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1. Teil 4 - Kommerzialisiertes Wing Tsun, Markeneintragungen, Nichtigkeitsklagen

     
     

In diesem vierten Teil des Artikels über Wing Chun Schreibweisen und kommerzialisiertes Wing Chun erläutere ich den Markenschutz der eingetragenen Wortmarke "Wing Tsun" und gebe einige generelle Hintergrundinformationen zu Markeneintragungen bzw. Markenschutz.

Des Weiteren gehe ich grundsätzlich auf die in Kampfsportarten bzw. Kampfkünsten stattfindende Kommerzialisierung ein und gebe einige Hinweise, wie findige Lehrer Wing Chun ausnutzen können, um Geld zu verdienen.

Anschließend liste ich einige ehemalige Schüler Keith R. Kernspechts auf, die aufgrund des "Wing Tsun"-Markenschutzes auf andere Schreibweisen ausweichen mussten, was das Bezeichnungschaos in Deutschland hauptsächlich verursacht hat und zähle auf, welche Schreibweisen sie selbst per Markenanmeldung zu schützen versuchten.

Zu guter Letzt  erkläre ich noch, was man bzgl. der Marke "Wing Tsun" als Dritter darf und was man nicht darf.

Auf geht's!

(nach oben)

   
           
    2. Kommerzialisiertes Wing Tsun und "WING TSUN" als eingetragene Wortmarke      
     

Wer den Werdegang des Wing Chun in Deutschland seit den 1980er Jahren verfolgt, verfolgt im Prinzip hauptsächlich den Werdegang des Leung Ting Wing Tsun der EWTO.

Wing Chun in Deutschland bedeutet in dieser Zeit also vor allem "Leung Ting Wing Tsun" - und dieses ist - wie wir schon in den vorherigen Teilen des Artikels gelernt haben - von einem starken Maß an Kommerzialisierung geprägt.

Wing Chun soll vor der Zeit Yip Mans in Hongkong, als dieser die Kampfkunst einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machte, vor allem ein Familiensystem gewesen sein, das im kleinen Kreis unterrichtet wurde.

Doch Wing Chun wandelte sich in Deutschland in Form von "Leung Ting Wing Tsun" von einer "chinesischen Kampfkunst für wenige" mehr und mehr zu einem "Produkt für viele"  bzw. zu einer Art "Dienstleistung", in der die Mitglieder die Rolle "zahlender Kunden" für diese Dienstleistung einnehmen. 

Dabei werden Gebühren bzw. Kosten für diverse Inhalte fällig.

Beispielsweise gibt es im Leung Ting Wing Tsun eine klare Kleiderordnung, bei der jedes Mitglied die vorgeschriebene kostenpflichtige Kleidung (Anfänger z.B. schwarze Hose, weißgraues T-Shrit inkl. Logo, Technikergrade bzw. höhere Grade weißrotes T-Shirt, etc.) zu tragen hat.
Es gibt kostenpflichtige Lehrgänge, kostenpflichtige Prüfungen, Dachverbandsgebühren, Jahresbeiträge, etc..

Zusätzlich arbeitet die EWTO nach einem Franchise-Modell.

Beim Franchising stellt ein Franchisegeber einem Franchisenehmer die (regionale) Nutzung eines Geschäftskonzeptes gegen Entgelt zur Verfügung. Aus Sicht des franchisegebenden Unternehmens stellt das Franchising somit eine Form der Internationalisierung dar, wodurch Franchising dem Bereich des Internationalen Managements zuzuordnen ist.

Oftmals sind die Nutzungsrechte an Warenzeichen, Warenmustern oder Geschmacksmustern neben der Vermittlung von Know-how ein wichtiger Bestandteil der Franchisegeberleistungen.

   
     


Franchising - der direkte Weg zum Geldverdienst - Franchising ist ein auf Partnerschaft basierendes Absatzsystem mit dem Ziel der Verkaufsförderung. Der sogenannte Franchisegeber übernimmt die Planung, Durchführung und Kontrolle eines erfolgreichen Betriebstyps. Er erstellt ein unternehmerisches Gesamtkonzept, das von seinen Geschäftspartnern, den Franchisenehmern, selbstständig an ihrem Standort umgesetzt wird. Nach diesem Modell funktioniert z.B. die EWTO.

