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1. Formen in asiatischen Kampfkünsten

     
     

"Trainiere Deine Form, als würdest Du kämpfen und kämpfe als trainiertest Du Deine Form".

Formen, im Chinesischen als "Taolu" (Pinyin: "tào lù") bezeichnet, sind eng mit asiatischen Kampfkünsten verbunden und bestehen aus fest vorgegebenen Bewegungen bzw. Bewegungsabläufen, die dergestalt kombiniert werden, dass sie als eine lineare Abfolge trainiert werden können.
In früheren Zeiten waren Formen gedacht, um die Linie eines bestimmten Kampfkunst-Stiles dauerhaft zu bewahren. Zu diesem Zweck wurden sie an ausgewählte fortgeschrittene Schüler unterrichtet, um so das Überleben des Stils zu sichern.

Formen waren so ausgebildet, dass sie sowohl repräsentative als auch anwendungsorientierte Techniken enthielten, die von den Trainierenden im Sparring verwendet und bzgl. ihrer praktischen Funktionsfähigkeit überprüft werden konnten.

Heutzutage schätzt man das Training von Formen als einen wichtigen Bestandteil eines asiatischen Kampfkunsttrainings ein. Traditionell spielen sie im Training effektiver Kampfanwendungen eine untergeordnete Rolle und werden durch Sparring, Technik-Drills und Konditionsübungen in den Schatten gestellt und somit in ihrer Wichtigkeit gerne unterschätzt.
Durch die Praxis von Formen ist es dem Trainierenden möglich, schrittweise seine körpereigene Flexibilität, seine äußere und innere Stärke, Geschwindigkeit, Präzision und Krafteinsatz ausgeführter Bewegungen, Kondition, Balance und Koordination der Gliedmaßen zu trainieren und somit permanent zu verbessern. Sie unterstützen den Fluss der ausgeführten Techniken und haben teilweise auch meditativen Charakter. Manche von ihnen werden herangezogen, um innere Fähigkeiten zu entwickeln und sein eigenes "Chi" - auch als "innere Energie" übersetzt - zu kontrollieren.

Viele Kampfkunst-Stile enthalten sowohl waffenlose Formen als auch Formen, die mit einer oder zwei Waffen ausgeführt werden. Dabei variieren die Waffen in Typ und Länge und werden teils einhändig oder beidhändig geführt.

 

Formen in asiatischen Kampfkünsten

 
     


"Waffen-Formen sind in asiatischen Kampfkünsten keine Seltenheit" - Formen werden in asiatischen Kampfkünsten nicht nur unbewaffnet ausgeführt. Stattdessen finden sich in vielen Kampfkünsten etliche Waffenformen wieder, in denen die Handhabung der exotischsten Waffen wie hier im Wushu (siehe Bild oben) trainiert wird.

   
     

Man unterscheidet in den chinesischen Kampfkünsten mehrere Klassen von Formen. Am verbreitetesten sind die sogenannten "Solo-Formen", die von einer Einzelperson ausgeführt werden.
Im Wing Chun zählen zu ihnen beispielsweise die waffenlosen Formen Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze, die am Trainingsgerät ausgeführten Solo-Formen Mok Yan Chong Fat und Saam Sin Chong Fat und die mit Waffen ausgeführten Formen Look Dim Poon Kwan und Bart Cham Dao.

Weiterhin existieren auch "Partner-Formen", die als fest vorgegebene, choreographierte Abläufe von zwei oder mehr Personen ausgeübt werden können. Zu diesen "Partner-Formen" zählen im Wing Chun die üblicherweise als "Sektionen" bezeichneten Chi Sao-Trainingsinhalte.
Dies gilt allerdings nur solange, wie man sich an fest vorgegebene Abläufe hält - nur in diesem Fall handelt es sich um einfache Partner-Formen. Verlässt man hingegen den vorgegebenen Ablauf und improvisiert, praktiziert man "freies Chi Sao" (sogenanntes "Goh Sao, Go Sao bzw. Gor Sao"), das nicht mehr als Partner-Form eingestuft wird.

Zuletzt wären noch die "Sparrings-Formen" zu nennen, die entwickelt wurden, um Anfänger mit grundlegenden Sparringskonzepten vertraut zu machen und sie an den regellosen Freikampf heranzuführen.
Es handelt sich dabei streng genommen weder um echte Formen, die einer eindeutigen Choreographie folgen, noch ist es echtes Sparring, da Sparring keiner irgendwie gearteten Bewegungsvorgabe folgt. Es sind vielmehr "sparringsähnliche Ritualkämpfe", die klaren Regeln und Drills folgen. Zu ihnen zählt im Wing Chun beispielsweise das Lat Sao-Training.

(nach oben)

     
           
 
 

2. Formen im Wing Chun

     
     

Die Formen im Wing Chun sind eher als Trainings-  anstatt als Kampfformen zu verstehen. Sie sind somit nicht vergleichbar mit den im Karate üblichen Katas, die choreographierte, stilisierte Kampfformen gegen imaginäre Gegner darstellen.

  Formen im Wing Chun  
     


"Wing Chun-Formen sind nicht vergleichbar mit Katas aus dem Karate" - Hier sieht man einen Ausschnitt aus einer Karate-Kata, die eine choreographierte, stilisierten Kampfform gegen imaginäre Gegner darstellt. Wing Chun-Formen verfolgen andere Konzepte als Karate-Katas.

   
     

Einzeltechniken der für sich abgeschlossenen Formen mit den jeweils hinter den Techniken stehenden Konzepten sind weitestgehend voneinander getrennt und verschieden.

Der Kämpfer erlernt durch das Formentraining Wing Chun-typische Techniken und bemüht sich, diese präzise, entspannt und mit korrektem Krafteinsatz auszuführen. Weiterhin trainiert er Körperbalance, Körperstruktur, Koordination der Arme und Beine und das richtige Timing für Muskelanspannung und -entspannung.

Die Formen haben aber nicht nur rein physische Trainingsinhalte zu bieten. So ist es möglich, sich mit den tiefgründigen Inhalten der Form wie z.B. der richtigen Atmung, der Entwicklung und Kontrolle innerer Energie, der Selbstwahrnehmung, der Selbstdisziplin, körperlicher und mentaler Entspannung usw. auseinander zu setzen und auf diesen Ebenen ebenfalls ausgeprägte Fähigkeiten zu entfalten.
Diese letztgenannten Inhalte werden allerdings nur äußerst selten akzeptabel unterrichtet bzw. im Training nur selten ausreichend betont.

Wing Chun enthält traditionell drei waffenlose Solo-Formen, die ohne Trainingsgerät trainiert werden. Diese Formen sind in ihrer Reihenfolge "Siu Nim Tao (SNT)", die "Cham Kiu (CK)" und die "Biu Tze (BT)".

Zusätzlich enthält Wing Chun zwei weitere waffenlose Solo-Formen, für deren Training allerdings Hilfsgeräte benötigt werden.
Einerseits ist dies die "Mok Yan Chong Fat (MYCF)", die vereinfacht als "Holzpuppen-Form" bezeichnet wird und andererseits die "Saam Sin Chong Fat (SSCF)" die auch den Namen "Tripodalpuppen- bzw. Tripodialpuppen-Form" oder auch seltener "Drei-Sterne-Form (engl. "three star form")" trägt.

Ingesamt gibt es somit fünf waffenlose Solo-Formen im Wing Chun - drei ohne und zwei mit Hilfsgeräten.

Als die fortgeschrittensten Formen werden die zwei Solo-Formen Look Dim Poon Kwan (LDPK) und Bart Cham Dao (BCD) erachtet, von denen die erste mit einem Langstock und die zweite mit zwei Messern, den. sog. "Doppelmessern" bzw. Schmetterlingsmessern", ausgeführt werden. Es handelt sich also um zwei Waffen-Solo-Formen.

   
     


"Langstock und Doppelmesser" - Im Wing Chun gelten die mit dem Langstock und den Doppelmessern ausgeführten zwei Formen als die fortgeschrittensten Formen.

     
     

Diese sieben Formen sind quasi das Standardrepertoire des Wing Chun Systems und werden im Training meiner Schule unterrichtet.

War es das schon mit den Formen im Wing Chun?

Nein, das war's nicht. Andere Wing Chun Stile kennen noch weitere Formen, die aber nicht zum Standardrepertoire gehören, wie z.B. die "Jook Wan Huen", die mit einem Rattan-Ring ausgeführt wird.
Außerdem haben sich viele Leute in den letzten Jahrzehnten zusätzlich zu den genannten sieben Formen weitere Formen einfallen lassen - was sicher nicht verboten ist.

So gibt es beispielsweise "Kuen To", sogenannte"Faust-Formen", die am dreiteiligen Wandsack geübt werden, es gibt spezielle, vereinfachte Schrittformen (z.B. sog. Kastenschrittarbeit), die auf die Saam Sin Chong Fat vorbereiten sollen.

