes Familiensystem" verstanden. Chinesische Familientraditionen spielten und spielen bei der Strukturierung und Weitergabe des Wing Chun Systems eine beachtliche Rolle.

Ich möchte dazu nachfolgend einige Erläuterungen geben, wie sich diese chinesischen Familientraditionen auf Wing Chun als Kampfkunst ausgewirkt haben und heute nach wie vor auswirken.

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Hierarchische Strukturen im Wing Tsun

 
           
 
 

2. Entwicklungsgeschichtliche Unterschiede zwischen China und Europa

     
     

Ein wesentlicher Unterschied in der kulturellen Entwicklung zwischen China und Europa besteht alleine schon im Zeitraum, in dem das chinesische Reich bzw. China existiert.

Gegründet vor über 3500 Jahren und seit 221 v. Chr. als "Kaiserreich China" deklariert (bis 1912), hatte dieser kulturelle Raum offensichtlich genügend Zeit, seine internen Strukturen zu entwickeln und zur vollen Blüte zu bringen.

Es wurde in diesem Zeitraum vieles in China vereinheitlicht und so die Grundlagen einer gemeinsamen kulturellen Identität geschaffen - so z.B. auch die aus tausenden chinesischen Schriftzeichen bestehende chinesische Schrift, die als das älteste noch in Gebrauch befindliche Schriftsystem der Welt gilt.

  Entwicklungsgeschichtliche Unterschiede zwischen China und Europa  
     


Chinesische Schrift - das älteste, noch in Gebrauch befindliche Schriftsystem der Welt.

   
     

Die chinesische Geschichte erstreckt sich über den gewaltigen Zeitraum von 5000 (!) Jahren, in denen sich die chinesische Kultur und Wissenschaft, vor allem die chinesischen Sprachen, die chinesischen Namen, die chinesische Philosophie, die chinesische Küche, der chinesische Volksglaube, die traditionelle chinesische Medizin und vieles mehr entwickelt hat.

Zur stiltypischen chinesischen Kunst gehören vor allem die chinesische Musik, die chinesische Literatur, die chinesische Malerei, die chinesische Architektur, chinesische Gartenkunst und natürlich die "chinesische Kampfkunst" - um die es sich hier dreht!

Wenn man sich vor Augen führt, dass z.B. die Bezeichnung "Deutschland" erst seit dem 15. Jahrhundert verwendet wird, deutet sich bereits hier an, dass es gravierende Unterschiede in der Entwicklung beider Kulturkreise (asiatischer und europäischer) gibt, deren eine Ursache beispielsweise schon in der Dauer der "einheitlichen Entwicklung" zu suchen ist.

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    3. Chinesische Familienauffassung      
     

Lenkt man seine Aufmerksamkeit auf chinesische Kampfkünste, fällt auf, dass diese traditionell stark von familiären Strukturen gekennzeichnet sind - auch Wing Chun ist wie ein "Familiensystem" aufgebaut und bildet diesbezüglich keine Ausnahme.

Was hat es mit dieser Familientradition auf sich?

Um Wing Chun und die in Deutschland bzw. weltweit teilweise merkwürdig anmutenden Wing Chun Strukturen und Bezeichnungen (Sifu, Sigung, Sihing, etc.) besser verstehen zu können, möchte ich auf dieser Seite einen Blick auf Familienverhältnisse in der chinesischen Kultur werfen und einen Vergleich zu deutschen (und europäischen) Familienverhältnissen ziehen.

Traditionell hat die "Familie" in China eine herausragende Bedeutung. Philosophische und religiöse Sichtweisen stellen auch hier wieder das Fundament dar.
Eine wesentliche chinesische Auffassung und Überzeugung ist, dass eine "funktionierende, gesunde Familie" sich positiv auf andere Teile der Gesellschaft auswirkt und somit "staatstragend" wirkt. Die Familie stellt somit eine der wichtigsten Grundlagen des intakten Staates dar.

  Chinesische Familienauffassung  
     


Klassisches Familienporträt - Typisches Familienbild einer chinesischen Familie um 1920. Die Eltern sitzen, die Kinder stehen um sie herum. Das erinnert stark an typische "Lehrer-Schüler" Bilder im Wing Chun (WT, WC, VT, VC, etc.), auf denen der Lehrer üblicherweise auf einem Stuhl sitzt, wobei die Schüler um ihn herum stehen. So wird von Anfang an klar gestellt, wer von wem gelernt hat bzw. - vereinfacht gesprochen - "wer hier der Chef ist". In meinen Augen reichlich albern, solche Verhaltensweisen in eine Kampfkunst wie Wing Chun zu übernehmen ...

