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SIU NIM TAO VIDEOS AUF VIMEO

     
     

Trainingsinhalte werden von Wing Chun Lehrern in der Regel nur im Training vermittelt und überwiegend nicht gefilmt. Das liegt nicht unbedingt daran, dass Wing Chun Techniken ein so großes Geheimnis darstellen sondern vielmehr daran, dass einzelen Lehrer Techniken gegen Geld verkaufen möchten.
Daher sind manche Trainingsinhalte nur gegen eine zusätzliche Gebühr erwerbbar, was in größeren Organisationen häufig bei der Biu Tze Form, der Holzpuppenform, den Chi Sao Sektionen und anderen Trainingsinhalten der Fall ist.

Aus diesem Grund existiert im Wing Chun sowas wie ein "unausgesprochenes Filmverbot". Techniken und Trainingsinhalte werden nicht gefilmt. Es gibt natürlich Ausnahmen, wie man am DVD-Angebot einiger Lehrer sehen kann.

Ich habe mich jedenfalls ebenfalls entschlossen, diesen Unfug in meiner Schule nicht zu praktizieren.

Sämtliche Trainingsinhalte sind daher frei zugänglich und für die Mitglieder meiner Schule online auf www.vimeo.com als Videodokumentation einsehbar.

Bedeutet: Techniken bzw. Trainingsinhalte wurden gefilmt und stehen online auf dem Videoportal Vimeo (www.vimeo.com) zur Verfügung - somit auch die gesamte Siu Nim Tao.

   
     


Videodokumentation auf Vimeo - Sämtliche Trainingsinhalte sind für Mitglieder meiner Schule auf dem Videoportal Vimeo einsehbar (siehe www.vimeo.com). Wie das Ganze funktioniert, erläutere ich nachfolgend.

     
     

Alle bei mir trainierenden Mitglieder können auf diese Videos zugreifen, wenn sie einen Vimeo-Account haben.

Wer jedoch kein Mitglied meiner Schule ist, kann trotz Verlinkung auf dieser Seite leider keines der Videos sehen und wird von Vimeo die Meldung "Leider konnten wir die Seite nicht finden" bekommen.

MERKE - die Videos sind:

  • ausschließlich für Mitglieder und
  • nur während der Dauer der Mitgliedschaft

zugänglich und natürlich kostenlos verfügbar.

Wie bekommt man als Mitglied Zugang?

Ganz einfach:

Zunächst musst Du Dich bei Vimeo registrieren und einen Usernamen wählen. Anschließend suchst Du meinen User-Account (Name: Wing Chun Cord Elsner) und klickst bei mir auf "Folgen". Dann schickst Du mir den Namen Deines User-Accounts per Email oder Whatsapp, ich folge dann Dir und schalte anschließend die Videos für Dich frei.

Um die Videos sehen zu können, muss man dann nur noch auf das Vimeo Logo links neben der aufgelisteten Übung oder den rechts vom Logo rot dargestellten Link klicken (wie nachfolgend beispielhaft gezeigt:

     
     
01. Siu Nim Tao - Satz 1
     
     

Es öffnet sich dann ein neues Fenster mit dem jeweiligen Video.

Viel Spaß damit!

(nach oben)

     
           
   

1. Siu Nim Tao | Sätze 1 - 8 | Videodokumentation auf www.vimeo.com

     
     

Nachfolgend sind die Links zu den Videos auf Vimeo aufgelistet, unter denen man sowohl die gesamte Siu Nim Tao als auch die Einzelsätze der Siu Nim Tao findet.

Das erste Video zeigt die Siu Nim Tao in einem kompletten Durchlauf in normalem Tempo.

Die darauffolgenden acht Videos zeigen die Einzelsätze 1 - 8 der Siu Nim Tao sowohl zu Beginn in normalem Tempo als auch danach in langsamer Ausführung, damit die Details des jeweiligen Satzen genau beobachtet werden können.

   
     
Siu Nim Tao - KOMPLETT - Sätze 1 - 8 in normalem Tempo
   
     
Siu Nim Tao - Satz 1 - Normales Tempo und langsame Ausführung
   
     
Siu Nim Tao - Satz 2 - Normales Tempo und langsame Ausführung
   
     
Siu Nim Tao - Satz 3 - Normales Tempo und langsame Ausführung
   
     
Siu Nim Tao - Satz 4 - Normales Tempo und langsame Ausführung
   
     
Siu Nim Tao - Satz 5 - Normales Tempo und langsame Ausführung
   
     
Siu Nim Tao - Satz 6 - Normales Tempo und langsame Ausführung
     
     
Siu Nim Tao - Satz 7 - Normales Tempo und langsame Ausführung
     
     
Siu Nim Tao - Satz 8 - Normales Tempo und langsame Ausführung
     
     

Weitere Erklärungen zur Siu Nim Tao, wie z.B. Bedeutung, Zielsetzung, Mottos, Leitsätze, Kuen Kuits, etc. findet man weiter unten.

(nach oben)

     
           
   

2. Was ist die Siu Nim Tao?

     
     

Die "Siu Nim Tao" (abgekürzt "SNT") ist die erste waffenlose Solo-Form (chin.: "Taolu") , die ein Anfänger im Wing Chun erlernt (zu allgemeinen Informationen über Formen siehe den Artikel "Formen im Wing Chun - was versteht man darunter?").

 

 
     


"Gekreuzter Tan Sao" - Der gekreuzte Tan Sao ist die erste Bewegung der Siu Nim Tao. Andere Versionen der Siu Nim Tao enthalten diese Startbewegung nicht sondern beginnen direkt mit dem gekreuzten Gan Sao.

   
     

Es gibt je nach Wing Chun Stil bzw. Derivat unterschiedliche Schreibweisen der ersten Form wie z.B. Siu Nim Tao, Siu Nim Dao, Siu Leem Tau, Siu Lin Tao, Siu Lam Tao, Shaolin Tou, Sil Num Tao, Xiao Nián Tóu, etc. und unterschiedliche Übersetzungsvarianten (siehe unten).

Sie wird auch als die erste "Box-Form" des Wing Chun Kung Fu Stils bezeichnet, da Wing Chun als eine Ausprägung des chinesischen Boxens interpretiert wird.

(nach oben)

     
           
 
 

3.Was bedeutet die Bezeichnung "Siu Nim Tao"? - Variationsreichtum

     
     

Bricht man die Bezeichnung auf die Einzelworte herunter, heißt "Siu" soviel wie "klein, effizient, ohne Verschwendung, kompakt oder ökonomisch". Der Begriff "Nim" bedeutet "sich selbst in das Studium einer Sache vertiefen" und "Tao" hat die Bedeutung von "Weg (Dao) oder Kopf".
Setzt man anschließend die einzelnen Begriffe zusammen, kann man die Bezeichnung "Siu Nim Tao" als "mach es zu Deinem Weg, Dich in das Studium der kleinen, effizienten, ökonomischen und kompakten Bewegungen zu vertiefen" interpretieren.

Eine weitere alternative Übersetzung von Siu Nim Tao lautet "kleine Idee". Diese Bezeichnung ist im Wing Chun ebenfalls üblich und verdeutlicht, dass einem Anfänger eine "erste Idee bzw. eine kleine Idee" von der großen Bandbreite der Wing Chun Techniken vermittelt werden soll.

Dementsprechend existieren Aussprüche wie "Siu Nim Tao falsch, Wing Chun falsch" oder "Bist Du nicht mal in der Lage, eine kleine Idee zu begreifen, wie willst Du dann das Gesamtkonzept des Wing Chun erfassen?" anhand derer gezeigt werden soll, dass die Siu Nim Tao die Basis-Form des Wing Chun darstellt.

   
     


"Siu Nim Tao - die erste Form, aus der das große Wing Chun System erwächst" - Die Siu Nim Tao ist die erste Form des Wing Chun Systems. Sie enthält die wichtigsten Handpositionen und vermittelt dem Anfänger eine erste "kleine Idee" von den Konzepten und Prinzipien des Wing Chun. Aus ihr wächst quasi - vergleichbar mit dem jungen Sprössling eines Baumes - das gesamte große Wing Chun System.

   
     

Wie ich weiter oben bereits dargestellt habe, sind neben der Bezeichnung "Siu Nim Tao" - je nach Wing Chun Stil - unterschiedliche andere Bezeichnung der Form in Verwendung.

Beispielsweise findet man auch Bezeichnungen wie:

  • Siu Leem Tau: "die vereinfachte Form",
  • Siu Lin Tao: "Am Anfang etwas üben" oder
  • Siu Lam Tao: "Vergiss nicht, dass der Ursprung des Wing Chun im Shaolin liegt" (im Mandarin (chin. Hochsprache) "Shaolin Tou" geschrieben) oder
  • Sil Num Tao.

Zur Zeit der Entwicklung des Wing Chun in Foshan wurde die Form auch "Sam Bai Fat" bzw. "dreimalige Verehrung Buddhas" genannt, was mit dem dritten Satz der Form zusammenhängt.
In diesem Satz befinden sich drei hintereinander ausgeführte Wu Sao Handpositionen, wodurch der Eindruck erweckt wird, der Ausführende bete (nach Auffassung der Chinesen) zu Buddha.

Im Übrigen werden in allen Formen bestimmte Bewegungsteile dreimal hintereinander ausgeführt. Der Aspekt der "dreimaligen Verehrung Buddhas" findet sich also häufig in den Formen wieder.

Das Resümee aus all diesen Bezeichnungen ist, dass nicht "eine einzige" Siu Nim Tao und "eine einzige" richtige Bezeichnung existiert, sondern dass alle Bezeichnungen lediglich "Bruchstücke" des großen Gesamtbildes der ersten waffenlosen Form aller momentan existierenden Wing Chun-Stilarten darstellen.

Erstens:
ist die Siu Nim Tao eine "vereinfachte Form", in der Anwendungsbewegungen stark vereinfacht worden sind, um sowohl den Anfänger nicht zu überfordern als auch Bewegungen quasi zu "verschlüsseln" und somit "Outsidern" deren Bedeutung nicht preiszugeben.
Manche Bewegungen der Siu Nim Tao, die innerhalb der Form mit flacher, offener Hand ohne Wendung, Schrittarbeit bzw. Körperabsenken ausgeführt werden, erfolgen in der Anwendung mit Griff, Körperwendung, Schrittarbeit und ruckartigem Körperabsenken. Diese Details werden in der Form weggelassen, woraus eine starke Vereinfachung resultiert - daher die Bezeichnung "vereinfachte Form".

Zweitens:
hat die Siu Nim Tao genau wie der ganze Wing Chun Stil ihren Ursprung im Shaolin Kung Fu bzw. im Shaolin Kloster und enthält in der Tat im dritten Satz eine Bewegungsfolge (drei Mal Wu Sao), durch die gemäß der traditionellen Auffassung der damaligen Zeit "Buddha dreifach verehrt" wurde. Dies würde der Bezeichnung als "Sam Bai Fat" bzw. "Siu Lam Tao" entsprechen.

Drittens:
soll der Anfänger grundlegende Handbewegungen erlernen und eine Vorstellung der vielen Konzepte und "Ideen" des Systems bekommen.
Laut der Bezeichnung der Form soll ein Schüler sich vollständig auf eine singuläre Tätigkeit konzentrieren, ohne seinen Geist ausschweifen zu lassen. Er soll die Form als "Weg" verstehen, um "sich in das Studium der kleinen, effizienten, ökonomischen und kompakten Bewegungen des Wing Chun Systems zu vertiefen".
Die Form hat somit nicht nur Auswirkung auf die Physis allein, sondern schult ebenso den Geist in Disziplin, Geduld und Durchhaltevermögen - Qualitäten, die in der heutigen, schnelllebigen Zeit vielen Leuten abhanden gekommen zu sein scheinen.

   
     


"Siu Nim Tao - fundamentale Handtechniken" - Die Siu Nim Tao vermittelt dem Anfänger die ersten Handtechniken des Wing Chun Systems wie z.B. Bong Sao, Tan Sao, Jam Sao, etc.. Er kommt somit zum ersten Mal mit den fundamentalen Wing Chun Handtechniken in Berührung.

     
     

Man sieht, die vielen unterschiedlichen, existierenden Siu Nim Tao Formen, Schreibweisen und Interpretationen sind im Endeffekt als Teile eines großen übergeordneten Ganzen zu werten. Dabei gibt es nicht eine einzige Siu Nim Tao-Form sondern endlos viele Formen, die je nach Schule oder Lehrer variieren.

Die Schreibweise der Form drückt in manchen Fällen die Auffassung des Lehrers und seine Interpretation der Form aus; häufiger wird die Schreibweise allerdings auch nur abgeändert (andere Buchstabenwahl), um sich von anderen Formenbezeichnungen abzugrenzen und sich den Anstrich von Individualität zu geben.

(nach oben)

     
           
    4. Zielsetzung der Siu Nim Tao      
     

Hört man als Laie von Formen in Kampfkünsten, denkt man vermutlich am ehesten an Katas aus dem Karate. Diese sind Übungsformen, die aus stilisierten Kämpfen bestehen, die im Karate ausschließlich gegen imaginäre Gegner ausgeführt werden. Erst später leitet man aus diesen Bewegungsfolgen Kampftechniken für die Anwendung (im Karate als "Bunkai" bezeichnet) ab.

Formen im Wing Chun sind nicht mit Katas aus dem Karate zu vergleichen. Obwohl die Bewegungen der Siu Nim Tao hintereinander ausgeführt werden, ist die Form eher als Trainings- statt als Kampfform zu verstehen.
Katas werden gegen imaginäre Gegner ausgeführt. Dies gilt nicht für die Formeninhalte der Siu Nim Tao und der anderen Formen des Wing Chun. Die Einzeltechniken der Form mit den jeweils hinter der Technik stehenden Konzepten sind weitestgehend voneinander getrennt und verschieden.

Die Siu Nim Tao wird oft als eine Art "Archiv" des Wing Chun Systems betrachtet. Die essentiellsten Wing Chun Techniken (Gam Sao, Bong Sao, Lap Sao, Fak Sao, etc.) sind in der Form in verfeinerter und teils tiefgründiger Art und Weise konserviert und in ihr wie in einer Art "Enzyklopädie des Systems" abgelegt.

   
     


"Die Siu Nim Tao als Archiv des Systems" - Dies ist einer der Leitsätze bzw. Kuen Kuits, die im Wing Chun verbreitet sind und das Systemverständnis unterstützen sollen. Jede Form enthält bestimmte Handtechniken und hat diese somit quasi "archiviert".

