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1. Die drei Ebenen des Wing Chun - Zustandsebenen

     
     

Wenn man von den "drei Ebenen des Wing Chun" spricht, meint man korrekterweise "drei Zustandsebenen", die ein Wing Chun Praktizierender erreichen kann.

Wie ich schon in den Artikeln "Was ist Wing Chun?" und "Was ist Kung Fu?" erläutert habe, schult Wing Chun als Kung Fu Stil sowohl Körper als auch Geist. Nicht umsonst heißt es schon seit jeher:

"Mens sana in corpore sano! - Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper!"

Jeder Anfänger, der mit Kampfsport oder Kampfkunst noch nicht weiter in Berührung gekommen ist und zum ersten Mal mit dem Gedanken spielt, Selbstverteidigung zu erlernen, nimmt an, es ginge in erster Linie ausschließlich um den körperlichen Selbstverteidigungsaspekt - also um Methoden und Techniken, sich gegen körperliche Angriffe zu schützen.

Das ist nur teilweise richtig!

Ein sehr gutes Parallelbeispiel zu Wing Chun bezüglich der Vielschichtigkeit ist Yoga. Gönnen wir uns daher an dieser Stelle einen kleinen Blick auf Yoga.

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Die drei Ebenen des Wing Chun - Zustandsebenen

 
           
 
 

2. Ein kurzer Ausflug ins Yoga mit Bezug zu Wing Chun

     
     

Yoga ist einigen Leuten viel eher ein Begriff als Wing Chun. Dennoch haben Yoga und Wing Chun einige interessante Gemeinsamkeiten.

Yoga (eingedeutscht: Joga) ist in erster Linie eine "philosophische Lehre" aus Indien, die eine Reihe körperlicher Übungen wie Yama, Niyama, Asanas, Pranayama und/oder Askese, etc. umfasst. Yoga kann sowohl als "Vereinigung" oder "Integration" von Körper und Seele als auch im Sinne von "Anbinden" des Körpers an die Seele verstanden werden. Yoga ist eine der klassischen Schulen der indischen Philosophie.

Allein die Tatsache, dass Yoga eng mit philosophischen Grundüberlegungen verbunden ist, deutet an, dass es im Yoga nicht um Körperertüchtigung allein geht.

Bedauerlicherweise denkt man in Westeuropa und Nordamerika bei dem Begriff Yoga häufig ausschließlich "NUR" an die körperlichen Übungen, die in Form der Asanas oder Yogasanas einherkommen.
In teils hippen und aufgepeppten Kursen, die z.B. "Power-Yoga" genannt werden, werden häufig die Grundideen des Yoga verwässert und teilweise verfehlt und fallen der Kommerzialisierung des Yoga zum Opfer.
Zwar wächst die körperliche Fitness des Einzelnen, aber der Geist bzw. die "innere Entwicklung des Einzelnen" bleibt auf der Strecke, da die entsprechenden Übungen oft nicht mehr vermittelt werden.

  Ausflug ins Yoga  
     


Yoga - Yoga in seiner ursprünglichen Lehre ist ein "Weg der Selbstvervollkommnung", wird aber, analog zu Wing Chun, heutzutage ähnlich oberflächlich unterrichtet, wobei der Fokus dann meistens auf rein körperliche Übungen gelegt wird. Die "inneren Lehren" werden nur noch selten vermittelt.

     
     

Anstatt sich nur auf den rein körperlichen Aspekt zu beschränken, ist Yoga in der ursprünglichen Yogalehre ein "Weg der Selbstvervollkommnung", zu dem unter anderem gehört, die persönlichen Wünsche und Begierden zu zügeln und Methoden der inneren Reinigung auszuüben (um zwei der vielen Lehrinhalte des Yogas hier anzudeuten).

Yogaübungen verfolgen heute meistens einen ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Seele miteinander in Einklang bringen soll. Angestrebt wird eine verbesserte Vitalität und gleichzeitig eine Geisteshaltung, die von innerer Gelassenheit geprägt ist.