     
     

Starke Familienbande und der intrafamiliäre Zusammenhalt wurden durch gegenseitigen Respekt, Hilfe und Zusammenhalt aufgebaut, gefestigt und gestärkt. Sei es im Alltag, bei Krankheiten oder anderen Notständen - die Familie stand zusammen!

Eine "reiche und fruchtbare Familie" war stets das Familienziel - die Familie wurde von allen Familienangehörigen in hohen Ehren gehalten. Nachkommen sicherten den Fortbestand der Familie - durch sie konnte der "Funke des Lebens" weitergegeben werden und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Einheit verschmelzen.

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4. Die Rolle des Vaters in der chinesischen Familie

     
     

Der älteste Mann der Familie (Vater, Großvater oder Urgroßvater) stellte so gut wie immer das Familienoberhaupt der chinesischen Familie dar und besaß quasi die "Oberherrschaft" über die Großfamilie. Diese Herrschaft ging beim Ableben des Familienoberhauptes auf dessen Sohn über - beispielsweise vom Urgroßvater zum Großvater bzw. vom Großvater zum Vater oder vom Vater zum Sohn.
Starb der Vater, so ging die Herrschaft auf den erstgeborenen Sohn über. Der Vater hatte somit die höchste Stellung in der Familie, aller Besitz lag in seiner Hand, er besaß die entscheidende Macht.

Man kann hieraus schließen, dass die chinesische Familie ein klassisches "Patriarchat" darstellte - also als Herrschaftsform ausgebildet war, die durch die Vorherrschaft von Männern über Familien gekennzeichnet ist.

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  Rolle des Vaters in chinesischer Familie  
           
   

5. Die "Sohnespflicht" als Fundament der chinesischen Familie

     
     

Die "Sohnespflicht" gehört zu den bedeutendsten Konzepten des Konfuzianismus (siehe dazu den Artikel über "Konfuzianismus im Wing Chun"), der Lehre, durch die die chinesische Familienethik maßgeblich beeinflusst worden ist. Sie stellt die Grundlage für das familiäre, gesellschaftliche, religiöse und politische Leben dar.

Zur Sohnespflicht gehört, dass der Sohn dem Vater und der Mutter in guter Weise dienen soll - womit Gehorsam, gute Behandlung, etc. gemeint sind. Diese Verhaltensweisen hielt man in China für selbstverständlich. Diese Pflicht erstreckt sich bis über den Tod der Eltern hinaus, wodurch sich die Ehrfurcht, der Respekt und die Liebe des Sohnes ausdrücken. Zusätzlich verpflichtet diese Denkstruktur die Nachkommen, fortzuführen, was die Vorfahren begonnen hatten.

Die Sohnespflicht ist unmittelbares Resultat aus den Zuwendungen, die der Sohn von seinem Vater erhalten hat. Der Vater ernährte nicht nur den Sohn, sondern lehrte ihn unter anderem soziale und kulturelle Gepflogenheiten, die später sein Überleben inklusive einen gesellschaftlichen Aufstieg - soweit möglich - sichern sollten.

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  Die Sohnespflicht als Fundament der chinesischen Familie  
           
   

6. Wechselbeziehungen zwischen Vater und Sohn - "keine Einbahnstraße"

     
     

Trotz all der vorher angedeuteten Pflichten des Sohnes gegenüber dem Vater ist diese diffizile Vater-Sohn-Beziehung keine Einbahnstraße. Im Daodejing (bzw. Tao Te King- siehe den Artikel zu "Daoismus im Wing Chun") steht geschrieben, dass die Eltern "geachtet" werden sollten.

"Auf dem rechten Weg folge man ihnen, auf dem unrechten Weg ermahne man sie."

Sollte der Sohn wahrnehmen, wie der Vater Unrechtes tut, ist er aufgerufen, dies zu verhindern. Blinder Gehorsam ist also nicht gemeint und nicht Inhalt der Sohnespflicht. Stattdessen hat der Sohn ebenfalls für die vom Vater begangenen Fehler und Ungerechtigkeiten Verantwortung zu übernehmen.

