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1. Wie ein Schüler in China seinen Respekt gegenüber seinem Lehrer ausdrücken soll

     
     

In China ist die Verehrung des Lehrers im Kung Fu ein zentraler Aspekt der Lehrmethode. Man kann sogar sagen, dass sie ein zentraler Aspekt der chinesischen Kampfkunst überhaupt ist.
Jeder ernsthafte Schüler des Kung Fu (Wushu) ist in China traditionell zur deutlichen Demonstration von Respekt und Wertschätzung gegenüber seinem Lehrer verpflichtet. Dabei gehen die Forderungen des Lehrers nach Respektsbekundung weit über das hinaus, was einem Deutschen bzw. Europäer einsichtig erscheinen mag bzw. was ein Deutscher oder Europäer zu zeigen bereit ist.

Hier stellt sich also zumindest für uns Nichtasiaten die Frage, auf welchen Bedingungen die Sitte der Lehrerverehrung in der chinesischen Kampfkunst beruht.

Wie kommt es dazu? Haben wir es hierbei lediglich mit einem anderen Verständnis dessen zu tun, was ein Schüler generell seinem Lehrer schuldet? Oder geht es um die Frage der Anerkennung überlegenen Könnens? 

Wenden wir also zunächst den Blick nach China - dort existieren in den Schulen der chinesischen Kampfkunst sehr genaue Regeln bzw. Vorstellungen darüber, wie ein Schüler seinen Respekt gegenüber dem Lehrer ausdrücken soll.

Die wichtigsten Regeln sind:

1. Anrede nur mit Ehrentitel ("Shifu oder Laoshi")!
Der Lehrer darf (im Unterricht) niemals nur mit seinem Namen angesprochen werden. Die korrekte Anrede nennt immer den ehrenden Titel, also entweder "Shifu (Sifu) bzw. Laoshi" oder einen anderen Lehrertitel, der in der entsprechenden chinesischen Schultradition verwendet wird.

   
     


Laoshi (Alter Lehrer) und Shifu (Lehrer-Vater) - In den Illustrationen dieses Artikels werden Langzeichen verwendet.

     
     

2. Berühren bzw. Anfassen verboten!
Es ist für die Schüler unangemessen, ja man kann sogar sagen "verboten", den Lehrer im Unterricht kameradschaftlich zu berühren, zu umarmen, zu necken usw. Viele chinesische Lehrer wünschen derartige "Intimitäten" auch außerhalb des Unterrichts nicht, da eine so große körperliche Nähe die Grenzen der Hierarchie verwischt.

3. Haltung wahren - Provokation und Bequemlichkeit untersagt!
Befindet sich der Lehrer in der unmittelbaren Nähe des Schülers, dann soll dieser gerade und aufrecht stehen und den Lehrer nicht provozieren, indem er seine Arme in die Seiten stemmt, die Arme vor der Brust verschränkt oder die Hände in die Hosentaschen steckt. Auch soll er weder auf dem Boden sitzen noch liegen. Generell soll der Schüler es sich in Gegenwart des Lehrers nicht "bequem" machen ...
Findet eine Unterweisung oder Demonstration durch den Lehrer statt, dann gilt es als hochgradig unangemessen, nicht zuzuhören, die Augen zu schließen, wegzuschauen usw.

4. Komme nie zu spät!
Ein Schüler sollte niemals zu spät zum Unterricht erscheinen. Zu spät kommen wird dergestalt interpretiert, dass der Schüler die Unterweisung durch den Lehrer, die in China traditionell als unbezahlbares Geschenk gilt, nicht wertzuschätzen weiß. 
Im Gegensatz dazu ist der Schüler verpflichtet auf den Lehrer zu warten, falls dieser später zum Unterricht erscheint.
Es existieren viele Geschichten darüber, wie Kung Fu-Lehrer ihre Schüler immer wieder warten lassen, um herauszufinden, welche Schüler die nötige Geduld aufbringen und den traditionell geforderten Respekt demonstrieren. 

5. Respektvolles verhalten in der Unterrichtshalle!
Ein Schüler sollte den Unterricht nicht vorzeitig abbrechen, und er sollte die Unterrichtshalle (Guan) auch nicht vor dem Lehrer verlassen.
Traditionell kommt der Lehrer als letzter und geht als erster. Erklärt der Lehrer nach dem Ende des Unterrichts einigen Schüler noch etwas, dann sollten sich die Schüler, die die Halle verlassen, zunächst in Richtung des Lehrers verbeugen und erst danach aus der Halle gehen.

6. Respektvolles Verhalten bei gesellschaftlichen Zusammenkünfte!
Bei gesellschaftlichen Zusammenkünften gilt als selbstverständlich, daß die Schüler niemals sitzen, wenn der Lehrer steht, außer er fordert sie dazu auf. Dem Lehrer wird immer der beste Platz zum Sitzen angeboten, man beginnt niemals mit dem Essen oder Trinken, bevor der Lehrer ißt oder trinkt.
Überreicht man dem dem Lehrer einen Gegenstand, dann ist dies stets mit beiden Händen und einer kleine Verbeugung zu tun.

7. Provokation, Besserwisserei sind zu unterlassen!
Es versteht sich in China außerdem von selbst, daß es einem Schüler absolut verboten ist, sich gegenüber seinem Lehrer in irgendeiner Weise frech, provokant oder besserwisserisch zu verhalten oder sonstwie anmaßend zu sein. So ist es beispielsweise völlig unangemessen, auf eine Unterweisung oder Erklärung des Lehrers zu antworten, daß man dies bereits wisse, selbst wenn das der Wahrheit entspricht.
Niemals darf ein Schüler sich anmaßen, dem Lehrer vorzuschlagen oder gar vorzuschreiben, was oder wie dieser ihn zu unterrichten hätte. Eine solche Verfahrensweise unterstellt dem Lehrer, daß er nicht wüßte, was zu tun sei und ist deshalb völlig inakzeptabel

8. Drei wesentliche Qualitäten:
Schließlich soll ein Schüler Respekt gegenüber seinem Lehrer ausdrücken, indem er drei wesentliche Qualitäten eines Kung Fu-Schülers demonstriert:

  1. den Wunsch zu lernen,
  2. die Hingabe zur Übung und
  3. die Disziplin beim Training.

Diese "drei Qualitäten" zeigen dem Lehrer, daß sein Schüler sich als würdig erweist, in der Kunst unterrichtet zu werden.

Betrachtet man dieses Regeln und vergleicht sie mit den Gepflogenheiten in Deutschland bzw. Europa erscheint die in den chinesischen Kampfkünsten übliche Lehrerverehrung in meinen Augen als ein Relikt einer veralteten, feudalistischen Unterwerfungsmentalität, die in China vielerorts allerdings eine noch gültige Sitte darstellt.
Allerdings kommen einem einige dieser Regeln durchaus bekannt vor, wenn man daran denkt, wie man - sollte man eine einigermaßen gute Erziehung genossen haben - mit seinen Eltern bzw. mit älteren Menschen umgehen sollte.

Wie kommt es in China nun zu dieser Art der Lehrerverehrung?

Schauen wir uns zu diesem Zweck die überkommene Struktur der chinesischen patriarchalischen Famile an. Dazu kann man auch den Artikel "Wing Chun Hierarchie - "Familienaspekte" (Todai, Sihing, Sifu, Sigung, etc.) im Wing Chun" lesen, in dem ebenfalls einiges zu Familienstrukturen in China geschrieben steht.

(nach oben)

     
           
    2. Die chinesische patriarchalische Familie      
     

Man kann die in den chinesischen Kampfkünsten übliche Lehrerverehrung nicht verstehen, wenn man keinen Einblick in die überkommene Struktur der chinesischen patriarchalischen Familie besitzt.

Das Ideal der chinesischen Familie basiert entsprechend konfuzianischer Vorstellungen auf einem hierarchischen Modell.
Wie wir wissen, hat die Lehre des Konfuzius (551-479 v.Chr.) die gesamte chinesische Kultur nachhaltig geprägt. Auch wenn hin und wieder behauptet wird, der Konfuzianismus sei tot, so ist dem entgegenzuhalten, daß er sich in den letzten Jahrhunderten trotz aller gegenteiligen Behauptungen als äußerst vitale Kraft erwiesen hat. 

Das konfuzianische Modell der Familie gründet auf dem Patriarchat, das heißt auf der herausragenden Stellung des Vaters als Sippenoberhaupt.

Mit anderen Worten: das patriarchalische Familienmodell - auch und gerade als Abbild einer höheren Ordnung, als Bild des Verhältnisses zwischen Himmel und Erde - war eine Grundvoraussetzung des chinesischen Denkens.

In diesem Modell steht der Vater ("Fu") an der Spitze der Hierarchie. Ihm zur Seite steht - wenn auch nicht auf gleicher Augenhöhe - die Mutter ("Mu"). Die Kinder ("Xiaohai") sind ihren Eltern zu großem Dank verpflichtet, weil ihnen die Eltern sozusagen das "unbezahlbare Geschenk des Lebens" gemacht haben.

Sie bleiben deshalb für immer gegenüber ihren Eltern in der Schuld!

   
     


Vater (Fu), Mutter (Mu) und Kinder (Xiaohai) - Die Kinder (Xiaohai) sind ihren Eltern zu großem Dank verpflichtet, weil ihnen die Eltern das unbezahlbare Geschenk des Lebens gemacht haben. 

     
     

Konfuzius galt die "kindlichliche Pietät" Xiao als Kardinaltugend!

Pietät, ein auf sittlichem Empfinden und auf Verehrung beruhendes Pflichtgefühl, sollte sich im Verhalten der Kinder gegenüber ihren Eltern und den Alten der Familie in Respekt und Dienstbereitschaft ausdrücken.
Es ging dabei eben einerseits um den Aspekt der Fürsorge für die Eltern, andererseits aber auch um die Frage der Achtung vor ihnen und ihrer Wertschätzung.

Dabei spielte die Folgsamkeit, die absolut bedingungslose Unterwerfung unter den befehlenden Willen des Vaters eine bedeutsame Rolle.
Unter der Sui- und Tang-Dynastie (589 - 906 n.Chr.) besaß der Vater eine nahezu uneingeschränkte Macht über das Leben seiner Kinder. Tötete ein Vater sein Kind, weil es ungehorsam war, ging er häufig straffrei aus.
Umgekehrt gehörte allerdings Gewalt gegen die Eltern oder gar Elternmord zu den schlimmsten denkbaren Verbrechen überhaupt.