     
     

Der Franchisenehmer (angeschlossene Schulen) verkauft seine Erzeugnisse oder seine Dienstleistungen (z.B. WT-Unterricht) rechtlich selbstständig, zahlt dafür Gebühren für die Verwendung einheitlicher Ausstattung (Kleidung, Hosen, T-Shirts, Handschuhe, etc.), für einen einheitlichen Namen (EWTO) und Auftreten (Webseiten, Kleiderordnung, etc.) nach außen, ein Symbol oder zur Nutzung einer Marke (Logo) und für ein einheitliches Vertriebssystem sowie oftmals für gemeinsame Buchhaltung.

Der Franchisegeber bildet den Franchisenehmer aus, er prüft die Umsetzung des Konzeptes und darf Anweisungen erteilen.

Entsprechend des EWTO-Franchisemodells müssen Schulleiter, die der EWTO angeschlossen sind, beispielsweise Gebietslizenzen nach Postleitzahlen für ein regionales Monopol an die Dachorganisation zahlen.

Leung Ting Wing Tsun ist also neben der Vermittlung des individuellen Wing Tsun Systems von Leung Ting eine stark kommerziell ausgerichtete Variante des Wing Chun Stiles.

Es ist allein aufgrund des Franchise-Modells offensicht, dass es hier neben der Lehre also auch - wenn nicht sogar vor allem - um das "Geld verdienen" geht. Wing Tsun ist quasi das Produkt, mittels dessen dieser Geldverdienst realisiert wird.
Jedenfalls galt dies während der Gründungszeit der EWTO. Mittlerweile werden den Mitgliedern durchaus weitere Angebote (Chi Kung, Escrima, etc.) innerhalb der EWTO zur Verfügung gestellt.

     
     

Zur EWTO sagt Wikipedia:

Die Europäische Wing-Tsun-Organisation (kurz: EWTO) ist eine kommerzielle Kampfkunst-Organisation mit angeschlossenen Schulen in verschiedenen Ländern. Sie ist eine Abteilung der WingTsun GmbH & Co. KG. Gründer und Leiter der EWTO ist Keith Kernspecht, der gleichzeitig auch einer der Geschäftsführer der WingTsun GmbH & Co. KG ist.

     
     

Die Bezeichnung "GmbH & Co. KG" sagt im Prinzip schon alles - eine gewinnorientierte Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Wäre man nicht auf Gewinn aus, würde ein eingetragener Verein (e.V.) vollkommen reichen.

Die Mitglieder bringen den hauptsächlichen Gewinn!

Sie bringen Mitgliedsbeiträge, kaufen T-Shirts, Hosen, Bücher, DVDs, zahlen Dachverbandsbeiträge, Jahresbeiträge, zahlen Lehrgangsgebühren, zahlen Prüfungsgebühren, buchen kostenpflichtige Privatstunden, etc..

Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorstellen zu können, dass bei 50.000 Mitgliedern und 900 Schulen (Stand EWTO-Webseite 2014) eine Menge Geld verdient werden kann.

     
     


Mitglieder bringen den Gewinn - Mitglieder sind die Quelle des zu erzielenden Gewinns. Ihnen wird nicht nur Wing Tsun beigebracht. Sie kaufen auch Trainingskleidung, zahlen für Lehrgänge, Prüfungen, Bücher, DVDs, buchen Privatstunden, etc.

     
     

Und die Aussicht auf Gewinne ruft i.d.R. immer Konkurrenten bzw. Wettbewerber auf den Plan, die sich etwas von dem großen Kuchen abschneiden und partizipieren wollen.

Doch es gibt Möglichkeiten, um sich von Konkurrenten abzusetzen bzw. sich von Konkurrenten klar zu unterscheiden.

Dazu kann man sich des "Kunstgriffes einer Markenanmeldung" bedienen.

     
     

Einschub - Was ist eine Marke?

