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1. Der Buddhismus - Religion und Lehrtradition

     
     

Der Buddhismus ist nach dem Christentum, dem Islam und dem Hinduismus die viertgrößte Religion weltweit und hat in etwa 400 bis 500 Millionen Anhänger.

Über den Buddhismus lassen sich tausende und abertausende Seiten schreiben - daher kann hier nur ein "äußerst bescheidener Überblick" gegeben werden, der lediglich an der Oberfläche dessen kratzt, was Buddhismus beinhaltet und was Buddhismus letztlicht für Wing Chun bedeutet.

Seinen Ursprung weist der Buddhismus auf dem indischen Subkontinent auf, hat sich später aber hauptsächlich in Süd-, Südost- und Ostasien verbreitet, wobei ca. ein Viertel aller Buddhisten in China leben.

Die Inhalte des Buddhismus basieren auf den Lehren des "Siddharta Gautama", der in der Zeit um 500 v. Chr. in Nordindien lebte. Siddharta wird als "Buddha" bezeichnet, was soviel wie "der Erwachte" bedeutet.  Dabei handelt es sich um eine Art "Ehrentitel", der sich auf ein Erlebnis bezieht, dass als "Bodhi (Erwachen)" bezeichnet wird und häufig ungenau mit "Erleuchtung" übersetzt wird.

 

Buddhismus - Religion und Lehrtradition

 
     


Buddha - der Erwachte - Buddha, ein Ehrentitel, der sich auf das Erlebnis des "Bodhi" (Erwachen) bezieht.

     
     

Anstelle des häufig fehlinterpretierten Begriffes der "Erleuchtung" ist nach der buddhistischen Lehre vielmehr eine fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundbedingungen allen Lebens gemeint, aus der sich die "Überwindung des leidhaften Daseins" ergibt.

Ziel der buddhistischen Praxis ist es also, die Lehren des Buddhas zu befolgen, um nach seinem Vorbild dieselbe Erkenntnis zu erlangen und letztendlich das eigene "leidhafte Dasein" zu überwinden.

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2. Siddharta Gautama - Gründer des Buddhismus

     
     

Siddhartha Gautamas Geburtsjahr wird auf das Jahr 563 v. Chr. datiert. Diese Datierung wurde allerdings aufgrund neuerer Forschungsergebnisse aufgegeben, die besagen, er sei mindestens mehrere Jahrzehnte, wenn nicht sogar ein Jahrhundert später geboren worden.

Die Überlieferungen seines Lebens besagen, er sei als Sohn des großen "Herrscherhauses Shakya" in Lumbini im nordindischen Fürstentum Kapilavastu (heute Teil Nepals) geboren worden. Das ist der Grund, warum ihm häufig der Beiname "Shakyamuni - Weiser aus dem Hause Shakya" - gegeben wird.

Obwohl Siddhartas Vater ihm das Leid der Welt ersparen wollte, indem er ihn von der Außenwelt abschottete, versuchte Siddharta ständig seinen Bewachern zu entkommen. Als ihm dies eines Tages gelang, wurde er außerhalb der Palastmauern mit dem Leid konfrontiert, das in den Straßen der Stadt, in der er lebte, die Menschen quälte.
Durch dieses Schlüsselerlebnis wurde Siddhartha schlagartig bewusst, dass Reichtum und Luxus nicht die Grundlage für Glück sind und dass menschliche Leiden wie Altern, Krankheit, Tod und Schmerz untrennbar mit dem Leben verbunden sind.

Aufgrund dieser Erkenntnis beschloss er schließlich im Alter von 29 Jahren, sein Haus, seine Frau und seinen gerade erst geborenen Sohn zu verlassen, um verschiedene Religionslehren und Philosophien zu erkunden und die wahre Natur menschlichen Glücks zu finden.

Sechs Jahre der Askese, des Studiums und der Meditation führten ihn letztendlich auf den "Weg der Mitte". Infolgedessen hatte er schließlich unter einer Pappelfeige in Bodh-Gaya im heutigen Nordindien das Erlebnis des "Erwachens (Bodhi)".

  Siddharta Gautama - Gründer des Buddhismus  
     


Siddharta Gautama - Begründer des Buddhismus.

     
     

Seine erste Lehrrede nach diesem Erlebnis hielt er in Isipatana (heute Samath). Sie wurde als die "Rede vom In-Gang-setzen des Rades der Lehre (Dharmachackra)" überliefert.

Als "Buddha (der Erwachte)" verbrachte er den Rest seines Lebens bis zu seinem Tod im Alter von 80 Jahren mit Unterweisung und Weitergabe der buddhistischen Lehre, des "Dharma".