   
     

Anfänger sind anfangs nicht in der Lage, zu verstehen, warum oder wieso sie die einzelnen Bewegungen auf die spezifische Art und Weise ausführen.

Das ist natürlich in allen Formen diverser Kampfkunststile so und gilt nicht nur für Wing Chun. Durch das Chi Sao- bzw. das Lat Sao-Training oder die Anwendungen entfalten die Bewegungen allerdings rasch ihre Bedeutung, da viele Wing Chun Bewegungen lediglich eine Kombination der Grundtechniken aus der Siu Nim Tao und einiger Techniken aus den höheren Formen darstellen.

Die Siu Nim Tao stellt sozusagen das "Fundament" des gesamten Wing Chun Systems dar und kann somit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Ist ein Schüler nicht in der Lage, die Basistechniken der ersten Form entspannt, in Ruhe und ohne äußeren Druck exakt auszuführen, wird es für ihn sehr schwer sein, die korrekten Techniken in einer stressreichen Kampfsituationen auch nur annähernd anzuwenden.
Da in solchen Situationen eine vormals ohne Stress exakt ausgeführte Bewegung zwangsläufig unsauber wird, bleibt von einer unpräzise ausgeführten Siu Nim Tao-Bewegung im Kampf nicht mehr viel übrig. Dies ist einer von vielen Gründen, warum man sehr großen Wert auf Präzision legt.

Die Form verdeutlicht fundmentale Regeln, zu denen das "Konzept der Zentrallinie" (auch als das "Rückgrat" des Wing Chun bezeichnet) zählt und hilft, den stabilen Stand "Yee Jee Kim Yeung Ma" sowie "präzise Körper- und Handstruktur" (Koordination von Bewegung und Position der Gliedmaßen) zu entwickeln.

Die wichtigsten Bewegungen werden immer und immer wieder geschliffen; durch das Training der Form werden die grundlegenden Bewegungen und Positionen quasi "gedrillt".

Während der Ausführung jeder einzelnen Bewegung wird großer Wert auf präzise Bewegungen in Kombination mit den jeweiligen eingenommenen Positionen gelegt, wobei man bewusst auf ausschweifende, showartige Bewegungen  komplett verzichtet. Stattdessen wird jede Angriffs- oder Abwehrbewegung der körpereigenen Waffen (hier: die angreifenden Gliedmaßen) bzgl. ökonomischer Gesichtspunkte optimiert.

Es werden grundlegende "Offensiv- und Defensivbewegungen" ausgeführt, das "Besetzen der Zentrallinie" trainiert, korrekte Ellbogenpositionen bzgl. der "Kraftlinie" einstudiert und vorwärts gerichtete "Federkraft" und "Unabhängigkeit der Gliedmaßen" geübt.

Während der Form ist die Atmung natürlich (siehe unten), die Augen folgen stets den Handbewegungen, ohne dass der Kopf gedreht oder anderweitig bewegt wird. Der Geist ist ruhig und entspannt und - wie der Name der Form schon impliziert - hat man "keine großen Ideen, sondern verfolgt lediglich eine kleine Idee".

Hat man den groben "Ablauf" der Form erlernt, beginnt das eigentliche Training: 

Das unermüdliche "Ringen um Perfektion".

Die Bewegungen und Positionen der Form müssen ständig gefeilt und geschliffen werden, um ein Höchstmaß an Präzision zu erzielen. Zusätzlich bemüht man sich mit fortschreitender Erfahrung um die Ausbildung "innerer Fähigkeiten", die durch korrekte Praxis der Form entwickelt werden können.
Stark vereinfacht ausgedrückt, diszipliniert und stärkt man während der Ausführung der Form den Geist, sucht den Zustand "innerer Ruhe" und trainiert nach chinesischer Vorstellung die Zirkulation des "Chi" (innere Energie - siehe unten).

Vergegenwärtigt man sich diese Vorstellung des "Ringens um Perfektion" wird klar, dass das Üben der Siu Nim Tao nie wirklich abgeschlossen ist bzw. abgeschlossen sein kann, da dieser Grad der Perfektion nicht erreicht wird.

Entscheidend ist aber das "unermüdliche Streben nach Perfektion!" - immer weiter zu trainieren und sich ständig zu bemühen ist das wahre Ziel, um das gerungen werden muss.

Wie heißt es so schön?

"Der Weg ist das Ziel." - Hauptsache, man geht wirklich den Weg!

(nach oben)

     
           
   

5. Atmung in der Siu Nim Tao

     
     

Man merke sich, dass eine klare Verbindung zwischen der Qualität des eigenen Atems und dem Zustand des eigenen Geistes existiert. Ist der Geist erregt (Aufregung, Ärger, etc.), geht der Atem in schnellem, zwanghaftem Wechsel von Aus- zu Einatmung. Ist der Atem hingegen ruhig, gelassen und langsam, ist auch der Geist ruhig, entspannt und fokussiert.

In der Siu Nim Tao ist man entspannt, bewegt die Gliedmaßen langsam und führt tiefe Atmung mit langsamen Atemzügen aus. Man sollte nie versuchen, die Lunge willentlich komplett zu füllen oder zu entleeren, da dadurch nur unnötige Spannung erzeugt wird. Stattdessen wird natürlich und angenehm geatmet, wobei der Atem hörbar sein sollte. Als Anhaltspunkt sagt man, "der Atem sollte sich anhören, wie der Atem eines schlafenden Kindes". Der Ton sollte dabei sanft und tief und nicht rau und gepresst ausfallen.
Kinder atmen nach ihrer Geburt korrekt, fangen aber mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter an, den Druck und Stress des Lebens zu fühlen, die sich auf Körper und Geist legen und verlernen infolge das entspannte Atmen.

Durch Übung der Siu Nim Tao kann nicht nur Körperkoordination gedrillt werden, es kann auch ein tiefer meditativer Zustand ruhiger Zufriedenheit erreicht werden.

Doch welche Atmung ist anfangs die richtige Atemtechnik?

Allgemein gibt es nur zwei Arten der Atmung, wobei neben der "Bauchatmung" die "Brustatmung" die zweite Art der Atmung ist, die dem Menschen zur Verfügung steht.

Die "Brustatmung" ist ein Typ äußerer Atmung, die durch die Erweiterung des Brustkorbs durch Anheben der Rippen mittels der äußeren Zwischenrippenmuskulatur erfolgt. Infolge des entstehenden Unterdrucks in der Lunge wird Luft angesaugt - wir atmen ein.

Durch Absenken der Rippen kommt es zum Überdruck innerhalb der Lunge, welcher das Ausströmen von Atemluft aus den Lungen zur Folge hat - wir atmen aus.

Die "Bauchatmung" (Abdominalatmung), auch als Zwerchfellatmung (Diaphragmalatmung) bezeichnet, ist die zweite Atmungsart und erfolgt durch das Zusammenziehen (Kontraktion) des Zwerchfells.
Durch den im Pleuraspalt entstehenden Unterdruck wird die Lunge ausgedehnt und Luft angesaugt. Das Ausatmen erfolgt bei dieser Atemtechnik durch das Entspannen des Zwerchfells, wodurch sich die Lunge aufgrund der Eigenelastizität zusammenzieht und die Luft "auspresst." Die Ausatmung kann durch das Anspannen der Bauchmuskeln unterstützt werden.

Im Gegensatz zur Brustatmung wird die Bauchatmung unbewusst dann eingesetzt, wenn der menschliche Körper entspannt ist, also beim Sitzen oder Schlafen. Sänger oder Blasmusiker nutzen Bauchatmung in Kombination mit der Brustatmung als Atemstütze.

Die Bauchatmung ist wichtiger Bestandteil der Siu Nim Tao und gilt als die "gesündeste Form" der Atmung.
Das liegt unter anderem daran, dass nur ein geringer Anteil der Atemmuskulatur aktiv ist, wodurch weniger Energie als bei der Brustatmung verbraucht wird. Der Blutdruck wird gesenkt und die Verdauung durch die Massage der Eingeweide gefördert. Zusätzlich wird durch den Unterdruck im Bauchraum der venöse Rückstrom gefördert, da sich dieses Druckgefälle bis auf die untere Hohlvene, welche in den rechten Vorhof des Herzens mündet fortsetzt.

   
     


"Korrekte Atmung - ein essentieller Bestandteil der Siu Nim Tao" - Es kann auf mehrere Arten in der Siu Nim Tao geatment werden: Brustatmung, Bauchatmung und umgekehrte Atmung sind mehrere Möglichkeiten bzw. werden an richtiger Stelle

   
     

Zu Beginn der Übungspraxis der Siu Nim Tao ist es am besten, "den Atem zu vergessen", d.h. der Atmung keine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Praktiziert man Körperhaltung und Bewegung unter Anleitung der Vorstellung nach den Übungsprinzipien von Entspannung, geistiger Ruhe, Natürlichkeit und Stabilität, so entwickelt sich ganz von selbst eine natürliche tiefe Bauchatmung. Es kommt auf natürliche Weise zu einem harmonischen Zusammenspiel zwischen Haltung, Bewegung, Atmung und geistiger Tätigkeit. Jedes "zwanghafte Führen" des Atems muss unterbleiben, da dieser dabei leicht ins Stocken gerät.

Auch wenn es bei manchen Übungsbeschreibungen von speziellen Atemmethoden nicht explizit ausgedrückt wird, gilt jedoch ganz generell, dass alle konkreten Anweisungen bzgl. des Atems erst dann praktiziert werden sollen, wenn sich durch längere Übungspraxis schon eine "natürliche Atmung" entwickelt hat.
Während der Form wird erstmal "natürlich" geatmet. "Natürliche Atmung" bedeutet eine stabile, langsame, feine und gleichmäßige Atmung.

Auf dieser Grundlage können in der Siu Nim Tao spezielle Atemmethoden stets in Einklang mit Körperhaltung, Bewegung und Vorstellungskraft praktiziert werden - je nachdem, welches Ziel verfolgt wird.

Ist der Ablauf der Siu Nim Tao erlernt worden und wurde zu Beginn kein großer Wert auf Atemtechniken gelegt, wird im nächsten Schritt die Ausführung richtiger Atmung unter Anwendung der Bauchatmung angestrebt.
Dazu wird in natürlichem Rhythmus durch die Nase eingeatmet und durch den Mund ausgeatmet. Die Luft wird so für die Aufnahme in die Lungen vorgereinigt und vorgewärmt. Zusätzlich kann man bei dieser Art der Atmung 10 - 15 % mehr Sauerstoff aufatmen, als wenn man durch den Mund einatmet. Die Zunge wird beim Einatmen an den Gaumen gelegt und der Kiefer ist entspannt. Bei der Einatmung dehnt sich die Bauchdecke aus und bei der Ausatmung zieht sie sich zusammen.

Sind einige Monate vergangen und beherrscht der Anfänger diese Atemtechnik der "normalen Bauchatmung", lernt er im nächsten Schritt die "umgekehrte Atmung." Bei dieser Technik wird wieder durch die Nase eingeatmet, die Bauchdecke aber diesmal nach innen gezogen (im Gegensatz zur Ausdehnung bei der normalen Bauchatmung), wobei man den Rücken ausgedehnt. Atmet man aus, entspannt man die Bauchdecke und lässt sie sich ausdehnen.
Dies ist die gegensätzliche Vorgehensweise zur normalen Bauchatmung.
Man sollte hier aber keine Ergebnisse forcieren, die Atmung sollte weiterhin ruhig und entspannt bleiben. Die umgekehrte Atmung ist eine fortgeschrittene Chi Kung Technik, die zur Siu Nim Tao als "Standmeditation" hinzugefügt wird, wenn der Schüler bzgl. der Ausführung und normalen Atmung kompetent genug erscheint.

Durch die Kombination der richtigen Formenausführung mit Betonung auf "korrekter Atmung" ist es schließlich möglich, in einen meditativen Zustand zu gelangen - neben dem Schleifen von Bewegungsabfolgen und Positionen eine der wesentlichen Absichten der Siu Nim Tao, die im Prinzip eine Chi Kung Standmeditation darstellt (siehe weiter unten).

Kontrolliert man seinen Atem, ist man im fortgeschrittenen Stadium der Siu Nim Tao in der Lage, sich ebenfalls mental und physisch zu kontrollieren und seine Ängste, seine Emotionen, etc. zu verstehen - eine wichtige Eigenschaft, die in Stresssituationen im Kampf wie auch im Alltagsgeschehen von hohem Nutzen sein kann.

(nach oben)

   
           
   

6. Die wichtigsten "Leitsätze bzw. Kuen Kuits" als Orientierungshilfen der Siu Nim Tao

     
     

Eine besondere Charakteristik von Wing Chun ist das Denken in Prinzipien. Diese Prinzipien - so genannten "Mottos, Leitsätzen bzw. Kuen Kuits" - durchziehen als "Weisungen oder Orientierungshilfen" das gesamte Wing Chun System und definieren klar, was der Wing Chun Kämpfer in der jeweiligen Situation zu tun hat bzw. wie er sich zu bewegen hat.

Die Siu Nim Tao als erste Form wird von etlichen solcher Kuen Kuits begleitet. Sie geben Orientierungshilfen zur Körperstruktur während der Formenpraxis und beschreiben, wie einzelne Bewegungen auszuführen sind. Sie helfen dem Einzelnen bei der korrekten Ausführung der Techniken und zeigen, auf welche wesentlichen Merkmale bei der Ausführung der einzelnen Bewegungen geachtet werden muss.

Man kann sich die Leitsätze dadurch gut einprägen, indem man den Körper betrachtend von den Füßen beginnend nach oben wandert - sich die Leitsätze sozusagen "aufsteigend" merkt.

Der erste Leitsatz beschreibt den Stand, der zweite Leitsatz benennt Hüfte und Bauch, der dritte Leitsatz beschreibt Brust und Rücken und der vierte Leitsatz endet beim Kopf. Der fünfte Leitsatz beschreibt Bewegungen der Augen bzw. den peripheren Blick, der sechste Leitsatz gibt Orientierung bei Schulter- und Ellbogenpositionen und Leitsätze sieben und acht beziehen sich auf die Zentrallinientheorie des Wing Chun.

Nachfolgend zähle ich diese häufigstgenannten acht Leitsätze - gerne auch "Mottos" genannt - auf und erläutere kurz, welcher tiefere Sinn hinter dem einzelnen Leitsatz steht. Im nächsten Absatz zähle ich der Vollständigkeit halber weitere, seltener genannte Leitsätze auf.