Als Beispiel für eine ausgefallene weitere Form wäre die "Bodenkampfform" zu nennen, die als am Boden ausgeführte Solo-Form einige MMA-ähnliche Bewegungselemente enthält und erstmals von Martin Dragos erdacht wurde. Eine nette Idee ...

(nach oben)

     
           
    3. Charakteristika der Formen - die erste Form - Siu Nim Tao (SNT)      
     

Wing Chun Techniken basieren auf den Formen, aus denen sie abgeleitet werden. Unterschiedliche Wing Chun Stile fokussieren in der jeweiligen Form auf spezielle Inhalte und verfolgen individuelle Absichten - dies hat weitreichende Konsequenzen.

Aus diesem Grund ist hier nur eine "allgemeine Beschreibung der Schnittmenge" der einzelnen existierenden Formen möglich.
In den weiterführenden Artikeln meiner Webseite gehe ich noch mal gesondert auf die einzelnen in meiner Schule unterrichtete Formen ein.

Die Siu Nim Tao (alternative Bezeichnungen: "Xiao Nián Tóu, Siu Lim Tau, Siu Leem Tau, Siu Lam Tao, Sil Num Tao, uvm.") ist die erste und wichtigste Form des Wing Chun Systems. Sie stellt die Basis bzw. das Fundament der Kampfkunst dar und ist quasi die "Saat" aus der alle folgenden Formen und Techniken erwachsen.

Trotz der Tatsache, dass sie die erste im Wing Chun erlernte Form ist, gilt sie als extrem anspruchsvolle, wenn nicht sogar als die anspruchvollste Form - dazu weiter unten mehr.

  Siu Nim Tao - die erste Form  
     


"Siu Nim Tao - die erste Form des Wing Chun Systems" - Als erste Form des Systems ist die Siu Nim Tao die wichtigste Form überhaupt. Sie bildet das Fundament auf dem das gesamte Wing Chun System ruht.

   
     

Es werden fundamentale Regeln erlernt, Balance und Körperstruktur geschult. Es heißt, die Form sei "das Archiv des Wing Chun Systems" betrachtet.

Andere sprechen davon, dass sie "das Alphabet" des Systems, das man erlernen muss, um "Wörter auszusprechen" (bedeutet: Wing Chun Techniken auszuführen), "Sätze zu formulieren" (bedeutet: vollständige, klar vorgegebene Wing Chun Technikabläufe zu praktizieren) und sich am Schluss "frei zu unterhalten" (bedeutet: Wing Chun typisch frei zu kämpfen).

     
     


"WINGCHUNtipp #50 zur Siu Nim Tao" - Die Siu Nim Tao gilt als "Archiv des Wing Chun Systems" (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Der in der Siu Nim Tao trainierte Stand "Yee Jee Kim Yeung Ma" (IRAS, Zeichen-Zwei-Stand) wird von einigen als der fundamentale Kampfstand des Wing Chun Systems angesehen.

Andere schätzen ihn wiederum nur als reinen Trainingsstand ein bzw. als Stand, der bei raschen Wendungen kurz "touchiert" wird und aufgrund der Kniespannung hilft, Wendungen zu beschleunigen.
Er ist zum Erlernen der Kombination aus korrekter Körperstruktur und sauberer Handtechnik notwendig, hat im Kampf aber weniger Bedeutung als ihm gerne zugeschrieben wird.

Hohe Relevanz besitzt er wiederum für den Chi Kung- (Qigong-) Aspekt der Form.

Mehr über die Siu Nim Tao im Artikel "Siu Nim Tao (SNT) - die erste waffenlose Solo-Form."

(nach oben)

     
           
   

4. Die zweite Form - Cham Kiu (CK)

     
     

Die Cham Kiu ("Xún Qiáo, Chum Kiu, Chen Qiao, Sám Kiu, uvm.") ist die zweite im Wing Chun erlernte Form.

Sie fokussiert auf koordinierte Hand- und Fußbewegungen und trainiert Eingangstechniken, um die zwischen sich und dem Gegner bestehende Lücke "zu überbrücken" bzw. über diese Lücke eine "Brücke zu schlagen"  und abrupt die gegnerische Struktur und Körperbalance zu zerstören.

Zu diesem Zweck werden (abhängig vom jeweiligen Stil) Nahkampf-Techniken wie Ellbogen- und Knieschläge sowie Schlag- und Tritttechniken trainiert.

  Cham Kiu - die zweite Form  
     


"Cham Kiu- die zweite Form des Wing Chun Systems" - In der Cham Kiu lernt man unter anderem koordinierte Hand- und Fußbewegungen.

   
     

Zusätzlich zu den genannten Zielen erlernt der Übende Methoden, um im Kampfesverlauf die Zentrallinie durch Ganzkörperbewegungen (Handtechniken in Kombination mit Schrittarbeit) zu besetzen und verlorene Positionen zurück zu gewinnen, falls die optimale, immer anzustrebende stabile Siu Nim Tao-Struktur verloren zu gehen droht.

   
     


"WINGCHUNtipp #91 zur Cham Kiu" - Die Cham Kiu trainiert Eingangstechniken, um die zwischen sich und dem Gegner bestehende Lücke "zu überbrücken (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Auch lernt man, die Körpermasse hinter die ausgeführte Technik zu bringen und größere Durchschlagskraft zu entwickeln - sei es infolge rotierender oder auch geradliniger Körperbewegungen.

Mehr über die Cham Kiu im Artikel "Cham Kiu (CK) - die zweite waffenlose Solo-Form."

(nach oben)

     
           
   

5. Die dritte Form - Biu Tze (BT)

     
     

Als dritte Form des Wing Chun Systems setzt sich die Biu Tze ("Biáo Zhí, Biu Jee, Bil Jee, Bil Tze uvm.") mit extrem kurz- und langreichweitigen Techniken, teils tiefen Tritt- bzw. Fegetechniken (abhängig vom jeweiligen Stil), Fegebewegungen und so genannten "Notfall-Techniken" auseinander.
Vereinfacht ausgedrückt enthält sie Techniken, die hauptsächlich dann zur Anwendung gebracht werden, wenn die Körperstruktur und die Zentrallinie gebrochen sind.

Kennzeichnen von Biu Tze Bewegungen ist u.a., dass Angriffe des Gegners nicht abwehrend sondern ebenfalls mit einem Angriff begegnet wird.

"Ein Angriff wird also mit einem Angriff abgewert."

Erweiternd zur Cham Kiu, in der erstmalig Körperrotationen und Schrittarbeit in die Formen eingeführt werden, werden in der Biu Tze nun zum ersten Mal Körperverdrillung, Beuge- und Streckbewegungen des Oberköpers und der Beine eingesetzt, um Einzelbewegungen (Ellbogenschläge, Handkantenschläge, Fingerstiche, etc.) mit mehr Kraft zu versehen.

  Biu Tze - die dritte Form  
     


"Ellbogen-Techniken sind Inhalte der Biu Tze" - Die Biu Tze-Form enthält etliche Ellbogen-Techniken, die im Nahkampf in der kurzen Distanz zum Einsatz gebracht werden und ein hohes Zerstörungspotential beinhalten.

   
     

Die durch die Biu Tze vermittelte Vorgehensweise ist dann angebracht, wenn man - plakativ bzw. sehr vereinfacht gesprochen - vorher quasi "schlechtes Wing Chun" praktiziert hat.

Ist man also durch mangelhaftes Timing und schlecht ausgeführte Techniken in einen Nachteil gegenüber dem Gegner geraten und ist die Gesamtsituation quasi aussichtslos, kann man über Biu Tze-Notfalltechniken versuchen, das "Blatt des Kampfes zu wenden" und das Kampfgeschehen doch noch für sich zu entscheiden.

     
     


"WINGCHUNtipp #132 zur Biu Tze" - Biu Tze Techniken zeichnen sich durch Vorgehensweisen aus, bei denen ein Angriff mit einem Angriff gekontert wird (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Biu Tze-Techniken gelten als hocheffektiv und attackieren Körperziele mit evtl. letalen Folgen für den Gegner (Halsschlagader, Schläfe, etc.).
Ihr Einsatz sollte wohldosiert erfolgen bzw. in abgeschwächter Form (Rückhandschlag zum Kinn statt Handkantenschlag zum Hals) zum Einsatz kommen - außer es liegt eine lebensbedrohliche Notwehrsituation vor.

er mehr über die Biu Tze lesen will, liest dazu den Artikel "Biu Tze (BT) - die dritte waffenlose Solo-Form."

(nach oben)

     
           
    6. Die vierte Form - Mok Yan Chong Fat (MYCF - Holzpuppen-Form)      
     

Die vierte Form des Wing Chun Systems wird an einem hölzernen Trainingsgerät, der so genannten "Holzpuppe" bzw. dem  "Holzmann" (Mok Yan Chong) trainiert und heißt Mok Yan Chong Fat (Mook Jan Choang Fot, Muk Yan Joang Fat, etc.).