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    3. Lehrinhalte des Buddhismus      
     

Basis der buddhistischen Praxis sind die "vier edlen Wahrheiten".

  1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.
  2. Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung.
  3. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
  4. Zum Erlöschen des Leidens führt der "Edle Achtfache Pfad".

Die vier edlen Wahrheiten sind Gegenstand der ersten Rede Siddharthas in Isipatana (Samath) und gelten als die "wesentliche Zusammenfassung" von Buddhas Lehre.

Nach der buddhistischen Lehre ist jedes Lebewesen einem "endlosen Kreislauf (Samsara)" von "Geburt und Wiedergeburt (Reinkarnation)" unterworfen.
Ziel von Buddhisten ist es, durch ethisches Verhalten, Kultivierung der Tugenden, Praxis der "Versenkung (Samadhi - Meditation)" und Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit (Prajina) aus diesem Kreislauf herauszutreten und "Bodhi" zu erlangen - mit anderen Worten: "zu erwachen".

Voraussetzung für "Bodhi" - den Vorgang des Erwachens - ist das vollständige Begreifen der "vier edlen Wahrheiten", die Überwindung aller an das Dasein bindenden Bedürfnisse und Täuschungen und somit das Vergehen aller karmischen Kräfte. Durch das "Erwachen" wird der Kreislauf des Lebens und des Leidens verlassen und Nirvana - das "Verlöschen" - realisiert.

Nirvana bezeichnet die höchste Verwirklichungsstufe des Bewusstseins, in der jede "Ich-Anhaftung" und alle Vorstellungen und Konzepte erloschen sind. "Nirvana" kann nicht mit Worten beschrieben, sondern nur als Folge intensiver meditativer Übungen und anhaltender Achtsamkeitspraxis erlebt und erfahren werden.
Nirvana ist aber weder als Ort - also nicht vergleichbar mit Paradies-Vorstellungen anderer Religionen - noch als eine Art Himmel und auch nicht als Seligkeit in einem Jenseits zu verstehen. Nirvana ist auch kein nihilistisches Konzept, kein "Nichts", wie westliche Interpreten in den Anfängen der Buddhismusrezeption glaubten - stattdessen beschreibt es die vom Bewusstsein erfahrbare Dimension des "Letztendlichen".

Leid und Unvollkommenheit sollen auf dem "Edlen Achtfachen Pfad" überwunden und schlussendlich der Zustand des Nirvana realisiert werden.

Der "edle achtfache Pfad" gilt als das zentrale Lehrstück buddhistischer Ethik. Alle buddhistischen Schulen beinhalten ihn als gemeinsame Lehre, er gibt eine Anleitung zum Erreichen der Erlösung, des Nirvana. Wie der Name schon sagt, setzt er sich aus folgenden "acht Teilen oder Gliedern" zusammen, die sich in "drei Gruppen" gliedern lassen:

Denken und Gesinnung:

  1. Rechte Anschauung, rechte Erkenntnis, recht Einsicht
  2. Rechte Gesinnung, rechte Absicht, rechtes Denken, rechter Entschluss

Sittliches Verhalten:

  1. Rechte Rede
  2. Rechtes Handeln, rechte Tat
  3. Rechter Lebenserwerb, rechte Lebensführung, rechter Lebenswandel

Geistestraining - Zugang zur spirituellen Dimension:

  1. Rechtes Streben, rechtes Üben, rechte Anstrengung
  2. Rechte Achtsamkeit, rechte Wachheit
  3. Rechte Sammlung, rechtes "Sichversenken", rechte Vereinheitlichung, rechte Konzentration, rechte Versenkung

Betrachtet man die acht Inhalte des achtfachen Pfades, sieht man, dass die drei Gruppen nach folgender Gliederung gebildet werden: "Weisheit, Sittlichkeit und Vertiefung".

Alle Gruppen beinhalten Aufforderungen, die nicht "Ich-bezogen", sondern auf "das Ganze" bezogen sind.

Der Weg Buddhas ist ein "Weg der Mitte", der alle Extreme vermeidet.

Alle Gruppen sind von gleicher Wichtigkeit und sollten immer gleichzeitig ausgeübt werden, auch wenn dies nur unterschiedlich gut gelingt.

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  Lehrinhalte des Buddhismus  
           
   

4. Verbreitung und Entwicklung des Buddhismus

     
     

Siddharta Gautama als "Ursprung" des Buddhismus verbreitete seine Lehre zunächst auf dem indischen Subkontinent. Von seiner nordindischen Heimat verbreitete sich der Buddhismus schließlich auf Sri Lanka und in Zentralasien.