Eine Marke oder ein Markenzeichen (engl. "trademark") ist ein besonderes, rechtlich geschütztes Zeichen, das vor allem dazu dient, Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von konkurrierenden Waren oder Dienstleistungen anderer Unternehmen zu unterscheiden.
Eine Marke kann aber auch dazu verwendet werden, um ein ganzes Unternehmen oder das Leistungsangebot eines ganzen geographischen Orts (Land, Region, Stadt) eindeutig zu kennzeichnen und von konkurrierenden Unternehmen oder Angeboten abzugrenzen.

Marken können eine einzelne Darstellung oder eine Kombination von einem oder mehrerer Buchstaben, Zeichen, Wörter, Namen, Slogans, Logos, Symbolen, Bildern, Klängen, Klangfolgen bzw. von Erscheinungsformen und Mustern von und für Produkte verschiedener Art sein.

     
     


Bekannte Bildmarken und Wortbildmarken- Hier sieht man etliche bekannte Marken wie z.B. Bildmarken (Nike-Logo, Apple-Logo, etc.) und Wortbildmarken (Google, Samsung, Coca-Cola, etc.).

     
     

Markenrechte sind ähnlich wie Patente und Urheberrechte immaterielle Monopolrechte und werden oft auch als geistiges Eigentum bezeichnet.

Die häufigsten Markenformen sind die Wort- und die Bildmarken. Darüber hinaus gibt es die kombinierten Wort-/Bildmarken. Letztere bestehen aus einem Wort- und einem Bildbestandteil, die zusammen einen Gesamteindruck ergeben.

Die "Wortmarke" ist eine Form der Marke, die aus Wörtern, Zahlen, Buchstaben oder weiteren Schriftzeichen besteht. Eine Wortmarke muss für die von der Marke erfassten Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens eine konkrete Eignung gegenüber denen anderer Unternehmen besitzen, um als Unterscheidungsmittel zu gelten.

Ist "Wing Tsun" (EWTO - Kernspecht) als Marke beispielsweise eingetragen, kann "Wing Tzun" (Niko Chatzilascaris) nicht mehr geschützt werden, da der Buchstabe "z" als einzige Änderung keine ausreichende Unterscheidbarkeit gewährleistet.

Bildmarken sind Bilder, Bildelemente oder Abbildungen (ohne Wortbestandteile). Somit sind alle visuellen Abbildungen möglich, die geeignet sind, Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen anderer Unternehmen zu unterscheiden, und können als Bildmarke beim DPMA angemeldet, geschützt werden.

Beispiele für Wortmarken wären:

  • Siemens
  • Google
  • Milka
  • Coca-Cola
  • Microsoft
  • After-Eight

Beispiele für Bildmarken wären:

  • Mercedes Stern
  • Nike Logo
  • Apple Logo
  • Shell Logo
     
     

Beginnt die eigene Organisation sehr groß zu werden, passen die Geschäftskonzepte und fließen die Gewinne mehr und mehr, befürchtet man aber das Auftreten von Wettbewerbern (z.B. in Form eigener hochgraduierter Schüler, die sich von der Organisation trennen und Konkurrenzverbände mit dem gleichen Namen und dem gleichen Angebot (Wing Tsun Unterricht) gründen könnten), kann man sein Produkt bzw. seine Dienstleistung markenrechtlich schützen lassen.

Keith R. Kernspecht hat von diesem Markenschutz Gebrauch gemacht und vorsorglich am 05.08.1997 die Gemeinschaftsmarke 607 523 "WING TSUN" als Wortmarke angemeldet.

Die Eintragungsurkunde kann man beim HABM (Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (Marken, Muster und Modelle) runterladen (www.oami.europa.eu) bzw. in der dortigen Suche (Oami-Search) "Wing Tsun" eingeben oder hier einsehen:

     
     

Eintragungsurkunde der Gemeinschaftsmarke 607 523 "WING TSUN"
     
     

Die erste Frage bei einer Marke ist grundsätzlich, was genau durch die Marke geschützt wird bzw. werden soll.

Hier spielen die sogenannten "Klassen" eine Rolle, in denen festgelegt wird, wofür der Markenschutz besteht.

Zu diesem Zweck werden Dienstleistungen oder Waren gemäß der "Klassifikation von Nizza" (ein internationales Abkommen) eingeteilt.