   
     

1. Leitsatz: "Füße fest in den Boden drücken Kopf in den Himmel strecken!"

     
     

Während der Ausführung der Siu Nim Tao steht man im Yee Jee Kim Yeung Ma bzw. IRAS und soll laut des ersten Leitsatzes "die Füße fest in den Boden drücken".
Interpretiert man diese Aussage exakt so, wie sie da steht, macht sie auf den ersten Blick keinen Sinn. Rein aus physikalischen Gesichtspunkt ist die Aussage "Füße fest in den Boden drücken" sinnentleert bzw. schlichtweg nicht möglich, da der auf den Boden ausgeübte Druck durch das eigene Körpergewicht bestimmt wird. Da wir uns aber nicht künstlich schwerer machen können, wenn wir gerade wollen, können wir auch nicht die Füße stärker in den Boden drücken als sie eh schon durch unser Körpergewicht gedrückt werden. Also ich kann die Gravitationskraft leider nicht erhöhen.

Was ist also gemeint?

Gemeint ist hier, dass man im Stand die Fußmuskulatur aktivieren soll und versuchen soll, leichte Körperschwankungen permanent über die Fußmuskulatur auszugleichen. Dabei hilft die Vorstellung, sich mit den Füßen förmlich in den Boden zu graben bzw. mit den Füßen den Boden zu greifen (als würde man mit den Füßen ein Taschentuch aufheben). Ist man in der Lage, Gleichgewichtsschwankungen über die Fußsohlen rasch auszugleichen, stellt sich auf Dauer ein erhöhtes Maß an Körperstabilität ein, das man bei fortgeschrittenen Wing Chun Übenden beobachten kann - man sagt auch sie seien mit dem "Boden verwurzelt" (engl. "rooting").

Die Forderung nach dem "Strecken des Kopfes in den Himmel" verdeutlicht auf eine blumige Art und Weise, dass der Übende seinen Körper gerade und gestreckt halten soll und nicht gekrümmt bzw. vornüber gebeugt stehen soll.

Der erste Leitsatz ist somit u.a. als Orientierungshilfe für Fußhaltung bzw. aktive Fußmuskulatur und gestreckte Ganzkörperhaltung zu verstehen.

     
     

2. Leitsatz: "Hüfte gerade und Bauch einziehen!"

     
     

Im zweiten Leitsatz wird zu Beginn die Hüfthaltung beschrieben. Die Hüfte soll gerade gehalten werden und nicht (!) nach vorne kippen.

Wer etwas Ahnung von Kampfsport hat, weiß, dass die Hüfte eine der großen Kraftquellen von Schlag- und Tritttechniken ist und beispielsweise Stampf- oder Stopptritte durch Hüfteinsatz (Vorschieben der Hüfte) massiv verstärkt werden können. Kippt man die Hüfte in Kampfanwendungen nach vorne, hat man diese als Kraftverstärkung für einen Tritt (Frontaltritt, etc.) nicht mehr zur Verfügung.

Zusätzlich lässt eine nach vorne gekippte Hüfte keine Erzeugung von Schlagkraft durch Hüftrotation zu. Auch besteht die Gefahr, dass durch eine vorgeschobene Hüfte der Oberkörper nach hinten lehnen kann, der Körperschwerpunkt automatisch über die Ferse verlagert wird, wodurch ein instabiler Stand entsteht. Also soll man als erstes die Hüfte gerade halten!

Warum fordert der 2. Leitsatz zusätzlich das Baucheinziehen? Spielt dieser Teil des Leitsatzes evtl. darauf an, dass einige der großen Wing Chun- bzw. WT- Kampfkünstler eine Wampe vor sich herschieben und diese lieber einziehen sollten, weil's sonst ziemlich peinlich ist? Höhöhö.... ;)
Wenn man bedenkt, dass Bruce Lee gesagt haben soll, "Leute mit mangelhafter Fitness haben im Kampfsport nicht zu suchen" klingt das durchaus plausibel...

Nein, Scherz beiseite ...

durch diesen Teil des zweiten Mottos wird auf die stabile Körperstruktur des Wing Chun Kämpfers angespielt, der den Oberkörper mit den Beinen mit Hilfe die Bauchmuskulatur "verblocken" soll. "Bauch einziehen" bedeutet soviel wie "Bauchmuskeln anspannen".

Wird man im Kampf am Kopf, den Armen oder der Schulter nach vorne gezogen bzw. nach hinten gedrückt, soll der ganze Oberkörper nicht locker nach vorne oder nach kippen, wodurch der Schwerpunkt vor oder hinter die Füße gerät. Es resultiert ein instabiler Stand und man verliert die Balance durch das gebrochene Gleichgewicht. Man wäre ein leicht besiegbarer Gegner.

Stattdessen soll man den Oberkörper mit den Beinen mittels der Bauchmuskeln quasi "versteifen". Dadurch ist man in der Lage, sich bei Vorwärtszug bzw. Rückwärtsdruck mit dem gesamten Körper vorwärts bzw. rückwärts zu bewegen. Es entsteht eine stabile Körperstruktur.

Das zweite Motto ist somit eine Orientierungshilfe für die korrekte Hüfthaltung bzgl. Trittkraft, Balance und für verstärkte Körperstabilität durch Anspannung der Bauchmuskeln.

     
     

3. Leitsatz: "Aufnehmende, nachgebende Brust und gerader Rücken!"

     
     

In einer ersten Interpretation beschreibt der dritte Leitsatz durch die Forderung einer "aufnehmenden, nachgebenden Brust" das entspannte Atmen bei der Ausführung von Wing Chun Techniken.
Es soll keine "Pressatmung" stattfinden, sondern frei geatmet werden, ohne die Atmung zu blockieren. Man spricht davon, den Brustkorb weitestgehend "entspannt" zu halten und nennt dies eine "aufnehmende bzw. nachgebende Brust".
Weiterhin verdeutlicht die Beschreibung einer aufnehmenden und nachgebenden Brust die Möglichkeit, durch das Ausströmen der Atemluft (nachgebende Brust) durchaus starke Schläge absorbieren zu können, ohne dabei die Luft krampfhaft anzuhalten.

Das ist die übliche Methode, die natürlich auch in andern Kampfsportarten existiert. Wird der Brustkorb komprimiert (z.B. bei auftreffenden Schlägen, bei Stürzen innerhalb der Fallschule, etc.) soll man ausatmen bzw. die Atemwege offen halten, damit Druckabbau stattfinden kann.

Eine andere Interpretation dieses dritten Mottos beschreibt eine der vielen Kraftquellen für Wing Chun Techniken (z.B. den vertikalen Fauststoß, Biu Tze Sao, etc.) - die Rückenmuskulatur!

Betrachten wir zum Beispiel den "Musculus latissimus dorsi" (zu Deutsch: "breitester Rückenmuskel"), der umgangssprachlich auch als "Latissimus" bzw. als "großer Rückenmuskel" bezeichnet wird, beginnt dieser auf der ganzen Länge der Wirbelsäule unterhalb des Schulterblatts, wobei er zum Teil vom Trapezmuskel überdeckt wird und am oberen Beckenrand endet. Er hat seinen Ursprung am Rumpf und zieht sich vom Kreuz- und Darmbein über die Dornfortsätze der Lenden- und Brustwirbel durch die Achshöhle zum Oberarm. Er ist der flächengrößte Muskel des Menschen.
Bei den meisten Schlagtechniken im Wing Chun - seien es Handkantenschläge, Faustschläge bzw. -stöße oder Fingerstiche, etc. - wird die durch den Trizeps erzeugte Streckbewegung des Armes durch die Kontraktion der Rückenmuskulatur extrem verstärkt.

Inhalt des dritten Leitsatzes ist somit neben entspannter Atmung der "rasche Wechsel von Anspannung und Entspannung" der Rückenmuskulatur bei Ausführung von Wing Chun-Techniken. Eine aufnehmende, nachgebende Brust entspricht einer entspannten Rückenmuskulatur, während ein gerader Rücken auf eine angespannte Rückenmuskulatur bei Schlagbewegungen hindeutet.

Dieser rasche Wechsel von Anspannung zu Entspannung bzw. von hart zu weich ist eines der wesentlichen Charakteristika des Wing Chun und wird bereits in der Siu Nim Tao erlernt.

     
     

4. Leitsatz: "Kopf gerade, Kinn zurück und horizontaler Blick!"

     
     

Im vierten Leitsatz werden Kopfhaltung und die Art des Sehens beschrieben.

Wie allgemein bekannt, kann ein "Knock Out (K.O.)" beispielsweise dann eintreten, wenn die gegnerische Faust das Kinn bzw. den Kiefer trifft - dementsprechend sollte das Kinn stets geschützt werden.

Aus diesem Grund weist dieses Motto den Anfänger darauf hin, den Kopf nicht nach vorne hängen zu lassen, wodurch das Kinn ein leichtes Ziel für den Gegner darstellt.

Manche Stile bzw. Derivate des Wing Chun vertreten den Standpunkt, dass die Forderung "Kinn zurück" automatisch bedeutet, der Kopf solle im Kampf zurückgezogen werden, da das Körpergewicht eh über dem hinteren Bein gelagert ist. Durch das Zurückziehen des Kopfes ist automatisch das Kinn zurückgezogen und daher müsse der Gegner eine größere Distanz überbrücken, um das Kinn zu treffen. Diese Kopfhaltung mit exprimiertem Kinn ist in der Kampfanwendung allerdings höchst zweifelhaft und das eigene Kinn wird so zu einem leichten Ziel für erfahrene Boxer, Kick- oder Thaiboxer oder schlichtweg Schläger.

Ich möchte mich daher hier auf die Interpretation beschränken, dass dieses Motto darauf hinweist, dass der Kopf und das Kinn zu schützen sind.

Man muss ganz klar unterscheiden, wovon die Rede ist - von einer Form oder von einer Kampfanwendung!

In der Form kann ich problemlos mit geradem Kopf, zurückgezogenen Kinn und horizontalem Blick die Form durcharbeiten und ebenfalls den Chi Kung-Aspekt der Form erarbeiten.

Diese Haltung kann man sich im Kampf aber nicht mehr leisten, da man dann zu verwundbar wäre.

Der "horizontale Blick" kann auch als "peripheres Sehen" interpretiert werden. Im Gegensatz zum "fovealen Sehen", bei dem das Auge exakt auf einen bestimmten Fixpunkt gerichtet sein muss, um die maximale Sehschärfe auszunutzen, liefert das periphere Sehen grobe unscharfe und optisch verzerrte Seheindrücke außerhalb des Fixpunktes. Das periphere Sehen ist dadurch sehr effizient für das Wahrnehmen von Bewegungen.
Im Kampf ist "peripheres Sehen" von Vorteil, da man nicht auf einen selektiven Punkt des gegnerischen Körpers fixiert, sondern versucht, diesen in seiner Gesamtheit zu erfassen. Durch diese Art der Wahrnehmung kann eine Angriffsbewegung des Gegners mit höherer Wahrscheinlichkeit erfasst werden, als wenn man sich nur auf ein Arm bzw. ein Bein oder die Augen des Gegners  konzentriert. Daher wird generell in allen Kampfsportarten erhöhter Wert auf peripheres Sehen gelegt.

     
     

5. Leitsatz: "Die Augen folgen der Hand!"

     
     

Dieser inhaltlich schwächste Leitsatz der Siu Nim Tao besagt schlichtweg, dass die Augen den Händen folgen, ohne dass der Kopf gedreht wird. Dreht man den Kopf, um einer Bewegung zu folgen, kann es bereits von einer anderen Seite einschlagen.

Man durchläuft die Form also in der Art, dass man den Kopf gerade hält und den Handbewegungen mit den Augen folgt.
     
     

6.Leitsatz: "Ellbogen absenken und Schulter entspannt, tief und hinten halten!"

     
     

Bei der Ausführung von Armtechniken sollte man den Ellbogen so tief wie möglich halten - vorausgesetzt, die jeweilige Technik lässt dies zu.
Ein Grund für den abgesenkten Ellbogen ist die Schutzfunktion des eigenen Armes, der sich schützend vor der Körperflanke bzw. dem Brustkorb befindet. Die Hand kann in dieser Position den Kopf, den Hals und den Schultergürtel schützen, wohingegen der Ellbogen den Bereich ab Hüftgegend abwärts schützen kann. Auch hier ist Wing Chun vom Grundprinzip nicht anders als andere Kampfsportarten, bei denen z.B. über die Doppeldeckung die Rippenflanke geschützt wird.

Ein weiterer Grund für einen abgesenkten Ellbogen betrifft die "optimale Kraftlinie" auf der die Schlagkraft vom Boden über die Beine, die Hüfte, durch den Oberkörper, den Arm bis zur Faust und schließlich in den Gegner transportiert wird.
Ein ausgestellter bzw. angehobener Ellbogen kann bei manchen Techniken die Kraftlinie brechen und somit die optimale Kraftübertragung während des Schlagens verhindern. Das gilt allerdings nicht für alle Techniken (z.B. Haken, Fak Sao, etc.).

Für eine korrekte Ellbogenhaltung hilft man sich mit folgendem Bild, bei dem der Arm zwischen zwei Punkten - dem Schultergelenk und den Fingerspitzen - wie eine Art Kette aufgehängt ist. Lässt man den Arm zwischen diesen zwei Punkten frei hängen, hängt er wie eine Kette locker dazwischen - der Arm hat die Form einer Kettenlinie (Katenoide), einer Kurve, die den Durchhang einer an ihren Enden aufgehängten Kette unter Einfluss der Schwerkraft beschreibt.

Die Forderung nach einer "tiefen Schulter", die entspannt gehalten werden soll, basiert auf der Tatsache, dass eine Bewegung nicht ihre maximale Kraft entwickeln kann, wenn der Schultergürtel verkrampft hochgehalten wird. Stattdessen werden die Formenbewegungen mit entspannter Schulter ausgeführt. Diese soll abgesenkt bzw. auf dem im entspannten Zustand tiefstmöglichen Punkt gehalten werden.
Manchmal existiert auch noch die Anweisung, die Schulter beim Schlag "zurückzuziehen." Diese Übung des "rückwärtigen Arretierens im Schultergelenk nach erfolgtem Schlag" wird bei allen Formenbewegungen ausgeführt. Auf diese Weise wird man in die Lage versetzt die Muskeln des Schultergürtels gezielt anzusteuern.