In vielen Wing Chun Schulen, die heute weit verstreut sind, wird Wing Chun ähnlich oberflächlich unterrichtet, wie es im Yoga der Fall ist.
Häufig ist das Training nur noch auf rein körperlichen Übungen - wie Schlagkraft, Lat Sao, Chi Sao, Formen, Bodenkampf, etc. - also auf häufig spektakuläre Übungen, die für jedermann offen sichtbare Seite des Wing Chun, beschränkt.

Stattdessen hält Wing Chun genau wie Yoga auch andere, höhere Aspekte bereit, die sehr viel tiefgreifendere Änderungen der Persönlichkeitsstruktur nach sich ziehen, als einfache physische Übungen dies zu tun vermögen!

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    3. "Inneres Wing Chun" und die Entwicklung der eigenen Person      
     

Offensichtlich ist nur wenigen Wing Chun Lehrern und erst recht Wing Chun Schülern kaum bekannt, dass Wing Chun weitere, sehr viel tiefergehende "innere Lehren" bereit hält, die über den einfachen Selbstverteidigungsaspekt hinausgehen.

Man könnte sagen, durch diese "inneren Lehren wird unsere innere Leere ausgefüllt."

Diese Aussaget mutet nach dem Allerweltsverständnis von Esoterik in der Tat etwas "esoterisch" an - schade nur, dass der Begriff "Esoterik" aufgrund von Missbrauch diverser Billighoroskope schreibender Hobbyastrologen, Kristallkugeln schwenkender Wahrsager und solcher Leute, die sich Rosenquarz auf den Hintern legen und auf die Erleuchtung warten, mittlerweile so abgegriffen ist, dass man ihn in seiner wahren Bedeutung heutzutage nicht mehr gebrauchen kann.

Tatsächlich stammt das Wort "Esoterik" von dem altgriechischen Begriff "Esoterikos", was soviel bedeutet wie "innerlich", womit in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine für einen begrenzten "inneren Personenkreis" bestimmte philosophische Lehre gemeint ist.

"Esoterik" gilt als Bezeichnung für eine Art von "Geheimlehren“, wobei es sich de facto allerdings zumeist um "allgemein zugängliche offene Geheimnisse" handelt, die sich einer entsprechenden Erkenntnisbemühung erschließen.

Das eigentliche Ziel neben der Selbstverteidigung im Wing Chun ist nicht zuletzt, eine höhere Stufe der Erkenntnis zu erreichen - und dabei zu "wesentlichem oder absoluten Erkenntnisgewinn" bezüglich der eigenen Person zu gelangen. Hierbei können sehr vielfältige Wege im Wing Chun beschritten werden, welche zu diesem Ziel führen.

Man sagt in diesem Zusammenhang, dass man "inneres Wing Chun" praktiziert.

Bedenkt man, dass Wing Chun als Kung Fu Stil aus dem Shaolin Kung Fu hervorgegangen ist und seine Wurzeln somit im Shaolin Kloster zu finden sind, in dem buddhistische Lehrinhalte vermittelt wurden, man seinen "inneren Weg (Dao)" suchte bzw. ihm folgte und konfuzianistischen Gesellschaftsauffassungen unterworfen war, wundert es nicht, dass Wing Chun durchaus mehr also nur den reinen Selbstverteidigungsaspekt enthalten muss, oder?

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  Inneres Wing Chun - Entwicklung der eigenen Person  
           
   

4. Die erste der drei Ebenen -  "Physische Selbstverteidigung durch Wing Chun"

     
     

Selbstverteidigung im körperlichen, physischen Sinn, also sozusagen "das Aufeinanderprallen gegnerischer Körper und der Kampf um Sieg und Niederlage", ist der Inhalt der ersten und niedrigsten Stufe im Wing Chun.

Dennoch ist der Selbstverteidigungsaspekt für jeden Anfänger oder nur auf dieser unteren Ebene ausgebildeten Wing Chun Kämpfer der augenscheinlichste Inhalt des Wing Chun und somit für jeden am leichtesten nachvollziehbar.