In insgesamt 45 Klassen sind alle nur denkbaren Waren und Dienstleistungen eingruppiert. Will man also eine Marke anmelden, muss man sich entsprechend entscheiden, für welche Klassen man die Marke eintragen lassen möchte.

Auch für die Marke "Wing Tsun" wurden insgesamt fünf Klassen gewählt.

Nach Prüfung der Marke "Wing Tsun" wurde sie am 02.02.1999 ursprünglich für die Waren und Dienstleistungen der Klassen 16, 25, 28, 35 und 41 eingetragen. Die Klassen, für die die Wortmarke bei Eintragung Schutz geboten hat, waren:

  • Klasse 16: Druckerzeugnisse, nämlich Lehr- und Unterrichtsmittel in Form von Büchern und Zeitschriften.
  • Klasse 25: Freizeit- und Sportkleidung.
  • Klasse 28: Sportartikel, soweit in Klasse 28 enthalten.
  • Klasse 35: Dienstleistungen eines Franchisegebers, nämlich Vermittlung von wirtschaftlichem, rechtlichem und organisatorischem Know-how auf dem Gebiet des Kampfsportunterrichts.
  • Klasse 41: Erziehung, Ausbildung, Unterhaltung, sportliche und kulturelle Aktivitäten (mittlerweile besteht hier kein Markenschutz mehr - s. weiter unten)

Keith R. Kernspecht war also zum Zeitpunkt der Markeneintragung der Einzige, der Druckerzeugnisse (Bücher, Zeitschriften, etc.) und Freizeit- und Sportbekleidung sowie Sportartikel (Handschuhe, Pratzen, etc.) mit dem Schriftzug "Wing Tsun" bedrucken durfte.

Weiterhin durfte nur er Dienstleistungen eines Franchisegebers bzgl. "Wing Tsun" und Erziehung bzw. Ausbildung im "Wing Tsun" anbieten.

Wenn man bedenkt, dass es seit 1976 in Deutschland während der 1980er und 1990er Jahren so gut wie keine andere Wing Chun Alternative zu "Leung Ting Wing Tsun" gab, bedeutete dies für Kernspecht eine Wing Tsun-Monopolstellung in Deutschland.

Diese Monopolstellung war von ihm schlauerweise neben Deutschland auch auf Österreich, Benelux, Dänemark, Spanien, Frankreich, Italien, Schweden und Portugal ausgedehnt worden, für die die Marke als Gemeinschaftsmarke ebenfalls gültig ist (s. Eintragungsurkunde oben).

(nach oben)

     
           
    3. Kommerzialisierter Kampfsport und kostenpflichtiges Wing Chun (WT, VT, VC,, etc.)      
     

Diese Wandlung im Wing Chun in Form von "Leung Ting Wing Tsun" hin zur kommerzialisierten Dienstleistung ist natürlich keine Seltenheit und kann mittlerweile in einigen anderen Kampfsportarten ebenfalls beobachtet werden.

Schaut man beispielsweise ins Kickboxen, entdeckt man seit langem als Pendant das massentaugliche Fitnessboxen "Tae Bo". Hier wurde im Prinzip Kickboxen dermaßen abgewandelt, dass zwar der reine Fitnessaspekt erhalten geblieben ist, der "Kampfaspekt" allerdings so gut wie entfallen ist - somit ist eine Sportart entstanden, die zur Fitnesssteigerung dient und den Teilnehmern auch noch das Gefühl gibt, "tough" zu sein.

So ein "Produkt" lässt sich der breiten Masse sehr gut anbieten, wohingegen wohl die wenigsten Tae Bo-Vertreter mit ihren beschränkten bzw. nicht vorhandenen kämpferischen Fähigkeiten mit Mundschutz und Handschuhen wirklich in den Ring steigen wollten und es auch besser nicht tun sollten.

Die Kommerzialisierung von Kampfsport bzw. Kampfkunst ist meiner Meinung nach bedauerlicherweise nirgends so ausgeprägt zu beobachten wie im Wing Chun (evtl. noch im Krav Maga), wo Mitglieder teilweise sogar stark "abgezockt" werden.

   
     


Wing Chun sollte nicht zur Abzocke von Mitgliedern verwendet werden- Mitglieder sollten in erster Linie trainieren und nicht anwesend sein, um abgezogen zu werden.