Vater und Sohn sind verpflichtet, die Beziehung wechselseitig zu pflegen. Zwischen beiden sollte stets eine gute Haltung gewahrt werden.

Gemäß des chinesischen Glaubens ist der Mensch nach dem Willen des Himmels erschaffen und hat dessen Tugenden empfangen. Das gleiche Prinzip herrscht laut chinesischer Vorstellung in der Vater-Sohn-Beziehung. Der Sohn ist als Ebenbild des Vaters geschaffen und sollte dem Vater ähnlich sein.
Ein unbotmäßiger Sohn wurde als "unähnlicher Sohn" betrachtet, da er sich rebellisch dem Dao widersetzte. Solch ein Sohn wurde in einer konfuzianischen Gesellschaft als schlimmste Plage beurteilt.
Der Vater gibt dem Sohn eine Aufgabe - wie der Himmel es mit dem Menschen tut. Der Vater ist die Wurzel und der Sohn das Wachstum. Somit ist die Beziehung zwischen ihnen zeitlich nicht beschränkt. Wer einmal Vater ist, wird sein ganzes Leben und darüber hinaus Vater sein. Wer Sohn ist, wird sein ganzes Leben lang Sohn bleiben.

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  Wechselbeziehungen zwischen Vater und Sohn  
           
   

7. Familienverhältnisse in Deutschland bei Germanen und vom 18. bis 20. Jahrhundert

     
     

Daoismus und Konfuzianismus standen und stehen nicht im Mittelpunkt familiärer Grundstrukturen in Deutschland - weder heutzutage noch während der letzten Jahrhunderte. Wie weiter oben bereits angedeutet, unterscheidet sich der europäische Kulturkreis hier definitiv vom asiatischen.

Bei den Germanen galt die eigene Familie als die kleinste gesellschaftliche Einheit. Das Eheleben der Familie war streng geregelt. Die Frau trat als "Genossin" in den Ehestand und ertrug Arbeiten und Gefahren gemeinsam mit ihrem Ehemann - sei es im Krieg oder im Frieden. Frauen arbeiteten auf dem Feld, im Haus oder kümmerten sich um das Wohlergehen der ganzen Familie. Sie wurden nicht selten wegen der von ihnen verrichteten harten und hohen Arbeitslast verehrt.
Die Germanen waren der Ansicht, Frauen zeichneten sich durch etwas Heiliges und Vorahnendes aus. Ihre Ratschläge wurden stets ernst genommen. Die Führung der Familie oblag jedoch ähnlich wie in China dem Mann als Familienoberhaupt.

Um die Jahrhundertwende zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert prägte die industrielle Revolution stark das Bild der Familie. Die typische ländliche Großfamilie wurde durch die bürgerliche Kleinfamilie ersetzt. Dies wurde dadurch verstärkt, dass viele Menschen in die Städte zogen, um Arbeit in den Fabriken zu suchen.

Diese Faktoren (hier nur kurz umrissen) bedingten, dass ein Ahnenkult, wie er in chinesischen Familien vorherrschte, in Deutschland - außer beim Adel - quasi unbekannt war. Die Bauern wussten häufig nicht einmal, wer ihr Großvater war - was auch häufig nicht interessierte.
Die Bindung zwischen Müttern und Kindern war schwach bzw. gar nicht vorhanden. Bei den Bauern arbeiteten überzählige Kinder bereits im Alter von 12 bis 14 Jahren auf anderen Höfen.

Um die Jahrhundertwende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert dehnte sich die weibliche Erwerbstätigkeit auf neue Bereiche aus - Frauen eroberten die bislang Männern vorbehaltenen Domänen.

Trotzalledem musste eine verheiratete Frau - wollte sie berufstätig sein UND sich um die Familie kümmern - noch bis 1957 die Einwilligung des Mannes erbitten, um ihre Berufstätigkeit auszuüben. Wer um die Jahrhundertwende heiratete, ging davon aus, dass seine Ehe ein Leben lang hielt. Ehescheidungen galten um diese Zeit herum als Skandal.

Alles in allem kann man nur sagen: "Ein Glück, dass die Zeiten mittlerweile anders sind" Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft der Gleichberechtigung, worüber wir alle nur froh sein können!