Leider leiten viele Vertreter aus der Wing Chun- bzw. WT-Welt aus dem zweiten Teil dieses Mottos ab, dass bei Schlagbewegungen wie z.B. dem vertikalen Fauststoß generell die Schulter während des Schlages zurückgezogen werden muss, wenn das Ziel erreicht wird. Will man maximalen Impuls in das Ziel übertragen, ist diese Vorgehensweise offensichtlich total falsch - wie jeder Anfänger im Boxen bereits in der ersten Stunde lernt.
Bei Haken kommt die Kraft aus der Rotationsbewegung der Hüfte; hier gibt es kein Zurückziehen der Schulter.
Bei Schlägen wie dem vertikalen Fauststoß arbeitet die gesamte drückende Muskelschlinge des Oberkörpers, bestehend aus Trizeps, vorderem Deltamuskel und großem Brustmuskel. Auch hier kann es kein Zurückziehen der Schulter geben, wenn man wirklich Kraft in den Schlag bringen will.
Vergleichbar stelle man sich vor, man würde mit voller Wucht einen an einem Seil befestigten Dartpfeil auf eine Zielscheibe werfen und ihn im letzten Augenblick vor Auftreffen auf die Zielscheibe ruckartig an dem Seil zurückziehen - er verliert im Augenblick des Rucks all seine Energie fällt wirkungslos zu Boden.
Es ist aus mechanischen Gründen offensichtlich, dass im Schlag die Schulter nicht zurückgezogen werden darf - ansonsten hat man vielleicht eine komisch aussehende Schlagbewegung, erzeugt aber überhaupt keine Schlagkraft!

Die einzigen Bewegungen, bei denen das Zurückziehen der Schulter eine Auswirkung auf die Technik hat, sind die "Schwenkbewegungen" wie z.B. Fak Sao (Peitschenarm) oder Biu Tze Sao (Stechende Arme, Fingerstich), die quasi "geschleudert" werden. Hier führt das Zurückziehen der Schulter tatsächlich zu einer Beschleunigung analog einer Peitsche.

Abgesehen von diesen Schwenkbewegungen, bei denen das Zurückziehen der Schulter wirklich einen Effekt bewirkt, macht das Zurückziehen der Schulter auch Sinn, wenn der Gegner unseren Arm gegriffen hat und an diesem zieht.
Anstatt sich ziehen zu lassen und dadurch die Zentrallinienausrichtung zu verlieren, arretiert man im Schultergelenkt im Augenblick der gegnerischen Zugbewegung und kann somit aktiv die Ausrichtung zum Gegner behalten.

     
     

7. Leitsatz: "Zwei Objekte können nicht den gleichen Raum besetzen!"

     
     

Mehrere Konzepte und Prinzipien tragen im Wing Chun zur Art und Weise bei, wie ein talentierter Kämpfer seine erlernten Techniken anwenden soll. Von allen Konzepten und Prinzipien, die Wing Chun als System so einzigartig machen, ist eines allerdings so fundamental, dass es als "Rückgrat des Wing Chun Systems" bezeichnet werden kann.

Dieses Konzept wird als "Zentrallinien-Theorie (Joon Seen Lai)" bezeichnet und beinhaltet das Erkennen, Verwenden und Manipulieren einer imaginären Linie bzw. Ebene, die zwei Kämpfer auf spezielle Art und Weise verbindet.

Die Zentrallinien-Theorie trifft zusätzlich Aussagen über die Beziehungen dieser Linie bzw. Ebene zu diversen anderen Angriffs- und Verteidigungslinien bzw. -winkeln.
Da die Zentrallinien-Theorie stark mit geometrischen Betrachtungen in Verbindung gesetzt wird, beschreibt man Bewegungen und Körperhaltungen von Kämpfern im Wing Chun mit geometrischen Begriffen wie Linien, Dreiecken bzw. Keilen, Ebenen, Pyramiden und Winkeln.
Da hier nur ein kleines Motto der Siu Nim Tao erläutert werden soll, ohne die Zentrallinien-Theorie intensiv durchzuarbeiten, verweise ich an dieser Stelle auf den Artikel "Die Zentrallinine-Theorie im Wing Chun". Dort findet man eine umfassende Beschreibung.

Der siebte und achte Leitsatz der Siu Nim Tao beinhalten jedenfalls fundamentale Aussagen  der Zentrallinien-Theorie.

Im Kampf versucht der Wing Chun Kämpfer die Zentrallinie zu besetzen und auf ihr seine Angriffe zum Ziel zu führen. Besetzt der Gegner hingegen die Zentrallinie, ist es uns nicht mehr möglich auf dieser Linie unseren Angriff auszuführen, da "zwei Objekte nicht den gleichen Raum besetzen können" - wie der Leitsatzschon sagt.
Dementsprechend muss die Zentrallinie neu ausgerichtet und dabei von uns besetzt bzw. die alte Zentrallinie zurückerobert werden, indem der Gegner von dieser verdrängt wird. Ein einfaches Beispiel für die Tatsache, dass "zwei Objekte nicht den gleichen Raum besetzen können" ist die Ausführung von Kettenfauststößen. Während die hintere Faust schlägt, muss die vordere Faust abgesenkt werden, da zwei Fäuste nicht den gleichen Raum besetzen können.

Simpel!

     
     

8. Leitsatz: "Während andere auf dem Bogen schlagen, schlagen wir auf der Sehne!"

     
     

"Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade" - das lernt man so schon in der Schule (hoffentlich).

Am schnellsten schlägt man zweifellos also von einem Punkt zum nächsten auf einer Geraden. Dieser Leitsatz ist ebenfalls ein wichtiger Inhalt aus der Zentrallinien-Theorie. Ist die Zentrallinie frei und wählt der Gegner einen bogenförmigen Schlag, ohne sich auf der Zentrallinie zu bewegen, schlägt ein Wing Chun Kämpfer gerade nach vorne über den direkten Weg der Zentrallinie.

Nur weil die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, muss man allerdings nicht annehmen, dass man durch Wahl des geraden Weges einen signifikanten Geschwindigkeitsvorteil erringt. Rotierende Bewegungen, die über "den Bogen geschlagen werden", haben den Vorteil, dass sie durch Hüftrotation enorme Durchschlagskraft aufweisen können. Geradlinige Bewegungen können ebenfalls durch einen geringen Anteil an Hüftrotation verstärkt werden, haben aber den Nachteil, hauptsächlich durch den Trizeps getrieben zu werden - eine verringerte Durchschlagskraft ist die Folge.

Man muss sich also klar machen, was das "Schlagen auf der Bogensehne" für Folgen für den Kampf hat, wenn man diesen Weg wählt.

(nach oben)

     
           
    7. Weitere Leitsätze bzw. Kuen Kuits, die die Siu Nim Tao begleiten      
     

Die Sammlung der Leitsätze bzw. Kuen Kuits, die die Siu Nim Tao begleiten, ist nicht auf die oben genannten acht Stück beschränkt. Sie stellen lediglich die am meisten zitierten Leitsätze der Siu Nim Tao dar, die im Unterricht standardmäßig vermittelt werden.

In den letzten hunderten von Jahren haben sich viele weitere Kuen Kuits angesammelt, von denen ich einige weitere nachfolgend aufzähle und ebenfalls kurz erläutere.

   
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao kommt zuerst!"

   
     

Dieser Leitsatz muss kaum erläutert werden, besagt er doch wenig anderes, als dass die Siu Nim Tao die erste Form ist, die der Schüler erlernen soll.

Dennoch steckt implizit auch die Andeutung darin, dass man nicht mit einer fortgeschritteneren Form beginnen soll, bevor die Siu Nim Tao nicht ausreichend erlernt wurde.

Als erstes erlerne man die Grundlagen!

Nichts ist wichtiger als ein sauberes Fundament, auf dem alle späteren Techniken basieren - daher kommt die Siu Nim Tao - die Basis-Form - zuerst!

   
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Der Trainingsfortschritt soll nicht erzwungen werden!"

   
     

Natürlich soll man sich im Training anstrengen und bemühen. Diese Bemühungen sollen aber unverkrampft erfolgen.

Endloses Wiederholen der Form garantiert nicht automatischen Fortschritt. Dieses Motto gilt nicht nur für die Siu Nim Tao alleine, sondern kann auf alle Übungen, Drills und Trainingseinheiten angewendet werden - Fortschritt kann man nicht erzwingen, er stellt sich bei adäquater Bemühung von selbst ein.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao ist praxisbezogen und real!"

     
     

Dieser Leitsatz bezieht sich auf die Tatsache, dass jede Bewegung der Form eine klare Funktion beinhaltet.

Es gibt keine Formenbewegung, die quasi "als Verzierung" oder wegen ihrer "Schönheit" oder eines "Showeffektes" oder rein aus "Tradition" in der Form vorhanden ist. Jede Bewegung der Form hat eine dazugehörige Anwendung - aber offensichtlich sind nicht jedem diese Anwendungen bekannt. Das heißt aber nicht, dass es hier versteckte "Geheimtechniken" gibt. Es gibt - wie gesagt - keine Geheimtechniken im Wing Chun sondern nur simple, einfache Erklärungen, die jedem einleuchten.

Vermutlich ist nicht jeder in der Lage, im Wing Chun simpel und einfach zu denken und muss Anleihen in "Bionik" oder anderen Naturwissenschaften tätigen, um dem System einen mystischen Anstrich zu geben. Das ist in meinen Augen grober Unsinn!

Nicht zuletzt deshalb soll dieses Motto also an die Praxisbezogenheit der Form erinnern.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao trainiert eine gute, starke Balance!"

     
     

Wie ich schon weiter oben angedeutet habe, steht man in der Siu Nim Tao im Yee Jee Kim Yeung Ma (IRAS) und lernt, eine gute Körperstruktur und ein gutes Balancegefühl aufzubauen.

Dadurch ist man in der Lage kurzfristige Durckänderungen des Gegners zu absorbieren und adäquat auf sie zu reagieren.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao besitzt 108 Bewegungen!"

     
     

Ursprünglich soll die Siu Nim Tao, die Yip Man unterrichtet hat, aus "108 Punkten" bestanden haben, wobei jede Einzelbewegung, die mit einem Arm ausgeführt wird, als "ein Punkt" gezählt wurde. Manche hintereinander ausgeführte Bewegungen wurden auch zusammengefasst und ebenfalls als "ein Punkt" gezählt.

Diese Betrachtungsweise gilt heutzutage allerdings als veraltet, da die heute existierenden Varianten der Siu Nim Tao eine Zuordnung der Punkte zur Siu Nim Tao nicht mehr zulassen und keiner mehr weiß, wie die "Ur-Form" von Yip Man, die diese 108 Punkte aufgewiesen haben soll, wirklich aussah. Selbst direkte Schüler Yip Mans sind sich in dieser Hinsicht uneinig bzw. legen Bewegungen aus eigenem Ermessen als Punkte fest.

Zweifellos sind die Versionen die einerseits an Yip Man überliefert wurden und die Versionen, die er andererseits später selbst unterrichtet hat unterschiedlich.
So ist bekannt, dass die Version der Siu Nim Tao, die er in Foshan unterrichtet hat, nicht die Version ist, die er später in Hong Kong gezeigt hat.

Tja, die Lehre eines Lehrers ist ständigen Veränderungen unterworfen - was wiederum für die Schüler sehr nervtötend sein kann.

Klar ist, dass jeder Schüler Yip Mans, der später selbst Lehrer wurde, der Siu Nim Tao seine eigene Interpretation beigefügt, ihr seinen eigenen Anstrich verpasst hat.
So unterscheiden sich die Siu Nim Tao von Yip Man (auf Video dokumentiert) bereits in einigen Details von den Formen, die man bei seinen direkten Schülern (William Cheung, Wong Shun Leung, Hawkins Cheung, etc.) sehen kann. Diese haben offensichtlich die Form in gewissen Details verändert und folgen somit dem Vorbild ihres Lehrers Yip Man, der permanent an der Weiterentwicklung des Systems gefeilt hat.

Entscheidend ist nicht, ob die Siu Nim Tao exakt 108 Punkte enthält, die eh keiner benennen kann.

Wichtig ist, dass die Siu Nim Tao "Schlüsselbewegungen" und "Schlüsselpositionen" beinhaltet, die extrem präzise ausgeführt werden müssen. Exakt festgelegte Positionen - die "Schlüsselpositionen" - werden durch die jeweiligen "Schlüsselbewegungen" miteinander verbunden. Die richtige Bewegung in Kombination mit der richtigen Position ist ein erster Schritt in Richtung korrekt ausgeführter Siu Nim Tao.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Das Ziel ist die Praktikabilität, nicht die Schönheit!"

     
     

Dieser Leitsatz ähnelt dem Leitsatz "Die Siu Nim Tao ist praxisbezogen und real!" und verdeutlicht, dass Wing Chun keine Showbewegungen enthält, sondern bezüglich Praxisanwendung und Effizienz optimiert wurde.

Ob die Form "schön" aussieht und einen tollen Showeffekt bewirkt, um Zuschauer oder Außenstehende allgemein zu begeistern, ist nicht relevant. Es zählt einzig und alleine die Effizienz jeder Bewegung.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao existiert in tausenden Variationen!"

     
     

Dieser Leitsatz spricht die nackte Wahrheit aus - es gibt keine original Siu Nim Tao!

Stattdessen existieren genau so viele Siu Nim Tao Varianten, wie es Wing Chun Kämpfer weltweit gibt, da im Grunde jeder seine persönliche Form ausführt - ich schlage daher all denjenigen vor, die immer noch auf der rastlosen Suche nach der einen Form sind, sich zu entspannen und zu akzeptieren, dass die einzige Form, die eine Rolle spielt, diejenige ist, die sie selbst täglich ausführen und üben - diese gilt es zu perfektionieren!

Natürlich beabsichtigt jeder Lehrer, seinen Schülern seine spezifische Siu Nim Tao-Vorstellung zu vermitteln. Man sollte als Lehrer aber davon Abstand nehmen, den Schülern weismachen zu wollen, das wäre die "Original-Yip-Man-Form" bzw. die "Ur-Siu Nim Tao" oder ähnlicher Unsinn.
Dadurch wird man früher oder später nur seine Glaubwürdigkeit oder - noch schlimmer -  das Vertrauen seiner Schüler verlieren.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao fördert präzise zeitliche Koordination!"

     
     

Die Ausführung der Siu Nim Tao fördert ein gutes Gespür für präzises Timing und die notwendige Synchronisation von Handbewegungen.

Zusätzlich wird die Hand-Auge-Koordination verbessert. So werden Bewegungen der Gliedmaßen beispielsweise mit korrekter Atmung in Einklang gebracht.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Ein schwacher Körper muss mit Kraftaufbau beginnen!"