Da die Lehren des Buddhas zu seinen Lebzeiten nicht niedergeschrieben wurden, sondern stets mündlich durch Auswendiglernen, Wiederholen oder Aufsagen überliefert wurden, wurde eine umgehende "Kanonisierung" (griech. "kanon" - Richtschnur) nach dem Ableben Buddhas für notwendig gehalten. Daher trafen sich nach seinem Tod ca. 500 erfahrene Mönche zu einer Zusammenkunft - einem "Konzil".

Insgesamt sechs buddhistische Konzile trugen zur "Kanonisierung" der Lehren bei und führten zur weiteren Verbreitung in Ost- und Südostasien. Es entwickelten sich im Laufe vieler Generationen heterogene Strömungen, die sich zu eigenen Schulen entfalteten, die wiederum eigene Konzile von häufig regionaler Bedeutung einberiefen.

Der nördliche Buddhismus (Mahayana) erreichte über die Seidenstraße Zentral- und Ostasien, wo sich weitere Traditionen wie etwa "Chan (China)", "Zen (Japan)" und "Amitabha-Buddhismus (Ostasien)" entwickelten.

Der Buddhismus trat in vielfältiger Weise mit den Religionen und Philosophien (z.B. Daoismus und Konfuzianismus - siehe dazu die Artikel "Daoismus (Taoismus) im Wing Chun, Konfuzianismus im Wing Chun") der Länder, in denen er Verbreitung fand, in Wechselwirkung. Dabei wurde er auch mit religiösen und philosophischen Traditionen kombiniert, deren Lehren sich von denen des ursprünglichen Buddhismus stark unterscheiden.

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  Verbreitung und Entwicklung des Buddhismus  
           
   

5. Bodhidharma - Begründer des Chan Buddhismus und des Shaolin Kung Fu

     
     

"Chan Buddhismus" ist die Ausprägung des Buddhismus, die auf Wing Chun als Kampfkunst starken Einfluss ausgeübt hat bzw. nach wie vor ausübt - obwohl dieser Einfluss stark in den Hintergrund gerückt ist bzw. wurde.

Chan Buddhismus ist eine im Kaiserreich China entstandene Meditationsschule des Mahayana-Buddhismus, die durch die Übung der Meditation im Lotus-Sitz und durch das Lösen sogenannter "Gongans" (in Japan: "Koan") - einer Art von "paradoxem Rätsel" - sowie Erleuchtungserfahrungen charakterisiert ist.
Chan Buddhismus ist eine in China durch die Begegnung mit dem Daoismus und dem Konfuzianismus entstandene Form des Buddhismus. Er hat auf die chinesische Kampfkunst, Philosophie und allgemein Kunst und Kultur großen Einfluss ausgeübt.

Der chinesische Name "Chan" stammt von dem Sanskritwort "Dhyana", das in das Chinesische übertragen wurde: "Chan'na". Der Chan Buddhismus wurde in Ostasien und Südostasien durch Mönche verbreitet. Nach Verbreitung in Korea und Vietnam fand er schließlich auch den Weg nach Japan und wurde dort als "Zen-Buddhismus" bekannt.

Als Begründer und erster Patriarch des Chan- und des späteren Zen-Buddhismus gilt der indische Mönch "Bodhidharma" (auch "Da Mo" genannt).
Er kam nach einer Reise über den Himalaya und Südchina um 523 n. Chr. in die nordchinesische Provinz Henan. In dem bis dahin daoistisch geprägten "Shaolin-Kloster" führte er seine Meditations- und Lehrpraxis ein, die von dort aus weiter getragen wurde.

  Bodhidharma - Gründer Chan Buddhismus und Shaolin Kung Fu  
     


Bodhidharma - Der hier auf dem Bild dargestellte, extrem mies gelaunt aussehende Mönch, ist niemand anderes als Bodhidharma, erster Patriarch des Chan Buddhismus und Begründer der Shaolin Kampfkunst. Mich wundert nicht, dass er die Shaolin Kampfkunst entwickelt haben soll - bei dem muffigen Gesichtsausdruck hat er wohl häufig Ärger gehabt!

     
     

Einige Quellen berichten, dass auch die Kampfkunst des Shaolin Kung Fu, für die Shaolin-Mönche im 20. Jahrhundert im Westen bekannt wurden, dort von ihm begründet wurde. Daher wird Bodhidharma oft als "Begründer der Shaolin-Kampfkunst" geehrt.