Auf dieser ersten Ebene geht es hauptsächlich darum, seinen Körper vor den Angriffen anderer zu schützen - körperliche Auseinandersetzungen müssen abgewendet bzw. erfolgreich bestanden werden.

Ein Wing Chun Kämpfer lernt hier, typischen Wing Chun Prinzipien, so genannten "Kuen Kuits" (siehe dazu: "Was ist Wing Chun?") zu folgen und somit auf willkürliche Angriffe angemessen zu reagieren.

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  Die erste Ebene - Selbstverteidigung  
           
   

5. Die zweite der drei Ebenen -  "Taktik und Strategie im Wing Chun"

     
     

Wer begriffen hat, wie er sich unter Anwendung Wing Chun typischer Prinzipien physisch verteidigen kann, weiß mittlerweile, dass Taktik und Strategie zwei wichtige Faktoren in einem Kampf darstellen, um siegreich aus diesem hervorzugehen.

Als Strategie bezeichnet man umgangssprachlich "den großen Plan über allem". Unter Strategie eines Wing Chun Kämpfers versteht man folglich einen vollständigen Plan, wie sich der Kämpfer in jeder denkbaren Kampfsituation verhalten wird. Durch die Strategie wird also das Kampfverhalten eines Kämpfers vollständig beschrieben.

Unter "Taktik" versteht man hingegen die aktuelle Aktivität zur Erreichung eines kurzfristigen Ziels.

Als Beispiel auf den Wing Chun Kampf angewandt - der in der unteren, der ersten Ebene ausgefochten wird - bedeutet dies, dass der Wing Chun Kämpfer eine Strategie verfolgt, um sein Ziel in Form des "Sieges über den Gegner" zu erlangen.
Im Kampf kommen diesbezüglich verschiedene Taktiken zum Einsatz, um die gewählte  Strategie erfolgreich umzusetzen.

Ich nenne hier einmal zwei Beispiele, um diesen Punkt zu verdeutlichen:

  • Beispielsweise kommen Tiefschläge - sogenannte "Türöffner" im Sinne der"door-opener Strategie)" - zum Einsatz, um das kurzfristige Absenken der gegnerischen Deckung einzuleiten, um anschließend in die entstandene Lücke vorzustoßen und dem Gegner somit einen Schaden zuzufügen, der die Wahrscheinlichkeit eines Sieges erhöht.
  • Weiterhin können Wing Chun Tritte angebracht werden, um die Körperachse des Gegners zu knicken und somit sein Gleichgewicht zu stören. Man beschreibt dieses taktische Vorgehen häufig so, dass der Gegner "dann gegen sich selbst kämpft, also gegen den persönlichen Gleichgewichtsverlust" und infolge dessen leichter kontrolliert und schlussendlich besiegt werden kann.

Analog zu taktisch und strategischen Überlegungen und den resultierenden Vorgehensweisen auf der ersten, rein physisch orientierten Ebene des Wing Chun, beschäftigt sich die zweite Ebene allerdings mit Taktiken und Strategien, um übergeordnete Ziele, sozusagen "Lebensziele" (beruflicher Erfolg, gesellschaftliche Position, finanzieller Wohlstand, etc.) zu erreichen.

In dieser zweiten Wing Chun Ebene geht es also nicht mehr ausschließlich um die rein körperliche Verteidigung!

  Die zweite Ebene - Taktik und Strategie  
     


Taktik und Strategie - innerhalb der zweiten Ebene wird der Wing Chun Kämpfer in Methoden unterwiesen, wie er sich effizient in seiner äußeren Welt zu bewegen hat, um Auseinandersetzungen physischer oder psychischer Art erfolgreich für sich zu entscheiden. Was unter "erfolgreich" zu verstehen ist, hängt von jedem Einzelnen und dessen Definition von "Erfolg" selbst ab.

     
     

Stattdessen wird derjenige, der Wing Chun auf der mittlere Ebene ausübt, in Methoden unterwiesen, durch die er sich effizient in der äußeren Welt bewegen und den mentalen Kampf zwischen sich und einem Kontrahenten erfolgreich für sich entscheiden kann.