     
     

Viele Leute, die mit Kampfsport bzw. Kampfkunst beginnen wollen, sind physisch in einem miserablen Zustand. Die Kondition fehlt, einfachste koordinatorische Übungen, die in der Grundschule zum Sportunterricht zählen, werden nicht beherrscht und bei einfachen Kraftübungen (Kniebeugen, Liegestütz, Bauchaufzüge, etc.) kommt der Anfänger an seine Grenzen.
Sport wird in der Zeit von Smartphone, Computer, Breitbild-Fernseher, Bier, Chips und Internet eben nicht mehr groß geschrieben. Wie soll eigentlich mit einem in so jungen Jahren bereits dermaßen abgebauten Körper der Alterungsprozess aussehen?

Derjenige, der den Weg in meine Schule findet, kann sich auf eines verlassen: er iwrd konditionell gefordert werden und muss Kraft aufbauen!

Am Anfang des Wing Chun Trainings steht eben nicht nur die Siu Nim Tao sondern auch ein gezielter Aufbau eines kräftigen, konditionell ausgearbeiteten und flexiblen Körpers. Er ist die Grundlage für alle im Training ausgeführten Übungen. Jeder Anfänger wird in Ruhe und entspannt an die späteren Anforderungen herangeführt - man muss sich also keine Sorge wegen anfänglicher Überforderung machen.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Jede Bewegung ist präzise auszuführen!"

     
     

Naja, hier müsste ich eigentlich nichts mehr hinzufügen, sagt drt Leitsatz doch schon alles!

Die Siu Nim Tao ist nicht für "Wischi-Waschi-Bewegungen" oder moderne undisziplinierte "Null-Bock-Einstellungen" konzipiert worden.

Es ist manchmal unfassbar, wie schlampig selbst fortgeschrittene Wing Chun Trainierende ihre Formen verkommen lassen und diese gelangweilt runterhampeln - obwohl sie eigentlich das koordinatorische Potential für eine saubere Formenausführung hätten. Sie haben offensichtlich aufgehört, Wing Chun zu trainieren!

Korrekterweise verdient jede noch so kleine Bewegung der Siu Nim Tao volle Aufmerksamkeit!
Die einzelnen Bewegungen müssen höchst präzise ausgeführt werden. Hier zeigt sich bereits zu Beginn des Trainings, ob ein Anfänger sich auch höheren Anforderungen hingeben will, oder ob ihn seiner Einschätzung nach die Formen eigentlich tödlich langweilen.

Ist letzteres der Fall, sollte er mit Wing Chun sofort aufhören!

Tatsächlich kann man als Fortgeschrittener bereits in dieser ersten Form erkennen, ob ein Anfänger die Grundvoraussetzungen aufweist, um Wing Chun zu erlernen. Ist er nicht in der Lage, die Siu Nim Tao nach einer gewissen Zeit der Übung bzw. nach einer gewissen Anzahl an Korrekturen durch den Lehrer möglichst fehlerfrei und präzise wiederzugeben und diesen Standard zu halten und in Zukunft sogar zu verbessern, lässt sich entweder auf eine mangelnde Körperkoordination, Gleichgültigkeit, mangelnde Selbstdisziplin oder sogar Lernunwilligkeit rückschließen.

In diesen Fällen sollte man den Schüler lieber vom Wing Chun und den Lehrer vom Schüler erlösen. Man tut beiden einen Gefallen - man hält vor dem Schüler nicht die Illusion aufrecht, er sei in der Lage, das System ansatzweise zu erlernen. Hier geht es nicht darum, Geld mit Schülern zu verdienen, sondern gegenseitigen Respekt aufzubringen und Ehrlichkeit walten zu lassen.

Schüler oder ganz allgemein Leute, die Wing Chun praktizieren und nie kritisch hinterfragen, was sie eigentlich machen oder tun, die nicht mitdenken und Übungen nur stupide "runterdrehen", sind fruchtlose Schüler. Das habe ich schon an anderer Stelle ausgeführt.
Eine Bewegung, sei sie noch so einfach, ist eine "tote Bewegung", wenn man keine noch so "kleine Idee" von ihrer Anwendung oder ihren Vor- und Nachteilen im Wing Chun hat. Ein Schüler soll nicht einfach nur den Lehrer "kopieren und imitieren" sondern die Form mit all ihren Konzepten, Prinzipien, Anwendungen usw. zu seiner eigenen Form machen!

Man kann sich hier grundsätzlich merken, dass jede noch so kleine Bewegung der Form einen Sinn und eine Bedeutung hat. Es gibt keine einzige Bewegung innerhalb aller Formen des Wing Chun, die sinnentleert oder "nur aus Tradition" in den Formen vorhanden sind, das sagte ich weiter oben bereits.

Stattdessen hat jede noch so kleine Bewegung einen tieferen Sinn und muss dementsprechend mit hoher Präzision ausgeführt werden! Aussagen wie "das machen wir aus Tradition" bzw. "diese Bewegung ist nur zur Verzierung noch in der Form enthalten" deuten schlichtweg auf mangelnde Kenntnisse hin.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Übe die Form einmal pro Tag!"

     
     

Die Formen im Wing Chun sind wie eine Sprache, die gesprochen werden will. Alle paar Wochen ein paar Worte in einer neuen Sprache zu sprechen lässt nicht gerade erwarten, dass man irgendwann flüssig sprechen wird.
Genau so verhält es sich mit Wing Chun. Wer sich darauf verlässt, ausschließlich im Training die Übungen zu wiederholen, wird in keiner Kampfkunst bzw. Kampfsportart weit kommen. Man braucht keinen Trainingsraum oder Matten, Handschuhe oder Trainingskleidung, um die Formen einmal täglich zu üben. Man muss lediglich den inneren Schweinehund überwinden und sich eingestehen, dass man immer 10 - 15 Minuten Zeit findet - egal wieviel Stress man pro Tag zu haben glaubt.

Prioritäten setzen!

Formen im Wing Chun sind Selbstübungsmethoden, deren Effekte sich mit der Dauer der Übungspraxis immer deutlicher zeigen. Um die erwünschte Wirkung zu erzielen, muss man ernsthaft und ausdauernd üben. Jede Form hat ihre eigene Anforderungen und Schwierigkeiten, die jeder Anfänger gut kennen lernen muss - so auch die Siu Nim Tao.

Man sollte die Formen - egal welche man übt - nie bis zur Erschöpfung oder bis zum Überdruss praktizieren, sollte es aber auch nicht bei einem einzigen Durchlauf der Form belassen. Der Lerneffekt stellt sich wie üblich erst bei der Wiederholung ein. Kleine Unlustgefühle und Trägheit zählen allerdings zu den kleinen Bitterkeiten, die es durchzustehen gilt.
Man sollte nur so lange üben, wie man noch über genügend Kräfte verfügt und das Interesse an den Übungen noch wach ist.

Ungeduld hat in den Formen und generell im gesamten Training nichts zu suchen. Wer ungeduldig übt, wer sich nicht ernsthaft mit der Übung befasst, wer nach schnellen Effekten strebt, wird keine Fortschritte erzielen.

Auf die Dauer ist das langsame Schreiten schneller als das ungeduldige und hastige Gehen.

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Wunder d. Form zeigen sich mit fortschreitender Übung!"

     
     

Die Siu Nim Tao hält einige Überraschungen bereit, die sich allerdings nicht enthüllen, wenn man die Form nebenbei ohne die nötige Ernsthaftigkeit runterdreht.

Korrekte Ausführung, saubere Atmung, volle Konzentration, komplette Vertiefung in der Bewegung und mehrere Wiederholungen mit dem ständigen Drang zu Perfektion und die Siu Nim Tao eröffnet sich dem Einzelnen von selbst!

Hier heißt es "dabei bleiben und nicht aufhören!"

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao entwickelt innere Energie!"

     
     

Dieser Leitsatz deutet darauf hin, dass die Siu Nim Tao nicht nur eine lose Aneinanderreihung gewisser Handtechniken des Wing Chun enthält, die memoriert und geschliffen werden sollen.

Stattdessen ist sie eine der wesentlichen Formen im Wing Chun, in der der Aufbau von Chi bzw. innerer Energie trainiert bzw. erfahren wird.  Dazu weiter unten mehr...

     
     

Siu Nim Tao Leitsatz: "Die Siu Nim Tao trainiert Sehnen, Knochen und Muskeln!"

     
     

Obwohl die Siu Nim Tao nicht gerade eine knallharte Fitnessübung ist, hat sie eine nicht unerheblich Auswirkung auf den gesamten Bewegungsapparat.

Beachtet man die Leitsätze, Orientierungshilfen bzw. Mottos der Siu Nim Tao in Hinblick auf Körperhaltung und Ausführung der Bewegungen, kann die Siu Nim Tao recht schnell zu einer erheblich anstrengenden Übung werden und zur Stärkung, Dehnung aber auch Entspannung des ganzen Körpers beitragen.

(nach oben)

     
           
   

8. Der fundamentale Stand "Yee Jee Kim Yeung Ma" auch "IRAS" genannt

     
     

Der Yee Jee Kim Yeung Ma (auch Yee Jee Keem Jeung Ma, Ji Chi Kim Jeung Ma, etc.) ist der Stand, in dem die Siu Nim Tao ausgeführt wird.

Eine andere Bezeichnung aus dem englischen Sprachraum lautet "Internal-Rotated-Adduction-Stance (IRAS)" was als "Nach-innen-rotierter-Stand-unter-Anspannung-der-Adduktoren" übersetzt werden kann.
Dieser Basisstand des Wing Chun Systems sieht reichlich komisch aus und lässt häufig Neuinteressenten bzw. Anfänger schmunzeln, sieht er doch so aus, als habe man sich in die Hosen gesch.... höhöhö.

Die Übersetzung von "Yee Jee Kim Yeung Ma" gibt jedoch eine bildliche Erklärung der Idee, die hinter dem Stand steht.

"Yee Jee" als chinesisches Zeichen bedeutet soviel wie "Zeichen Zwei" und besteht aus einem langen und einem darüber befindlich kürzeren Strich (s. u. links im Bild).

   
     


"Yee Jee Kim Yeung Ma - der Zeichen Zwei Stand" - Das chinesische Zeichen für die Zahl zwei sieht ähnlich aus wie der Stand im Wing Chun - der Yee Jee Kim Yeung Ma, wenn man sich vorstellt, dass die Fußsohle und die Ferse jeweils auf dem Ende eines jeweiligen Striches stehen.

   
     

Stellt man sich vor, man würde seine Füße auf dieses Zeichen stellen, so dass die Fersen auf den Enden des längeren Striches und die Zehen auf den Enden des kürzeren Striches stehen, bilden die Füße einen Winkel wie in einem gleichseitigen Dreieck - nehmen also beide einen Winkel von 60° zueinander und zur Grundlinie ein.

"Kim Yeung" wird mit "eine Ziege reiten und dadurch halten, dass die Knie nach innen drücken" übersetzt. Dadurch wird verdeutlicht, dass die Knie während der Formausführung eine nach innen gerichtete Spannung (gerne als "Kniespannung" bezeichnet) aufweisen sollen. Diese so entstehende "verbindende Kraft" erhöht die Stabilität des gesamten Standes.

Ganz generell geben einige der Mottos der Siu Nim Tao kurz und knapp Orientierungshilfen, wie man in diesem Stand zu stehen bzw. welche Haltung der Körper einzunehmen hat.

Die Füße werden so nach innen rotiert, dass sie einen Winkel von 60° bilden und quasi auf den Seiten eines gleichseitigen Dreiecks stehen. Die Zehen der Füße versuchen, sich in den Boden förmlich "einzugraben", woraus eine höhere Standstabilität resultiert. Die Knie sind zueinander, also nach innen gedreht und werden soweit gewinkelt, dass die Kniescheiben gerade die Fußspitze verdecken, wenn man nach unten schaut.

Die Hüfte ist gerade, der Bauch wird eingezogen, der Rücken aufgerichtet und der Körper gestreckt. Man sagt, der Körper "forme eine Pyramide, bei der das Gewicht in der Mitte zentriert ist."
Die Schultern und Ellbogen sind entspannt und werden tief gehalten, der Schwerpunkt ist abgesenkt. Rückgrat, Kopf und Nacken sind gerade und die Augen schauen horizontal mit peripherem Blick.
Die Fäuste werden neben den Rippen gehalten, berühren diese aber ausdrücklich nicht - weder am Anfang, noch am Ende und auch nicht während der Formenausführung! Eine Richtlinie besagt, dass eine "Fingerbreite Platz" zwischen den Fäusten und den Rippen gehalten wird. Die Fäuste sind dauerhaft zurückgezogen und sinken während der Formenausführung nicht ab oder baumeln quasi als "BH-Ersatz" vor der Brust.

Der Hinterkopf, der Rücken und die Hacken liegen auf einer gemeinsamen Linie. Man beugt sich also weder vor, noch lehnt man sich nach hinten.

Werden all diese Positionsangaben bzw. Richtlinien befolgt, wird dauerhaft ein gutes Fundament für eine stabile Körperstruktur gelegt. Sie ist unabdingbar, um komplexe koordinatorische Bewegungen auszuführen, bei der Oberkörper, Hüfte und Schrittarbeit als Einheit zusammenwirken, um Bewegungen mit maximaler Geschwindigkeit und Kraft auszuführen, ohne Struktur und sauberes Timing zu verlieren

Der Yee Jee Kim Yeung Ma (IRAS)  ist der "Basisstand" des gesamten Wing Chun Systems. Im Kampf findet er allerdings keine wirkliche Verwendung als "Ausgangsstand" eines beginnenden Kampfes.
Man beginnt also keine kämpferische Auseinandersetzung in diesem Stand und streckt dabei noch die Hände in Wing Chun typischer "Keil-Haltung" nach vorne. Stattdessen wird der IRAS "kurzfristig" durchlaufen, wenn man z.B. von einer 45°-Wendung der einen Körperseite auf die andere Seite wendet.

Man beginnt in diesem Stand mit dem Formentraining und dem Chi Sao und führt zahlreiche weitere Drills in ihm aus.

Zusätzlich entwickelt sich ausgehend von diesem Stand die gesamte Schrittarbeit ("Ma Bo") des Wing Chun Systems.

Dreht man beispielsweise aus dem Yee Jee Kim Yeung Ma (IRAS)  jeden Fuß um 90° auf der Ferse nach außen, nimmt man den Qaudrilateralstand "Sei Ping Ma (bzw. Cho Ma)" aus der Langstock-Form ein.
Dreht man aus dem IRAS nur einen Fuß um 90° auf der Ferse nach außen und rotiert den Körper in gleicher Richtung um 90°, steht man im typischen, eingleisigen Wing Chun Vorwärtsstand (Meridian-Stand).