     
     


Shaolin Kung Fu Kämpfer - Shaoling Kung Fu ist der Ursprung vieler heutiger Kampfkünste, u.a. von Wing Chun Kung Fu. Wer genau hinschaut, könnte in diese Handhaltung dieses Kung Fu Kämpfers die in der dritten Form - der Biu Tze - übliche Handhaltung zu Beginn von Satz 10 (Biu Tze Sao) hineininterpretieren.

     
     

Der Legende nach, wie sie in Kampfkunstkreisen verbreitet ist, waren die Übungen, die Bodhidharma seinen Mönchsschülern beibrachte, vor allem gymnastischer Art und als Hilfsmittel für die Meditation gedacht.

Bis zur Ankunft Bodhidharmas hatten sich die buddhistischen Mönche vorwiegend auf das Übersetzen von buddhistischen Sutren und deren Rezitation konzentriert.

Bodhidharmas "Chan-Lehre" war jedoch völlig anderes.

Er betonte die Meditation im Sitzen. Seine Methode verlangte ein "Höchstmaß an Disziplin und Durchhaltevermögen".

Doch diese Tugenden fehlten seinen Schülern, so dass er sich Verfahren überlegte, die Mönche körperlich und geistig zu stärken.
Heute spricht man im Shaolin von drei Übungsformen, die direkt auf Bodhidharma zurückgehen sollen. Dabei handelt es sich um die "Kampftechnik der 18 Lohan-Hände (shiba luohanshou)", den "Klassiker der Sehnentransformation (Yijinjing)" und den "Klassiker der Markspülung (Xisuijing)".
Das, was sich hier völlig merkwürdig anhört, also "Klassiker" und "Sehnentransformation bzw. Markspülung" waren nur Bezeichnungen für Kraftübungen und Meditations- bzw. Chi Kung Übungen.

Die Shaolin betonen die Bedeutung dieser Übungen für drei verschiedene Anwendungsgebiete.

  1. Erstens führen die Übungen zu körperlicher Kräftigung und Gesundheit.
  2. Zweitens sind die Übungen mit dem Zweikampf verbunden.
  3. Drittens sind die Übungen ein Hilfsmittel und Voraussetzung für die Chan-Meditation - sie haben also auch eine religiöse Tradition.

Noch heute bestehen die drei genannten Übungsformen aus einer Mischung aus Körperübungen, Atemübungen und Übungen zum Leiten der inneren Energie "Chi (Qi)" und werden auch als "Shaolin Chi kung (Shaolin Qigong)" bezeichnet.

Moderne Vertreter des Shaolin-Boxens bzw. chinesischen Boxens glauben an die enge Verbindung von Chi Kung und Boxen.
Sie gehen davon aus, dass durch Chi-Übungen auch die Effektivität in der Kampfkunst gesteigert werden kann und sehen darin den Hauptzweck der Übungen.
Die "Klassiker zur Spülung des Marks (marrow bone washing)" sollen dazu dienen, Chi (Qi) durch das Knochenmark des Körpers zu leiten, das Mark auf diese Weise zu reinigen, Blut- und Immunsystem zu stärken und das Gehirn zu vitalisieren.
Schließlich soll so ein reiner körperlicher und geistiger Zustand erreicht werden, der schlußendlich zur buddhistischen Erleuchtung bzw. dem Erwachen (Bodhi) führt.

Im Shaolin wurden die Kampfkünste also mit Chan Buddhismus verbunden, was ihnen einen besonders spirituellen Charakter verlieh.

Kampfkunst wurde hier neben der Meditation im passiven Sitzen zu einer "Möglichkeit buddhistischer Praxis in Bewegung" umgeformt, wobei sich beide Elemente gegenseitig bereichern.

"Kampfkunst stärkt den Willen und die Kraft" - letztendlich wichtige Voraussetzungen für die langen Übungsstunden in der sitzenden Meditation. "Ruhe, innere Zentriertheit und Ego-losigkeit" hingegen, die durch die Sitzmeditation erreicht werden, haben ihrerseits wiederum einen positiven Einfluss auf die Kampffertigkeiten.

Letzten Endes sind sowohl die Meditation im Sitzen als auch die Kampfkunst lediglich Wege, sich "mental" zu bilden.

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    6. Chan Buddhismus und Wing Chun - Frieden und "Meisterschaft über sich selbst"      
     

Wer die geschichtliche Entwicklung des Wing Chun kennt bzw. meinen Artikel zur Wing Chun Geschichte gelesen hat (siehe "Wing Chun Geschichte"), weiß, dass Wing Chun als Kung Fu Stil seinen Ursprung im Shaolin Kloster besitzt.