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  Familienverhältnisse in Deutschland  
           
   

8. Familienverhältnisse im Licht der Globalisierung

     
     

Sowohl chinesische als auch europäische  Familientraditionen sind im Zug der raschen Globalisierung einem raschen Wandel unterworfen.
Althergebrachte traditionsreiche Lebensweisen werden innerhalb kurzer Zeit aufgegeben. Andere Lebensweisen - mitunter aus ganz anderen Kulturkreisen - werden gesellschaftsübergreifend angenommen.

Die Möglichkeiten, sowohl für wenig Geld weit zu reisen und dabei unsere extrem schnellen Transportmittel zu verwenden als auch über hocheffiziente Telekommunikationsverbindungen Kontakt über hunderte oder gar tausende Kilometer mit dem Rest der Familie aufzunehmen, ermöglichen eine Art von  "virtuellem Zusammenleben", wie es in den letzten Jahrhunderten nicht möglich war.

Dennoch zeichnen sich auch ausgeprägte Nachteile ab.

Traditionelle Familienstrukturen brechen ein, werden aufgelöst und der Generationen überspannende Zusammenhalt, der in früher existierenden Familien vorherrschte, bricht auseinander.

Damit sind nicht selten mangelnder Respekt, mangelhafte Ehrfurcht vor dem Alter, Rücksichtslosigkeit und ausbleibendes Interesse für die ältere Generation verbunden.

In meinen Augen eine sehr bedauerliche Entwicklung ...

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  Familienverhältnisse im Licht der Globalisierung  
           
    9. Wing Chun - traditionelle Strukturen einer großen Kampfkunstfamilie      
     

Analog zu den Verwandschaftsbeziehungen wie Onkel, Tante, Bruder, Cousine, etc., die uns im europäischen Raum bekannt sind, existieren ähnliche Verwandschaftsbeziehungen in China, die allerdings um einiges komplexer als beispielsweise in Deutschland sind.

Lange Zeit wurde Wing Chun lediglich innerhalb von Familien unterrichtet und war öffentlich nicht zugänglich. So wurde das System vom Ur-Ur-Großvater auf den Ur-Großvater, vom Ur-Großvater zum Großvater, vom Großvater zum Vater und von diesem zu den Söhnen - sowohl älteren als auch jüngeren weitergegeben. Nicht selten waren diverse Onkel ebenfalls an der Weitergabe bzw. Systemvarianten beteiligt.
Auf diese Art und Weise war Wing Chun im Prinzip eine Art "Familiensystem", wobei sich die Verwandschaftsbeziehungen auf das Kampfkunstsystem übertrugen.

Der Vater, der zugleich der Lehrer war, wurde "Sifu" genannt, was soviel wie "väterlicher Lehrer" bzw. "Vaterlehrer" bedeutet. Diese Bezeichnung entspricht der japanischen Bezeichnung "Sensei" wie man sie beispielsweise im Karate wieder findet. Der Sifu stellt die zentrale Figur in der Weitergabe des Wing Chun Systems dar und war und ist Dreh- und Angelpunkt der Schule.

Jeder Wing Chun Lehrer, der eine Wing Chun Schule sein eigen nennt, ist automatisch Sifu, also väterlicher Lehrer der eigenen Schüler.

Ob man ihn dann auch so nennen muss, hängt von der Schule und dem Lehrer ab.

Die Verwandschaftsbeziehungen innerhalb der Wing Chun Familie verhalten sich analog zu denen einer normalen Familie. Hat der Sifu einen Schüler (im Chinesischen sogenannter "Todai"), so wird der Schüler gemeinsam mit seinen Mitschülern relativ zum Sifu ins Verhältnis gesetzt. Tritt ein anderer Schüler beispielsweise als zweiter Schüler in die Schule ein, ist er der "Sidai", der jüngere Bruder des ersten Schülers, wohingegen der erste Schüler der "Sihing", also der ältere Bruder des jüngeren Schülers ist.

Genauso, wie normale familiäre Beziehungen beliebig komplex werden können (man denke mal über grauenvolle Aussagen wie: "er ist der Bruder der Tante, die die Mutter der Cousine des Vaters vom Schwager des Onkels ist" nach), können Familienbeziehungen im Wing Chun ebenfalls vollkommen undurchsichtig werden und werden dementsprechend im westlichen Kulturraum nur äußerst selten verwendet.

Einen kleinen Ausschnitt dieser chinesischen Verwandschaftsverhältnisse zeigt die nachfolgende Grafik.