Es werden somit Taktiken und Strategien vermittelt und vom Einzelnen entwickelt, die sich auf das Leben in Schule, Beruf, Politik, Beziehung etc. transponieren und dort vorteilhaft einsetzen lassen.

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    6. Die dritte und letzte Ebene - "Selbstvervollkommnung durch Wing Chun"      
     

Wer den Schritt von der ersten in die zweite Ebene vollzogen hat, muss auch diese Ebene am Ende überwinden, denn ein altes Sprichwort lautet nicht umsonst: "wie gewonnen, so zerronnen."

Wir wissen, dass alles, was man im Leben gewinnt, nicht von Dauer ist und am Ende unseres Lebens - egal wie lang dieses ausfällt - für uns wertlos wird, da wir nichts davon mitnehmen können (wobei ich hier voraussetze, dass man immer nur für sich, also rein egoistisch gehandelt hätte).

Letzten Endes stärken die oben erwähnten taktisch und strategisch erreichten Erfolge, wie z.B. beruflicher Erfolg, gesellschaftliche Position oder finanzieller Wohlstand nur das persönliche "Ego", das sich im Falle mangelnder Selbstkontrolle nur allzu häufig als "Quelle von Leid und Übel" herausstellt - sowohl für den Einzelnen selbst als bedauerlicherweise auch für dessen Freunde, Kollegen und sonstige Mitmenschen.

Bei der letzten Ebene geht es um uns selbst, um unser "Innenleben"!

Die Qualität der Wing Chun Techniken wie z.B. Schlagkraft oder Sektionsausführungen bzw. Sparringstraining oder die Frage nach dem Erfolg im Beruf oder auch beim anderen Geschlecht treten hier in den Hintergrund und werden zur Nebensache.

Hauptinhalt der Bemühungen eines Wing Chun Trainierenden, der sich mit den Inhalten der dritten Ebene beschäftigt, ist der Kampf gegen sich selbst. Hier gilt es, nicht andere, sondern sich selbst zu besiegen und sich frei von Neid, Hass, Frust, Angst, verletztem Ego, etc. zu machen.

Während man auf diese Weise an sich selbst arbeitet, wird die Welt für uns selbst und die uns am nächsten stehenden Mitmenschen eine bessere sein.

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  Die dritte Ebene - Selbstvervollkommnung  
           
   

7. Die drei Wing Chun Ebenen - fast schon ein Abbild unseres Lebensverlaufs

     
     

Wenn man über die Schilderung dieser drei Ebenen nachdenkt, wird man erkennen, dass sich hier eigentlich der Lebensweg eines Menschen mit seinen drei Lebensabschnitten widerspiegelt.
Ich teile diese drei Abschnitte einmal folgendermaßen auf, damit es klarer wid:

  1. Junger Mann, junge Frau (zwischen 15 und ca. 30 Jahre alt)
  2. Mann oder Frau mittleren Alter (zwischen ca. 30 und 50-60 Jahre alt)
  3. Mann oder Frau im höheren Alter (ab 50-60 aufwärts…)

Gerade junge Leute wollen häufig mit dem Kopf durch die Wand. Taktik oder Strategie spielen für sie zur Zielerreichung keine große Rolle, es soll alles möglichst schnell gehen. Geduld wird nicht gerade groß geschrieben. Rangkämpfe untereinander und das Ausloten der eigenen Möglichkeiten und das Messen von Körperkräften verbunden mit dem Versuch, seine Position in der Gruppe der Freunde, etc. zu bestimmen haben Priorität. Dieses Verhalten ähnelt stark den Inhalten der ersten Ebene.

Personen mittleren Alter, die mitten im Berufsleben stehen, kämpfen mittlerweile auf anderen Ebenen.
Die meisten von ihnen setzen die Betonungen im Miteinander anders - Rangkämpfe auf der Basis von Körperkräften zu entscheiden, hat als Mittel zur Durchsetzung persönicher Wünsche in der zivilisierten westlichen Welt keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft.
Es kommen eher taktische und strategische Verhaltensweisen zum Einsatz.
In dieser Phase macht man Karriere oder eben nicht. Hier gilt es, sich intelligent zu positionieren. Diese Lebensabschnittsinhalte ähneln den Inhalten der zweiten Wing Chun Ebene.