Viele Indizien des Trainings bzw. der Trainingsinhalte deuten immer noch auf diesen Ursprung hin.
Betrachtet man zum Beispiel die erste im Wing Chun gelernte Form, die "Siu Nim Tao", so fällt im dritten Satz die dreifache Wiederholung der Wu Sao-Bewegung auf, die auch als "dreifache Verehrung Buddhas" bezeichnet wird - um am Rande ein allgemein bekanntes Beispiel zu nennen.

Üblicherweise wird behauptet, Buddhismus stehe im Wing Chun für das harte, konzentrierte Üben und Trainieren, sowie für die Einstellung im Kampf.

Das ist eine sehr vereinfachte Betrachtung bzw. stark verkürzte Beurteilung, die lediglich an der Oberfläche der Bedeutung buddhistischer Grundgedanken für Wing Chun als Kampfkunst kratzt.

In den ursprünglichen Kampfkünsten Chinas und Japans, dem Wushu ("Kampfkunst" - Oberbegriff für alle chinesischen Kampfkünste) und dem Budo ("der Weg des Krieges" - Oberbegriff aller japanischer Kampfkünste) wurden die Beziehungen zwischen Ethik, Religion und Philosophie in einer sehr direkten Weise vertieft.
Der Bezug zum "sportlichen Aspekt" - wie er im Wing Chun häufig im Vordergrund steht - ist erst in neuerer Zeit entstanden.
Alte Texte über asiatische Kampfkünste hingegen sprechen allein von der geistigen Bildung und der Reflexion über das Wesen des Selbst: "Wer bin ich?"

Kampfkünste wie Wing Chun beinhalten nur für den absoluten Anfänger und Neuling das Ziel, pure Techniken zu erlernen und "kampffähig" zu werden. Für den Fortgeschrittenen wird Kampfkunst hingegen zu einem Weg (Dao bzw. Do): "zu einem Lebensweg" (siehe dazu den Artikel "Daoismus (Taoismus) im Wing Chun")

Wer diesen Weg beschreitet, begreift früher oder später, dass es nicht darum geht, eine Technik zu erlernen oder gar sportliche Wettkämpfe auszuüben.

Bereits das chinesische Schriftzeichen für "Kampf" (chinesisch: "Wu") weist auf diese ursprüngliche Bedeutung hin. In den Kampfkünsten taucht zum Beispiel oft das Zeichen für Kampf auf - doch wer genau hinschaut, bemerkt, dass es aus drei kleineren Einzelteilen zusammengesetzt ist. Übersetzt bedeuten diese Einzelteile

  1. Anhalten
  2. Zwei
  3. Lanzen

Auf dieser Bedeutung baut die "friedliebende Deutung" der Kampfkünste auf. Das Zeichen "Wu" wird dabei als die Forderung: "Halte beide Lanzen auf - die des Gegners und Deine eigene" interpretiert.

Eigentlicher Zweck der Kampfkunst ist also, den Kampf zu beenden, und nicht, ihn zu führen!

In der Kampfkunst und auch im Wing Chun geht es letztendlich nicht um Wettstreit, sondern vielmehr darum, den Frieden und die Meisterschaft "über sich selbst" zu finden. Diese "Meisterschaft über sich selbst" ist zwar eine idealisierte Vorstellung eines im Leben nicht erreichbaren Ziels - dennoch soll diesem unermüdlich entgegen gestrebt werden.

Dieser spezielle "Weg" ist der, der von Fortgeschrittenen in allen Kampfkünsten gegangen werden sollte.

"Dao", der Weg, ist eine Methode, eine Lehre, durch die man das Wesen seines Geistes und seines "ICH" vollkommen verstehen kann. Dieser Weg wurde in Asien zur höchsten "Morallehre" und ist die "Essenz aller Religionen und Philosophien" überhaupt. Dabei wird an den "Weg des Buddha" angeknüpft, der eng mit dem "Weg" des Daoismus verwand ist.

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  Chan Buddhismus und Wing Chun  
           
   

7. Buddhistische Mönche und mögliche Entstehung der Kampfkünste

     
     

Die Kunst des Schwertes, der Lanze, des Bogenschießens und des Kampfes mit der bloßen Hand sind letztlich so alt wie der Mensch selbst, der sich schon immer gegen die Aggressionen der Außenwelt zur Wehr setzen und Jagd betreiben musste, um sein Leben und den Bestand des Stammes zu sichern.
Man entdeckte zuerst Waffen wie den Spieß, das Steinbeil, den Bogen. Mit zunehmender Erfahrung bildeten sich dann nach und nach die bestmöglichen Techniken für diese Waffen heraus.
Im Zweikampf entdeckte man zum Beispiel die tödlichen und gefährlichen Hiebe, Gegentechniken dazu, und immer so weiter.