Bei der Holzpuppe handelt es sich um einen großen Holzstamm, der - vereinfacht ausgedrückt - "drei Arme" und "ein Bein" aufweist und innerhalb eines hölzernen Rahmens flexibel und "seitlich verschiebbar" aufgehängt ist. Die seitliche Verschiebbarkeit kann auf Wunsch unterbunden werden.

Die Holzpuppe ist meistens statisch, also fest an der Wand, in einem Rahmen oder im Boden versenkt montiert und erlaubt somit nur einen begrenzten Bewegungsraum. Die Simulation eines realistischen Kampfgeschehens ist nicht möglich. Stattdessen kann man durch sie das Verständnis für korrekten Druck, Winkel, Körperposition und Schrittarbeit optimieren und Bewegungen bzgl. des maximalen funktionalen Krafteinsatzes schleifen.

Die Mok Yan Chong Fat enthält - abgesehen von der Schrittform Saam Sin Chong Fat - als vierte Form die meisten Tritttechniken des Systems, führt u.a. die Pflaumenblüten-Schrittarbeit und den Nackenzug bzw. Genickzug ein, verschmilzt in weiten Teilen die vorhergehenden drei Formen und verdeutlicht auf einzigartige Weise, dass alle Formen zu dem großen Gesamtkonzept des Wing Chun Systems gehören.

Man sagt, die "Mok Yan Chong Fat enthalte die Kampftechniken des Systems." Das bedeutet aber nicht, dass die Bewegungen der ersten drei Formen nicht für den Kampf gedacht sind. Vielmehr ist die Betrachtung der Form im Kontext mit typischen "Wing Chun Anwendungen" entscheidend.

Während die Bewegungen der ersten drei Formen ohne Partner oder Ziel ausgeführt werden, richtet man die Bewegungen der vierten Form direkt gegen die Holzpuppe.

Die Formenbewegungen der Holzpuppen-Form werden dabei auf eine Art und Weise trainiert, die einer Anwendungssituation sehr ähnlich sind, da sie kraftvoll unmittelbar gegen die Arme, das Bein und den Stamm (Körper) der Holzpuppe ausgeführt werden.

  Mok Yan Chong Fat - die vierte Form - Holzpuppenform  
     


"Mok Yan Chong Fat - die Holzpuppen-Form" - Die Mok Yan Chong Fat ist die vierte im Wing Chun gelernte Form und wird an einem Trainingsgerät - der Holzpuppe (siehe Bild) - ausgeführt.

   
     

Wieder vereinfacht ausgedrückt, symbolisiert die Holzpuppe einen stationären Gegner bzw. ausgewählte Körperteile des Gegners (Knie, Ellbogen, Hüfte, Becken, Brust, Kopf, Nacken, etc.). Ihre Arme können sowohl Attacken repräsentieren, denen begegnet werden muß, sie können aber auch als Hindernisse aufgefasst werden, die umgangen werden müssen, um den Stamm der Holzpuppe angreifen zu können.
Das Bein der Holzpuppe stellt sowohl ein Hindernis dar, das durch spezielle Schrittarbeit umlaufen werden muss, ist aber auch ein Ziel, das während der Form durch Trittvarianten angegriffen werden kann.

Ein häufig genannter Vorteil der Holzpuppe ist, dass man an ihr "zeitlich unbeschränkt" hart arbeiten und drillen kann, da man sich keine Sorge um ihren Gesundheits- oder Ermüdungszustand machen muss, wie es bei normalen Partnern der Fall ist. Ein dazu passender Ausspruch besagt: "Die Holzpuppe ermüdet nicht." Sie ermöglicht endloses Training und ist immer stärker als man selbst.

     
     


"WINGCHUNtipp #391 zur Mok Yan Chong Fat" - Das Training an der Holzpuppe lehrt sog. "Flankenstrategien" zur Bewältigung eines stärkeren Gegners mittels einer Attacke von der Seite / Flanke (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Durch die statischen Eigenschaften der Puppe lernt der Übende ein hohes Maß an Mobilität, das erforderlich ist, um die Puppe aus den einzelnen Raumrichtungen mittels "Flankenangriffen" anzugreifen.

Mehr über die Mok Yan Chong Fat im Artikel "Mok Yan Chong Fat (MYCF - Holzpuppen-Form) - die vierte und traditionell letzte waffenlose Solo-Form."

(nach oben)

     
           
   

7. Die fünfte Form - Saam Sin Chong Fat (Tripodal-Form - TPF)

     
     

Die "Saam Sin Chong Fat" ("Sam Chin Juan Fut, Xán Jin Juán Fa, etc.") ist die Schrittform des Wing Chun Systems und wird an einer speziellen Anordnung aus drei hüfthohen Holzpfählen, die auf den Ecken eines gleichseitigen Dreiecks angeordnet sind, trainiert.

Diese Anordnung wird als Tripodal-Puppe, Tripodial-Puppe oder auch Drei-Sterne-Puppe (engl. "tripodal-dummy" bzw. "three-star-dummy") bezeichnet.

Analog zur Mok Yan Chong Fat ist die Tripodal-Form in acht Sätze aufgeteilt und enthält ebenfalls Tritte, die auch in der Holzpuppenform vorkommen, wobei die Betonung der Form verstärkt auf der Schrittarbeit liegt.

  Saam Sin Yong Fat - die fünfte Form - Tripodalform  
     


"Saam Sin Chong Fat - die Tripodal-Form" - Die Saam Sin Chong Fat ist die zweite Form, die an einem Trainingsgerät, der Tripodal-Puppe, geübt wird. In dieser Form wird die ausgeklügelte Schrittarbeit des Wing Chun trainiert und mit den anspruchsvollen Tritttechniken des Systems kombiniert.

   
     

Wing Chun Schrittarbeit und die damit verbundene Körperstabilität sind das A und O aller im Wing Chun ausgeführten Techniken. Nicht zuletzt lautet ein Wing Chun Ausspruch: "Mit das Beste am Wing Chun Kämpfer ist seine Schrittarbeit".

Aus diesem Grund sollte man die Tripodal-Form recht früh erlernen. Sie ist die Grundlage für alle Wing Chun Techniken und stellt das Fundament für die später zu erlernenden Chi Gerk-Übungen dar.

     
     


"WINGCHUNtipp #54 zur Saam Sin Chong Fat" - Schrittarbeit und Fußtechniken gelten als das A und O eines guten Wing Chun Kämpfers (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Die Saam Sin Chong Fat enthält neben Vorwärtsschritten, Rückwärtsschritten, Fegebewegungenn, Überkreuzschritten, Wendungen aller Art und Tritten aller Art so gut wie alles, was das Wing Chun System an ausgeklügelter Schrittarbeit zu bieten hat - nur die Schrittarbeit der Waffen-Formen fehlt. Sie bleibt den letzten beiden Formen vorbehalten.

Die Einzelschritte bzw. -tritte werden dabei in spezieller Art und Weise aneinandergereiht, wobei Handtechniken eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Wer mehr über die Form lesen will, kann das in dem Artikel "Saam Sin Chong Fat (SYCF - Tripodal-Form) - die Schrittform."

(nach oben)

     
           
    8. Die erste der zwei Waffen-Formen - Look Dim Poon Kwan (LDPK)      
     

Mit dem Langstock wird die "Look Dim Poon Kwan" (auch "Luk Dim Boon Kwun bzw. "Luk Dim Boon Gwan" oder 6.5-Punkt-Langstock-Form" genannt), die erste der zwei Waffenformen im Wing Chun, ausgeführt.

Der Langstock - ein konisch zulaufender Holzstock einer Länge von ca. 2,4 m bis zu 4 m - wird selten auch als "Drachen-Stock" (engl. "dragon pole") bezeichnet. Die übliche Länge liegt bei ca. 2,4 m, wohingegen längere Stöcke bis zu 4 m nur selten außerhalb Chinas für das Training benutzt werden.

Die Ausführung der Form fordert ein hohes Maß an Stärke und Koordination und trainiert den gesamten Körper. So stärkt man den Rücken, die Schultern, Trizeps, Bizeps, Unterarme, Handgelenke und Beine.

Im Unterschied zu den waffenlosen Formen wird nun nicht mehr der Yee Jee Kim Yeung Ma als Stand verwendet, es kommen vielmehr der "Sei Ping Ma" (Quadrilateralstand bzw. Pferdestand) und der "Ding Ma" (T-Stand) zum Einsatz.
Das Langstocktraining verbessert deutlich die Körperstruktur (Stand, Oberkörperkraft) und die Kraftentwicklung aus dem ganzen Körper. Zusätzlich wird durch das Training neben der Schlagkraft die Schlagpräzision - d.h. das "Aufbringen konzentrierter Kraft" auf einen sehr kleinen bis winzigen Punkt - wesentlich verbessert.

  Look Dim Poon Kwan - die erste Waffen-Form  
     


"Look Dim Poon Kwan - die Sechs-und-ein-halber-Punkt-Langstock-Form" - Die Langstock-Form ist die erste im Wing Chun erlernte Waffenform. Sie wird in manchen Wing Chun-Stilen auch erst nach den Doppelmessern gelernt. Meiner Meinung nach sollte man zeitig anfangen, mit dem Langstock zu trainieren, da man nicht früh genug mit dem Aufbau der dafür benötigten Körperkraft beginnen kann.