Konfuzius lebte zu einer Zeit, die durch starke Erschütterungen der Gesellschaft geprägt war. Sein Streben galt der Stabilisierung der Verhältnisse auf der Basis einer festgefügten Ordnung. Die Familie als kleinstes Subsystem des Staates diente bereits in vorkonfuzianischer Zeit einerseits als Modell der kosmischen Hierarchie und wurde andererseits in ihrer elementaren Funktion als Grundbaustein der Gesellschaft gewürdigt. "Funktionierte" die Familie nicht, dann konnte es auch um die Gesellschaft nicht gut bestellt sein.

     
     


Reiche chinesische Familie - Funktionierte die Familie nicht, dann konnte es nach konfuzianischer Auffassung auch um die Gesellschaft nicht gut bestellt sein.

     
     

Von dieser Überlegung ausgehend kam Konfuzius zu dem Schluß, daß die Etablierung einer geordneten Gesellschaft die geordnete Familie zur Voraussetzung habe. Familiäre Ordnung, das hieß Unterwerfung aller Familienmitglieder unter strenge Regeln gegenseitiger Verpflichtungen. Ordnung im Staat hielt Konfuzius nur dann für erreichbar, wenn sich der Einzelne selbstbeschränkte, seinen Neigungen nicht hemmungslos nachgab, sondern sich den Interessen der Gemeinschaft unterordnete.

In einem konfuzianischen "Verhältniskatalog", dem "Wulun", wurden alle elementaren zwischenmenschlichen Beziehungsvarianten aufgeschlüsselt und die jeweils gültigen Verhaltensregeln festgeschrieben. Wulun bedeutet "Fünf Beziehungen", hierunter wurden die Verhältnisse zwischen Vater und Sohn, Fürst und Untertan, Mann und Frau, Alt und Jung sowie unter Freunden gezählt.

Dieses Konzept erklärt, weshalb auch unter den Kindern der traditionellen Familie eine Hierarchie herrscht, die genau regelt, wer sich wem gegenüber wie zu verhalten hat. An der Spitze dieses Systems steht der jeweils ältere Bruder (Sihing) bzw. die ältere Schwester (Sijee), die von dem jüngeren Bruder bzw. der jüngeren Schwester entsprechende Demonstrationen des Respekts erwarten dürfen. 

Wie man hier sieht, gründet der Respekt im konfuzianischen Familienmodell nicht direkt auf der Wertschätzung bestimmter Leistungen oder Qualitäten. Ein Sohn schuldet seinem Vater Respekt, "weil dieser schlicht sein Vater ist".
Auch ein schlechter Vater ist und bleibt Führungsfigur der Familie, und dies allein begründet nach chinesischer Auffassung bereits die Forderung nach Unterwerfung, Respekt und Fürsorge!

Allerdings hat Konfuzius die Verpflichtung zum Respekt gegenüber den Hierarchiehöheren eingeschränkt, indem er sagte, das Befolgen von Befehlen eines amoralischen Herrschers sei nicht tugendhaft.
Diese eigentlich fortschrittliche Haltung wird jedoch durch die Tatsache relativiert, daß in der Realität der Umsetzung konfuzianischer Konzepte durch staatliche Institutionen ein Sohn, der seinen Vater anklagte, nicht selten mit dem Tode bestraft wurde - unabhängig davon, ob die Beschuldigung der Wahrheit entsprach oder nicht.

Konfuzius ging davon aus, daß die Hierarchieoberen ihrer Stellung entsprechend danach streben mußten, sich gemäß besonders hoher moralischer Werte zu verhalten. Auf die Struktur der Familie übertragen heißt das, auch und gerade ein Familienoberhaupt hatte sich gewissen Pflichten zu unterwerfen, er durfte nicht nach Gutdünken walten, sondern mußte sich seiner Rolle als würdig erweisen.

Eine Idealvorstellung, der man sicherlich nur allzu häufig nicht gerecht wurde.

(nach oben)

     
           
    3. Die Bedeutung des Lernens im Zusammenhang mit der Lehrerverehrung      
     

Ein weiterer äußerst wichtiger Aspekt in der Diskussion um die Frage der Lehrerverehrung ist das Verstehen der traditionellen Bedeutung des Lernens, also des Studiums. Begreift man nämlich, weshalb und in welchem Maße das Lernen gemäß traditioneller chinesischer Vorstellungen als Prozeß der Höherentwicklung, der Selbstkultivierung und Persönlichkeitsveredlung gilt, dann klärt sich damit auch die Frage nach der Verehrung des Lehrers. 

Das Studieren ("Xue") besitzt bei Konfuzius einen deutlich höheren Stellenwert als das Denken ("Si"). So sagt Konfuzius: "Lernen ohne zu denken ist sinnlos, aber Denken ohne Lernen ist gefährlich." 

Dahinter verbirgt sich möglicherweise die Auffassung, daß dem freien, ungehemmten Denken ein gewisses amoralisches und auch anarchistisches Potential innewohnt, hingegen das Lernen (von den Vorfahren) immer einen deutlichen Bezug zu den Werten der Vergangenheit aufweist.

Das Studium wurde von Konfuzius allgemein als Weg zu Moralität und Erkenntnis angesehen, Lernen galt als bewährte Methode, um aus dem schwachen, kleinen, egoistischen Menschen ("Xiao Ren") den "Edlen (Junzi)" zu formen.

   
     


Lernen und Studieren - der Weg zur Vervollkommung, zu Moralität und Erkenntnis

     
     

Auch in den Schulen von Daoismus und Buddhismus sah man das Studium als Weg zur Vervollkommnung an, wenngleich man hier vollkommen andere Verfahren als in konfuzianischen Schulen anwendete.
In jedem Falle aber mußte der Schüler einen "Weg des Lernens" beschreiten, der häufig auch ein "Weg des Ver-Lernens", also des Abtrainierens schädlicher Denk- und Verhaltensweisen, sein konnte.

Das Gehen dieses Weges galt als Prozeß der Selbstkultivierung, Selbstklärung usw. - erst durch diese Art der Vervollkommnung wurde man gemäß daoistischer Vorstellung zum "Wahren Menschen (Zhen Ren)" oder gemäß buddhistischer Lehre zum "Weisen Menschen (Sheng Ren)".

Da nun jedenfalls den traditionellen Vorstellungen entsprechend der gesamte Prozeß von Lehren und Lernen gewissermaßen als heilig galt - denn er führte ja den "Kleinen Menschen" zu einer ungleich höheren Stufe des Menschseins - kam auch dem Lehrer eine höchst bedeutsame Rolle zu, denn er besaß das, was der Schüler gerne hätte, nämlich Wissen und Fähigkeiten.
Der Lehrer war das, was der Schüler gern wäre, nämlich ein "echter, verwirklichter Mensch", das heißt: ein "gereifter und vervollkommneter Mensch".

Ein Meister der Malerei, Dichtkunst, Tanz, Theaterkunst - also gleich welcher Kunst oder Wissenschaft, ist das lebendige Beispiel für die Brückenfunktion der Kunst, der gemäß der Anfänger zunächst aus dem Reich des schwachen, im Grunde wertlosen, ja sogar gefährlichen Menschen kommend durch das Absolvieren von Training, Prüfung, Erziehung, Unterweisung, Test usw. allmählich in das Reich des starken, wahren, edlen, weisen, ja heiligen Menschen gelangt. 

Der chinesische Schüler am Anfang seiner Ausbildung verdient nach traditioneller chinesischer Auffassung nicht die Achtung des "echten, verwirklichten Menschen".
Aus diesem Grunde muß er die niedrigsten Arbeiten verrichten und wird von den älteren Schülern häufig drangsaliert, in jedem Falle nur geduldet, keinesfalls jedoch respektiert.

Hat er im Verlauf seiner langjährigen Ausbildung Geduld, Mut, hohe moralische Werte und vorbildliche kämpferische Fähigkeiten bewiesen, dann gehört er irgendwann selbst zu den Älteren und prüft nun seinerseits den Charakter der neuen Schüler. 

(nach oben)

     
           
    4. Der Kung Fu Lehrer - ein "Vater-Lehrer bzw. väterlicher Lehrer"      
     

Wir haben bis hier also die traditionelle Bedeutung des Lehrers (Shi) und des Vaters (Fu) betrachtet.

Daher können wir uns nun mit dem Wissen um die herausragende Kulturfunktion dieser beiden Figuren der traditionellen Gestalt des Kung Fu-Lehrers nähern, der gewissermaßen die Rolle von Lehrer und Vater vereint.
Wir wissen ja bereits, daß der Titel "Shifu (Sifu)", übersetzt "Lehrer-Vater bzw. väterlicher Lehrer", eine gängige Form der Anrede für den Kung Fu-Lehrer darstellt.

Damit ähneln die chinesischen Gepflogenheiten den Gepflogenheiten anderer asiatischer Kulturen (Japan, Indien, Tibet etc.) in denen ebenfalls Anredeformen existieren, die den Respekt gegenüber dem Lehrer ausdrücken sollen.
Bekannt sind beispielsweise die aus Japan im Karate gebräuchliche Anrede mit "Sensei"bzw. in Indien die im Yoga gebräuchliche Anrede mit "Guru" oder die in Tibet gebräuchliche Anrede"Lama".

Das ausgesprochene Wort "Shifu" kommt für die Bezeichnung eines Lehrers in der chinesischen Sprache in zwei Varianten vor, das heißt es existieren zwei verschiedene Schriftzeichen bzw. Schreibweisen 師傅 und 師父, die allerdings ähnlich ausgesprochen werden und nach der Pinyin-Methode beide mit "Shifu (Sifu)" transkribiert werden.

   
     


Shifu (Sifu) der Lehrer-Lehrer und Shifu der Lehrer-Vater- Das ausgesprochene Wort Shifu kommt für die Bezeichnung eines Lehrers in der chinesischen Sprache in zwei Varianten vor, das heißt es existieren zwei verschiedene Schriftzeichen, die allerdings ähnlich ausgesprochen werden und nach der Pinyin-Methode beide mit Shifu transkribiert werden.

     
     

Die im Kontext der Kampfkünste übliche Bezeichnung für den Lehrer setzt sich, wie bereits beschrieben, aus den Komponenten "Shi" für "Lehrer" und "Fu" für "Vater" zusammen.