Die Waffen selbst wurden immer perfekter, die Technik trat immer deutlicher hervor und wurde selbst ein Teil der Kunst der Kriegsführung, die natürlich auch durch andere Dinge charakterisiert waren: die Kenntnis der Psyche des Gegners, die Intuition der rechten Weise zu handeln usw.

Die Technik des Kampfes ohne Waffen kam im Wesentlichen daher, dass die buddhistischen Wandermönche oft von Soldaten und Räubern angegriffen und ausgeraubt wurden, wobei sie nicht selten mit dem Leben bezahlten.

Da es ihnen durch die Vorschriften damaliger Zeiten verboten war, konnten sie sich nicht mit Waffen verteidigen. So entwickelte sich im China Bodhidharmas eine Kunst, ohne Waffen zu kämpfen. Aus dieser Kunst entstand später Karate, Judo, Tai-Chi, etc. - also Kampfkünste, mit denen sich die Mönche jederzeit verteidigen konnten.
Ziel war es, jeden Mönch in die Lage zu versetzen, seiner eigenen Energie entsprechend angepasste Verteidigungsmittel einzusetzen.

Die Kampfkünste der damaligen Zeit waren noch nicht in feste Kategorien "zerstückelt", sie boten sich vielmehr ganz einfach als eine Folge von Bewegungen, Schlägen und "Kleinigkeiten" dar, die man sich gegenseitig beibrachte, wenn man sich mal traf. Auch tauschte man Erlebnisse aus, aus denen man geistige und praktische Lehren für das eigene Leben ziehen konnte.

Wandermönche brachten diese Lehren dann aus China nach Japan, wo sie, ausgehend von Okinawa, einen beachtlichen Aufschwung erlebten.

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  Buddhistische Mönche - Entstehung der Kampfkünste  
           
    8. Die "Einheit von Körper, Geist und Technik" im Wing Chun      
     

Vergleicht man heutige Kampfsportarten oder Kampfkünste mit denen aus früheren Jahrhunderten, stellt man fest, dass sich die Absichten, unter denen sie ausgeübt werden, komplett geändert haben.

In früheren Zeiten führten kämpferische Auseinandersetzungen häufig zum Tod - es ging sozusagen "um das eigene Leben". In heutigen Wettkämpfen kämpft man nicht mehr um Leben und Tod, sondern darum, Punkte zu sammeln.

Als Folge dieser Art des Trainings richtet sich die Entwicklung des Kämpfers fast ausschließlich nur noch auf den Körper. Es herrscht der Glaube vor, körperliche Kraft und Technik würden vollkommen genügen.

Diese "Verkümmerung der Kampfkünste" führt dazu, dass sie dem wahren Sinn der Kampfkünste, der "Übung des Weges", nicht mehr gerecht werden. Alles ist lediglich "Spielerei"…

Wie schon gesagt, ging es früher um das eigene Leben - alles hing von der Intuition ab. Ein einziger korrekter Hieb (z.B. mit einem Schwert) brachte den Tod. Daher die Langsamkeit und Konzentration der Bewegungen vor dem Angriff. Ein Schlag - und alles war zu Ende. Einer war tot, manchmal beide in dem Fall, dass beide gleichzeitig einen korrekten Hieb durchführten.

Alles spielte sich in einem Augenblick ab.

In diesem Augenblick entscheidet der geschulte und perfekt trainierte Geist alles - Technik und Körper folgen!

In allen Sportarten gibt es heute einen Moment des Abwartens - in den wahren Kampfkünsten gibt es das jedoch nicht.
Wenn man auch nur einen kurzen Moment wartet, zieht der Gegner daraus Nutzen, und man ist verloren. Der Geist muss ununterbrochen auf die Situation konzentriert sein, bereit zu handeln und zu reagieren.

Der geschulte und trainierte Geist ist von vorrangiger Bedeutung!

Die Wahl der Angriffstechnik erfolgt vom Kämpfer unbewusst, automatisch und natürlich. Es darf keine Zeit mit "Denken" verschwendet werden, da ansonsten "Wartezeit" und somit eine "Lücke" entsteht. Die ständige, wache "Bewusstheit" der gesamten Situation ist daher Voraussetzung dafür, dass die korrekte Technik erscheint.

Das "Bewusstsein" wählt einen Schlag - Technik und Körper gehen nach vorn - es folgt ein kurzer Schlagabtausch und Schluss!