  Traditionelle Strukturen einer großen Kampfkunstfamilie  
     


Kleiner Ausschnitt aus den Verwandschaftsverhältnissen chinesischer Familien, wie sie auch im Wing Chun wiedergefunden werden. Zentralfigur der chinesischen Familie als auch einer Wing Chun Schule ist der Sifu.

     
     

Im traditionellen Wing Chun übernimmt die Wing Chun Schule quasi die Rolle der Familie, also der "Kampfkunstfamilie", wobei der Lehrer bzw. Trainer die Verantwortung für seine Schüler im Sinne seiner "Wing Chun Kinder" übernimmt.
Diese Strukturen werden verdeutlicht, indem der Lehrer im traditionellen Wing Chun mit dem Titel "Sifu" angesprochen wird. Der Schüler spricht ältere Schüler (also solche, die schon länger im Training sind) mit "Sihing" an.

Durch diese Art von Hierarchie wird im traditionellen Wing Chun genau geregelt, wer wem über- bzw. untergeordnet ist.

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    10. Die Wing Chun Schule: eine intakte und gesunde kleine Kampfkunstfamilie      
     

Man sieht, dass sich die chinesischen Familienvorstellungen auf Wing Chun als Kampfkunst niederschlagen.

Als "Familienziel" wird die "Weitergabe des kompletten und intakten Wing Chun Systems" inklusive all seiner Lehrinhalte vom Lehrer zum Schüler betrachtet, wobei die Persönlichkeitsbildung des Schülers ebenfalls eine wesentliche Rolle spielt.  

Die Familienbande innerhalb der Schule und der intrafamiliäre Zusammenhalt sollen durch gegenseitigen Respekt, Hilfe und Zusammenhalt über den Lehrer vom jüngsten bis zum ältesten Schüler aufgebaut, gefestigt und gestärkt werden. Die kleine individuelle Wing Chun Familie soll idealerweise fest zusammenstehen!

Wie steht es nun um die "Sohnespflicht", die ich oben knapp umrissen habe?

Der Sifu als Lehrer und der Todai als sein Schüler nehmen hier quasi sowas wie eine "Vater-Sohn-Rolle" ein, wie sie weiter oben beschrieben wird. Da selbstverständlich auch viele Frauen heutzutage Wing Chun gleichberechtigt trainieren, sollte man eher von einer "Vater-Kind-Rolle" sprechen.

Der Lehrer sollte eine Vorbildfunktion einnehmen und hat die Aufgabe, die Fehler der Schüler zu korrigieren.

Schüler hingegen, die gerade mit Wing Chun begonnen haben - also "Wing Chun-Anfänger" - zeigen dabei häufig folgende Schwächen:

  1. Sie wollen gerne viel wissen, ohne sich um das Wissen wirklich zu bemühen - also die klassische "Konsumentenhaltung".
  2. Sie beschränken sich zu schnell auf ihr kleines Wissensgebiet, ohne dieses erweitern zu wollen - "Genügsamkeit bzw. Faulheit".
  3. Sie interessieren sich für vieles, ohne sich einem Trainingsinhalt ausreichend lange zu widmen, was letztendlich zu Dilettantismus führt - "Ungeduld".
  4. Sie sind in ihrer Sichtweise oft begrenzt. Fortschritte werden nicht erzielt.

Ein guter Lehrer sollte diese Schwächen erkennen und den Schüler korrigieren, ermahnen und zur ständigen Weiterentwicklung anhalten. Sein Ziel sollte sein, den Schüler in Theorie und Praxis wachsen zu lassen.

Der Schüler hingegen sollte ausreichend Selbstbeherrschung und Disziplin aufbringen, um die an ihn gestellten Aufgaben des Lehrers bzw. Anforderungen des Wing Chun Systems zu erfüllen.

Man sieht also, dass der Lern- und natürlich Lehrerfolg sowohl von einem guten Lehrer UND einem guten Schüler abhängig ist. Die Kombinationen "guter Lehrer - schlechter Schüler", "schlechter Lehrer - guter Schüler" versprechen sicherlich keinen Erfolg beim Durchdringen des Wing Chun Systems. Die Kombination "schlechter Lehrer - schlechter Schüler" ist sicherlich die übelste Kombination, hat aber immer noch den Vorteil, dass vermutlich keiner von beiden realisiert, dass es keinen Fortschritt gibt - somit sind beide Seiten wahrscheinlich zufrieden ;)

Wie auch immer sollte sich jeder - Lehrer und Schüler - um permanente Optimierung und Verbesserung seiner Schule kümmern und einen offenen Geist behalten, dabei den Blick lieber nach "innen" - also auf die eigene Person - richten und die Fehler, die man dort erblickt, ausmerzen.