Schlussendlich kommt früher oder später der Zeitpunkt, wo man auf sein Leben zurückblickt und bewertet, wie man es gelebt hat und was man erreicht hat.
Die eigenen Körperkräfte schwinden und man gerät ins Grübeln und beschäftigt sich z.B. mit Fragen nach dem Sinn des Lebens. Man wendet sich angesichts des bevorstehenden Ablebens nicht selten religiösen oder philosophischen Überlegungen zu, um Halt und Stabilität zu finden. Dieser Lebensabschnitt deckt sich durchaus mit den Auseinandersetzungen, die man in der dritten Wing Chun Ebene mit sich selbst ausführt.

Diese "grobe Skizze" von möglichen drei Lebensabschnitten soll verdeutlichen, dass sich die drei Ebenen des Wing Chun im Prinzip auf unser Leben übertragen lassen und uns dabei helfen können, diese erfolgreich zu meistern bzw. zu durchleben.

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  Wing Chun Ebenen - Abbild eines Lebensverlaufs  
           
    8. Wing Chun Kung Fu - durchzogen von philosophischen Grundüberlegungen      
     

Wenn man an diesem Punkt angelangt ist und den Artikel zur "Wing Chun Geschichte" gelesen hat, dann weiß man, dass Wing Chun seinen Ursprung im "Shaolin Kloster" hat.

Die Betonung liegt hier auf dem Wort "Kloster"!

Hier wurde Kung Fu nicht nur zu kämpferischen Zwecken gelehrt und trainiert, sondern war allgemein zur körperlichen Stärkung oder - denkt man an die Formen - zur Meditation gedacht.
Das Klosterleben war durch Einkehr, Stille und Abgeschiedenheit von der Welt, körperliche Arbeit, geistiges und geistliches Studium gekennzeichnet. Hier konnte man seiner Religion und auch philosophischen Grundfragen nachgehen und versuchen, die Welt und die menschliche Existenz für sich zu deuten und zu verstehen.

Eine der Religionen, die eine der drei Säulen des Wing Chun darstellt, ist der Buddhismus - genauer gesagt, der "Chan Buddhismus" (siehe dazu "Buddhismus im Wing Chun"). Vielen ist bekannt, dass ein Ziel des Buddhismus salopp ausgedrückt das "persönlche Erwachen" darstellt.
Dies kann man auch so zusammenfassen, dass ein Buddhist sich um eine "fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundbedingungen allen Lebens, aus der sich die Überwindung des leidhaften Daseins ergibt" bemühen soll.

Mit anderen Worten - bzw. in "Wing Chun Ebenen" gesprochen - geht es hier um das Erreichen der dritten Ebene.

Wie man es dreht oder wendet: Wing Chun Kung Fu hat seine Wurzeln in einem Kloster!

Es wäre allein aus diesem Grund, also unter den Gesichtspunkten der Frage nach den wirklichen "Wurzeln des Wing Chun" vollkommen falsch, grundlegende philosophische Gesichtspunkte einfach auszublenden und sich rein mit Wing Chun als "Kampfkunst im Sinne von reiner körperlicher Selbstverteidigung" gemäß der ersten und untersten Ebene zu beschäftigen.

Dadurch verfehlt man schlichtweg den Kern dieses wunderbaren und tiefgründigen Systems.

Es ist lustig oder eher bedauerlich, dass viele Wing Chun-Lehrer diese tiefgründigere Sichtweise im Wing Chun bzw. das Denken in Ebenen leugnen und es sogar (eher dümmlich) belächeln.

Für sie geht es im Wing Chun stets nur um körperlichen Kampf und die platten Fragen nach:

  • Wer haut wen um?
  • Welches Kampfkunst- oder Kampfsport-System ist das effizientere?
  • Welcher Lehrer ist der bessere?
  • Wieviel Geld kann ich mit wievielen Mitgliedern maximal verdienen?