Das in beiden unterschiedlichen Schreibweisen identische erste chinesische Schriftzeichen 師 bedeutet hierbei "Lehrer" und wird "Schi" ausgesprochen.

Das zweite chinesischen Schriftzeichen der ersten Schreibweise 傅 kann als "Betreuer, Tutor oder Begleiter"übersetzt werden, wohingegen das Zeichen in der zweiten Schreibweise 父 soviel wie "Vater" bedeutet.

Obwohl die Bedeutung beider Schreibweisen ähnlich ist, ist ihre Verwendung unterschiedlich. 
So wird die erste Bezeichnung 師傅 lediglich als "Meister" interpretiert. Sie wird niemals in den Kampfkünsten verwendet wird, sondern allgemein nur für eine Person, die Instruktionen (Unterricht) erteilt und zwar in Beruf, Handwerk oder Kunst. Ihre Verwendung drückt den Respekt des Aussprechenden gegenüber den Fähigkeiten und Erfahrungen des Angesprochenen aus.
Beispielsweise spricht in China ein Kunde einen Automechaniker mit Shifu an, um seinen Respekt vor den technischen Fähigkeiten des anderen auszudrücken.

Die zweite Bezeichnung 師父 hingegen kann auf zweierlei Arten interpretiert werden. Zum einen birgt sie ebenfalls die Bedeutung "Meister" zum anderen aber auch die Bedeutung"Vater" in sich und deutet somit auf die vorhandene "Lehrer-Schüler-Beziehung"hin.  Sifu wird in dieser Hinsicht also als "väterlicher Lehrer bzw. väterlicher Meister" interpretiert. 

Verwendet man also letztere Anrede (beispielsweise in Handwerksberufen), bezieht man sich dabei ausschließlich auf seinen "eigenen" Lehrer oder "eigenen" Meister. Am Beispiel des Automechanikers würde dies bedeuten, dass der Geselle oder Lehrling des Automechanikermeisters seinen eigenen Meister mit "väterlicher Lehrer (師父)" anspricht, wohingegen der Kunde dies so niemals tun würde. Hier deutet sich also die Lehrer-Schüler-Beziehung an, die sich in Lehr- und Ausbildungsberufen wiederspiegelt.

Interessanterweise ist das Lehrer-Schriftzeichen der Kampfkünste auch in einem anderen Bereich der chinesischen Kultur weit verbreitet:
Sowohl buddhistische als auch daoistische Mönche werden mit dem ehrenden Titel "Shifu (師父)"angesprochen. 

Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die spirituelle Dimension des in der Kampfkunst üblichen Shifu-Begriffs. Hier fließen alle möglichen Aspekte des Lehrens, der Erziehung, der Vermittlung geheimen Wissens, der Vorbereitung auf das Leben und eben auch der Ausübung von Autorität zusammen. 

Denn es darf nicht vergessen werden, daß der chinesische Vater-Begriff ein autoritärer ist:

Das Schriftzeichen Fu ist die symbolische Darstellung des Erzwingens bzw. Durchsetzens von Regeln mit Hilfe zweier Schlagstöcke, also mit Hilfe autoritärer Gewalt.

     
     


Schriftzeichen Fu, in der Übersetzung "Vater"- Das Schriftzeichen Fu ist die symbolische Darstellung des Erzwingens bzw. Durchsetzens von Regeln mit Hilfe zweier Schlagstöcke, also mit Hilfe autoritärer Gewalt.

     
     

Die Rolle des Lehrers in den chinesischen Kampfkünsten wird also einerseits durch die überkommenen Prinzipien der familiären Hierarchie bestimmt und andererseits durch jene traditionelle Auffassung von der kultivierenden Funktion des Erlernens einer Kunst.

(nach oben)

     
           
 
 

5. Der "Shifu (Sifu)" in den chinesischen Kampfkünsten wie z.B. im Wing Chun Kung Fu

     
     

Der Begriff "Shifu (Sifu)" wird also in chinesischen Kampfkünsten als Zeichen des Respekts des Schülers gegenüber seinem Lehrer verwendet und deutet - wie oben erläutert - auf die familiären Strukturen innerhalb chinesischer Kampfkünste hin.

Wing Chun als chinesische Kampfkunst und Kung Fu Stilart wird ebenfalls als hierarchisch geordnetes Familiensystem verstanden, in denen chinesische Familientraditionen bei der Weitergabe des Wing Chun Systems eine beachtliche Rolle spielten und teilweise immer noch spielen.

Allerdings haben sich in unserer heutigen modernen Zeit so gut wie alle Kampfkünste wie auch Wing Chun einem größeren Publikum geöffnet.
Wing Chun wird nicht mehr (wie die Entstehungslegende behauptet - siehe dazu "Wing Chun Geschichte - die weit verbreitete "Standard-Legende" des Systems - von der Nonne Ng Mui bis hin zu Yip Man (Ip Man)") lediglich innerhalb der Familie weitergegeben.
Diesen Umstand sollen wir unter anderem Yip Man zu verdanken haben, der Wing Chun als erster Chinese einer größeren Gruppe zugänglich gemacht haben soll.

Mittlerweile kann Wing Chun heutzutage jeder lernen, der das nötige Interesse mitbringt.

   
     


Yip Man (sitzend in der Mitte) - Yip Man soll als erster Chinese Wing Chun als Kampfkunst der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Hier sehen wir ihn im Kreise einer beträchtlichen Anzahl von Schülern.

     
     

Obwohl die traditionellen Strukturen weitestgehend gelockert wurden, haben viele chinesische Wing Chun Schulen nach wie vor gemein, dass man auch heute noch die familiären Bezeichnungen wiederfindet, die klar auf Verwandtschaftsbeziehungen analog zu einer chinesischen Familie hindeuten.

All die oben im Zusammenghang der patriarchalischen Familie erwähnten Strukturen und Regeln gegenseitiger Rechte und Pflichten treffen wir auch in der traditionellen Kung Fu-Familie an. Hier wird den Namen der einzelnen Familienmitglieder das Wort "Lehrer (Shi)"vorangestellt:
Der Meister ist der Lehrer-Vater, "Shifu (Sifu)". Seine Frau nimmt die Rolle der Lehrer-Mutter ein und wird mit dem schönen Titel "Shimu (Simo)" angesprochen.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Familie zählt in der Hierarchie der Kung Fu-Schule allerdings nicht die physische Geburt, sondern quasi die "Geburt im Kreise der Kung Fu-Familie", das heißt der Zeitpunkt des Eintritts in die Kung Fu-Schule. So wird verständlich, weshalb beispielsweise ein vierzigjähriger Schüler seinen zehn Jahre jüngeren Meister mit dem Titel "Lehrer-Vater" anspricht.

Da die richtigen familiären Blutsverwandtschaften aufgrund des Fehlens familiärer Bande nicht mehr existieren, haben sich als Ersatz Rituale ausgebildet, durch die der "Schüler"fester an den Lehrer gebunden werden soll.
Traditionell hatte die Aufnahme eines Anwärters in den Kreis der wirklichen Schüler daher einen sehr formellen Rahmen. So lassen viele chinesische Kampfkunstlehrer, die einen neuen Schüler in ihre Schule und dadurch quasi in Ihre "Wing Chun Familie" aufnehmen und diesen somit zukünftig quasi als ihren "Sohn" bzw. ihre "Tochter" betrachten, eine Art formale Zeremonie durchlaufen, um die Aufnahme bzw. Akzeptanz des Schülers feierlich zu untermalen. 
Diese Zeremonie - genannt "Bai Shi (Grüßen des Lehrers)" - kann beispielsweise als Teezeremonie stattfinden, bei der der Lehrer von seinem zukünftigen Schüler Tee gereicht bekommt.

     
     


Bai Shi (das "Grüßen des Lehrers") - Die Zeremonie zur Aufnahme eines Schülers in den Kreis der wirklichen Schüler kann einen sehr formalen Rahmen aufweisen und z.B. als Teezeremonie ausgeführt werden während der der Schüler dem Lehrer Tee reicht.

     
     

Eine zentrale Geste des "Baishi" war das Niederwerfen (im Westen haufig als "Kotau" bezeichnet) vor dem Lehrer, bei der man in knieender Position mit der Stirn dreimal den Boden berührte, um die totale Unterwerfung unter den Willen des Meisters auszudrücken. Das Baishi-Ritual war der äußere, symbolhafte Vollzug des "Durchschreitens der Pforte" Ru Men, ein Begriff der besagt, daß der Anwärter die Pforte, also das Tor zum Haus des Lehrers durchschritten hat und nun ein vollwertiges Mitglied der Kampfkunst-Familie darstellt.

     
     


Lo Man Kam (Schüler von Yip Man) bei der Bai Shi Zeremonie (1975) - Hier sehen wir Lo Man Kam, Schüler von Yip Man, wie er 1975 seine ersten ausländischen Schüler mittels Bai Shi Zeremonie akzeptiert. (Quelle: Wikipedia)

     
     

Nach dieser Zeremonie entspricht die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler mehr der Art einer direkten Eltern-Kind-Beziehung, die sich in der Verwendung der Anrede "Shifu"stärker widerspiegelt, als dass noch Respekt gegenüber Fähigkeiten, Wissen oder Erfahrungen zum Ausdruck gebracht wird.
Erst nach dieser Zeremonie konnte ein Anwärter, der bisher lediglich ein informeller Schüler des Lehrers war, sich zur eigentlichen Kung Fu-Familie des Lehrers zählen, erst ab diesem Punkt war der Lehrer tatsächlich "sein Shifu".

     
           
    6. Wie zeitgemäß ist die Verehrung des Lehrers?      
     

Wie wir gesehen haben, stehen Lehrer und Schüler gemäß der traditionellen chinesischen Vorstellung nicht auf einer Stufe.

Während der Schüler insbesondere am Anfang seiner Ausbildung nach Auffassung seines Lehrers lediglich einen blassen Schatten des "wahren Menschen" darstellt, ist sein Lehrer das verwirklichte Gegenstück.
Der Lehrer hat nach chinesischer Auffassung nicht nur den gesamten Bereich des physisch-technischen Trainings bewältigt, sondern darüber hinaus ein hohes Niveau geistig-moralischer Vervollkommnung erreicht. 

Entscheidend ist hier, daß der Respekt nicht von den aktuellen Fähigkeiten des Lehrers abhängig gemacht wird, denn auch gerade der alte, körperlich nicht mehr zur Ausübung der Kunst fähige Lehrer wird hochgeehrt. 