   
     

Dabei folgen die Methoden ganz simplen Marktgesetzen.

Denn hat man erst mal ein Produkt identifiziert, gilt es dieses bzgl. der Gewinnmaximierung so zu optimieren, dass man es möglichst profitabel immer und immer wieder "verkaufen" kann.

Phantasievolle Lehrer haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Möglichkeit zur Profitmaximierung durch Wing Chun (WT, VT, VC, etc.) ausgedacht.

Beispielsweise führt man eine Vielzahl von Schülergraden und fortgeschrittenen bzw. höheren Graden ein und setzt als Hürde zwischen diesen Graduierungen kostenpflichtige Prüfungen, die i.d.R. nur auf kostenpflichtigen Lehrgängen abgenommen werden.

Passend zu den jeweiligen Graduierungen wird das System in Lernblöcke zerbrochen, wobei einzelne Lehrblöcke lediglich Teile von Formen (z.B. Siu Nim Tao erste Hälfte, Cham Kiu drittes Drittel, Biu Tze komplett oder Holzpuppe nur Satz 1 - 3, etc.), bestimmte Chi Sao Sektionen bzw. Partnerformen, Waffenformen, etc. enthalten, die wiederum nur gegen Gebühren vermittelt werden.

Hat man eine gewisse Graduierung nicht bzw. eine Prüfung nicht bestanden, bleiben dem Mitglied in der Regel die Unterrichtsinhalte höherer Graduierungsstufen verwehrt.

Mit anderen Worten muss man zahlen, oder man lernt nichts mehr und der eigene Fortschritt im Wing Chun innerhalb der jeweiligen Organisation bzw. dem jeweiligen Verband stagniert.

In solchen Strukturen hat also nur derjenige eine Chance das gesamte System vermittelt bekommen zu haben, wenn er alles gekauft, bezahlt und hoffentlich auch trainiert hat.

Dieser völlig hirnrissige Zustand wäre vergleichbar mit einem fiktiven Szenario in beliebigen anderen Kampfsportarten, wo man für jeden Judowurf, jeden Karatetritt, den Aufwärtshaken im Boxen, eine Bodentechnik im Brazilian Jiu Jitsu oder einen Low-Kick im Muay Thai jedes Mal Geld zahlen müsste - was in diesen Kampfsportarten unvorstellbar und logischerweise vollkommen absurd wäre!

Ein sehr gutes Beispiel für solch eine Unterteilung in gebührenpflichtige Lehrinhalte ist das sogenannte Chi Sao Training.

In aller Kürze zusammengefasst ist Chi Sao eine der Haupttrainingsmethoden im Wing Chun und gerade durch Chi Sao soll man besonders gut lernen können, auf gegnerischen Aktionen zu reagieren und eingedrillte Techniken kettenartig auszuführen.

Chi Sao gilt vielen häufig als "der Schlüssel zum Wing Chun System" bwz. wird häufig als "das Herz und die Seele des Wing Chun" dargestellt.

Die Lehrinhalte des Chi Sao Trainings werden zwar nicht in allen, doch aber in etlichen Schulen, Organisationen und Verbänden in Deutschland in sogenannte "Sektionen" bzw. "Partnerformen" unterteilt.

Die Idee der Unterteilung des Chi Sao Trainings in Lernblöcke bzw. Sektionen oder Partnerformen geht ursprünglich auf Leung Ting zurück, der sein Chi Sao Training in insgesamt 19 Chi Sao Sektionen unterteilt hat.

Die ersten sieben Sektionen werden "Cham Kiu Chi Sao Sektionen", die folgenden vier (manchmal auch fünf) Sektionen "Biu Tze Chi Sao Sektionen" und die letzten acht Sektionen "Mok Yan Chong Chi Sao Sektionen" bzw. "Holzpuppen Chi Sao Sektionen" genannt. Dazu gibt es schließlich noch die "Chi Gerk Sektionen", die meistens erst am Ende des Ausbildungsweges unterrichtet werden.

Aus der Bezeichnung ist ersichtlich, dass die Sektionen direkten Bezug zu den Bewegungen der im Wing Chun vermittelten Formen Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze und Mok Yan Chong Fat (Holzpuppe) haben.