   
     

Der Langstock basiert lediglich auf sieben Prinzipien bzw. Bewegungen. Die Bewegungen werden in unterschiedliche Raumrichtungen ausgeführt und sind aufgrund der kleinen Bewegungsanzahl einfacher als die Doppelmesser-Form zu erlernen, die mehr als 100 Einzelbewegungen aufweist.

Die sieben Bewegungen ergeben allerdings eine unendliche Anzahl an Kombinations-möglichkeiten bzgl. der Stockführung - man sollte sich also bzgl. der Einfachheit des Langstockkampfes nicht täuschen lassen.

Jedes Prinzip bzw. jede Bewegung wird als "Punkt" bezeichnet, wobei einer dieser wenigen "Punkte" als "halber Punkt" gezählt wird und lediglich das Absenken des Stockes beinhaltet. Amüsanterweise spricht man hier von einer halben Bewegung bzw. einer halben Technik.

Aus dieser "Punkte-Bezeichnung" ergibt sich die alternative Formenbezeichnung "Sechs-Einhalb-Punkt-Langstock-Form."

Die "sechs-einhalb Prinzipien" der Langstock-Form werden von den Wing Chun-Stilen, die Look Dim Poon Kwan trainieren, ebenfalls im unbewaffneten Kampf angewendet. Der Langstock verdeutlicht durch seine Arbeitsweise einzigartig die spezielle Vorgehensweise und die einfachen Prinzipien des Wing Chun Systems. Dementsprechend wird er gerne herangezogen, um die "Kampfsystematik" des Systems zu demonstrieren.

     
     


"WINGCHUNtipp #15 zur Look Dim Poon Kwan" - Der Langstock singt nur einmal - dieser Spruch verdeutlich in einer ersten Interpretation, dass es höchstens eine Abwehrbewegung - und somit einen "Klang" mit dem Langstock gibt. Der nächste Treffer sitzt im Ziel (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Langstock-Training - also das erste Wing Chun Waffentraining - und reines "Hand-Wing Chun" sind recht verschieden.

Ein langjähriges Wing Chun Training bringt einem für das Training mit dem Langstock (anders als bei den Doppelmessern) wenige Vorteile - definitiv wird man sich zu Beginn wieder wie ein blutiger Anfänger fühlen und verhalten.

Dementsprechend sollte man zeitig mit dem Langstock-Training (z.B. Langstock Kraftübungen) beginnen und nicht zu lange warten - wenn die Körperkraft erst nachlässt, ist es zu spät und man bekommt "den Langstock nicht mehr hoch" … hahaha!

Nee, im Ernst - der Langstock fordert jeden Einzelnen enorm ... also auf geht's!

Mehr über den Langstock und die Langstock-Form kann man im Artikel "Look Dim Poon Kwan (Langstock)" nachlesen.

(nach oben)

     
           
    9. Die zweite der zwei Waffen-Formen - Bart Cham Dao (BCD)      
     

Die "Bart Cham Dao" (alternativ: "Bát Trảm Đao, Hu die shuang dao, Dip Dao oder
Baat Jaam Do"
) ist die zweite und meistens letzte Waffenform des Wing Chun Systems.

Sie gilt häufig als die fortgeschrittenste Form und wird nicht selten als das bestgehütete Geheimnis des Wing Chun-Systems angesehen.

Die Form wird dem Schüler in den meisten Schulen als letzte Form üblicherweise erst dann vermittelt, wenn die vorhergehenden Formen erlernt wurden und qualitativ hochwertig ausgeführt werden.

  Bart Cham Dao - die zweite Waffen-Form  
     


"Bart Cham Dao - die Doppelmesser-Form" - Die Doppelmesser-Form schließt die Formen im Wing Chun ab. Sie gilt als "die höchste Form des Wing Chun Systems." Anhand dieser Form kann man sofort erkennen, dass zahlreiche Handbewegungen des Wing Chun aus den Messerbewegungen abgeleitet werden.

   
     

Bezüglich der Übersetzung der Einzelwörter bedeutet "Bart = acht, Cham  = schneiden bzw. hacken und Dao = Messer, Schwert oder Säbel". Zusammengesetzt kann man die Bezeichnung "Bart Cham Dao" also als "Acht hackende Messer" interpretieren.

Die Zahl Acht bezieht sich in einer weiteren möglichen Interpretation des Namens auf die "acht Schnittrichtungen", in welchen die Klinge des jeweiligen Messers in den Techniken der Form geführt wird. Andere mögliche Übersetzungen lauten daher auch "Acht Schnittrichtungen der Messer" bzw. vereinfacht "Acht Wege der Messer" oder in Bezug auf die erste Interpretation "Achtfach hackende Messer."  

Eine weitere Interpretation bringt die Zahl Acht mit den acht Sätzen der Form in Verbindung, da jeder Einzelsatz eine Angriffs- und eine Verteidigungssequenz enthält. Diese Interpretation ist allerdings wesentlich unlogischer als die Übersetzung der "acht Wege bzw. Schnittrichtungen."
Andere Wing Chun Stile haben ebenfalls eine Messerform, die mit "Bart Cham Dao" bezeichnet wird und nicht in acht Sätze gegliedert ist. Die Messer führen dort ebenfalls Schnitte in acht Raumrichtungen aus - die Bezeichnung der "acht Schnittrichtungen" macht also wesentlich mehr Sinn.

Aufgrund der Form der Messer und der mit ihnen ausgeführten Bewegungen werden die Messer auch gerne als Schmetterlingsmesser bzw. Schmetterlingsschwerter bezeichnet, sollten aber nicht mit den " Bulls Ear Swords" aus dem WuShu verwechselt werden. Obwohl beide Schwerttypen sehr ähnlich aussehen, werden sie sehr unterschiedlich verwendet.

     
     


"WINGCHUNtipp #292 zur Bart Cham Dao" - Da die Doppelmesser als letzte Form im Wing Chun vermittelt werden, heißt es oft, dass sie die Bindung zwischen Schüler und Lehrer zertrennen. Die Ausbildung ist mit Vermittlung der Doppelmesser abgeschlossen. (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Die Bart Cham Dao (Doppelmesser-Form) bzw. die hinter den Messerbewegungen der Form stehenden Konzepte und Prinzipien verdeutlichen die Wing Chun Prinzipien, die in den anderen waffenlosen Formen enthalten sind (z.B. Ökonomie der Bewegung, Verteidigungs- und Angriffskonzept, etc.).

Neben einem vertieften Verständnis für Wing Chun komplettiert die Doppelmesserform durch spezielle "Messer-Schrittarbeit" die im Wing Chun bisher gelernte Schrittarbeit und trägt parallel zum Langstocktraining zur Stärkung des Handgelenkes bei.

Mehr über die Doppelmesser und die Doppelmesserform kann man im Artikel "Bart Cham Dao (Doppelmesser)" nachlesen.

Da die Bart Cham Dao auf den vorher gelernten Formen aufbaut, ist es sehr wichtig, ein solides Fundament durch das intensive Training der vorhergehenden Formen aufgebaut zu haben.

Das System ist dergestalt konzipiert, dass es von der Siu Nim Tao über die Cham Kiu, die Biu Tze, die Mok Yan Chong Fat, die Saam Sin Chong Fat über die Look Dim Poon Kwan bis hin zur Bart Cham Dao führt. Es ist also ganz und gar nicht sinnvoll, durch die Formen zu hetzen und diese nicht stetig weiter zu schleifen oder einzelne Formen sogar komplett auszulassen.

Jede Form ist schließlich nur Teil eines übergeordneten Gesamtsystems.

(nach oben)

     
           
    10. Wing Chun - mit oder ohne Chi?      
     

Die innere bzw. Chi Kung (Qigong) Seite des Wing Chun Systems wird von vielen Schulen nicht unterrichtet bzw. nicht einmal diskutiert. Einige Lehrer reden zwar über die im Wing Chun enthaltenen Chi-Inhalte, integrieren sie aber nicht ins Training. Ein Bestandteil des Systems geht somit für viele Wing Chun Generationen verloren.

Egal, von wem man Wing Chun gelernt hat, bzw. wo in Europa oder der westlichen Welt man Wing Chun trainiert - verfolgt man die Wing Chun Linie zurück, wird man immer den chinesischen Ursprung finden. In China weisen aber so gut wie alle Kung Fu Stile eine signifikante Chi Kung (Qigong) Komponente auf.
Kung Fu ohne den Aspekt "innerer Energie" bzw. "Chi" zu trainieren, ist für Chinesen vollkommen absurd. Kampfkunst wird dort immer im Kontext mit der für westliche Bewohner schwer verständlichen Chi-Energie unterrichtet.

  Wing Chun - mit oder ohne Chi?  
     