Allgemein ermöglicht der Yee Jee Kim Yeung Ma schnelle Wendungen. Durch die Vorspannung der Wade aufgrund des leicht gewinkelten Knies ist man in der Lage, vergleichbar wie ein Boxer, rasche Positionsänderungen auszuführen und den Körper schnell vorwärts, seitwärts oder (wenn nötig) sogar rückwärts zu bewegen.

Ich erlebe immer wieder, dass Schüler keine gute Körperstruktur haben und bei Druck- und Zugbewegungen leicht das Gleichgewicht verlieren.
Fordert man sie auf, mehr Augenmerk auf einen stabilen Stand zu legen, den Schwerpunkt abzusenken, die Beinmuskulatur anzuspannen und die Körperstruktur allgemein zu optimieren, verbessert sich automatisch ihre Körperstabilität und auf ihrem Gesicht macht sich Erstaunen breit - so banal bzw. komisch das klingen mag.

Ein starker, stabiler und ausbalancierter Basisstand wirkt sich auf die gesamte Wing Chun Schrittarbeit aus. Man spricht von dem "Ausbilden einer stabilen Wurzel mit dem Boden" bzw. dem "Verwurzeln mit dem Boden."

Die aus dem Basisstand abgeleitete Schrittarbeit, die sowohl in fortgeschrittenen Techniken als auch im realen Kampfgeschehen zum Einsatz kommt, wird - wie gesagt - aus dem Yee Jee Kim Yeung Ma abgeleitet. Die auf den Basisstand im Folgenden erlernte Schrittarbeit weist die gleichen Eigenschaften auf, die der Yee Jee Kim Yeung Ma in sich vereint: die Hüfte ist gerade, der Bauch eingezogen, die Knie sind gewinkelt, der Schwerpunkt ist abgesenkt und eine stabile Körperstruktur ermöglicht zusätzlich den ungehinderten Fluß innerer Energie.

Wie ich schon angedeutet habe, hat der Yee Jee Kim Yeung Ma als Basisstand mehr Bedeutung für den Aspekt des "Aufbaus und der Kontrolle des Chi (innere Energie)" als für den Kampf.

Lies dazu einfach den nächsten Absatz!

(nach oben)

     
           
    9. Siu Nim Tao, Chi Kung und sogenannte "innere Energie"      
     

Wie ich schon in dem Artikel zu "Formen im Wing Chun - was versteht man darunter?" geschildert habe, gibt es eine gewisse Lernabfolge im Wing Chun, bei der die Formen in einer vorgegebenen Reihenfolge unterrichtet werden. Diese typische Lernfolge ist ein perfektes Beispiel dafür, wie "inneres Wing Chun" entwickelt wird.

Die Formen im Wing Chun haben nicht nur den Sinn einer reinen Körper- und Bewegungsschule, durch die alleine korrekte Wing Chun Techniken vermittelt werden. Stattdessen soll Wing Chun als "inneres bzw. weiches Kampfkunstsystem" zusätzlich Fähigkeiten vermitteln, "Chi" bzw. "innere Energie" aufzubauen und schließlich gezielt zu kontrollieren. Die wichtigste Form ist diesbezüglich die Siu Nim Tao - sie stellt für den Wing Chun Anfänger den ersten Lernschritt dar.

Natürlich stehen viele, die von Chi hören und damit noch nicht in Berührung gekommen sind, solchen Betrachtungen kritisch gegenüber. Ich möchte sie an dieser Stelle an die großen Sportereignisse unserer modernen Zeit erinnern, in denen Hochleistungssportler (Schwimmer, Speerwerfer, Sprinter, etc.) durch eine Kombination von physischen und psychischen Trainingsmethoden zu Höchstleistungen auflaufen.

Ein so genannter "Mentaltrainer" hilft diesen Sportlern, verborgene Energien zu entfesseln bzw. hilft ihnen bei der Entwicklung von spezifischen Methoden, sich in den Augenblick zu versenken und diese verborgenen Energien im richtigen Zeitpunkt abzurufen.
Goldmedaillen sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass physisches und mentales Training Hand in Hand gehen und der Sportler als "Einheit-aus-Körper-und-Geist" zur rechten Zeit in der Lage ist, zur Höchstform aufzulaufen.

   
     


"Wing Chun und Chi Kung" - Wing Chun gilt als "inneres bzw. weiches Kampfkunstsystem. Angestrebt wird die "Einheit von Körper und Geist".

   
     

Man könnte sagen, hier finden moderne Anwendungen von Chi Kung Trainingsmethoden statt, die stark an "autogenes Training" oder sogar "Selbsthypnose" erinnern. Die Chinesen kannten solche Methoden schon vor hunderten von Jahren und haben sie in Chi Kung Übungen - wie z.B. der Siu Nim Tao - manifestiert bzw. konserviert.

Vergleicht man die Siu Nim Tao mit der Cham Kiu oder der Biu Tze, drängt sich unmittelbar das Gefühl auf, die erste Form sei auch die einfachste aller Formen. Bezogen auf Schrittarbeit, Körperwendung und Koordination von Hand- und Fußbewegungen mag das auf den ersten Blick stimmen.

Aus "Chi Kung-Sicht" gilt sie aber als die fortgeschrittenste Form. Fortgeschrittene und nicht selten die schwierigsten Chi Kung-Übungen erscheinen gegenüber dem laienhaften Auge als einfach und unspektakulär. Wesentlich ist hier, was "in" dem Ausführenden vor sich geht, nicht aber für das Auge Dritter von außen erkennbar ist.
Die eigentlich "harten Übungen" finden in dem Einzelnen selbst statt und können von außen anhand der Bewegungen und Körperhaltung nur erahnt werden. Die Siu Nim Tao ist dafür das beste Beispiel.
Durch diese Form kommt der Anfänger sofort zum Ausbildungsbeginn mit sehr fortgeschrittene Methoden in Form von Chi Kung-Übungen zum Aufbau innerer Energie in Kontakt - in der Regel aber unbewußt.

Um die eigene innere Energie (Chi) aufzubauen bzw. schließlich zu kontrollieren, steht am Anfang des Lernens die Aufgabe, einen ruhigen Körper und Geist zu entwickeln.

Entspannung ist wichtig, kommt aber nicht von alleine. Durch wiederholtes Meditationstraining lernt man, immer tiefere Entspannungszustände zu erreichen, den Atem zu beruhigen und den eigenen Geist in einen meditativen Zustand zu versetzen.

Heutzutage gibt es neben der Siu Nim Tao die verschiedensten Meditationsmethoden und für einen Anfänger sind die meisten von ihnen als Ausgangspunkt geeignet, um generell mit Meditation zu beginnen.
Schreitet man in den Meditationserfolgen voran, möchte man dann natürlich auf die Übungen fokussieren, die innerhalb des Wing Chun Systems und beispielsweise der Siu Nim Tao enthalten sind. Warum also nicht gleich mit der Siu Nim Tao als erste Meditationsübung beginnen?

Wie allgemein bekannt, hat Wing Chun seine Wurzeln im Shaolin Kloster und enthält daher viele der im Shaolin Kloster vermittelten Meditations- und Chi Kung-Übungen. Die Siu Nim Tao ist aus Chi Kung-Sicht eine im Stehen ausgeführte Meditationsübung (Standmeditation) und reiht sich nahtlos in die Gruppe der vielen im Chi Kung bekannten Standmeditationen ein. Ein weiteres Beispiel ist die häufig zitierte "Acht Brokatübung."

Meditation ist wichtig, da sie den Geist trainiert und dem Einzelnen hilft, sich in einen anderen, einen ruhigeren Bewusstseinszustand zu versetzen und sich mit seiner inneren Energie zu verbinden - es wird eine tiefe Verbindung zwischen Körper und Geist geschaffen. Ein entspannter Körper ist unverzichtbar, um die Möglichkeiten der im Wing Chun enthaltenen "weichen Chi Fähigkeiten" einzusetzen.

Die erste Aufgabe der Siu Nim Tao ist - wie sollte es anders sein - der Stand.

Er beinhaltet die erste Chi Kung spezifische Fähigkeit, die man erlernen muss: die so genannte "energetische Verbindung" mit dem Boden.
Natürlich sind wir schon mit dem Boden dauerhaft verbunden - ist ja klar, wir fliegen ja nicht oder heben ab. Gemeint ist daher eher die Ausbildung hoher, dauerhafter Standstabilität.

Die Qualität des Standes, des oben erwähnten "Yee Jee Kim Yeung Ma",  richtet sich nach mehreren Kriterien, nämlich:

  1. dem Stand bzw. der Körperhaltung,
  2. dem Grad der Entspannung von Körper und Geist und
  3. der Fähigkeit des Übenden, Energie in den Boden zu "projizieren."

Will man die "energetische Verbindung" mit dem Boden bildlich darstellen, kann man sich eine Baumwurzel vorstellen. Man lernt mit der Zeit, diese "Wurzel" im übertragenen Sinne auszubilden, indem man seine Energie - bildlich gesprochen - in den Boden absenkt, genau wie ein Baum seine Wurzel in diesem vergräbt. Ist man in der Lage, diese Art von "Verwurzelung" in die Tat umzusetzen, resultiert ein äußerst stabiler Stand.

Die gesamte Siu Nim Tao hat eine "innere Energie-Komponente". Der wichtigste Teil der Form, in dem speziell innere Energie aufgebaut werden soll, ist die "Sam Bai Fat-Sequenz" des dritten Satzes, den man mit Tan Sao beginnt und in dem dann hintereinander drei Fook Sao / Wu Sao Kombinationen ausgeführt werden.
Der dritte Satz ist der Teil der Form, in dem innere Energie aufgebaut wird und der einzige Satz der Form, der wirklich langsam ausgeführt wird. Irrtümlicherweise heißt er bei vielen Lehrern "Kraftsatz" oder wird mit dem vierten Satz der Form verwechselt.

Die passendere Bezeichnung des dritten Satzes aufgrund der "Sam Bai Fat Sequenz" wäre eher "Energiesatz".

Beachtet man die Chi Kung-Komponente des dritten Satzes nicht, macht es natürlich auch keinen Sinn, diesen bewusst langsamer auszuführen - man kann ihn genauso schnell ausführen, wie alle anderen Sätze.
Führt man den dritten Satz hingegen mit voller Chi Kung Absicht aus, kann es durchaus lange dauern (20 Minuten bis zu einer Stunde), um den dritten Satz zu vollenden. Der Rest der Form wird dann in normaler Geschwindigkeit ausgeführt, wobei Fortgeschrittene die Ausdrucksform der Biu Tze in die Siu Nim Tao einfließen lassen können - also das in der Biu Tze gelernte "Lösen innerer Energie" in die Siu Nim Tao einbringen.

(nach oben)

     
           
    10. Vier Schlüssel zur Chi Kung Seite der Siu Nim Tao      
     

Die vier Schlüssel zur Chi Kung-Seite der Siu Nim Tao heißen:

  1. entspannen,
  2. verwurzeln,
  3. atmen und
  4. fokussieren.

Ich gebe im Folgenden einen kurzen Einblick in die Schritte, die man vornehmen kann, um die Chi Kung Seite der Siu Nim Tao im dritten Satz zu entfalten. Die hier beschriebene Variante ist deutlich anders als das, was in den Videos weiter oben gezeigt wird, wo er ein zügiges Tempo angeschlagen wird und Biu Tze Arbeitsweisen einfließen.

Das hier unten Erwähnte ist dabei nur ein Ausschnitt aus "einem" Weg, den man beschreiten kann, um zum Ziel zu gelangen. Es existieren natürlich auch andere Wege...ist klar!

Um die Chi Kung Seite der Siu Nim Tao zu praktizieren, beginnt man die Form wie üblich. Es ist essentiell, zu entspannen und einen ruhigen Mentalzustand während der gesamten Form zu bewahren. Entspannung ist notwendig, um der inneren Energie einen natürlichen Fluss durch den Körper zu gestatten.

Während der Praxis von Chi Kung Übungen ist es sehr hilfreich, die Vorstellungskraft zu verstärken, indem man sich den Energiefluss bzw. die Energieansammlung im eigenen Körper vor dem geistigen Auge vorstellt, sie sozusagen "verbildlicht" - dadurch wird der Anfang deutlich leichter. Die nachfolgenden Beschreibungen bedienen sich dieser Methode.

   
     


"Das "Verwurzeln" mit dem Boden (engl. Rooting)" - Die Ausbildung eines guten Standes durch "rooting" und das "Ziehen der Energie" aus dem Boden sind wesentliche Bestandteile der Chi Kung Übungen der Siu Nim Tao

   
     

Ich muss dazu allerdings einschränkend erwähnen, dass es hier ewig dauern würde, den gesamten dritten Satz und die einzelnen "Hilfsbilder" zu erläutern, die zum gewünschten Chi Kung-Effekt jeder einzelnen Bewegung führen sollen. Dieser Artikel zur Siu Nim Tao ist ohnehin schon zu lang :)

Ich beschreibe daher nur diejenigen Anweisungen, denen man folgt, wenn man die erste Bewegung, also Tan Sao, ausführt. Den Rest muss man dann im Training oder gar nicht lernen (wenn's ohnehin nicht interessiert) ...

     
     

1. Einnehmen des Standes

     
     

Bereits während des Stand-Einnehmens des Yee Jee Kim Yeung Ma (IRAS) entspannt man sich und konzentriert sich auf das Absenken des Körpers. Dabei hilft die Vorstellung, man sinke förmlich in den Boden. Gleichzeitig streckt man vom Kopf ausgehend den ganzen Körper in einer leichten Streckbewegung.
Die Vorstellung sollte dabei ungefähr so sein, als ob der Kopf durch einen Faden Richtung Himmel gezogen wird, während der Unterkörper im Boden eingegraben ist - wenn man ein Beispiel für ein einigermaßen passendes Bild geben soll.

Man stellt sich einen natürlichen Fluss seiner inneren Energie vor, wobei ein Teil abwärts und ein Teil aufwärts fließt. Je intensiver man sich diesen Energiefluss vorstellt, desto eher ist man in der Lage, diesen sogar selbst zu "empfinden", was einer autosuggestiven Komponente entspricht.

Wie man sich denken kann, ist diese Art der Vorstellung von "fließender innerer Energie" in China alltäglich. Es gibt sogar Bezeichnungen dafür. Die aufsteigende Komponente wird in China "aufsteigende Yang-Komponente" der inneren Energie genannt, wohingegen die absinkende Komponente als "sinkende Yin-Komponente" bezeichnet wird.
Die Absicht sollte hier sein, ein Gleichgewicht zwischen Yin und Yang einzustellen, während man den Körper absenkt und den Kopf leicht anhebt.