   
     


Yip Man an der Holzpuppe - Trotz der Tatsache, dass Yip Man auf diesem Foto wenige Wochen vor seinem Tod steht, trainiert er immer noch. Der ihm entgegen gebrachte Respekt basierte sicher nicht mehr auf den aktuellen Fähigkeiten, da er voraussichtlich nicht mehr zur Ausübung seiner Kunst in der Lage war. Dennoch wurde und wird er hochgeehrt.

   
     

Es geht vielmehr erstens um den Respekt vor der "Funktion" des Lehrers als Vermittler einer Kunst, Lehre und Tradition, eine Funktion, die nur dann verwirklicht werden kann, wenn sich der Lehrer der Loyalität und des Respekts seiner Schüler versichert.

Zweitens geht es um Respekt und Anerkennung der Tatsache, daß der Lehrer "die in der Form eines menschlichen Lebens verwirklichte Lehre" darstellt, während der Schüler zunächst lediglich das Potential für diese Verwirklichung besitzt, sich aber noch in einem - an dem Ideal der Lehre gemessen - primitiven Anfangsstadium befindet.

Beide Bedingungen können, betrachtet man sie vorurteilsfrei, nicht ohne weiteres als zeit- und kulturgemäß eingeschätzt werden!

Wir modernen Menschen der westlichen respektive deutschen Welt meinen in der Regel nicht, daß es für einen Lernprozeß notwendig, ja überhaupt sinnvoll ist, sich dem Willen eines Lehrers total zu unterwerfen.

Lehrer sind nach moderner, westlicher Auffassung lediglich Personen mit einer in bestimmten Fachgebieten höheren Kompetenz. Sie sind für uns nicht "wirklicher" oder "stärker verwirklicht", als ihre Schüler und Studenten.

Dies ist der Schlüsselpunkt - denn ein Mensch, der die elementare Prämisse von der (Selbst-)Kultivierung des Menschen durch die Kampfkunst nicht anerkennt, wird eben auch keinen Anlaß sehen, vor einem Kampfkunst-Lehrer den Kopf zu beugen, es sei denn aus taktischen Gründen. 

Denjenigen aber, die den Kopf vor ihrem Lehrer nicht schnell genug beugen können, sei geraten, sich den Lehrer und seine Lehre genau anzuschauen, um nicht eines Tages festzustellen, daß sie einem Ideal hintergelaufen sind, dem nichts in der Wirklichkeit entspricht.

     
     

Abschließend kann man zu den traditionellen chinesischen Gebräuchen die Shifu (Sifu) Anrede betreffend - folgendes Fazit ziehen:

"Shifu (Sifu)" ist in China nichts anderes als eine respektvolle Anrede, die lediglich in gewissen Kreisen (Lehrberufe, Religion, Kampfkunst) anzutreffen ist.

Schränkt man sich bei der Betrachtung auf den Bereich der Kampfkünste ein und schaut dort lediglich auf Wing Chun, ist nach chinesischer Sichtweise jeder Lehrer, der eine Wing Chun Schule betreibt und dort Wing Chun an seine Schüler weitergibt, automatisch deren Shifu (Sifu) bzw. wird von ihnen als "Shifu (Sifu)" angesprochen.

     
     

Somit ist die Anrede bzw. der Titel "Shifu (Sifu)" in China (dem Ursprungsland des Wing Chun)  weder etwas, dass man kaufen kann, als Titel per Urkunde vergeben oder verliehen werden kann oder der an andere Bedingungen geknüpft ist.

Hier wäre noch das passende Bild zu dem Thema: KLICK HIER!

(nach oben)

     
           
    7. Transfer chinesischer Gepflogenheiten in den deutschen / europäischen Kulturraum      
     

Wir alle wissen, dass das "Fremde" eine große Anziehungskraft auf uns ausüben kann. Fremden Kulturen, fremden Sitten und Gebräuchen begegnen wir mit einer großen Portion Neugier.
Reisen wir beispielsweise in fremde Länder wie China oder Japan, kaufen sich einige von uns Europäern dort chinesisches Porzellan, Ess-Stäbchen oder einen Kimono, um uns quasi innerlich auf eine Reise zu begeben, uns für kurze Zeit zu verwandeln, der fremden Kultur näher zu fühlen oder einfach um unserer eigenen (uns evtl. langweilig erscheinenden) deutschen bzw. europäischen Kultur für kurze Zeit zu entfliehen.

Somit integrieren wir Gepflogenheiten anderer Kulturen in unser tägliches Leben -  leider oftmals ohne genaues Verständnis dafür, welchen Hintergrund diese Gepflogenheiten in den Ländern haben, aus denen wir sie oft so unkritisch übernommen bzw. importiert haben bzw. welchen Regeln diese Gepflogenheiten in ihrem Ursprungsland unterliegen.  

Bezogen auf asiatische Kampfkünste gibt es zahlreiche Beispiele, anhand derer man sehen kann, wie asiatische Traditionen, Verhaltensweisen oder Regeln teilweise entwurzelt und unkritisch übernommen wurden.

Beispielsweise haben europäische Lehrer - die dem christlichen Glauben angehören, also beispielsweise evangelisch oder katholisch sind - und japanische Kampfkünste wie z.B. Judo, Aikido oder Karate ausüben, in ihren Schulen eine Art Shintō-Schrein aufgestellt (Shintōismus ist eine fast ausschließlich in Japan praktizierte Religion). Dies soll der Schule bzw. dem Innenraum die passende asiatische Atmosphäre verleihen.

   
     


Shintō-Schrein in einer Schule für Brazilian Jiu Jitsu - Der Shintō-Schrein an der Wand in diesem Trainingsraum erzeugt ein japanisch anmutendes Ambiente.

     
     

Obwohl der Lehrer also selbst dem christlichen Glauben angehört, schmückt er seine Schule mit einem Shintō-Schrein, wobei Shintō selbst aus einer Vielzahl von religiösen Kulten und Glaubensformen besteht, die sich an die einheimischen japanischen Gottheiten - die sog. Kami - richten und alles andere als etwas mit christlichem Glauben zu tun hat.

Es geht in diesem Beispiel des Shintō-Schreins also nicht mehr um seine wahre Bedeutung, die im Ursprungsland klar definiert ist, sondern eher um die Außenwirkung, also der schicken Ausschmückung des Trainingsraumes.

Sozusagen "mehr Sch(r)ein als Sein" … :)

Schaut man nun auf Wing Chun als chinesischem Kung Fu Stil sieht man auch hier Verhaltensweisen, Regeln oder Strukturen, die - abgesehen von den im Wing Chun unterrichteten technischen Inhalten (Formen, Chi Sao, Lat Sao, etc.) - mehr oder weniger unkritisch aus den traditionellen Regeln, die ich im ersten Absatz weiter oben aufgelistet habe, übernommen wurden und sehr viel mit der traditionellen chinesischer Lehrerverehrung gemein haben.

So erfolgt in deutschen Wing Chun Schulen die Anrede gerne mit Sifu, von den Schülern wird Haltung erwartet (keine Provokation, kein Arme verschränken oder Arme in die Hüfte stemmen), kein zu spät kommen, respektvolles Verhalten im Unterricht (Verneigen nach Erklärungen, etc.), keine Besserwisserei, etc.

Nachfolgend zähle ich dazu einige Beispiele auf:

     
     

1. Beispiel - Zweifelhafte Ahnenverehrung:

     
     

In vielen deutschen Schulen hängen die Fotos ehemaliger Lehrer (z.B. Yip Man, Leung Ting, Wong Shun Leung, etc) an der Wand, vor denen man sich in manchen Wing Chun Schulen laut Schulordnung vor und nach dem Training zu verneigen hat.

Diese Regeln kann man bei uns in der westlichen Welt durchaus nachvollziehen. Respekt den Älteren gegenüber, von deren Erfahrung und Lebensleistung wir Jüngeren profitieren, ist natürlich auch in unserer Kultur angebracht.
Gemäß dem Leitsatz "Gedenke der Quelle aus der Du getrunken hast" soll man nach chinesischer Auffassung seine Lehrer ehren, von denen man gelernt hat bzw. die in der "Ahnenreihe" des eigenen Lehrers stehen: also Lehrer vom Lehrer des momentan persönlichen Lehrers waren.

Die gängigen Regeln besagen hier, dass das Foto desjenigen, der in der Ahnenreihe am weitesten zurückliegt (also in der Zeit am längsten zurückliegt), höher als das Foto des Nachfolgenden hängt.
Nehmen wir das in Deutschland wohl bekannte Beispiel von Yip Man, Leung Ting und Kernspecht (Leiter der EWTO), so hängt in der Regel das Foto von Yip Man über dem Foto von Leung Ting, welches wiederum höher hängt als das Foto von Kernspecht. Kernspechts Foto hängt dann wiederum über dem Bild des jeweiligen Schulleiters - wenn letzter überhaupt ein Foto aufhängen darf.

     
     


Kernspecht (links), Yip Man (Mitte) und Leung Ting (rechts) - Hier ein Bild, das ich vor über 10 Jahren in einer alten WT-Schule geschossen habe. Die Höhe der Bilder besagt, wer hier von wem gelernt hat. In diesem Beispiel hat also Leung Ting von Yip Man und Kernspecht von Leung Ting gelernt.

     
     

Anhand dieser Foto-Ahnenreihe kann ein Schüler somit nachvollziehen, wer von wem gelernt hat bzw. gelernt haben soll.
Heißt hier: Leung Ting soll von Yip Man gelernt haben, Kernspecht wiederum von Leung Ting.

Wie man sich an fünf Fingern abzählen kann, lädt solche Art der "Ahnenverehrung" durchaus zu Manipulation ein!

Gerade im Wing Chun ist der irrige Glauben verbreitet, dass derjenige, der in der Ahnenreihe näher an Yip Man steht, authentischeres oder gar besseres Wing Chun ausüben würde.
Dieser Irrglaube verleitet manche Lehrer dazu, quasi ihren "Lehrerstammbaum" zu frisieren und einfach ihren direkten Lehrer aus der Ahnenreihe zu tilgen, indem man dessen Foto schlichtweg von der Wand verschwinden lässt.