Ihre eigene Ignoranz bzw. mangelnde Bildung auf diesen Themengebieten hindern nicht nur sie sondern vor allem ihre Schüler daran, zu wirklichen Höhen im Wing Chun empor zu steigen. Stattdessen wird Wing Chun als System durch die Beschränkung auf rein körperliches Training oberflächlich angerissen bzw. unterrichtet. Den Schülern wird immer und immer wieder eingetrichtert, es ging hier nur um rein "physisches Training". Dass in asiatische Kampfkünste aber stets auch ein ausgeprägtes Training mentaler Fähigkeiten stattfindet, damit sich nicht nur der "Körper" sondern auch der "Geist" mitentwickelt, wird verschwiegen.

Erklären kann man sich solche ablehnende Sichtweise vermutlich mit der eigenen mangelhaften Ausbildung solcher Lehrer bzw. der Tatsache, dass sie sich selbst noch auf der untersten ersten Ebene oder evtl. zweiten Ebene befinden und nie durch korrekte Anleitung ihres eigenen Lehrers auf die nächsthöhere Ebene gehoben wurden oder einfach aufgrund ihrer beschränkten Intelligenz dazu nicht in der Lage sind, waren oder sein werden.

Denn auch die Kenntnis aller Sektionen, Inhalte, Waffen etc. hat keinen Sinn, wenn man sich den grundlegenden Fragen dieses Systems nicht stellt!

Fazit ist, dass Wing Chun so unendlich viel mehr bietet, als nur den blanken Selbstverteidigungsaspekt!

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  Wing Chun - durchzogen von philosophischen Grundüberlegungen  
           
    9. War das schon alles, was es zu den drei Ebenen zu sagen gibt?      
     

Nein! Das war ganz sicher nicht alles, was man zu den drei Ebenen des Wing Chun sagen kann!

Wer sich einmal mit philosophischen Grundfragen auseinander gesetzt hat, weiß, dass es dort "tonnenweise Literatur" zu dem Thema "Deutung der Welt und der menschlichen Existenz" gibt.

Tausende und abertausende Menschen vor uns haben sich bereits vor Jahrtausenden mit diesem Thema auseinandergesetzt bzw. setzen sich heute immer noch damit auseinander. Es existieren vielfach tiefgreifendere Überlegungen, als sie jemals im Wing Chun angestellt werden oder im Rahmen des Wing Chun angestellt werden können bzw. anhand Wing Chun angstellt werden sollten - man sollte es auch nicht gleich übertreiben!

Konfuzius, Laotse, Mencius, Sun Tsu, Thales, Anaximandros, Anaximenes, Xenophanes, Parmenides, Zenon, Heraklit, Empedokles, Demokrit, Anaxagoras, Protagoras, Sokrates, Platon, Aristoteles, ...., Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Roger Bacon, Wilhelm von Occam, Nicolaus Cusanus, Giordano Bruno, Jakob Böhme, Descartes, Spinoza, Leibniz, Locke, Berkeley, Hume, Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Kant, Schelling, Hegel, Bentham und Mill, Spencer, Marx, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Husserl, Scheler, Buber, Heidegger, Plessner, Gehlen, Wittgenstein, Popper, .....

...die Liste bedeutender Philosophen ist lang und länger. Es soll hier auch nicht der Eindruck erweckt werden, Wing Chun sei zum Philosophieren und Nachsinnieren über Gott und die Welt gedacht. Wing Chun ist natürlich in erster Linie eine "Kampfkunst" und somit als Erstes zum Kämpfen gedacht.

Dennoch, "Leben und Tod" gingen in der Zeit der Entstehung des Wing Chun und auch anderen Kampfkünste Hand in Hand. Oftmals entschieden Technik, Kondition und Kampfgeist über Leben und Tod. Ein Kämpfer konnte - gerade eben noch am Leben - im nächsten Augenblick im Kampf schon das Zeitliche gesegnet haben.
Religiöse Sichtweisen oder philosophische Grundüberlegungen waren somit häufig wesentlich wichtig, um den damaligen Kriegern und Kämpfern inneren Halt zu geben und Mut für den bevorstehenden Kampf zu spenden.