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  Die Wing Tsun Schule als intakte und gesund Kampfkunstfamilie  
           
    11. Familienstrukturen im Wing Chun - manchmal auch rückständig und blockierend      
     

Familienstrukturen im Wing Chun Kung Fu können manchmal auch eine rechte Plage sein!

Aus unserem traditionellen europäischen Familienverständis heraus ist die chinesische Familienstruktur mit ihren spezifischen Eigenarten wie der Sohnespflicht nicht ohne weiteres nachvollziehbar.
Nicht selten sind daher bestimmte Regeln einer traditionellen Wing Chun Schule, die sich chinesischen Traditionen verschrieben hat, befremdlich oder gar gänzlich unverständlich.

Immerhin darf man nicht vergessen, dass der europäische Kulturkreis mit seinen eigenen Traditionen und Gepflogenheiten anders als der asiatische Kulturkreis funktioniert. Viele asiatische Traditionen können nicht einfach so hoppladihopp Schülern "übergestülpt" werden, nur weil man es in China so hält und weil es dem Lehrer so passt.

Mit Traditionen sollte man es locker halten - der wesentliche Inhalt einer Wing Chun Kampfkunstschule - "das Wing Chun System" - sollte durch das verbissene Festhalten an Traditionen nicht blockiert werden, nur weil der Lehrer durch Sifu-Titel sein Ego aufwerten oder seine Schule durch ausgefeilte chinesische Bezeichnungen von anderen Schulen absetzen will.

Ich bin der persönlichen Auffassung, dass das Wissen um die Traditionen für die Schüler durchaus bereitgehalten werden sollte und auf Anfrage weitergegeben werden können muss. Somit stirbt auch die Tradition nicht aus und interessierte Schüler haben die Möglichkeit, sich ausreichend zu informieren.
Dennoch europäischen Schülern asiatische Traditionen ums Biegen und Brechen aufzudrücken, ist häufig kontraproduktiv und lähmt den gesamten Schulbetrieb. Dementsprechend habe ich mich in meiner Schule weitestgehend von den im traditionellen Wing Chun verbreiteten Familienstrukturen (Sifu, Sihing, Sidai, Todai, Verneigungen, etc.) verabschiedet. Denn man sollte trotz der ganzen Wing Chun Begeisterung eines nicht vergessen:

Wir leben in Europa und nicht in China!

Wing Chun als chinesisches Kampfkunstsystem hat sicherlich seine Wurzeln in China, muss aber stets als ein lebendiges, modernes System fungieren, das mit der Zeit und den Anforderungen unserer heutigen Zeit wächst.

Es muss ein modernes Kampfkunstsystem sein und bleiben - dazu zählt die Anpassung und Integration des Systems in den jeweiligen Kulturkreis, in dem es unterrichtet wird.

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  Familienstrukturen im Wing Tsun - manchmal blockierend  
           
    12. Hierarchischer Titelwahnsinn - Kommerzialisierung versus Tradition      
     

Bisweilen findet man auch die einen oder anderen - sich sag mal - "Perversionen", die sich aufgrund  von Kommerzialisierung bezüglich traditioneller Familienstrukturen im Wing Chun breit gemacht haben.

Die Bezeichnung "Sifu" ist, wie ich oben beschrieben habe, standardmäßig der Titel des Wing Chun Lehrers, genau wie in Japan der Karatelehrer "Sensei" genannt wird. Wie ich oben schon erwähnt habe, ist jeder Wing Chun Lehrer, der in seiner eigenen Schule steht, automatisch der "Sifu" - der väterliche Lehrer seiner eigenen Schüler.

Lustigerweise wird mit der Bezeichnung "Sifu" im europäischen Raum häufig kommerzieller Unfug betrieben. Beispielsweise versagen manche Verbände, denen diverse Wing Chun-Schulen angegliedert sind, ihren Lehrern über eine lange Zeitdauer die Bezeichnung "Sifu" und vergeben diese Bezeichnung als Titel in Form einer Urkunde erst nach Jahren, wobei neben diversen Bedingungen meistens auch noch eine gewisse Summe Geld von demjenigen verlangt wird, der den Titel bekommt.
Solche Vorgehensweisen führen chinesische Traditionen ad absurdum und zeigen, dass die wahre Bedeutung der Bezeichnung "Sifu" nicht verstanden wurde und nun einerseits als Geldquelle und andererseits als eine Art Anreiz zum Unterrichten missbraucht wird, da die Vergabe an diverse Bedingungen (Mindestdauer der Mitgliedschaft, Ausbildung einer Anzahl an Schüler, etc.) geknüpft ist.