Bezüglich des obigen "Yip-Man-Leung-Ting-Kernspecht-Beispiels" kann ich zig solcher Beispiel nennen. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass einige ehemalige EWTO-Lehrer nach ihrem EWTO-Austritt sang- und klanglos das Bild von Kernspecht von der Wand verschwinden ließen, sein Bild im Müll entsorgten und somit die Behauptung aufstellten, sie wären von Leung Ting direkt unterrichtet worden. Reichlich armselig!

Das zum Thema Ahnenverehrung und dem Leitsatz: "Gedenke der Quelle …".

     
     

2. Beispiel - Verhaltensregeln á la China-Knigge: Fußsohlen und verschränkte Arme

     
     

In China gilt es als unhöflich, seinem Lehrer die Fußsohlen zu zeigen bzw. den Lehrer zu provozieren, indem man seine Arme in die Seiten stemmt, die Arme vor der Brust verschränkt oder die Hände in die Hosentaschen steckt. Generell soll der Schüler es sich in Gegenwart des Lehrers nicht "bequem" machen ...

Diese Verhaltensweise wird von vielen Lehrern übernommen. Dementsprechend ist es in manchen deutschen Wing Chun (WT, WC, VT, VC)-Schulen untersagt, vor seinem Lehrer oder älteren Schüler die Arme zu verschränken oder sitzend auf dem Boden ihm die Füße entgegen zu strecken und ihm somit die Fußsohlen zu zeigen.

Diese Regeln zu übernehmen, mutet in unserer Kultur doch sehr seltsam an. Zwar ist es auch in unserer Kultur nicht besonders höflich, wenn man sich mit verschränkten Armen vor seinem Gesprächspartner, Lehrer oder Chef aufbaut, aber das Zeigen von Fußsohlen hat hier nun wirklich keinerlei Belang.

So etwas kommt mir persönlich schon recht merkwürdig vor.

     
     

3. Beispiel - Stark "überspitzte" Familienstrukturen:

     
     

Das dritte und letzte Beispiel betrifft die chinesischen Familienstrukturen. Obwohl wir uns in Deutschland / Europa in nichtchinesischen Strukturen bewegen, werden in vielen Schulen pseudochinesische Familienstrukturen gepflegt und gelebt. Diese Familienstrukturen manifestieren sich folgendermaßen:

Wird man beispielsweise Mitglied in einer Wing Chun Schule, ist derjenige Schüler, der schon länger Mitglied war, nun automatisch "Sihing - der ältere Brüder" und "Sijee - die ältere Schwester" des Neumitglieds. Das Neumitglied selbst ist "Todai" - was soviel wie Sohn bzw. Schüler des Lehrers und jüngerer Bruder der älteren Mitglieder bedeutet.

Die Bezeichnungsmöglichkeiten sind vielfältig und ich bezweifle, dass irgendwer da noch sauber durchblickt. Nachfolgend ist eine solche Familienbezeichnung der einzelnen "Verwandten" dargestellt ohne Anspruch an Vollständigkeit oder Richtigkeit.

     
     


Verwandtschaftsverhältnisse im Wing Chun - Kleiner Ausschnitt aus den Verwandschaftsverhältnissen chinesischer Familien, wie sie auch im Wing Chun wiedergefunden werden. Zentralfigur der chinesischen Familie als auch einer Wing Chun Schule ist der Sifu.

     
     

Diesen "Titulierungswahnsinn" kann man unendlich auf die Spitze treiben. Es gibt tatsächlich Lehrer bzw. Schulen, in denen man diese Familienstrukturen wirklich konsequent lebt oder in denen man (um sich etwas realistischer auszudrücken) geradezu zwanghaft daran klammert.

So muss man beispielsweise die Trainingspartner Karl-Heinz und Uschi in manchen Schulen mit "Sihing Karl-Heinz" und "Sijee Uschi" anreden, sonst gibt es mit dem dortigen Lehrer bzw. Schulleiter Ärger.
Der Lehrer, der evtl. selber den klangvollen Namen Klaus-Dieter Müller trägt, besteht darauf, mit "Sifu" oder "Sifu Klaus-Dieter" angesprochen zu werden - egal wie unterbelichtet dieser zu sein scheint.
Manchmal bekommt man zusätzlich noch die Regel aufgebrummt, dass man nach jedem Hinweis bzw. jeder neuen Belehrung durch den Lehrer oder älteren Schüler sich aus Dankbarkeit zu verneigen hat.

Zu diesem Regelkanon gibt es auch etliche lustige Geschichten. Eine davon geht so:

     
     

Es war einmal ....

Es kursiert folgende amüsante Geschichte, dass ein südeuropäischer Zeitgenosse bei einer großen süddeutschen Autofirma als Gabelstaplerfahrer angestellt war. Ab und zu wurde er von seinen Kollegen vom Gabelstapler gezogen und ordentlich durchgeklopft. Das störte den Gabelstaplerfahrer so sehr, dass er schließlich in einer größeren europäischen Wing Chun Organisation mit dem Wing Chun Training begann.

Er trainierte dort recht erfolgreich und wurde irgendwann zum Sifu ernannt. Er gründete eine kleine Wing Chun Schule und unterrichtete Wing Chun in seiner Freizeit, während er tagsüber in der Autofirma weiter Gabelstapler fuhr.

Zufälligerweise begann einer seiner Vorgesetzten aus der süddeutschen Autofirma in seiner Schule Wing Chun zu trainieren. Und wie es sich laut traditioneller chinesischer Regeln (auf die der Gabelstapler-Sifu bestand) gehörte, verneigte sich der Vorgesetzte im Training vor dem Gabelstaplerfahrer-Sifu und sprach ihn mit dem Titel "Sifu" an.

Eines Tages stand der Vorgesetzte in Schlips und Anzug mit ausländischen Kunden auf dem Parkplatz der süddeutschen Autofirma und sprach über einen möglichen Geschäftsabschluss während der Gabelstapler-Sifu auf seinem Gabelstapler an seinem Vorgesetzten vorbeirauschte. Abends im Wing Chun Training gab der gabelstaplerfahrende Sifu seinem Vorgesetzten eine Backpfeife und sagte: "Das nächste Mal, wenn ich auf meinem Gabelstapler an Dir vorbeifahre, verneigst Du Dich gefälligst. Ich bin immerhin Dein SIFU!" .... hahaha

Diese Geschichte ist tatsächlich passiert und ich habe mich totgelacht, als ich erfahren habe, wer der Gabelstaplerfahrer war. Anhand solch lustiger Anekdoten sieht man, dass einige Titel der geistigen Gesundheit mancher Leute nicht gerade zuträglich sind und ihren Realitätssinn - wer sich hier tatsächlich vor wem zu beugen hat - weitestgehend aushebeln.

     
     

Naja, mir persönlich waren diese devoten Haltungen mit der ganzen Familienhierarchie und den ganzen Regeln im Wing Chun schon immer reichlich suspekt!

Vor lauter Titel-, Anrede- und Verneigungswahnsinn kommt man gar nicht mehr ordentlich zum trainieren - Sifu hier, Sifu da, hier verneigen, dort verbeugen, auf verschränkte Arme achten, Fußsohlen nicht zeigen, usw. usf. ... vor lauter zwanghaften Verhaltensregeln und äußerer Fassade sieht man das eigentliche nicht mehr, weswegen man ursprünglich mit Wing Chun begonnen hat ...

... das Training!

(nach oben)

     
           
   

8. Die Sifu-Anrede in deutschen Wing Chun Schulen und Auswirkung von Franchising

     
     

Importiert man aus asiatischen Ländern deren Kampfsportarten oder Kampfkünste nach Europa, respektive Deutschland, wollen viele Lehrer abgesehen von den Techniken gleich alles andere mit importieren, um ein möglichst authentisches Abbild der Kampfkunst / Kampfsportart (wie sie voraussichtlich in asiatischen Ländern unterrichtet wird) auch in Deutschland anbieten zu können.

Je nachdem in welcher Wing Chun Schule man landet, wird bei diesem "Import" allerdings nicht selten weit über das eigentliche Ziel hinaus geschossen - und ein besonders gutes Beispiel dafür ist die Sifu-Anrede bzw. der Sifu-Titel.

Geht man in Deutschland in einen x-beliebigen Sportverein, begegnet man dort üblicherweise dem "Trainer", von dem man unterrichtet wird. Manche Trainer nennen sich auch schlichtweg "Sportlehrer" - wie das in Deutschland so üblich ist und uns seit unserer Schulzeit bekannt ist und normal erscheint.

Diese Reduktion auf das, was man tatsächlich ist - ein simpler Trainer, Sport- oder Wing Chun-Lehrer - reicht einigen Wing Chun Lehrern offensichtlich nicht aus. Sie wollen für sich gerne die chinesische Anrede "Sifu" in ihrer Schule beanspruchen, um sich dadurch einen besonderen Glanz verleihen oder um ihr kümmerliches Selbstbewusstsein durch einen Titel aufzupolieren.

Ich habe zwar nie wirklich begriffen, warum man sich nun unbedingt mit "Sifu" anreden lassen will, aber vermutlich fühlt sich der Lehrer dadurch in seiner Vermittlung von Wing Chun authentischer - naja bitte schön, wer es unbedingt braucht oder nötig hat ... !

   
     

Wie funktioniert das nun mit dem Sifu?

   
     

Nach allem was ich weiter oben geschrieben habe, sollte es mit der Sifu-Anrede nach chinesischem Vorbild so laufen, dass jeder Lehrer, der eine Wing Chun Schule sein eigen nennt, logischerweise automatisch der Sifu seiner eigenen Schüler ist und (wenn er Wert auf solche Titel legt) von seinen Schülern auch noch verlangt, so angesprochen zu werden.

In einigen Schulen läuft es tatsächlich exakt so, wohingegen die Sifu-Anrede in anderen Schulen ganz besonders komischen Regeln zu gehorchen hat.

Diese zuletzt genannten Schulen sind meistens Wing Chun Schulen (WT, WC, VT, VC-Schulen), die einem größeren Verband angeschlossen sind und die als "Franchise-Schulen" organisiert sind.

Beim "Franchising" stellt ein Franchise-Geber (z.B. der Verbandsleiter) üblicherweise einem Franchise-Nehmer (z.B. Schulleiter einer im Verband enthaltenen Schule) die (regionale) Nutzung eines Geschäftskonzeptes (z.B. Vermittlung von Wing Chun) gegen Entgelt zur Verfügung.