"Wing Chun - mit oder ohne Chi?" - Wing Chun als Kung Fu-System hat seine Wurzeln in China, egal welche Linie man zurückverfolgt. Kung Fu ohne den Aspekt "innerer Energie" bzw. "Chi" zu trainieren ist für Chinesen völlig absurd. Chi ist mit asiatischen Kampfsportarten eng verbunden.

   
     

Um mit dem Chi-Begriff etwas besser umgehen zu können bzw. grundlegendes Verständnis zu entwickeln, habe ich den Artikel "Chi (Qi) - ein Begriff der das asiatischen Weltverständnisses prägt" geschrieben. Wer will, kann sich hier erstmal etwas Information anlesen und dann weiter unten mit der Lektüre zu den Formen und Chi Kung fortsetzen.

Viele der modernen Wing Chun Stilrichtungen sind auf die Linie von Yip Man zurückzuführen. Yip Man soll mit den Chi-Inhalten des Wing Chun Systems wohl vertraut gewesen sein. So soll er für einen einzigen Durchgang der Siu Nim Tao eine Zeitspanne von einer Stunde gebraucht haben - ein Indiz für diejenigen mit Chi Kung (Qigong) Erfahrung, dass es sich hier um eine Variante der Siu Nim Tao-Ausführung handelt, bei der die Entwicklung bzw. der Aufbau des Chi im Vordergrund steht.
Trotz allem soll Yip Man sehr abgeneigt gewesen sein, die Chi-Inhalte des Systems weniger talentierten bzw. weniger einsatzfreudigen Schüler zu lehren.

Aus unbekannten Gründen waren diejenigen, die in der Entwicklung von Chi-Fähigkeiten fortgeschrittene Kenntnisse aufwiesen,  zögernd, diese Fähigkeiten an dritte weiterzugeben. Man kann vermuten, dass dies an kulturellen Problemen lag, da chinesische Lehrer sich weigerten "Nicht-Chinesen" zu unterrichten.

Es ist auch möglich, dass "Nicht-Asiaten" schlichtweg das Verständnis bzw. die Akzeptanz für Chi-Inhalte fehlte oder fehlt und sie diese als "Firlefanz" oder "Hokuspokus" abtaten und heute auch noch abtun. Gerade in der westlichen Welt mit ihrer westlichen Medizin werden Methoden aus der Traditionellen Chineischen Medizin (TCM) gerne ignorant und von oben herab belächelt. Chi gehört für viele Wing Chun Vertreter in den Bereich des Mystischen und hat ihrer Meinung mit der Realität nichts zu tun.

Ein weiterer Grund, warum Wing Chun Kämpfer die "inneren Aspekte" des Wing Chun Systems negieren, wird durch die Tatsache begründet, dass Wing Chun auch ohne die schwierig zu erlernende innere Seite bei korrekter Anwendung ein effektives Kampfsystem ist.

Die Techniken funktionieren auch ohne jegliche Berücksichtigung von Chi, da es ein auf Prinzipien basierendes System ist. Selbst wenn es schlecht ausgeführt wird, kann man mit den Techniken einigen ernsthaften Schaden anrichten. Wird Wing Chun allerdings unter Berücksichtung innerer Lehren komplett und intakt ausgeführt - also Chi Kung (Qigong) unterstützte Techniken - ist die Effizienz steigerbar.

Wing Chun ist eine innere, Chi Kung (Qigong) unterstütze Kampfkunst. All die im Wing Chun beinhalteten Prinzipien, Stände, Techniken und philosophischen Grundgedanken deuten direkt darauf hin. Es erscheint geradezu lachhaft, darauf gesondert hinweisen zu müssen, da es dermaßen offensichtlich ist!

Wie üblich liegt es an der Schwierigkeit der zu lernenden Inhalte und der Ignoranz oder dem Unverständnis des Einzelnen. Häufig will man lieber rasch, rasch, rasch durch das System eilen und die Techniken erlernen. So entwickelt sich ein technik-basiertes Wing Chun, dem die inneren Lehren abgehen.

Heutzutage sind Kampfkünste stark kommerzialisiert worden. Lehrer versuchen, immer mehr und mehr Schüler in ihre Schule zu ziehen, um mehr Umsatz machen zu können. Die Schüler werden durch das Training und durch die Techniken gehetzt und können keine qualitativ hochwertigen Techniken mehr entwickeln.

Chi Kung (Qigong) in den Formen zu unterrichten ist alles andere als leicht und bedarf einer ausgeprägten Hingabe des Schülers.

Erfahrene Chi Kung (Qigong) Lehrer behaupten, die innere Seite des Systems "kann nicht unterrichtet werden", stattdessen kann der Lehrer nur den Weg weisen, die Erfahrung muss der Schüler für sich selbst machen.

Passend zu dem Spruch: "Lehrer öffnen die Türen - aber eintreten musst Du selbst", kann der Lehrer den Schüler lediglich "einladen", die Entwicklung des Chi zu erfahren, der Schüler muss die Erfahrung selbst machen.

   
     


"WINGCHUNtipp #503 zu Tatsachen im Wing Chun" - Wie so häufig im Leben gelten bestimmte Sprüche auch im Wing Chun. So hilft es nichts, wenn der Lehrer lehrt, der Schüler die Lehre aber nicht aufnehmen will oder kann. Erst wenn der Schüler selbst lernen will, kann der Lehrer ihn sinnvoll unterrichten. Dies gilt erst recht für Chi Kung (Qigong), wo der Schüler Erfahrungen selbst machen muss (weitere Tipps siehe www.wingchuntipps.de)

     
     

Es leuchtet unmittelbar ein, dass es wesentlich leichter ist, eine Technik zu unterrichten, da sie trainierbar, korrigierbar und drillbar ist. Der Schüler kann kopieren und die Bewegung imitieren - alles sehr einfach.

Innere Fähigkeiten sind von außen kaum sichtbar, weswegen sich der Unterricht sehr kompliziert gestaltet - nicht umsonst wird aus Unverständnis heraus gerne über diese Inhalte geschmunzelt, gelächelt bzw. ihre Existenz verneint.

Tja, jeder muss letzten Endes für sich selbst entscheiden, warum er Wing Chun erlernen will, was vom Wing Chun er lernen will und welche Rolle Wing Chun für ihn spielt. Wer sich mit der inneren Seite des Wing Chun beschäftigen will, sollte dies unvoreingenommen tun, wer dies nicht will, lernt dennoch ein effektives Kampfkunstsystem.

Jeder, wie er es mag! Ich jedenfalls kenne schon seit langem meinen Weg. Finde Du den Deinen ...

(nach oben)

     
           
    11. Chi Kung (Qigong) Aspekte in den Formen des Wing Chun      
     

Ein Ausspruch im Wing Chun besagt: "Alles im Wing Chun ist fortgeschritten!"

Wing Chun gilt als sehr hochentwickeltes Kampfsystem, von dem gesagt wird, es enthalte "keine Grund- oder Basistechniken." Selbst der "vertikale Fauststoß" (im Chinesischen als "Zeichen-Sonne-Fauststoß" bezeichnet) gilt als fortgeschrittene Schlagtechnik.Man kann die Bewegung zwar zügig erlernen, muss aber monatelang am Wand- oder Boxsack trainieren, um die korrekte Kraftlinie zu finden und signifikante Schlagkraft mit präzisem Timing zu entwickeln.

Dieser Sachverhalt trifft auf so gut wie alle Wing Chun Fähigkeiten und Techniken zu, da korrekte Ausführungen verbunden mit maximaler Effizienz längerer und ausführlicher Trainingszeit bedürfen.

Ein Aspekt, der Wing Chun ebenfalls zu einem fortgeschrittenen Kampfsystem macht, ist die Unterstützung "äußerer durch innere Fähigkeiten." Dabei stellt die Entwicklung und Kontrolle des "Chi (innere Energie)" durch Formentraining einen wesentlichen Bestandteil des Wing Chun dar.

Was bedeutet das, bzw. was hat es mit "inneren Fähigkeiten" auf sich? - Dazu will ich hier einen kurzen Blick auf eine Entstehungsvariante des Wing Chun Systems werfen.

Viele unterschiedliche Geschichten ranken sich um die Entstehung des Wing Chun Systems. Wer will, liest dazu den Artikel "Wing Chun Geschichte - die weit verbreitete "Standard-Legende" des Systems - von der Nonne Ng Mui bis hin zu Yip Man (Ip Man)" und den Artikel "Variantenreiche Wing Chun Entstehungsgeschichte - Alternativen zur Standard-Legende."

Eine Variante lautet, dass die Regierung der damaligen Qing-Dynastie sich von den kämpferischen Fähigkeiten und politischen Ansichten der Shaolin-Mönche bedroht gefühlt hat. Daher soll geplant worden sein, den Shaolin-Tempel mit Soldaten zu attackieren und die Mönche gefangen zu nehmen bzw. sie zu töten.