     
     

2. Der dritte Satz der Siu Nim Tao - Beginn mit Tan Sao

     
     

Im dritten Satz der Siu Nim Tao dreht sich alles um den Aufbau innerer Energie. Sobald man die linke Hand zu Tan Sao öffnet und nach vorne schiebt, fokussiert man stark auf den Aufbau innerer Energie.
Ab jetzt wird alles extrem verlangsamt ausgeführt. Es existiert der Ausspruch, man solle sich so langsam bewegen, "wie eine Blume braucht, um ihre Blüte zu öffnen". Das ist natürlich nicht sehr schnell; tatsächlich ist es sogar extrem schwer, überhaupt eine Bewegung der Blütenöffnung zu sehen.
Da die blumige chinesische Art der Umschreibung hier nicht sehr hilft, nehmen wir als ungefähren Anhaltspunkt lieber eine solche Geschwindigkeit, bei der die gesamte Form ca. eine halbe Stunde dauert. Anfänger zielen vorteilhaft eher auf eine Zeit zwischen 10 und 20 Minuten, um sich nicht total mit den komplexen Konzentrationsübungen und der Zeitdauer zu überfordern.
 
Die Handöffnung zur Tan Sao-Position erfolgt sehr langsam. Der Daumen wird leicht gewinkelt und der kleine Finger ist angehoben - gerade so stark, dass eine leichte Spannung in der Handfläche existiert. Dieses Spannungsgefühl hilft bei der Vorstellung des Chi bzw. einer Kugel aus Energie, die in der Handfläche liegt.
Man richtet seine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf zwei Punkte - einerseits stellt man sich vor, immer tiefer in den Boden zu sinken und die eigene Energie immer stärken in den Boden zu transferieren. Andererseits richtet man seine Aufmerksamkeit auf die Handfläche der linken Hand und die Vorstellung von Chi, bzw. einer Energiekugel oder eines Energieballs, der von dieser gehalten wird. Anfangs hat man große Probleme sich so etwas vorzustellen. Die eigene Phantasie ist bei manchen recht schwach und die nötige Konzentration wird nicht aufgebracht.

Hier hilft - wie bei autogenem Training, liquid dreaming oder Autosuggestion - nur stetes Üben...

Während die Hand langsam geöffnet wird, sollte man den Eindruck von Chi in der Hand fühlen bzw. sich vorstellen. Durch die langsam ausgeführte Handöffnung sollte dieses Gefühl verstärkt werden. Sollte man nach mehrmaliger Übung irgendwann Erfolg haben und sich das Gefühl von Energie in der Hand einstellen, sollte man beginnen, dieses Gefühl suggestiv zu verstärken. Die bildliche Vorstellung einer Kugel aus Licht, die quasi im Vakuum über der sich öffnenden Hand entsteht, ist hier sehr hilfreich. Dieses Bild sollte als so genannter "mentaler Fokuspunkt" erhalten bleiben, während man die Hand langsam öffnet.

Im fortgeschrittenen Stadium fokussiert man mit der Handöffnung auf die richtige Atmung. Die umgekehrte Atmung ist hier die Atemmethode der Wahl (siehe oben). Sollte man sie nicht beherrschen, kann man auch die normale Bauchatmung verwenden, sollte aber später die umgekehrte Atmung ausführen.

Ist die Hand zur Tan Sao-Position geöffnet, fügt man den zwei Fokuspunkten des Standes und der Handfläche einen weiteren hinzu. Man richtet seine Konzentration auf die Energie im  Ellbogen des linken Armes und entspannt diesen, ohne die eingenommene Position zu verlieren.
Dabei stellt man sich vor, auch dort ein Vakuum (wie über der Handfläche) zu erzeugen. Man stellt sich weiterhin vor, der Ellbogen würde schwerer und schwerer werden, indem Wasser in den Ellbogen und um den Ellbogen herum strömt. Während man sich dieses Bild vor Augen führt, schiebt man den Tan Sao-Arm leicht nach vorne.

Man tut dies, indem man sich vorstellt, das Wasser, welches in den Ellbogen und um den Ellbogen herum fließt, erzeuge einen leichten Druck, der den Arm vorwärts schiebt. Bewegt sich der Arm erstmal, bremst man die Bewegung nicht ab. Stattdessen wird die Bewegung kontinuierlich, weich und langsam mit stetem Vorwärtsdruck ausgeführt.

Man kann das Bild von der Energiekugel in der Handfläche mit dem des Wassers in und um den Ellbogen verbinden, indem man sich vorstellt, das Wasser fließe innerhalb des Unterarmes in die Hand und fülle die Kugel. Die Kugel soll sich dadurch in der Vorstellung schwerer anfühlen.

Die Vorstellung des Vakuums über der Handfläche, dass die Energie vom Ellbogen zu sich zieht ist hier wieder hilfreich. Man lässt die Energie innerhalb des Armes und des ganzen Körpers in Wellen aus Entspannung und innerer Ruhe bewegen, wobei die Bewegung synchron mit dem Rhythmus des Atems erfolgt...usw. usf.

     
     

...soweit bis hierhin.

     
     

An dieser Stelle möchte ich einen Schnitt machen und die weitere Beschreibung der Chi Kung Übungen unterbrechen.

Der oben beschrieben Beginn des dritten Satzes ist lediglich eine Kostprobe dessen, was man in der Siu Nim Tao üben und "an sich und in sich selbst" entdecken kann.

Ich kann hier jedenfalls soviel andeuten, dass jede weitere Bewegung des dritten Satzes der Siu Nim Tao nach ähnlichen Vorstellungen bzw. Hilfsbildern ausgeführt wird, die durchaus sehr, sehr komplex sind und lange Übungspraxis erfordern.

Außerdem möchte ich an dieser Stelle auch erwähnen, dass keiner meiner deutschen Lehrer diese Methode bzw. Komponente der Siu Nim Tao zu vermitteln wußte bzw. selbst kannte oder konnte. Dafür musste ich mich erst einmal um einen chinesischer Lehrer bemühen, der im Qigong bzw. Chi Kung bewandert war.

Wie man sehen kann, existieren mehrere Dinge in der Siu Nim Tao, auf die man sich gleichzeitig konzentrieren muss bzw. die man durch eigene Vorstellungskraft unterstützen muss. Das ist ein Grund, warum die Siu Nim Tao als Übung als sehr fortgeschritten betrachtet wird und dem Übenden signifikante Chi Kung Fähigkeiten abverlangt.

Mit zunehmender Fertigkeit eines jeden Wing Chun Übenden entwickelt sich ebenfalls die Siu Nim Tao jedes einzelnen ständig weiter.

So gibt es beispielsweise mit fortschreitender Erfahrung unterschiedliche Niveau-Abstufungen bei der Ausführung der Form, die unter anderem davon abhängen, wie weit der Trainierende im System vorangeschritten ist. Da jede der folgenden Formen (Cham Kiu, Biu Tze, Mok Yan Chong, ...) einen Wissens- und Verständnissprung beinhalten, wirkt sich das zunehmende Wissen und Verständnis direkt auf die Ausführung der Siu Nim Tao (und generell auf alle Formen) aus.
Die Siu Nim Tao eines jahrelang Wing Chun Praktizierenden sieht in der Regel sehr viel präziser, kraftvoller, ökonomischer und generell dynamischer als die Siu Nim Tao eines Anfängers aus (vorausgesetzt, der Fortgeschrittene trainiert täglich).

Mit anderen Worten spiegelt sich in der Siu Nim Tao unmittelbar das Verständnis eines jeden Einzelnen wider.
Nicht umsonst betrachtet man die Siu Nim Tao einerseits als die "Grundlagen-Form" als auch als die am meisten fortgeschrittene Form des Systems - frei nach dem Motto: "der Erste wird der Letzte sein". Dies hängt aber - wie mehrfach erwähnt - mit den Chi Kung-Aspekten der Form und dem Zusammenspiel mit den höheren Formen zusammen.

Hört man also Geschichten von Yip Man, die berichten, er hätte eine Stunde gebraucht, um einen Durchlauf der Siu Nim Tao zu praktizieren, versteht man nun vielleicht besser, was er die Stunde lang gemacht hat.

Ich möchte nach der ganzen Schilderung noch mal erwähnen, dass - wenn man sich mit modernem Mentaltraining im 21. Jahrhundert auseinandersetzt - man leicht erkennt, dass diese Art der Chi Kung Übungen im dritten Satz der Siu Nim Tao eigentlich Übungen ähneln, die aus dem modernen "autogenen Training" bekannt sind bzw. in diesem verwendet werden. Autogenes Training ist quasi "ein alter Bekannter", der für jemanden, der Chi Kung beherrscht, nur in neuen Kleidern daherkommt.

Man kann vermuten, dass die ursprüngliche Form, wie sie im Shaolin Kloster geübt wurde und aus der schließlich die Siu Nim Tao hervorgegangen ist, eine reine Chi Kung-Form war und extrem langsam ausgeführt wurde. Etliche Leute, die heutzutage durch die Siu Nim Tao hetzen, haben das offensichtlich vergessen und aus der Siu Nim Tao eine reine Bewegungsschule gemacht, in der Positionen gedrillt werden.

Es ist jedenfalls klar, dass man die Chi Kung-Seite der Siu Nim Tao nicht von heute auf morgen entdecken und lernen kann, sondern sich ausführlich dem Fortschritt widmen muss.

Die Chi Kung Seite der Siu Nim Tao zu erlernen muss man allerdings auch "wollen" - und dieses Interesse ist nur bei den wenigsten vorhanden, wird diese Seite in der technikorientierten Welt doch gerne als "Hokuspokus" abgetan bzw. als "nicht-kampfrelevant" verlacht.

Tja, man muss ja nicht alles lernen und sich nicht alles aneignen wollen.

(nach oben)

     
           
    11. Braucht man die Chi Kung Komponente der Siu Nim Tao?      
     

Viele Leute, die sich mit Wing Chun auseinander setzen, haben diese Kampfkunst in erster Linie gewählt, um sich zu verteidigen. Ich kenne auch genug Leute, die garantiert nichts von Chi Kung in Kombination mit Wing Chun hören wollen.

Die innere bzw. Chi Kung Seite des Wing Chun Systems wird von vielen Schulen nicht unterrichtet bzw. nicht einmal diskutiert. Einige Lehrer reden zwar über die im Wing Chun enthaltenen Chi-Inhalte, integrieren sie aber nicht ins Training. Ein Bestandteil des Systems geht somit für viele Wing Chun Generationen verloren.

Eine berechtigte Frage ist daher, ob man die Chi Kung Komponente der Siu Nim Tao überhaupt braucht, um sich zu verteidigen?

Meine Antwort darauf lautet: Nein!

Man braucht die in der Siu Nim Tao enthaltenen Chi Kung Übungen nicht, um trotzdem hocheffektiv mit Wing Chun kämpfen zu können.

Das liegt daran, dass Wing Chun ein auf Konzepten und Prinzipien basierendes Kampfkunstsystem ist. Wird Wing Chun allerdings unter Berücksichtung innerer Lehren komplett und intakt ausgeführt - also Chi Kung-unterstützte Techniken - ist die Effizienz steigerbar. Zudem fördert diese Art der Meditationsübungen die Persönlichkeitsentwicklung und erleichtert letztendlich den Weg zu sich selbst.

   
     


"Braucht man Chi Kung im Wing Chun" - Wing Chun funktioniert auch ohne Chi Kung als effiziente Kampfkunst. Chi Kung ist nur eine weitere Facette bzw. ein weiterer Inhalt, mit dem man sich beschäftigen kann, um Wing Chun in seiner Gesamtheit zu erfahren.

   
     

Die ganzen Aussagen, dass die Siu Nim Tao die schwierigste der Wing Chun Formen sei, bzw. dass der dritte Satz der Siu Nim Tao als "Kraftsatz" bezeichnet wird oder das ganze Gerede von Chi oder Energieübertragung in den Gegner ist weitestgehend sinnentleert, wenn man die Chi Kung-Seite des Wing Chun vernachlässigt bzw. einfach ignoriert.

Man sieht dann etliche Leute durch die Siu Nim Tao-Form "hampeln", ohne zu wissen, was sie da eigentlich an Bewegungen ausführen, welcher Grundgedanke hinter den Bewegungen steht, wie die Atmung korrekt ausgeführt wird, usw.

Ich persönlich trainiere Wing Chun jedenfalls lieber in all seinen Facetten, die das System zu bieten hat und entscheide von Training zu Training, worum ich mich heute kümmern möchte - und Chi Kung, Chi, innere Energie sind Aspekte, die aus dem Wing Chun nicht wegzudenken sind.

Das ist eine Tatsache!

(nach oben)

   
           
    12. Welche Siu Nim Tao ist das "Original" bzw. welche ist die "richtige Form"?      
     

Viele Schüler fragen sich immer und immer wieder, welche Form denn jetzt die richtige ist? Gibt es ein Original bzw. welche Form ist die "Ur-Form"?

Natürlich gibt es viele Lehrer, die behaupten, sie hätten die "Yip Man-Urform" und würden auch exakt "Yip Man Wing Chun" vermitteln. Und viele Leute glauben so was dann auch - wie sie übrigens auch felsenfest an unbekannte Flugobjekte glauben, die mit Wesen von so überlegener Intelligenz bemann sind - man müsste sich dann eigentlich fragen, was diese Außerirdischen an einer so Blödsinn-begeisterten Menschheit interessant finden sollten?
Viel hat das ganze geheimnisvolle Geraune über die "Original Siu Nim Tao" auch mit dem wahnsinnig tollen Gefühl zu tun, nun endlich mehr zu wissen als die schlichten anderen Wing Chun Übenden, die nach persönlicher Meinung in anderen Schulen dumpf vor sich hintrainieren. Und außerdem will man ja in diesem kurzen Leben nichts verpassen, oder?

Die Frage habe ich sicher schon mehrfach beantwortet, will hier aber noch mal betonen, dass es keine Original-Form bzw. keine "richtige Form" gibt.

Das kann sich jeder leicht selbst ableiten.

Die Siu Nim Tao ist über Jahrhunderte von Wing Chun Generation zu Wing Chun Generation weitergegeben worden.

Was glaubst Du als Leser, wie viel sich dabei geändert hat?

Kleine Details sind während der Übermittlung der Form verloren gegangen, andere kleine Details sind vom Einzelnen hinzu gedichtet worden. Manche Bewegungen werden von unterschiedlichen Lehrern unterschiedlich verstanden und dementsprechend unterschiedlich erklärt. Falsch müssen diese Erklärungen aber alle nicht sein. Sie sind nur "Facetten" ein und derselben Sache.