     
     


Franchising im Wing Chun - Beim "Franchising" stellt ein Franchise-Geber (z.B. der Verbandsleiter) üblicherweise einem Franchise-Nehmer (z.B. Schulleiter einer im Verband enthaltenen Schule) die (regionale) Nutzung eines Geschäftskonzeptes (z.B. Vermittlung von Wing Chun) gegen Entgelt zur Verfügung.

     
     

Oftmals sind die Nutzungsrechte an Warenzeichen (Wing Chun Logos), Warenmustern oder Geschmacksmustern neben der Vermittlung von Know-how (vereinheitlichtes Prüfungsprogramm) ein wichtiger Bestandteil der Franchise-Geberleistungen.

Einige dieser Wing Chun-Verbände, die Wing Chun Franchising betreiben, haben nun folgende Regeln aufgestellt, ab wann jemand sich "Sifu" nennen darf bzw. ab wann er Sifu genannt werden darf.

Die nachfolgenden Regeln richten sich nach einer der größeren Organisationen in Deutschland:

     
     

REGELWERK FÜR DIE SIFU-TITELVERGABE

  • Man muss mindestens 8 Jahre in dem jeweiligen Verband Mitglied sein!.
  • Man muss den dritten Technikergrad innehaben!
  • Man muss sich um den Verband verdient gemacht haben und verlässlich sein!
  • Man muss eine gewisse Anzahl an Schülern unterrichten (die Zahl variiert zwischen 30 und 50 - je nach Verband)!
  • Man muss mindestens einen Schüler zum 1. Technikergrad geführt haben!
  • Man muss einen vorgegebenen Geldbetrag an den Verbandsleiter zahlen (dieser variiert je nach Verband zwischen 300 und mehreren tausend Euro)!
     
     

Auf den ersten Blick erscheint dieses Regelwerk reichlich irre, verfolgt aber aus finanzieller Sicht einen klaren Plan - nämlich den der Gewinnmaximierung!

     
     


Ordentlich Geld verdienen mit dem Sifu-Titel - Anstatt die Sifu-Anrede (wenn überhaupt) traditionell wie in China zu handhaben, haben einige Wing Chun Schulen und Organisationen die Sifu-Anrede zu einem Titel pervertiert, der erst nach Jahren als Urkunde vergeben wird. Dieser Titel ermöglicht dem Lehrer bzw. Verbandsleiter in einigen Fällen einen ordentlichen finanziellen Zugewinn.

     
     

Wird Wing Chun in Schulverbänden unterrichtet, die in einem Franchise-System organisiert sind, geht es häufig für den Verbandsleiter neben dem Kampfkunstgedanken rein um den finanziellen Gewinn.

Zu diesem Zweck erstellt er für den Verband Warenzeichen (z.B. Wing Chun Logos), produziert einheitliche Kleidungsstücke, vereinheitlicht Prüfungsprogramme, etc. um einen schulübergreifenden Standard zu schaffen. Sowohl die Logos als auch Kleidungsstücke, Prüfungsprogramme und Unterrichtsmaterialien werden anderen Franchise-Schulen gegen Lizenzgebühren zur Verfügung gestellt.
Diese Lizenzgebühren können beispielsweise monatliche Abgaben sein oder prozentuale Beteiligungen an Mitgliedsbeiträgen - heißt: pro Schüler muss der Schulleiter einen prozentualen Anteil des Mitgliedsbeitrages an den Verbandsleiter abführen.

Diese Vereinheitlichung von Logos, Kleidungsstücken, Prüfungsprogrammen, etc. ist von Vorteil, wenn Mitglieder umziehen und dadurch Schulen wechseln müssen oder wollen - sie können in der neuen Schule im Idealfall nahtlos an ihr Prüfungsprogramm anknüpfen und dort weitertrainieren, wo sie in ihrer alten Schule aufgehört haben und - falls ein Graduierungssystem existiert - ihren Grad anerkannt bekommen.

Soweit ist eine Verbandsstruktur nicht unbedingt schlecht - werden allerdings solche Titel-Spielchen wie mit dem Sifu-Titel gespielt, wird es teilweise unterirdisch.

Ich erläutere nachfolgend, welche Auswirkungen die oben genannten sechs Voraussetzungen auf das Gewinnstreben des Verbandsleiters haben und wie sie zu seiner Gewinnmaximierung beitragen.

Dabei ist bitte zu beachten, dass die in den sechs Voraussetzungen genannten Zeitdauern, Kosten und Schülerzahlen bzw. Graduierungsstufen je nach Verband unterschiedlich sein können.

     
     

1. Regel: "Verbandsmitgliedschaft mindestens 8 Jahre"

     
     

Eine Verbandsmitgliedschaft von mindestens 8 Jahren entspricht der Mitgliedsdauer in einer der größeren WT-Organisationen Deutschlands, um eine Chance auf den Sifu-Titel zu haben. Diese Mitgliedsdauer ist also die zeitliche Mindestdauer, nach der man frühestens den Sifu-Titel vom Verbandsleiter verliehen bekommen kann.

Es stellen sich nun die Fragen, warum erst nach 8 Jahren? Und wie wirkt sich diese Regel auf den Gewinn des Verbandsleiters aus?

Nun, die Antwort auf die zweite Frage ist aus finanzieller Sicht offensichtlich:

Ein Schüler, der 8 Jahre in dem Verband Mitglied ist, hat auch acht Jahre lang Mitgliedsbeiträge gezahlt. Wenn man überlegt, dass der Schüler nicht nur Monatsbeiträge zahlt, sondern vermutlich noch Jahresbeiträge (für Verwaltungszwecke) oder Lehrgangsgebühren bezahlt hat und auch noch Privatstunden genommen hat, kommt da schon ein hübsches Sümmchen zusammen.

     
     

2. Regel: "Man muss den dritten Technikergrad innehaben."

     
     

In einigen Organisationen bzw. Verbänden existieren Graduierungssysteme, in denen beispielsweise 12 Schülergrade, 4 Technikergrade und 2 - 4 Meistergrade existieren. Manchmal gibt es auch noch sogenannte Großmeistergrade.

Der Sifu-Titel wird in solchen Verbänden nur an diejenigen verliehen, die idealerweise ein gewisses technisches Können aufweisen. Dieses technische Können wird mehr oder weniger abgeprüft und in Form von Graduierungen bestätigt. Da Wing Chun nicht gerade den Ruf hat, dass die Graduierungen bzgl. des technischen Könnens halten, was sie versprechen, muss ein hoher Wing Chun-Grad allerdings nicht immer auch ein hohes technisches Können und Verständnis bedeuten.

Das Durchlaufen des Graduierungssystems dauert selbstverständlich Zeit. Üblicherweise benötigt man für das Durchlaufen der 12 Schülergrade ca. 4-5 Jahre. Der erste Technikgrad kann anschließend mit einem Jahr Vorbereitungszeit abgelegt werden, der zweite Technikergrad erfordert 1,5 - 2  Jahre Vorbereitungszeit und der dritte Technikgrad wird i.d.R. nach zwei Jahren abgelegt. Man kommt somit auf eine durchschnittliche Mitgliedsdauer von mindestens 4+1+1,5+2 = 8,5 Jahren.

Man sieht hier, dass es nicht ausreicht, einfach nur 8 Jahre im Verband mittrainiert zu haben. Stattdessen wird über das Anknüpfen von Sifu-Titel an die Graduierung gewährleistet, dass der Schüler Prüfungen ablegen muss (!), wenn er den Sifu-Titel haben möchte. Er muss also mindestens 15 Prüfungen ablegen, bevor er den Sifu-Titel verliehen bekommen kann. Werden Prüfungen - wie in großen Verbänden üblich - lediglich auf Quartalslehrgängen (d.h. vierteljährlich) abgenommen, bedeutet das mindestens 15 Teilnahmen an Lehrängen inkl. der Lehrgangsgebühren und natürlich der 15 Prüfungsgebühren.

Regel 1 und 2 zusammen genommen bedeuten also, dass man durch diese Regeln sicherstellt, dass das Mitglied mindestens 8 Jahre dabei ist, konstant Mitgliedsbeiträge zahlt, Lehrgänge besucht, Lehrgangsgebühren zahlt und natürlich auch Prüfungen ablegt und die nötigen Prüfungsgebühren bezahlt.

Schlau eingefädelt!

     
     

3. Regel: "Sich verdient machen um den Verband und verlässlich sein."

     
     

Durch diese Regel bewegen wir uns in einen diffusen Bereich möglicher teils doch recht undurchschaubarer Zusatzdienstleistungen, die das Mitglied gegenüber dem Verbandsleiter leisten muss. Denn was heißt eigentlich "sich um den Verband verdient gemacht zu haben"?

Erinnert man sich an den Absatz weiter oben im Text, wo ich die chinesischen Familienstrukturen im Wing Chun angedeutet habe, pochen viele Lehrer gerne auf die Hierarchie innerhalb der Schule (Stichwort: Vater-Sohn-Verhältnis) und genauso tut es natürlich auch der Leiter des Schulverbandes. Loyalität dem Verbandsleiter gegenüber wird großgeschrieben.
Dementsprechend wird gerne vom Mitglied erwartet, dass es sich freiwillig für Zusatztätigkeiten meldet. Dieses Tätigkeitsfeld erstreckt sich auf diverse Dienstleistungen - sei es das Werben von Neumitgliedern, das Organisieren von Festen oder Lehrgängen. Tätigkeiten, die verlässlich auszuführen sind. Dabei ist die Palette der Möglichkeiten breitgefächert.

Man hat also hier den Eindruck, dass der Verbandsleiter über diese dritte Regel unentgeltliche Dienstleistungen seiner zahlenden Mitglieder abruft, um so kostenlos Arbeit für sich erledigen zu lassen.

Kleine Beispiele:
In meiner aktiven Zeit als zahlendes Mitglied in einem größeren WT-Verband, kam der damalige Verbandsleiter auf meine Ausbilderkollegen und mich zu und meinte wortwörtlich: "das Klopapier ist alle und der Abfluss der Dusche ist mit Haaren verstopft. So geht das nicht - macht das mal sauber!"
Wir haben ihn angeschaut, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank (was aus heutiger Sicht vermutlich auch stimmt ... hahaha). Jeder von uns war - trotz der Tatsache, dass wir Ausbilder waren und für den Verbandsleiter Mitglieder ausgebildet haben - zahlendes Mitglied und jetzt sollten wir quasi die Haare aus dem Abfluss fummeln und das Klopapier auffüllen?
Daraufhin konnte der Verbandsleiter einige Kündigungen entgegennehmen. Irgendwo muss die Grenze und damit dann auch Schluss sein!