Jede Sektion (außer normalerweise die erste Sektion, die in vielen Verbänden innerhalb der Schülergrade unterrichtet wird) wird häufig nur gegen Gebühren an die Schüler vermittelt, wobei die Gebühren von Sektion zu Sektion ansteigen.

Nachfolgend sieht man eine Aufschlüsselung der Sektionen / Partnerformen, wie sie in Wing Chun Verbänden vorkommen können, die 12 Schülergrade, 4 Technikergrade und Meistergrade haben.

Das aufgelistete Preisbeispiel hat allerdings nicht für sämtliche Wing Chun Schulen und Verbände Deutschland Gültigkeit. Es ist lediglich ein Beispiel aus einem einzigen kleineren Verband in Süddeutschland.
Es kann durchaus also auch Verbände / Organisationen geben, in denen die Preise billiger oder teurer ausfallen.

Dieses Beispiel habe ich schon im Artikel "Welchen Wert haben bzw. welchen Sinn machen Privatstunden im Wing Chun?" erläutert und aus diesem Artikel stammt auch das Bild.

     
     


Aufteilung der Sektionen nach Graduierungen inklusive Sektionskosten - Die Sektionen sind über die einzelnen Technikergrade und Meistergrade verteilt und werden meistens nur gegen Geldzahlungen vermittelt. Die Preise fallen dabei häufig recht teuer aus!

     
     

Man sieht, dass die Sektionen jeweils unterschiedlichen Graduierungen zugeordnet sind. Wer also eine Graduierung erlangen möchte, muss zunächst die Gebühr bezahlen und dann das jeweilige Programm (inkl. der Sektionen / Partnerformen) lernen (was manchmal nur auf Lehrgängen oder in zusätzlich gebuchten Privatstunden funktioniert bzw. funktionieren soll).

Wer nicht bereit ist, diese Gebühren zu zahlen und nicht gerade ein Freund des Lehrers der Schule ist und diese somit auch mal "unter der Hand" vermittelt bekommt oder als Hilfstrainier bzw. Assistenztrainer abgestellt wird, erfährt keinen Lernfortschritt mehr, da die Sektionsinhalte eigentlich das vermitteln, was Wing Chun im Endeffekt so interessant macht.

Dass man eigentlich nichts mehr lernt, weil kein Geld gezahlt wurde, merkt man nicht sofort sondern meistens erst nach längerer Zeit.

Traurig aber leider zu häufig wahr!

Hat man als Lehrer erst einmal begonnen, Wing Chun nicht wie eine Art "Lebensweg" zu betrachten und auch so an seine Schüler zu vermitteln, sondern es stattdessen eher wie eine Art "verkaufbares Produkt" zu interpretieren, fällt es nicht schwer, weitere Produkte zu generieren - der Phantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Das geht i.d.R. so weiter, dass man die Formen im Wing Chun (analog einer Kata im Karate) ebenfalls nur gegen Gebühren vermittelt.

Standardmäßig gibt es sechs Formen im Wing Chun - vier waffenlose (Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze, Holzpuppe: Mok Yan Chong Fat) und zwei Waffenformen  (Langstock: Look Dim Poon Kwan, Doppelmesser: Bart Cham Dao).

Auch für diese Formen sind ab der dritten Form (Biu Tze) in vielen Verbänden, Organisationen oder Schulen Gebühren fällig (Bsp: Biu Tze Form kostet 100 - 200 EUR) und auch diese Gebühren steigen von Form zu Form an.

Das geht soweit, dass manchmal jeder einzelne Satz der acht Sätze der Holzpuppenform nur gegen Geld vermittelt wird.

Die Kosten für die Waffenformen liegen in manchen Verbänden sogar weit über 1000 Euro - mir wurde schon von Preisen zwischen 3000 und 8000 EUR für die Doppelmesserform berichtet!

Auch vor Titeln machen manche nicht halt.

So sinnlos Titel in Kampfkünsten oder Kampfsportarten zwar sein mögen,  kosten selbst diese in manchen Verbänden Geld.