     
     


"Welche Siu Nim Tao ist das Original?" - Viele Wing Chun Praktizierende sind auf der Suche nach der Ur-Form bzw. der wahren Yip Man Siu Nim Tao Form. Gibt es diese überhaupt? Nein, es gibt sie nicht. Denn selbst Yip Man hat im Laufe seines Lebens seine Form variiert.

     
     

Das Ganze kann man beliebig weitertreiben: einige Leute haben Schrittarbeit in der Siu Nim Tao, andere wiederum nicht. Die einen praktizieren die Siu Nim Tao mit dem Gedanken an Chi und Chi Kung, die anderen interessieren sich nur für Power, Kraft und Geschwindigkeit und lassen Chi Kung-Aspekte komplett weg. Ich selbst kenne aus den Jahren meines Wing Chun Trainings bestimmt 30 unterschiedliche Varianten der acht Sätze der Siu Nim Tao. Und nun?

Was resultiert also zwangsweise? Genau, eine enorme Vielfalt tausender unterschiedlicher Siu Nim Tao-Formen. Sollte man also fanatisch auf der Jagd nach der "Ur-Form" sein bzw. meinen, es gäbe so was, sollte man sich entspannen und lieber die wesentlichen Dinge trainieren, anstatt irgendwelchen Unsinn zu glauben.

Die einzige richtige Form ist vermutlich die, die man selbst ausführt...

(nach oben)

     
           
    13. Formenänderungen - Darf man generell Formen ändern?      
     

Komische Frage - warum sollte man überhaupt Formen ändern wollen bzw. warum eigentlich nicht?

Ja, ich weiß - ich kenne auch noch Aussagen meiner früheren Lehrer, die Form dürfe auf keinen Fall geändert werden. Dementsprechend kommt für viele die Vorstellung der Änderung der Formen einem ketzerischen Gedanken gleich.

Das Verbot, Formen zu ändern, wird nicht einfach nur von Lehrern ausgesprochen, sondern auch mit Begründungen untermauert, die auf offensichtlich sinnlosen "Traditionen" aufbauen.

Beispielsweise ziehen manche Lehrer die Regel aus dem Hut, die Formen dürften "traditionell" frühestens von der dritten Schülergeneration verändert werden. Wenn also ein Lehrer A einen Schüler B unterrichtet, dieser Schüler B wieder einen Schüler C unterrichtet und dieser Schüler C einen Schüler D unterrichtet, darf erst Schüler D die Form des Lehrers A verändern.

Das nennt man "Änderung in der dritten Generation".

Komischerweise haben genau diese Lehrer, die solche Regeln aufstellen, die Form, die sie von ihrem eigenen Lehrer gelernt haben, direkt nach der Trennung von diesem Lehrer sofort in einigen Punkten geändert - also bereits in der ersten Generation.

Also ehrlich: zum Lachen....

Solche wirklich doofen Regeln sollte niemand akzeptieren müssen. Ich halte von ihnen jedenfalls nichts, finde sie sogar reichlich dumm. Wenn man sinnvoll über die Formen nachdenkt, sind diese ja nicht irgendwann vom Himmel gefallen oder "so von Gott gegeben worden", dass sie nicht angetastet werden dürften.

   
     


"Veränderungen als Chance für Verbesserung?" - Wird die Form verändert um offensichtliche Fehler zu beseitigen, kann die Änderung durchaus sinnvoll sein. Aber was ist schon offensichtlich falsch bzw. wer will sich anmaßen, das zu beurteilen?

   
     

Irgendwer, der am Anfang der Wing Chun-Entwicklung stand, hat sich die ersten Formenbewegungen einfallen lassen und hatte evtl. eine komplett andere Gliederung der Form bzw. völlig andere Ideen zu vielen der einzelnen Bewegungen im Kopf als wir sie heute aktuell vorfinden.
Denkt man an die Chi Kung Seite der Siu Nim Tao und denkt an den Ursprung des Wing Chun Systems im Shaolin Kloster, erkennt man zwangsweise, dass die Form vermutlich einen wesentlich stärkeren meditativen Charakter besessen hat und den Schwerpunkt auf "Körperertüchtigung" für meditationsgeschwächte Mönche im Shaolin-Kloster legte, die sich auch mal bewegen wollten.

Wer weiß das heute schon?

Wirft man einen Blick auf die zig Varianten der Siu Nim Tao, die man heute alleine auf Internet-Videoportalen anschauen kann, ist doch klar, dass jeder Wing Chun-Stil die Siu Nim Tao ändert wie es ihm passt.

Anstatt irgendwelche Regeln bzw. sinnlose Verbote aufzustellen, sollte man lieber überlegen, welche Änderungen überhaupt nötig sind, bzw. wie alle Formen des Wing Chun-Systems aufgebaut sind oder welche Bewegungen in der Siu Nim Tao nichts zu suchen haben, weil sie z.B. erst in der Biu Tze-Form oder der Holzpuppen-Form eingeführt werden.

Zusätzlich muss man sich überlegen, ob man den Chi Kung-Aspekt der Siu Nim Tao zerstört, wenn man Änderungen an der Siu Nim Tao vornimmt.
Zerstört man z.B. den dritten Satz der traditionellen Siu Nim Tao, indem man den Fook Sao Arm nicht vorschiebt sondern wie in der Holzpuppe wie Jut Sao ruckartig zu sich zieht, war's das mit dem Sam Bai Fat-Gedanken in der Siu Nim Tao und der "Kraftsatz" ist dahin und hat seine Chi Kung-Bedeutung verloren.

Solche Änderungen sind in der Tat dumm und im Übrigen überflüssig. Viele Bewegungen kommen in späteren Formen und müssen nicht aus übertriebener Eile in untere Formen "herabgezogen" werden, nur um sich von anderen Wing Chun Stilen abzusetzen und etwas signifikant anders zu machen.

Meine Meinung!

(nach oben)

     
           
    14. Wie heißen die Formenbewegungen?      
     

Ja, Formenbezeichnungen...haha...ein interessantes Thema, das vielen "Nicht-Chinesen" mit Sicherheit Kopfzerbrechen bereitet.

Es führt dazu, dass man mittlerweile in Deutschland für ein und dieselbe Handbewegung bei verschiedenen Lehrern zig verschiedene Schreibweisen vorfindet. Der reine Bezeichnungsurwald...

   
     


"Wie heißt die Handhaltung noch gleich?" - Die Formenbewegungen des Wing Chun haben vielfältige Namen, von denen man sich die meisten gar nicht merken kann (oder will). Man bräuchte schon fast ein Ablagesystem wie oben gezeigt, um all die vielfältigen Begriffe zu erfassen. Eine Mischung aus Deutsch/Pseudochinesisch tut's sicher auch...

   
     

Selbst große Verbände, die viele Buchveröffentlichungen vorzuweisen haben, schaffen es nicht, Schreibweisen zu vereinheitlichen, woraus lustige aber auch verwirrende Begriffskollisionen resultieren.

Ursprünglich wurden chinesische Begriffe als erstes in der englischen Sprache romanisiert. Man drückte chinesische Worte in der englischen Schreibweise aus. Da hieß der im Wing Chun so wichtige "Schwingenarm" ganz einfach "Bong Sau" mit "U"...nicht so vorteilhaft in Deutschland, wenn alle Wing Chun Techniken an Schweine erinnern.

Auch andere Begriffe wie "Gam Sao" wurden englisch "Gum Sau" geschrieben, da ein Engländer "U" wie "A" ausspricht.

Egal, wie man es dreht und wendet, in den westlichen Ländern, in denen man kein Chinesisch spricht, wird es immer schwer sein, Wing Chun Begriffe korrekt auszusprechen, geschweige denn, sie zu schreiben. Das führt dazu, dass man im Endeffekt Bezeichnungen für Handhaltungen entwickelt hat, die kein Chinese jemals verstehen würde.
Ich habe mal einen befreundeten Chinesen, der sowohl Mandarin als auch Kantonesisch spicht, mit ein paar der halb "eingedeutschten Begriffe" wie z.B. Kwat Sao, Bart Cham Dao, Lao Sao, Kao Sao, Bong Sao konfrontiert.
Der hat laut gelacht und meinte, das spräche man - wenn überhaupt - doch sehr anders aus und er würde überhaupt nicht verstehen, was ich da rede. Traurig, aber wahr...

Wir Europäer müssen uns also nicht einbilden, dass die Benennung unserer Wing Chun Bewegungen auch nur halbwegs verständlich für einen Muttersprachler in China sind.

Sagt man zum Beispiel "Huen Sao" im chinesischen Restaurant und denkt dabei an die Übersetzung "Zirkelhand", bekommt man vermutlich den Schlachterteller süß-sauer mit Schweineschnitzel und fritierter Hühnerkeule vorgesetzt da der chinesische Kellner sicher nix versteht.

Dieselbe Problematik hat man im Judo, Jiu Jitsu, Karate, Aikido, etc. wo man auch japanische Begriffe der Einfachheit halber ins Deutsche überträgt und zukünftig mit diesen Begriffen hantiert. Beispiele wären:

  • Ukemi - Fallübung
  • Hane-Goshi - Hüftspringwurf
  • Kannuki-Gatame - Riegelstreckhebel
  • usw.

Die deutsche Übersetzung ist da schon verständlicher, oder?

Selbst fortgeschrittene WT-Lehrer scheren sich mitunter überhaupt nicht um die Begriffe, obwohl sie sich "Meister des WT" nennen.
Ich erinnere mich noch, wie ich, als ich noch in einem größeren WT-Verband trainierte, für den dortigen Großmeister die Bezeichnungen aller Formen aus verschiedenen Wing Chun- bzw. WT-Büchern abgeschrieben und in ewiger Fummelarbeit als Liste zusammengestellt habe.
Die Begriffe wurden dann leicht geändert (sozusagen auf den Verband zugeschnitten - man will ja etwas Individuelles...) und dann in Bücher bzw. auf Poster gedruckt.

Fazit: der WT-Großmeister hatte selbst "keinen Plan" von den Begriffen...nennt sich aber WT-Großmeister ... eine desillusionierende Erfahrung.

Ich habe mich mittlerweile weitestgehend von den chinesischen Begriffen im Wing Chun gelöst, da man eh immer hinter chinesischen Muttersprachlern herhinken wird und es nie mit ihnen aufnehmen kann.

Allerdings halte ich weiterhin an einigen wesentlichen Begriffen fest, die international gebräuchlich sind. Ich liste nachfolgend - nach Einzelsätzen getrennt - einige der Begriffe auf, die in der Siu Nim Tao in dem Wing Chun, wie es in meiner Schule praktiziert wird, eine Rolle spielen.

Sie sind also mehr eine Liste für meine Schüler als für Außenstehende.

     
     

0. Formenbeginn

     
     
Hoi Ma Stand einnehmen
Yee Jee Kim Yeung Ma "Schriftzeichen Zwei" Adduktionsstand
     
     

1. Satz

     
     
Tan Sao "Handfläche zeigt nach oben" Arm
Gau Cha ... gekreuzter ... (Vorsatz vor gekreuzt ausgeführten Techniken - z.B. Gau Cha Gan Sao = gekreuzte schneidende Arme)
Gan Sao schneidender Arm
Kwan Sao nach innen rotierender Arm
Sao Kuen

Zurückziehen der Faust bzw. des Armes

Hau Jarn Rückwärtsellbogen
     
     

2. Satz

     
     
Jat Yee Chun Kuen "Schriftzeichen Sonne" Fauststoß
Huen Sao Zirkelhand
     
     

3. Satz

     
     
Bon Huen Sao halbe Zirkelhand
Wu Sao schützender Arm bzw. Schutzhand
Fook Sao Arm auf der Brücke, aufliegender Arm, Brückenarm
Yark Cheung

Seitlicher Handflächenstoß

Chin Cheung Aufgerichteter Handflächenstoß
     
     

4. Satz

     
     
Jor Gam Sao linker abwärts gerichteter Handflächenstoß
Jau Gam Sao rechter abwärts gerichteter Handflächenstoß
Hau Gam Sao rückwärtiger, hinterer Handflächenstoß
Chin Gam Sao

vorderer Handflächenstoß

Gam Sao abwärts gerichteter Handflächenstoß
Lan Sao Riegelarm
Shang ... doppelter ... (Vorsatz vor doppelt ausgeführten Techniken, z.B. Shang Lan Sao = doppelter Riegelarm)
Fak Sao Peitschenarm
Jam Sao sinkender Arm, sinkender Ellbogen
Tok Sao Ellbogen anhebender Arm
Jat Sao Schockhand
Biu Tze Sao stoßende Finger, "stoßende Finger" Arm
Tai Sao Hebender Arm bzw. Handgelenkschlag
     
     

5. Satz

     
     
Wang Cheung Liegender Handflächenstoß
     
     

6. Satz

     
     
Kwat Sao wischender Arm
Lao Sao schöpfender Arm
Ko Tan Sao Hoher "Handfläche zeigt nach oben" Arm
Huen Got Sao

Zirkelschnitt

Dai Cheung Tiefer liegender Handflächenstoß
     
     

7. Satz

     
     
Bong Sao Schwingenarm
Ong Cheung Umgedrehter Handflächenstoß
     
     

8. Satz

     
     
Tat Sao Befreiende Arme
Lin Wan Chun Kuen kontinuierliches bzw. fortgesetztes Schlagen
     
     

Formenende

     
     
Sao Sik Formen-Endbewegung
     
             
     

Ich betone noch mal, dass diese Begriffe nur in meiner Schule gelten. Im Prinzip sind die Bezeichnungen noch um einiges komplizierter und können für die acht Sätze der Siu Nim Tao noch vollständiger dargestellt werden.

Trotzdem, die oben genannten Begriffe kommen alle aus dem Wing Chun System und sind am weitesten verbreitet.

Ich rede im Training allerdings lieber von "Handflächenstoß" als von irgendeinem "Ong Cheung" oder "Wang Cheung", was ich ja selbst kaum richtig aussprechen kann.

Man sollte sich mit seinem Partner im Training schnell und effizient verständigen können, anstatt mit "Pseudochinesisch" beeindrucken zu wollen und lediglich die sich permanent wiederholenden Begriffe (Tan Sao, Bong Sao, Jam Sao, Fook Sao, Fak Sao, etc.) kennen.

Die exotischeren Versionen (Wang Cheung, Dai Cheung, etc.) kann auswendig lernen, wer will. Es bleibt jedem selbst überlassen.

Bis hier war das ein kurzer Überblick über die Siu Nim Tao. Über die Form kann man ja ewig reden.

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Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten 01. Cham Kiu Chi Sao Sektion unserers Wing Chun Trainings?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

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