Die Legende besagt weiterhin, dass die Mönche auf Umwegen von diesem Plan erfahren haben und sich daraufhin Gedanken über ein schnell erlernbares aber hocheffektives Kampfsystem gemacht haben. Durch dieses Kampfsystem sollten ihre Novizen schnellstmöglich auf ein hohes kämpferisches Niveau angehoben werden, damit sie bei der Verteidigung des Tempels helfen konnten.
Eine Variante dieser Legende besagt nun, dass fünf Meister des Shaolin-Tempels sich in der "Halle des immerwährenden Frühlings (genannt: "Wing Chun Halle" bzw. "Weng Chun Halle")" getroffen haben (unter ihnen die Nonne Ng Mui) und ihre speziellen Kung Fu-Kenntnisse zur Entwicklung dieses "Schnell-Lern-Systems" offenlegten.

Die fünf Meister begannen mit der Entwicklung des Wing Chun Systems, kamen aber vermutlich nicht zum Abschluss der Entwicklung, da der Tempel zwischenzeitlich angegriffen und geschleift wurde. Ng Mui überlebte als eine der Fünf, beendete später das System und gab es an diverse Schüler weiter.

Wie bekannt, vertreten diverse Leute andere Standpunkte - bleiben wir aber kurz bei dieser Variante.

Wie auch immer die Geschichte sich verhält ist klar, dass die fortgeschrittensten Fähigkeiten des Shaolin Kung Fu (waffenlose Kung Fu-Kampfbewegungen, Waffenkampftechniken, Chi Kung (Qigong), etc.) in abgeänderter Form in das Wing Chun System geflossen sind.
Hier liegt recht wahrscheinlich eine Ursache, warum das Training zur Entwicklung "innerer Fähigkeiten" sehr fortgeschrittene Übungen umfasst, die innerhalb der Formen des Wing Chun Systems verschlüsselt vorliegen.

Die Formen im Wing Chun haben nicht nur den Sinn einer reinen Körper- und Bewegungsschule, durch die alleine korrekte Wing Chun Techniken vermittelt werden. Stattdessen vermittelt Wing Chun als "inneres bzw. weiches Kampfkunstsystem" zusätzlich Fähigkeiten, "Chi" bzw. "innere Energie" aufzubauen und schließlich gezielt zu kontrollieren.

  Chi Kung Aspekte in den Formen des Wing Chun  
     


"Chi Kung (Qigong) Aspekte in den Formen" - Wing Chun als "inneres bzw. weiches Kampfkunstsystem" vermittelt nicht nur reine kämpferische Fähigkeiten. Natürlich gibt es keine solche nach Sciene Fiction aussehenden "Energiephänomene" wie in dem oberen Bild dargestellt - das ist natürlich ein reines Fantasieprodukt. Dennoch soll es verdeutlichen, dass Wing Chun unter anderem den Einzelnen schult, "Chi" bzw. "innere Energie" aufzubauen und schließlich gezielt zu kontrollieren.

     
     

Der Weg, durch den diese Fähigkeiten geschult bzw. geweckt werden, führt als erstes über die Formen, wobei die zeitliche Reihenfolge, in der die sechs Formen des Wing Chun unterrichtet werden, sehr gut verdeutlicht, wann und wie diese "inneren Aspekte" des Systems vermittelt werden.

Den ersten Lernschritt stellt für den Wing Chun Anfänger die Siu Nim Tao dar. Trotz der Tatsache, dass diese Form die erste Form des Systems ist, ist sie keine einfache Form. Stattdessen ist sie aus "Chi Kung-Sicht" im Vergleich zur Cham Kiu und Biu Tze die fortgeschrittenste Form.

Jeder, der etwas mit Chi Kung (Qigong) vertraut ist, weiß, dass die fortgeschrittensten und nicht selten schwierigsten Chi Kung (Qigon) Übungen dem ungeübten Auge oft einfach und unspektakulär erscheinen.
Die Ursache liegt darin, dass die eigentlich "harten Übungen" in jedem Einzelnen selbst stattfinden und von außen anhand der Bewegungen und Körperhaltung nur erahnt werden können. Das beste Beispiel dafür ist die Siu Nim Tao.

Durch diese Form werden dem Anfänger sofort zum Ausbildungsbeginn sehr fortgeschrittene Methoden in Form von Chi Kung (Qigong) Übungen zum Aufbau innerer Energie vermittelt.

Entspanntheit zu bewahren, während komplexe, unbekannte Handbewegungen ausgeführt werden, stellt die erste Hürde für den Anfänger dar, die er auf Dauer nehmen muss.

Das Hauptmerkmal der ersten Wing Chun Form ist die stationären Pose, in der die Form ausgeführt wird. Ist der Stand, der "Yee Jee Kim Yeung Ma bzw. IRAS" einmal eingenommen, steht der Schüler in dieser Position, bis die Form beendet wird.

Durch Übung der Siu Nim Tao lernt er, sich "mit dem Boden zu verbinden." Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom "Absenken des Körperschwerpunktes", dem "energetischen Verwurzeln mit dem Boden" bzw. "Ausbilden einer stabilen energetischen Wurzel" (engl. "Rooting").

Die Ausbildung des stabilen Standes ist das Fundament, das durch die Siu Nim Tao von Anfang an gelegt wird. Der Stand ist als "Einheit von Körper und Boden" die Basis für alle später entwickelten Wing Chun Fähigkeiten, durch die man kraftvoll arbeiten und dennoch in der Bewegung ein hohes Maß an Körperstabilität bewahren kann.

Wer schon mal mit anderen als "weiche Kampfkunststile" bezeichneten Systemen - wie z.B. Tai Chi Chuan - in Kontakt gekommen ist, weiß, dass die Kombination aus entspannten Bewegungen und stationärer Körperhaltung (wie in der Siu Nim Tao ausgeübt) häufige und essentielle Bestandteile vieler traditioneller Chi Kung-Übungen sind, durch die innere Energie (bzw. "Chi" - laut chinesischer Auffassung) entwickelt wird.  

In der Siu Nim Tao spricht man daher vom "Aufbau innerer Energie."

Hat der Schüler die Siu Nim Tao erlernt, wird ihm im nächsten Lernschritt die Cham Kiu vermittelt. In dieser Form lernt er, sich trotz erfolgter Schrittarbeit ständig wieder stabil mit dem Boden zu verbinden und trotz Ganzkörperbewegung eine stabile Körperhaltung (Siu Nim Tao-Struktur)  zu bewahren.
Korrekte Schrittarbeit, Wendungen, Körperhaltung und ausgeführte Oberkörper-bewegungen vermitteln ihm die Fähigkeit, sich mit dem eigenen Energiefluss zu bewegen und diese Energie zum rechten Zeitpunkt gezielt bzw. koordiniert in die vier Gliedmaßen (Beine und Arme) zu transferieren.

In der Cham Kiu spricht man daher auch von dem gezielten "Platzieren bzw. Positionieren innerer Energie" in den einzelnen Gliedmaßen.

Im dritten Lernschritt unterrichtet man den Schüler in der Biu Tze Form. Die früher als "geheim" behandelte dritte Form wird als reine "Innere-Energie-Form" betrachtet, da jede ausgeführte Bewegung auf Einzelpunkte (Akupunktur-, Akupressurpunkte) des gegnerischen Körpers abzielt, die - falls gezielt und kombiniert angegriffen - einen massiv störenden bzw. vernichtenden Einfluss auf das energetische System des Gegners ausüben.
Von diesem energetischen Gesichtspunkt betrachtet, ist Inhalt der Form, die durch Cham Kiu Fähigkeiten in den einzelnen Gliedmaßen "platzierte, positionierte Energie" nun im nächsten Schritt "zu lösen." Sie fließt durch schnelle, peitschenartige Bewegung - man spricht vereinfacht auch von "entspanntem Schlagen" - aus den Gliedmaßen heraus und wird auf kleine, teils letale Trefferpunkte (Kehlkopf, Auge, Luftröhre, Solar Plexus) des gegnerischen Körpers fokussiert. Die Form wird entspannt aber dennoch hochfokussiert ausgeführt.

In der Biu Tze spricht man auch von dem "Fokussierten-Fließen-lassen innerer Energie" aus den schlagenden bzw. bewegenden Gliedmaßen heraus.

im vierten Lernschritt wird der Schüler traditionell in den Umgang mit der Holzpuppe unterwiesen. Zu diesem Zweck lernt er die vierte Form Mok Yan Chong Fat, in der die im Körper aufgebaute Energie in die Puppe übertragen wird. Dabei stellt man sich vor, ein Ziel anzugreifen, das sich hinter dem eigentlichen Auftreffpunkt der eigenen Arme bzw. Beine befindet. Man schlägt "durch die Puppe hindurch" und lässt die Energie quasi "durchschlagend" das Ziel durchfließen.

Zusammengefasst lernt man in der Siu Nim Tao den Aufbau innerer Energie, in der Cham Kiu das Platzieren bzw. Positionieren innerer Energie in den Körpergliedern, in der Biu Tze das Lösen und fokussierte Fließenlassen innerer Energie aus den Gliedmaßen heraus und in der Mok Yan Chong Fat das Übertragen der Energie in den Gegner (Durchschlagen).