Philosophische oder auch religiöse Sichtweisen nehmen in vielen Kampfkünsten seit jeher eine hervorragende Stellung ein. Durch sie erfuhren Kampfkünste eine tiefgreifende Wandlung, um nicht zu sagen: "eine Erneuerung"

  War das schon alles?  
     


Sokrates, als Beispiel eines bedeutenden Philosophen - Die "Deutung der Welt und der menschlichen Existenz" ist eine der großen Grundfragen der Philosophie und beschäftigt schon seit tausenden von Jahren die Menschheit.

     
     

Als der Buddhismus den Weg nach China fand, traf er auf ein kriegsgewohntes Volk. Bürgerkriege, Überfälle, Plünderungen, Metzeleien, Verschleppung und Trennung waren in jener Zeit das gemeinsame Los aller Chinesen in Nord und Süd. Der Geist des Buddhismus war ein Faktor, der die brutalen Kriegstechniken in Künste verwandelte, die sich nun gar nicht mehr um kämpferische Effektivität, sondern um so mehr um die Suche nach dem eigenen Selbst bemühten. All diese Techniken wurden so zu Methoden geistiger Vervollkommung.
Seien es Hand- oder Waffentechniken; sie waren nicht länger Mordinstrumente, sondern Hilsmittel für die Meditation. Der Kampf wurde geistiger, der Feind fand sich nun in jedem einzelnen selbst, in den Illusionen, den Verblendungen des Ich, die uns daran hindern, unser wahres Wesen zu entdecken. Daher müssen wir sie gnadenlos zerstören!

Offen und versteckt findet man in irgendeiner Form all diese Elemente, die enge Verbindung der moralischen Prinzipien, des Ehrenkodex und der Tugenden, welche die Ausbildung und Pflege hoher körperlicher und seelischer Eigenschaften zum Inhalt haben, wie z.B. Mut, Einfachheit und Genügsamkeit, Loyalität und Gerechtigkeit, Interesselosigkeit und Todesverachtung offen oder versteckt in irgendeiner Form in den modernen Kampfkünsten.
Kendo, Iaido, Zen-Bogenschießen, Aikido und - wenn auch weniger offenbar - Judo sind einige der Beispiele. Auch im Wing Chun spiegeln sich diese Elemente in Form der drei Ebenen wider.

Welche Kampfkunst man auch immer und auf welche Weise (entsprechend dem eigenen Temperament) ausübt, ist unerheblich. Es wird mit Sicherheit der Tag kommen, an dem man mit den oben geschilderten Überlegung der drei Ebenen in Berührung kommt und tiefgreifend beeinflusst werden kann - wenn man dafür offen ist.

Die oben angedeuteten Grundüberlegungen und unsere Bemühungen, innerhalb der drei Ebenen aufzusteigen, hilft uns in unserem Kampf um jeden Augenblick, der unser Leben ist. Manchmal gibt es uns, besser als jeder andere geistige Einfluss, die Möglichkeit, jenes geistig-seelische Gleichgewicht zu finden, welches der Mensch des 21. Jahrhunderts so sehr ersehnt.

     
     

Jemand sah eines Tages - am Rand einer Klippe stehend - zum ersten Mal in seinem Leben das Meer.

"Wie schön es ist! Welch großartiger Anblick!" sagte er fast atemlos.

"Und dabei", sagte sein Freund, "siehst Du doch nur die Oberfläche!"

     
     

Kampfsport, Kampfkunst und mein Wing Chun Training haben mich gelehrt, nicht nur die Oberfläche des Meeres zu sehen, nicht nur das Äußere der Welt, nicht nur die Hülle des Menschen, nicht nur die bloßen Techniken der Kampfkünste.

Kampfkunst hat mich durch ihre rauhe und beschwerliche Erziehung und nicht immer ohne Schmerzen gelehrt, den wahren Sinn der Kampfkünste und den wahren Sinn des Lebens besser zu verstehen.

Vielleicht ist dieser Weg auch interessant für andere?

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© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
   
             
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