Wenn ein Wing Chun Kämpfer erst denkt: "Ich muss jetzt diese oder die andere Technik anwenden", wird er meist im selben Moment getroffen. Die Intuition - der Geist - löst den Körper und die Technik. Körper und Bewusstsein vereinigen sich, das heißt vereinfacht gesprochen:

"Man denkt mit dem Körper, man IST ganz und gar in dieser Reaktion".

Geist, Körper und Technik lassen sich nicht trennen und nach Kategorien ordnen. Alle müssen "EINS" sein, nicht getrennt.

Nur ihre vollkommene Einheit schafft die rechte Handlung - nicht ihre Trennung, sondern die vollkommene Einheit.

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  Einheit von Körper, Geist und Technik  
           
    9. Verkümmerte Kampfkünste - beraubt ihrer "geistigen Grundlagen"      
     

Viele Menschen üben Kampfkünste aus - auch Wing Chun - ohne deren "wahren Weg" zu gehen. Stattdessen besteht die allgemeine Ansicht darin, vorzugeben, die Prinzipien des Chan Buddhismus und die darin enthaltene Philosophie habe nichts mit der sportlichen Praxis der Kampfkünste zu tun.

Richtig ist, dass derjenige, der der wahren Grundlage einer Kampfkunst wie Wing Chun nicht folgen will, dies auch nicht zu tun braucht - niemand zwingt ihn dazu!

Er benutzt eben die Kampfkunst als Spielzeug, als einen Sport unter vielen. Wer eine höhere Dimension seines Wesens und seines Lebens erreichen will, muss diesen wesentlichen Unterschied zwischen "Sport" und "Kampfkunst" verstehen. Dazu muss man aber weder Buddhist, Konfuzianist oder Daoist sein oder werden. Man sollte ohnehin niemanden zwingen und auch niemanden für seine Lebensvorstellungen und Wünsche kritisieren.

Oft sehe ich im Training, wie Schüler, die präzise Übungen bzw. Drills von mir vor dem Hintergrund eines klaren Trainingsziels vorgegeben bekommen haben, wenig bis keinerlei Disziplin aufbringen, sich in diese Techniken zu versenken und sie unentwegt zu üben. Stattdessen wird pausiert, geredet oder die Übung willkürlich gewechselt.

Erwachsene verhalten sich dann wie Kinder!

"Kung Fu" heißt "harte Arbeit" - Wing Chun Training ist in erster Linie anstrengend und soll bzw. muss es auch sein, aber nicht nur für den Körper!
Der Geist ist enorm gefordert. Daher beinhaltet das Training als erste Aufgabe, sich selbst zu fordern, sich selbst zu disziplinieren und zu kontrollieren.

Viele "Interessenten" erfassen die Bedeutung von Wing Chun oder allgemein ausgedrückt: "der Kampfkunst" nicht; diszipliniertes Verhalten ist ihnen häufig fremd, sie versuchen ständig, die Begrenzung auf eine einzige Technik zu durchbrechen und wollen mehr, immer mehr. Zusätzlich empfinden sie Wing Chun lediglich als Sport, als Freizeitbeschäftigung, Körperertüchtigung und Treffpunkt für Freunde.

Sicher, Wing Chun befriedigt den Sportaspekt, erfüllt das Bedürfnis nach einer Freizeitbeschäftigung und ist auch in gewisser Weise sozialer Treffpunkt.

Wer aber zum wahren Inhalt einer Kampfkunst wie Wing Chun vordringen will, muss sich selbst disziplinieren und ewig bemühen! Hier verläuft die klare Trennung.

Die einen Schüler wollen trotz mehrfachen Hinweises den wahren Inhalt des Wing Chun nicht erfassen - sie sind wie Kinder, die mit "Spielzeugautos spielen", die anderen Schüler, die sich anstrengen, sich Disziplin abverlangen, "lenken" sich selbst und dringen zum wahren Kern der Kampfkunst vor, sie "lenken" - im übertragenen Sinne - die "richtigen Autos".

Gegen Sport ist nichts einzuwenden - er trainiert den Körper und die Ausdauer. Doch der Kampfgeist und die Kraft, die sich dort wieder finden, sind nicht unbedingt positiv und zeugen von einer falschen Sicht des Lebens. Die Wurzel der Kampfkünste liegt woanders.

Viele Lehrer in unserer Zeit sind für den "entwurzelten" Zustand der Kampfkünste verantwortlich. Der Körper und die Technik werden geschult, nicht aber das Bewusstsein.
Als Resultat kämpfen ihre Schüler nur, um zu gewinnen und spielen quasi "Krieg" wie kleine Kinder. Darin liegt allerdings keinerlei Weisheit und nützt schon gar nicht irgendeiner Art von Lebensführung.