Hat man die Holzpuppenform erlernt, beschäftigt man sich erstmalig mit den Wing Chun Waffen, indem zu Beginn die Arbeitsweise mit dem Langstock erlernt wird.

Unter Zuhilfenahme des Langstocks wird mit diesem ein beliebiges, sehr kleines Ziel attackiert und Energie vom Boden über den Körper durch den Stock in dieses Ziel geleitet.

Dabei kommen die sieben Schlüsselbewegungen aus der Langstock-Form "Look Dim Poon Kwan" zum Einsatz. Hier lernt man die in den vier waffenlosen Solo-Formen erlernten Chi Kung (Qigong) Fähigkeiten auf eine dynamisch geführte Waffe zu übertragen und sich mit ihr als Einheit zu bewegen.

Schlussendlich werden die Formen durch die Doppelmesser-Form komplettiert. Die in den vorangegangenen fünf Formen erlernten Techniken und Fähigkeiten - innere wie äußere - finden hier ihren Höhepunkt.
Der Aufbau, das Platzieren, Lösen und Transferieren von Körperenergie mit Hilfe der Doppelmesser wird anhand der spezifischen Arbeitsweise der Messer perfektioniert, wobei acht mögliche Schnittrichtungen, Hack-, Stich- und Schnittbewegungen ausgeführt werden.

Die Doppelmesser- und Langstock-Form geben dem Wing Chun Kämpfer im Prinzip den Feinschliff, was den Aufbau und die Kontrolle innerer Energie anbelangt.

Der anhand der sechs Formen geschilderte Weg im Wing Chun verdeutlicht, dass jede der sechs Formen die nächste Lernstufe bzgl. der Kontrolle innerer Energie darstellt. Ähnlich wie im Tai Chi Chuan oder anderen "inneren Systemen" ist Wing Chun in großen Teilen so ausgeprägt, dass schrittweise "innere Fähigkeiten" (im Englischen so genannte "chi skills") entdeckt, ausgebaut und letztendlich zur vollen Blüte gebracht werden.

Ich möchte hier nochmal betonen, dass Chi, innere Energie und andere als "innere Lehren" bezeichnete Inhalte nur einen "Teil" des Wing Chun Systems darstellen und nicht den Hauptinhalt verkörpern.
Wing Chun ist ein Kampfkunst und darauf ausgerichtet, den Gegner (wie auch immer er geartet ist) auszuschalten - diese Ziel steht im Vordergrund.

Es soll also nicht der Eindruck entstehen, daß man sich im Training Rosenquarz auf den Hintern legt, dreimal tief mit Hilfe sämtlicher Körperöffnungen durchatmet, schließlich locker versucht, innere Energie aufzubauen und dann mit links ein Loch durch Stahlbeton schlägt.

Stattdessen sollte realitätsnah und hart trainiert werden!

Es macht aber in meinen Augen auch keinen Sinn, einen klaren Inhalt des Wing Chun Systems einfach wegzuwischen, wedzudiskutieren, zu belächeln oder (ganz dumm) einfach zu ignorieren.
Stattdessen sollte man sich mit diesen Inhalten auseinandersetzen und seinen Horizont erweitern - selbst wenn man diese Inhalte später ablehnt.

"Chi" und "innere Energie" sind im chinesischen Sprachgebrauch und in allen traditionellen asiatischen Kampfsportarten (Chi, Ki, Qi, etc.) vollkommen normal und ich weise noch mal darauf hin, dass Ignoranz oder Blasiertheit bzw. mangelhafte Aufgeschlossenheit hier evtl. daran hindern, eine weitere Seite des Wing Chun Systems für sich zu entdecken.

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    12. Variationsreiche Formen in den Wing Chun Stilen      
     

Die drei waffen- und gerätelosen Solo-Formen Siu Nim Tao (SNT), Cham Kiu (CK) und Biu Tze (BT) gehören in fast allen Wing Chun Stilrichtungen zum festen Curriculum des Schülers. Sie werden auch als "Box-Formen" bezeichnet und sind quasi die "Standard-Formen" des Wing Chun Systems.

Häufig wird die Frage gestellt, ob die Formen in den unterschiedlichen Wing Chun Derivaten eigentlich identisch sind?

Die Antwort ist eindeutig: Nein, sind sie nicht!

Die drei Formen sind von Wing Chun- zu Wing Chun-Stil (Yip Man Wing Chun, Yuen Kay San Wing Chun, Gu-Lao Wing Chun, Pan Nam Wing Chun, etc.) sehr verschieden und weisen unterschiedliche Schrittarbeit, Handtechniken bzw. starke Änderungen in den Gesamtabläufen auf - man kann also nicht von "der einen Siu Nim Tao" bzw. der "Original-Cham Kiu" oder der "richtigen Biu Tze-Form" des Wing Chun" sprechen, sondern nur von der "Form des einzelnen Lehrers."

Die Ursache liegt darin begründet, dass jeder Lehrer sein Formenverständnis in eigenen Interpretationen zum Ausdruck bringt.

  Variationsreiche Formen in den Wing Chun Stilen  
     


"Wing Chun-Formen gibt es in unzähligen Varianten" - Obst und Wing Chun-Formen haben eines gemein: beide existieren in unzähligen Variationen. Wing Chun-Formen sind von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Selbst Lehrer ein und desselben Verbandes trainieren minimal unterschiedliche Formen.

   
     

Trotz der existierenden Varianten ein und derselben Form kann man bei genauerer Betrachtung (z.B. bei den Varianten der "Siu Nim Tao, Siu Lin Tao, Siu Lam Tao, o.ä.") viele Gemeinsamkeiten feststellen.
Man kann anhand dieser Gemeinsamkeiten eine gemeinsame Ursprungsform aller heutigen Varianten vermuten, die aber evtl. schon Jahrhunderte zurückliegt.

Der Variationsreichtum der drei Standardformen wird durch die auf sie folgenden Formen Mok Yan Chong Fat (MYCF - Holzpuppen-Form), Look Dim Poon Kwan (LDPK - Langstock-Form) und Bart Cham Dao (BCD - Doppelmesser-Form) übertroffen. Sie sind ebenfalls von Lehrer zu Lehrer, Schule zu Schule bzw. Verband zu Verband völlig unterschiedlich. Nicht nur die Geräte bzw. Waffen sind unterschiedlich sondern auch die Techniken und Abläufe der einzelnen Formen ähneln sich teilweise kaum.

Setzt man sich mit der Geschichte des Wing Chun Systems auseinander, lernt man, dass diese drei Formen erst wesentlich später in das System aufgenommen worden sein sollen (siehe dazu den Artikel " Variantenreiche Wing Chun Entstehungsgeschichte - Alternativen zur "Standard-Legende"). Zwar enthalten alle Formenvarianten teilweise ähnliche Techniken, sind aber - wie gesagt - bzgl. ihrer Choreographie von Stil zu Stil vollkommen verschieden.

Diese Tatsache deutet darauf hin, dass die drei ersten Box-Formen (SNT, CK, BT) bereits zu einem frühen Zeitpunkt "formalisiert" wurden (man vermutet, dass dies auf der Roten Dschunke passiert sein soll), wohingegen die Holzpuppen-, Langstock- und Doppelmesser-Techniken aus losen, unzusammenhängenden Techniken bestanden und in keinem festen Ablauf bzw. in keiner Form zusammengefasst waren.

Das ist vermutlich ein Grund, warum heutige Holzpuppen-, Langstock- und Doppelmesserformen von Lehrer zu Lehrer, Schule zu Schule bzw. Verband zu Verband völlig unterschiedlich sind. Es gibt also keine "Original-Form" - jede Form der existierenden Formen ist ein Original für sich.
Zusätzlich scheint es heutzutage Mode zu sein, an den Formen "herum zu fummeln" und diese leicht bzw. stark zu verändern, um ihr den eigenen Stempel aufzudrücken. Sehr schönes Beispiel ist in Deutschland die Entwicklung des Dragos Wing Tsun. Martin Dragos (Cheftrainer von Dragos Wing Tsun), der früher noch die Siu Nim Tao nach dem Leung Ting Wing Tsun Stil ausgeführt hat, hat mittlerweile seine ganz eigene Version der Siu Nim Tao kreiert. Man erkennt kaum noch die alte ursprüngliche Form.

Die siebte Form, die Saam Sin Chong Fat (SSCF - Tripodal-Form) ist als Schrittform in wenigen Wing Chun Stilen vorhanden und erst durch die Notwendigkeit, eine Schrittform zu entwickeln, in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie ist sozusagen "modern" und neueren Ursprungs - aber nicht minder wichtig!

Die in ihr enthaltene Schrittarbeit ist eine Kombination aus der Schrittarbeit aller waffenlosen Formen und besitzt - wie weiter oben bereits gesagt - eine hohe Bedeutung für Wing Chun Anwendungen bzw. allgemein für den Kampf.