Das Ganze wird durch die Bezeichnung "Dai-Sifu" noch getoppt, was soviel wie "Sifu aller Sifus" bedeuten soll - also quasi ein "Sifu mit eingebautem Turbo". Bei diesem Titel handelt es sich vielmehr um eine Fantasiebezeichnung, die es in China nicht gibt und die häufig nur den Zweck erfüllen soll, den Träger hierarchisch von der Schar von "Sifus" eines größeren Wing Chun Verbandes abzusetzen und für die Vergabe ebenfalls nochmals Geld von dem Empfänger des Titels verlangen zu können.

Man sieht, einerseits wird manchmal auf die Einhaltung chinesischer Traditionen gepocht, andererseits werden dieselben oft stark missachtet bzw. "gedehnt" - je nachdem wie es gerade zur Verbandspolitik und dem eigenen Gewinnstreben passt.

Man kann sich ja mal überlegen, wie es in Deutschland gehalten wird:

Ein Mensch, der Brot backt, ist ein "Bäcker" und ein Mensch, der Taxi fährt, ist ein "Taxifahrer" und jemand, der lehrt und unterrichtet, ist nun mal ein "Lehrer". Jeder Mensch in China, der seinen Mitmenschen etwas "beibringt und lehrt" - und sei es nur das Zubinden von Schnürsenkeln - ist automatisch der Lehrer, der "Sifu".

Die logische Konsequenz ist also ganz klar:

  Hierarchischer Titelwahnsinn  
     

Die Bezeichnung "Lehrer (Sifu)" kann weder vergeben noch gekauft oder verkauft werden - sie ergibt sich durch die "Tätigkeit der Lehre" von selbst.

     
     

Wer also genug Grips in der Birne sein eigen nennt, wird also erkennen, dass die Bezeichnung "Sifu" (also: "Lehrer") automatisch vorliegt, wenn man unterrichtet. Wer also drauf steht, sich mit solchem Firlefanz zu schmücken, kann sich also in dem Augenblick von seinen Schülern so nennen lassen, sobald er Wing Chun unterrichtet.

Interessanterweise wird dieser Titel in manchen Verbänden aber nur "verliehen" also einem Lehrer quasi über Jahre verweigert. Was es mit diesem Vorgehen auf sich hat, bzw. welche Taktik und Strategie dahinter steckt und warum das alles andere als "Ehrenhaft" ist, erkläre ich ausführlich auf dieser Seite "Sifu, der väterliche Lehrer" - was hat es mit dem Titel "Sifu" eigentlich auf sich?".

Tatsache ist, dass es eine traditionelle und eine kommerzielle Seite hinter Titeln und Graduierungen gibt. Wie auch immer - man sollte sich stets vergewissern, ob derjenige, der einen Titel oder eine Graduierung trägt, den Respekt auch verdient hat, bevor man ihn mit Titel anredet bzw. dessen Graduierung bestaunt.

Nachdem ich selbst jahrelang in Strukturen trainiert habe, in denen sogenannte "Sifus" und "Dai-Sifus" herumgesprungen sind, habe ich für mich irgendwann erkannt, dass diese Leute diese Titel schlichtweg nicht wert sind, dass viele der Titelträger ein riesiges Ego-Problem mit sich herumschleppen und dass die ganze Titelvergabepolitik im Übrigen eine komplette Farce und zudem auch noch vollkommen lächerlich ist.
Ich kann daher Personen, die sich selbst als "Sifu" oder "Dai-Sifu" bezeichnen und auf die Einhaltung der Bezeichnung seitens ihrer Schüler auch noch Wert legen, nur noch mitleidig belächeln.

Daher habe ich beschlossen, sämtliche Titel im Wing Chun komplett abzulehnen!

Denn keine Graduierung und kein Titel können Dich zu einem besseren Kampfsportler oder Kampfkünstler machen, wenn die Fähigkeiten nicht vorhanden sind.

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© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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