Welchen Nutzen hat die Begrenzung auf "reine Technik" für ihr tägliches Leben?

Sport ist nur Unterhaltung, und im Grunde verbraucht er nach alter asiatischer Auffassung durch den Kampfgeist den Körper. Daher müssen Kampfkünste wie Wing Chun ihre ursprüngliche Bedeutung wiederfinden.

Im Geist der Kampfkunst wird der Alltag der Ort des Kampfes. In jedem Augenblick muss man bewusst sein, beim Aufstehen, Arbeiten, Essen, Schlafengehen - darin liegt die Meisterung seiner selbst.

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  Verkuemmerte Kampfkunst - ohne geistige Grundlagen  
           
    10. Der Schlüssel liegt im eigenen Geist - "den Geist lenken"      
     

Alles ist letztlich eine Frage des eigenen Geistes - nicht umsonst heißt es in allen traditionellen Kampfkünsten: "Das Geheimnis, der Schlüssel der Kampfkünste besteht darin, zu lernen, den Geist zu lenken". Dies bildet die Grundlage der körperlichen Technik.

Für das Verständnis von Wing Chun ist die Schulung des eigenen Geistes wesentlich! Das Bewusstsein darf weder haltlos noch berechnend sein. Stattdessen muss der Geist sich ganz und gar auf das "Hier und Jetzt" richten.

Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass man seinen Körper und seinen "persönlichen Geist" vergessen und danach streben soll, den absoluten Geist - häufig als "Nicht-ich" bezeichnet - zu erreichen. Himmel und Erde in Harmonie zu bringen und zu vereinen, bedeutet, dass der Geist im Inneren des Menschen die Gedanken und Gefühle vorbeiziehen lässt. Er ist vollkommen frei von seiner Umgebung und hat allen Egoismus aufgegeben.

Die Grundinhalte des Chan Buddhismus lehren den Wing Chun Kämpfer, Handlung und Bewusstsein zu einer Einheit zu verschmelzen.

Das ist einer der Schlüssel zum Wing Chun!

  Der Geist als Schlüssel - den Geist lenken  
     


Den "Geist lenken" und Körper, Geist und Technik verschmelzen - Einer der Schlüssel zum Wing Chun Kung Fu: "Handlung und Bewusstsein" müssen zu einer "Einheit" verschmolzen werden.

     
     

Anfangs übt man immer und immer wieder die Techniken und die Formen. Das kann jahrelang dauern.

Die wahre Essenz der Formen und Techniken liegt nicht in der Bewegung selbst, sondern in der Art und Weise, wie sie den Geist "richtig" werden lassen.
Anstatt zu denken: "Ich muss die Formen bzw. Techniken so oder so machen" muss man seinen Geist in Einheit mit dem Körper üben, jedes Mal eine Handlung ganz und gar zu vollführen und in sie in diesem Augenblick seine ganze Energie zu investieren.

Den wahren Geist der Handlung "leben" - das ist ein Ziel des Trainings: die Bewegungen müssen durch die Übung mit dem Geist verschmelzen. Je stärker der Geist, desto stärker wird die äußere "Form" des Einzelnen.

Schließlich werden Techniken und Formen zur Gewohnheit. Zu Beginn muss man sich bei der Übung des "Ich-Bewußtseins" bedienen - das ist vergleichbar mit Klavier-, Schlagzeug- oder Gitarrespiel, etc..

Am Ende ist man soweit, dass man Wing Chun-Bewegungen ohne persönliches Bewusstsein ausführen kann, man "haftet" nicht mehr und bedient sich nicht mehr der Prinzipien. Man bewegt sich ganz natürlich und automatisch. Aus dieser Form von Weisheit heraus kann man schließlich etwas Neues erschaffen - man beginnt "kreativ" zu werden, "kreativ Wing Chun auszuüben". Wer an fortgeschrittene Chi Sao Fähigkeiten denkt, in denen man nach langem Training "kreativ" zu werden beginnt, weiß ansatzweise, wovon ich rede. Das gleiche gilt aber auch im täglichen Leben.

Das ist Chan, der Geist des Weges.

Durch ihn lernt man, das "Aufgeben des Körpers und das Fallenlassen" - man vergisst sich selbst und gibt das "Haften an Dingen" auf, die persönlichen Wünsche und das Ich. Man lernt, sich im Hier und Jetzt zu konzentrieren und keine Energie zurückzuhalten.

(nach oben)

     
           
   
© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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