Lustigerweise regen sich viele Leute, die man im Wing Chun treffen kann, gerne über fremde Varianten der Formen auf und machen abfällige Bemerkungen. Offensichtlich ist ihr Horizont recht beschränkt und es tritt offen zutage, dass sie nicht annähernd verstehen, was sie sehen!

Mein Ratschlag dazu:
Sollte man andere Wing Chun-Kämpfer treffen, die die Form anders ausführen als man selbst, sollte man sich mit Urteilen über fremde Formeninterpretationen zurückhalten, bevor nicht glasklar geklärt ist, welche Absichten durch die jeweilige Formen-Ausführung verfolgt wird bzw. was für Konzepte und Prinzipien hinter der jeweiligen Form stehen.
Selbst nach erhaltener Erklärung sollte man sich mit abfälligen oder belehrenden Bemerkungen zurückhalten, wenn man nicht direkt gefragt wird!
Ich habe mich früher selbst nicht an diesen Ratschlag gehalten. Doch mittlerweile bin ich der Meinung, dass man diese Art von Respekt anderen Wing Chun Stilen entgegenbringen sollte und sich weniger einmischen sollte. Schließlich muss jeder mit der Art und Weise, wie er Wing Chun ausführt, glücklich werden.

Ich freue mich jedenfalls, dass es kein "genormtes Wing Chun" gibt, obwohl sich große Verbände fast schon krampfhaft an eine Art von "Normung" festklammern, um der Massenabfertigung ihrer Schüler gerecht werden zu können.

Wing Chun wird von Individuen trainiert und dementsprechend sind Formen individuell geprägt und wir alle können uns über einen großen Reichtum an Formen-Varianten und deren Interpretationsreichtum erfreuen.

Es gibt vieles zu entdecken ... !

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    13. Sind Formenbewegungen anwendungsorientiert? - Kontroverse Diskussionen…      
     

Obwohl viele Formen in asiatischen Kampfkünsten den Anspruch erheben, realistische Kampftechniken darzustellen, sind die Formenbewegungen oft nicht identisch mit den Techniken, die in einer realistischen Auseinandersetzung zur Anwendung kommen.

Die heute in manchen Kampfkünsten existierenden Formen sind teils bzgl. der Kampfvorbereitung optimiert, teils aber auch ausgearbeitet worden, um einen hohen Anspruch an Ästhetik zu erfüllen und einen ausgeprägten Showeffekt zu erzielen.

Historisch betrachtet wurden Formen oft zu Unterhaltungszwecken ausgeführt, als Kampfkünstler noch einen Zusatzverdienst suchten und ihre Kunst auf den Straßen oder in Theatern des alten China gegen Geld darboten.

Heutige moderne Schulen haben viele Offensiv- bzw. Defensiv-Bewegungen durch akrobatische Einlagen ersetzt, die zwar spektakulär anmuten, für Anwendungen im Kampf aber schlichtweg keine Bedeutung mehr haben. So sind sie zwar auf Showkämpfen bzw. Galavorstellungen schön anzuschauen - entbehren dafür aber jeder Anwendbarkeit im Kampf!

Diese Entwicklung wird immer wieder kontrovers diskutiert. Beispielsweise sind einige Kritiker der Auffassung, dass Sparring, Technik-Drills und Kampfanwendungen wesentlich wichtiger als Formentraining sind.
Obwohl sie das "äußere Erscheinungsbild" traditioneller Formen als wichtig einschätzen, sollten Formenbewegungen ihrer Meinung nach ausschließlich wegen der Funktionalität im Kampf existieren!

Die andere Gruppe hingegen vertritt die Meinung, dass das traditionelle Training der Formen grundlegend wichtig ist, um sowohl saubere Ausführung der Techniken im Kampf zu gewährleisten, als auch die physischen und psychischen Fähigkeiten zu trainieren und zusätzlich die "Shaolin Ästhetik" als Kunstform aufrecht zu erhalten.

Ein möglicher Grund, warum Formenbewegungen oft anders als Sparringsbewegungen aussehen, könnte sich auf die althergebrachte "Geheimhaltungsstrategie bzw. Geheimniskrämerei" im Kampfsport bzw. in Kampfkünsten beziehen.
Die tatsächliche Funktionalität der Einzelbewegung soll vor Außenstehenden verborgen bleiben, wodurch manche Formen "stark vereinfachte Bewegungen" enthalten. Nicht umsonst bedeutet "Siu Nim Tao" in der Übersetzung "kleine Idee" bzw. "die vereinfachte Form".
Bewegungen, die in der Anwendung beispielsweise "gegriffen" werden und mit Körperwendung, Schrittarbeit und ruckartigem Körperabsenken erfolgen, werden in der Form beispielsweise mit flacher, offener Hand und statisch - also ohne Wendung, Schrittarbeit und Körperabsenken ausgeführt.
Dafür gibt es zahlreiche Gründe und einer könnte unter anderem der Geheimhaltungs-aspekt innerhalb unterschiedlicher Kampfkunststile sein.

Diese Art der Geheimhaltung ist in heutigen Kampfkünsten nicht mehr so aktuell, wie sie es noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts war. Das liegt zweifellos daran, dass zahlreiche Videoaufnahmen von Kampfkünsten und Kampfsportarten im Internet oder auf kaufbaren DVDs existieren und jeder Lehrer bestrebt ist, seine "Lehre" nach Möglichkeit weltweit zu verbreiten.
Dementsprechend werden Technik- und Formenausführungen gerne gefilmt und man kann zahlreiche Varianten einer Technik oder Formenausführungen heute in aller Ruhe und mit endlosen Wiederholungen im Internet begutachten und somit die Bewegung und Körpermechanik des Ausführenden quasi durch "Videoanalyse" bis ins Detail studieren.

Für einen bevorstehenden Kampf wäre so eine "analytische Bewegungsstudie" für den Gegner eine Katastrophe, da sie ihm einen wichtigen Vorteil nehmen: den "Überraschungseffekt."

Kennt man die Bewegungsweise des Gegners nicht, existiert vor Kampfbeginn eine gewisse "Unschärfe", da man erst im Kampf erfährt, wie der Gegner sich bewegt - dann ist es jedoch meistens zu spät.
Aus diesem Grund verschleiert man auch heute noch seine wahren Fähigkeiten, um in der entscheidenden Auseinandersetzung das "Überraschungsmoment" als Vorteil ausspielen zu können.

Diese Vorgehensweise kennt man nicht nur im MMA, Boxen, Kickboxen, etc., wo hinter abgedunkelter Scheibe oder im abgeschlossenen Raum für den nächsten Wettkampf trainiert wird.
Man findet diese Mentalität auch in anderen populären Sportarten wie Fußball, Basketball, etc., wo Kameraleute oder Besucher nicht zum Training zugelassen sind - man gibt seine Techniken dem Gegner oder allgemein der Öffentlichkeit nicht preis und vermeidet somit, gut einschätzbar bzw. vorhersagbar zu sein.

Ein weiterer Grund, warum Formenbewegungen oft anders als Sparringsbewegungen aussehen, ist der Wunsch nach "sauberster Technikausführung."

  Sind Formenbewegungen anwendungsorientiert?  
     


"Wing Chun-Formen bringen Ordnung in das Bewegungschaos" - Bewegungen, die häufig ohne Präzision und ohne Detailwissen ausgeführt werden, werden durch Formentraining exakter ausgeführt und bezüglich der Bewegung und Position geschliffen.

     
     

Bei Ausführung der Form kann man sich anders als im Sparring auf jedes Detail der Bewegung konzentrieren und hundertprozentige Präzision ohne äußeren Stress walten lassen.

Schleift man die Bewegungen der Formen sauber ein, hat man im Sparring unter Druck und Stress eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass von einer "sauberen Formenbewegung" überhaupt noch etwas Sinnvolles übrig bleibt, anstatt eine "Wischi-Waschi-Technik" auszuführen, die mit Wing Chun nichts mehr zu tun hat und der es ohnehin an Effizienz mangelt.

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    14. Abschließende Worte      
     

Wie gesagt, es gibt unterschiedlichste Formenausführungen, Formeninterpretationen, Grundgedanken, etc. im Wing Chun. Ich kann daher hier nur oberflächlich anreißen, was es zu den Formen zu sagen gibt.

Ich habe zu jeder Form einen separaten Artikel verfasst, in dem ich weiter ins Detail gehe. Wer will, kann dort weiter lesen.

Ansonsten empfehle ich wie üblich, eine offene Denkweise zu bewahren und nicht gleich von vornherein Aspekte wie "Chi" oder "inneres Wing Chun" abzulehnen.

Wer weiß, vielleicht entdeckt man dadurch (genau wie ich es für mich früher entdeckt habe) einen neuen interessanten Aspekt dieser faszinierenden Kampfkunst.

(nach oben)

  Fazit  
           
    15. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu den Formen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

(nach oben)

   
           
   
© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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