So wird der Titel "Sifu", der in China "väterlicher Lehrer" bedeutet und jedem eigentlich automatisch zufällt, falls er eigene Schüler bzw. eine eigene Schule hat und unterrichtet, in manchen Verbänden hierzulande nur gegen Geld vergeben (siehe dazu hier den Artikel "Sifu, der "väterliche Lehrer" - was hat es mit dem Titel "Sifu" eigentlich auf sich?").

Das geht in einem Rutsch so weiter!

Lehrgänge sind mitunter reichlich teuer, Prüfungen kosten ebenfalls und können (wie bereits erwähnt) zudem nicht selten nur auf den kostenpflichtigen Lehrgängen abgelegt werden. Es gibt weiterhin Jahresbeiträge bzw. Dachverbandsbeiträge die zur Deckung von Verwaltungskosten anfallen sollen, Aufnahmegebühren, damit man überhaupt mittrainieren darf, und, und, und ...

Man sieht, Wing Chun kann - unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet - für diejenigen, die es als solches betrachten, ein sehr gutes Produkt sein und - wenn das Vermittlungskonzept stimmt - auf Dauer viel Gewinn abwerfen.

Wo aber großer Gewinn möglich ist bzw. wird, droht üblicherweise die Gefahr durch Nachahmer, Wettbewerber bzw. Trittbrettfahrer.

     
     


Trittbrettfahrer - Existiert erstmal ein gutes und im Markt etabliertes Produkt welches viel Gewinn abwirft, wollen viele Wettbewerber bzw. Trittbrettfahrer auch davon profitieren. Sie steigen quasi mit auf den rollenden Zug und versuchen, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.

     
     

Logischerweise kommen diese Nachahmer, Wettbewerber oder Trittbrettfahrer i.d.R. aus den Reihen der eigenen Schüler. Diese wurden über Jahre wenn nicht sogar Jahrzehnte an die kommerzielle Art der Wissensvermittlung herangeführt bzw. konditioniert. Sie haben über Jahre gezahlt und kennen - je höher sie in der Organisation bzw. dem Verband aufsteigen - die Finanzierungsstrukturen immer genauer.

Sobald sie dann selbst vom Schüler zum Lehrer aufsteigen und eigene Schüler entgeldlich unterrichten, möchten sie natürlich ebenfalls von den Jahren des Trainings und Einsatzes profitieren und ihre Geldzahlungen quasi "refinanzieren".

Da die Strukturen innerhalb einer Organisation aber sehr straff sind und die Gewinnbeteiligungen ebenfalls klar geregelt sind, wählen manche dieser Lehrer irgendwann den Ausstieg aus der Mutterorganisation und gründen eigenen Schulverbände.

Dort tendieren sie selbstverständlich dazu, das gleiche Produkt bzw. die gleiche Dienstleistung (z.B. Wing Tsun Unterricht) anzubieten und gegenüber der Mutterorganisation (z.B. EWTO) als Wettbewerber aufzutreten. Meistens werden sogar ähnliche Graduierungskonzepte, Unterrichtskonzepte etc. angeboten.

Der Schüler wandelt sich also zum Wettbewerber bzw. Konkurrenten der vormals eigenen Organisation bzw. des vormals eigenen Verbandes.

Diese Wettbewerber kann man aber nur durch Weiterentwicklung seines Produktes in den Griff bekommen oder indem man das Produkt beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) durch Eintragung einer Marke schützen lässt und die Wettbewerber somit zur Umbenennung des Stiles zu zwingen.

Wie schon erklärt ist das beste Beispiel für diese Art von Abgrenzung von früherem Lehrer (Kernspecht) zu früheren eigenen Schülern (s.u.) durch Markenschutz die oben erwähnte Marke "WING TSUN", die 1999 als Marke beim HABM bzw. Deutschen Patent und Markenamt (DPMA) eingetragen wurde.

(nach oben)

     
           
    4. Die eigenen Schüler als Wettbewerber der eigenen früheren Organisation      
     

Innerhalb der EWTO wurden seit Gründung über die letzten Jahrzehnte etliche tausend Mitglieder in Wing Tsun mehr oder weniger weit ausgebildet. Viele von ihnen und viele der ehemaligen Mitglieder sind durchaus weit im "Leung Ting Wing Tsun System" gekommen.