     
     


Dienstleistungen für den Wing Chun Lehrer - Die Dienstleistungen, die manche Wing Chun Lehrer abfragen, sind beliebig. Es fängt schon mit simplen Aufgaben wie z.B. fegen oder putzen des Bodens an. Einige meiner früheren Lehrer haben ihren Schülern nach dem Training den Besen in die Hand gedrückt und meinten "Los, feg mal den Boden - das gehört sich so". Und schon war man als zahlendes Mitglied die Putzfrau - und das, obwohl man jeden Monat Geld an den Lehrer überwiesen hat. Unglaublich ... !

     
     

Ein anderes eher "schlüpfriges Beispiel" betrifft eine größere Organisation hier in Deutschland, deren chinesischer Großmeister zu einem Lehrgang in Deutschland war und von dem Münchner Schulleiter, der den Lehrgang ausrichtete, erstmal in den nächstgelegenen Puff gefahren werden wollte. Ja, sowas gibt's auch .... :)

Ich könnte an dieser Stelle etliche weitere Beispiele aus meiner aktiven Zeit in den großen Wing Chun Verbänden geben, wie man dort perfide ausgenutzt wird bzw. werden kann - aber das würde diesen ohnehin langen Artikel sprengen.

Wer bei mir trainiert, wird diese kleinen Anekdoten ohnehin irgendwann mal zu hören bekommen, weil sie einfach zu lustig sind aber auch als abschreckendes Beispiel dienen können.

     
     

4. Regel: "Man muss eine gewisse Anzahl an Schülern (i.d.R. 30 - 50) unterrichten"

     
     

Diese Regel ist auch wiederum äußerst geschickt ausgedacht. Üblicherweise unterscheidet man beispielsweise im WT zwischen Technikergraden und Lehrergraden. Letztere haben eine mehr oder weniger sinnvolle Ausbilderschulung erhalten (Ausbilderlehrgänge mit Lehrgangsgebühren + Ausbilderprüfung mit Prüfungsgebühren - also wieder Gebühren) und gelten nun als mehr oder weniger qualifiziert, um Schüler zu unterrichten.

Wir können also festhalten: Ein Lehrergrad ist ein Technikergrad, der eine Ausbilderqualifikation erworben hat.

Unterrichten dürfen aber nur Lehrergrade bzw. Ausbilder. Somit gewährleistet der Verbandsleiter, dass seine Technikergrade die Ausbilderlehrgänge besucht und wiederum Lehrgangsgebühren plus Prüfungsgebühren bezahlt.

Des Weiteren enthält die Regel die Bedingung, dass man eine gewisse Anzahl an Schülern unterrichten muss. Diese Schülerzahl pendelt in der Regel je nach Verband zwischen 30 und 50.
Das bedeutet also, dass derjenige, der den Sifu-Titel haben will, überhaupt erst mal eine eigene Schule gründen muss, in der er mindestens 30 Schüler unterrichten kann. Diese Regel ist aus finanzieller Sicht für den Verbandsleiter auch äußerst geschickt, da in großen Verbänden zusätzlich Jahresgebühren an den Dachverband gezahlt werden müssen, die von allen Mitgliedern schulübergreifend eingezogen werden. Da kommt also auch einiges an Geld zusammen. Weiterhin sorgt man so dafür, dass der Schulleiter, der Sifu werden will, seine Schule mit Mitgliedern zu füllen versucht, um dieses Kriterium zu erfüllen.

Das hat häufig den Nachteil, dass viele Lehrer ihre Schule mit allem und jedem vollstopfen, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.
Man trifft daher in etlichen Wing Chun Schulen Mitglieder, die man eigentlich nie zum Kampfkunst- bzw. Kampfsporttraining hätte zulassen dürfen, weil sie schlichtweg dafür ungeeignet sind, der Lehrer es ihnen aber nicht mitteilt.

Tja …

     
     

5. Regel: "Man muss mind. einen Schüler zum 1. Technikergrad geführt haben"

     
     

Betrachtet man in einer Wing Chun-, Kampfsport- oder Kampfkunstschule die Gruppe an Mitgliedern über einen längeren Zeitraum wird klar, dass nicht jeder dafür gemacht ist, eine Kampfsportart oder eine Kampfkunst zu lernen.
Viele Anfänger realisieren bereits in den ersten Monaten, dass sie vielleicht doch lieber Fußball hätten spielen sollen oder doch eher kontaktloses Training bevorzugen. Manche wiederum sind schlichtweg zu faul zum trainieren.

Mit anderen Worten gibt es einen ganz natürlichen Schwund in jeder Schule - entweder durch Kündigung oder bereits vorher durch Trainingsabstinenz.

Es gibt im Wing Chun folgenden Leitsatz: "Unter 100 Schülern kann lediglich einer Wing Chun erlernen" - das erscheint zwar reichlich übertrieben, soll aber darauf hindeuten, dass es zahlreiche Hindernisse gibt, die einen davon abhalten, die nötigen Fortschritte im Wing Chun zu machen, um auf Dauer technisch und kämpferisch auszureifen.

     
     


Einer von hundert kann Wing Chun lernen - Bevor man einen Schüler findet, der lange Wing Chun trainiert und dann auch noch große Fortschritte macht, müssen viele Schüler durch die Schule gehen. Man hat viel "Durchgangsverkehr" im Kampfsport. Viele Anfänger, viele Kündigungen - das ist ganz normal. Dazu kommen noch diejenigen, die einfach für eine Kampfsportart oder eine Kampfkunst nicht gemacht sind, es nicht sehen wollen, daher nicht kündigen und verzweifelt weiter trainieren ...

     
     

Fehlt die nötige Koordination, wird's mit Wing Chun nichts. Fehlt es am Trainingseinsatz, der Disziplin, ist man zu faul, etc. kann man es mit Kampfsport generell vergessen. Ein zu geringer IQ ist  - vorsichtig ausgedrückt - auch nicht gerade förderlich, um im Wing Chun voranzukommen.

Man kann also davon ausgehen, dass bereits 100 Schüler durch die Schule marschiert sind, bevor sich eine Handvoll von Schülern für den ersten Technikgrad qualifiziert hat. Die fünfte Regel gewährleistet also, dass der Lehrer, der den Sifu-Titel anstrebt, etliche Schüler unterrichtet, um aus dieser Gruppe von Schülern mindestens einen herauszukristallisieren, der es bis zum ersten Technikergrad schafft.
Dafür muss man aber mindestens 4-5 Jahre Zeit in diesen Schüler investieren, was eben auch wieder 4-5 Jahre Monatsbeiträge, Lehrgangsbeiträge, Prüfungsgebühren, etc. für den Verbandsleiter bedeutet. Dazu kommen dann noch die ganzen Gebühren der Schüler, die zwar auch trainieren, aber es eben niemals bis zum 1. Technikergrad schaffen.

Diese Regel ist quasi ein lukrativer Selektionsprozess ...

     
     

6. Regel: "Man muss einen vorgegebenen Geldbetrag an den Verbandsleiter zahlen"

     
     

Naja, es ist klar, was diese Regel bedeutet - man muss sie eigentlich nicht gesondert erläutern. Offensichtlich lässt sich der Verbandsleiter hier ein hübsches Sümmchen "steuerfrei" überreichen ...

Der Geldbetrag variiert je nach Verband. Früher,als ich von diesen Regeln erfahren habe, gab es noch die Deutsche Mark als Zahlungsmittel und nicht den Euro und damals betrug dieser Geldbetrag noch 3000 DM. Heute soll der Betrag zwischen 500 Euro und 2000 Euro variieren.

Zusätzlich sollte das Geld in einem roten Briefumschlag überreicht werden. Ob das heute immer noch so ist, kann ich nicht sagen - früher war es jedenfalls so.

     
     


Der "rote Umschlag" für den Sifu-Titel - Das Geld, das man für den Sifu-Titel zu bezahlen hatte bzw. heute noch hat, war früher in einem roten Umschlag zu überreichen. Ob das Finanzamt jemals etwas von dem "Bakschisch" gesehen hat, darf bezweifelt werden.

     
     

Man kann davon ausgehen, da keine Banküberweisungen getätigt werden und bei solchen Aktionen keine Quittungen ausgestellt werden, dass die Zahlungen vermutlich von niemandem an das Finanzamt gemeldet wurden bzw. werden und somit als Schwarzgeld über den Tisch gehen.

Unglaublich ...

     
     

Zwischenfazit:

     
     

Wenn man diese speziellen Sifu-Titulierungsmechanismen, die in manchen Wing Chun-Verbänden heute immer noch Usus sind, anschaut, kann man nur den Kopf schütteln. Mit der traditionellen Sifu-Anrede wie sie in China Verwendung findet, hat das Ganze nichts mehr zu tun.

Die Anrede wird vielmehr als Titel per Urkunde verliehen und zwar nur dann, wenn der Urkundenempfänger klare Regeln erfüllt, die auf die Gewinnmaximierung des Verleihers ausgerichtet sind.

Wenn man sich vorstellt, dass in Kampfsportarten bzw. Kampfkünsten zwischen Lehrer und Schüler ein ehrliches Verhältnis entstehen soll, das auf Vertrauen und sogar auf Freundschaft beruht, wird das Ganze noch absurder.
Die Bezeichnung "Sifu - der väterliche Lehrer" hat somit völlig an Bedeutung verloren, ist quasi zu einem frechen Kampfkunstwitz verkommen und in Richtung "Mittel zum finanziellen Zweck" pervertiert worden.

Manche Lehrer sind sogar so dreist und erläutern den Sifu-Titel und die Regeln, denen er unterliegt, sogar offen auf ihren Webseiten. Dabei sparen sie nicht mit heißer Luft, um den Titulierungsmechanismus schön zu reden.

Bei Aussagen wie z.B. "Der Sifu trägt besondere Verantwortung für seine Schüler und soll wie ein Vater für seine Kinder sein" kann einem nur schlecht werden.

Auch grundsätzlich ehrenvolle Aussagen wie z.B. "Die Stärkung und Ausbildung des Charakters des Schülers sowie eines höflichen und respektvollen Benehmens ist mit ein Ausbildungsziel des Sifus im Wing Chun" werden absurd, wenn man sich die charakterlosen Strukturen die hinter solchen Titeln stehen, vor Augen führt.

Andere Textstellen von Webseiten lauten z.B. " Von den Schülern wird der Sifu als Idol oder Vorbild angesehen und sie schenken ihm Vertrauen. Dieses Machtpotential darf vom Lehrer nicht negativ ausgenutzt werden und ein guter Sifu sollte seine Schüler nicht enttäuschen." Ich frage mich, wie Lehrer von Wing Chun Verbänden, die solche Sifu-Titel nach den oeben erläuterten Regeln vergeben, überhaupt noch Vorbildfunktionen einnehmen können bzw. wie man als Schüler von solchen Strukturen nicht enttäuscht sein soll?

Schüler bzw. Mitglieder, die nur wegen des Trainings bzw. der Kampfkunst mit Wing Chun beginnen, verstehen nicht, welche Strukturen bzw. Überlegungen hinter solchen Titeln bzw. den damit verbundenen Regeln stecken und werden auf Dauer ordentlich hinters Licht geführt.

Das ist für die Schüler äußerst traurig und von den Verantwortlichen eine ziemliche Sauerei den Schülern gegenüber.

(nach oben)

     
           
    9. Si-Fu und Dai-Sifu - die Spitze des Titulierungsexzesses      
     

Man sollte meinen, dass es mit dem Sifu-Unsinn im Wing Chun somit eigentlich genug wäre - doch da irrt man sich. Es gibt immer noch den "Si-Fu" und den "Dai-Sifu". Was soll das denn nun schon wieder?

Es ist eigentlich ganz einfach zu verstehen:
Leute, die scharf auf Titel sind, sich ihre Urkunden und Titel für jedermann sichtbar an die Wand hängen und dann noch auf der Anrede mit Titel bestehen, kann man vermutlich alles andrehen, wenn es nur ausreichend prestigeträchtig ist.

Also hat man zusätzlich zu dem Sifu-Titel noch den Si-Fu und den Dai-Sifu generiert. Der Si-Fu an sich ist eigentlich gar nicht so schlimm, wie man jetzt erwarten würde. Welche Bedeutung hat diese spezielle Schreibweise?

Stellen wir uns dazu einen Wing Chun Verband vor, in dem mehrere Franchise-Schulen organisiert sind und in denen mehrere Lehrer unterrichten, die bereits von dem Verbandsleiter zum Sifu ernannt wurden. In diesem Fall hat also der Schulleiter Sifu Klaus-Dieter seine eigenen Schüler und Schulleiter Sifu Karl-Heinz seine anderen Schüler.

Ist also Uschi bzw. besser gesagt Sijee Uschi die Schülerin von Sifu Klaus-Dieter, ist Klaus-Dieter ihr ganz persönlicher "väterlicher Lehrer" und wird dann "Si-Fu" mit Bindestrich geschrieben. Der Sifu von der anderen Schule - also Sifu Karl-Heinz - ist zwar demselben Verband angeschlossen, unterrichtet Sijee Uschi aber nicht direkt und somit ist Sifu Karl-Heinz für Sijee Uschi nicht der Si-Fu sondern eben nur irgendein andere Sifu aus dem Verband. Das ist also der Si-Fu ...

Als ob man nicht allein schon wegen diesen Si-Fu- und Sifu-Schreibweisen im Wing Chun einen Vogel bekommen könnte, gibt es nun noch den Dai-Sifu.

Der Dai-Sifu ist ein weiteres für den Verbandsleiter finanziell interessantes Konstrukt und nutzt den Urwunsch der Menschen aus, sich gerne über andere zu erheben und ihnen zu sagen, wo es lang geht.
Dabei steht die Anrede "Dai-Sifu" stellvertretend für "Sifu aller Sifus" - also für denjenigen, der hierarchisch über den anderen Sifus angesiedelt ist.

Die Regeln, die mir für die Ernennung zum Dai-Sifu bekannt sind, umfassen eine gewisse Anzahl an Jahren, die man im Wing Chun Verband Mitglied sein muss (meiner Erinnerung nach waren das 15 Jahre) und man muss drei eigene Schüler zum Sifu-Titel begleitet haben.

Man versteht sofort, was das aus finanzieller Sicht für den Verbandsleiter bedeutet. Denn jeder Sifu hat ja wiederum den oben erläuterten sechs Regeln zu gehorchen, muss 8 Jahre Mitglied sein, dem Verband Gutes getan haben, Gebühren gezahlt haben und dabei noch zig Schüler unterrichten, etc..
Dazu kommt, dass der zukünftige Dai-Sifu für diesen Titel noch eine gewisse Geldsumme an den Verbandsleiter zahlt.

In den letzten Jahren - so ca. seit 2003 - kann man in den Wing Chun Schulen in Deutschland einen geradezu inflationären Anstieg von Sifus, Meistern, Großmeistern und Dai-Sifus beobachten.

Leute, von denen ich weiß, dass sie im Wing Chun nie die großen Leuchten waren, sind auf wundersame Weise mit einem Schlag Meister des Wing Chun.
Andere wiederum haben einen Verband mit gerade mal 12 Mitgliedern gegründet, dem sie vermutlich aufgrund der gigantischen Mitgliederzahl den Namen "World Wing Chun Organisation" verliehen haben und nennen sich nun selbst Dai-Sifu. Man bekommt jedenfalls den Eindruck, dass manche dieser Zeitgenossen langsam komplett durchdrehen bzw. völlig abgehoben sind.

   
     


Der Dai-Sifu, "Sifu aller Sifus" - Der Dai-Sifu Titel ist die Steigerung des Sifu-Titels und wird asl "Sifu aller Sifus" übersetzt. Man hat den Eindruck, dass Leute mit diesem Titel die Bodenhaftung komplett verloren haben und bereits abgehoben sind.

     
     

Als ob das alles nicht genut wäre, ist mir zusätzlich in den letzten Jahren in manchen Schulen noch der sogenannte "Dai-Sihing" über den Weg gelaufen. Das ist dann vermutlich die hirnloseste aller dieser erfundenen Phantasiebezeichnungen, Titel und Anreden. Gute Nacht ...

Alles in allem ein reichlich armseliges Gebaren. Man kann nur hoffen, dass die Leute sich irgendwann von dem ganzen Klamauk lösen und sich wieder auf das Training konzentriert, anstatt sich mit heißer Titelluft zu beschäftigen.
Dabei hilft es, wenn die Schüler bzw. Mitglieder bereits mit offenen Augen ins Wing Chun starten und sowas von Anfang an ablehen und gar nicht erst ernst nehmen ...

(nach oben)

     
           
    10. Abschließendes Urteil zum "Sifu-Thema" im Wing Chun      
     

Wenn man sich überlegt, wie die Sifu-Anrede traditionell im Ursprungsland China verwendet wird, ist die Vergabe des Sifu-Titels entsprechend oben genannter Regeln allein schon aus traditioneller Sicht ein riesiger Schwachsinn und das ganze letztendlich auch noch eine große Frechheit gegenüber den Schülern.
Zusätzlich verblassen Aussagen wie z.B. "der Sifu-Titel ist ein Ehrentitel und mit der Übernahme besonderer Verantwortung verbunden" vor dem Hintergrund der Titelvergabe dieser Anrede in etlichen Wing Chun Schulen und Verbänden hier in Deutschland respektive Europa.

Natürlich gibt es sicherlich auch noch die Lehrer, die die Sifu-Anrede ohne jegliche mit finanziellen Strukturen verbundenen Titelübergaben praktizieren, also einfach als Lehrer ihrer eigenen Schule der Sifu ihrer Schüler sind und sich wünschen, von den Schülern so angesprochen zu werden.
Obwohl ich sie grundsätzlich dafür respektiere, dass sie keine der oben genannten Titulierungsregeln aufstellen, finde ich solche Titulierungswünsche ("nenn mich Sifu XYZ" oder "für Dich bin ich Sifu XYZ") doch stets recht zweifelhaft. Gerade Kämpfer, Kampfsportler oder Kampfkünstler sollten doch genau wissen, wer oder was sie sind und auf solche Verzierungen selbstbewusst verzichten.

Nach all dem, was ich in den Jahren meines Wing Chun Trainings erlebt habe, kann ich mich nur noch amüsieren, wenn sich jemand vor mir aufbaut, seinen Namen nennt (z.B. "Hallo, ich heiße Sifu Paul Gerfried"). und davor die Sifu Anrede hängt. Ich sehe dann lediglich eine armselige Gurke vor mir stehen, die

  • entweder den Titel nötig hat oder
  • sich durch die oben genannten Sifu-Titelregeln von irgendeinem Verbandsleiter hat verschaukeln lassen oder
  • die zweifelhaften Regeln zwar durchschaut und akzeptiert hat, aber nun selbst seine eigenen Mitglieder durch dieselbe unehrliche Mühle dreht - was vermutlich noch am schlimmsten ist.

Ich spreche mich daher dringend dafür aus, auf die Sifu-Anrede komplett zu verzichten - auf jeden Fall im deutschen Sprachraum, um Wing Chun allein in dieser Hinsicht wieder einigermaßen ernst nehmen zu können.

In meiner Schule existiert die Sifu-Anreden bzw. der Sifu-Titel nicht. Stattdessen kann jeder, der das Wort "Sifu" ausspricht, 50 Cent in ein Sparschwein für unser alljährliches Sommerfest einzahlen :) ... das ist eine gute Therapie für alle und erinnert uns, dass die Sifu-Anrede im Wing Chun in Deutschland nicht mehr ernst zu nehmen ist.

Abschließend kann man noch folgendes sagen:
Wenn Wing Chun Lehrer solchen Anrede-Gepflogenheiten aus Gewohnheit, Charakterschwäche, fehlendem IQ oder schlichtweg aus Geldgier schon nicht abschwören wollen oder können, sollte auf jeden Fall der Wing Chun Schüler präzise Bescheid wissen, worauf er beim Betreten einer Wing Chun Schule als Neuinteressent, Anfänger oder Neumitglied achten sollte.

Zudem sollte er sich stets wiederholt fragen, ob er solche Strukturen akzeptieren kann oder will. Ist das nicht der Fall, empfehle ich entweder einen Lehrer- oder Schulwechsel und im schlimmsten Fall einen Kampfsport- bzw. Kampfkunstwechsel.

Es gibt nämlich auch andere sehr tolle Kampfkünste und Kampfsportarten und nicht nur Wing Chun allein!

(nach oben)

   
           
   
© 2009 Dr. Cord Elsner - WING CHUN - Stuttgart
     
             
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