Bedenkt man, dass die EWTO (wie auf der EWTO-Webseite erwähnt) derzeit ca. 900 Schulen und 50.000 Mitglieder umfasst, muss man nicht lange rechnen, um auf den Trichter zu kommen, was das an Umsatz bedeutet.

Nimmt man bei 50.000 Mitgliedern lediglich einen jährlich zu entrichtenden Betrag (z.B. Jahressgebühr oder Dachverbandsbeitrag) von 50 EUR an, käme man schon auf eine Summe von 2.5 Mio. EUR pro Jahr.
Wenn jedes Mitglied im Monat nur 20 EUR Mitgliedsbeitrag zahlen würde (was i.d.R. zu wenig ist - Bsp: EWTO Schule München, Tarif "Ideal" 75 EUR, Stand 2014), entspräche das im Jahr einer Summe von 240 EUR, was auf 50.000 Mitglieder umgeschlagen allein 12 Mio. EUR entspricht, von Lehrgangs- und Prüfungsgebühren, Kosten für Kleidung, Bücher, etc. mal ganz abgesehen.

Und das System läuft ja schon einige Jahrzehnte.

Wäre man von Anfang an in so einer Struktur als Schüler unterwegs, würde man Mitgliedsbeiträge zahlen, Lehrgänge besuchen, Prüfungen ablegen und je nach Ambitionen selbst Schulleiter einer eigenen Schule werden, der Lizenzgebühren an die übergeordnete Organisation zahlen müsste.

In so einem Fall kann davon ausgegangen werden, dass man irgendwann totsicher begriffen und verinnerlicht hat, wie die "Gewinnmühle" läuft.

   
     

Irgendwann wird jeder die Rechnung anstellen, welche Summen in solchen Strukturen verdient werden können.

Wer die Leung Ting Wing Tsun Szene der EWTO über die letzten 30 Jahre verfolgt hat, weiß, dass etliche teils hochgraduierte Schüler Kernspechts - die selbst Schulleiter, Landestrainer, etc. waren - begannen, sich Ende der 90er Jahre bzw. um die Jahrtausendwende von der EWTO zu trennen und ihre eigenen Schulen bzw. eigenen Schulverbände zu gründen.

Einige wenige Beispiele bekannter Namen und ihre jetzigen Organisationen bzw. Bezeichnungen inklusiv verlinkter Webseite wären:

Diese ehemaligen Mitglieder der EWTO haben sich also vom Schüler Kernspechts zum Wettbewerber Kernspechts entwickelt und jeder von ihnen hat in kleinen oder größeren Teilen immer noch Wing Tsun Elemente im Programm.

Die Liste der Ehemaligen könnte man beliebig weiter ausführen - sie ist schier endlos. Man muss nur in die Bücher der EWTO schauen, die dort aufgelisteten Schüler / Lehrer / Meister suchen und im Internet recherchieren, was diese heute machen.

Viele Lehrer dieser älteren EWTO-Generation sind heute nicht mehr Teil der EWTO, dennoch war die Kernspecht'sche EWTO ursprünglich eine ihrer Ausbildungsstationen. Jeder der hier Genannten war entweder hochgraduierter EWTO-Wing Tsun Meister (z.B. Hans Jörg Reimers (einer der ersten 6.PG der EWTO), Emin Boztepe (6.PG), etc.) oder hochgraduierter Technikergrad (z.B. Niko Chatzilascaris (4.TG), Martin Dragos (3.TG), etc.) als sie die EWTO verließen (die heute sog. "höheren Grade (HG)" hießen in der EWTO früher "Technikergrade (TG)").

Interessant bei der Betrachtung dieser Liste ehemaliger Schüler Kernspechts ist, dass keiner von ihnen aufgrund des bestehenden Markenschutzes von Kernspechts Marke "Wing Tsun" ihren jetzigen Stil ebenfalls rein "Wing Tsun" nennen.
Und das, obwohl viele von ihnen weit über 10 Jahre hauptsächlich im EWTO-System unterwegs waren und hauptberuflich EWTO Wing Tsun Lehrer mit etlichen von ihnen geleiteten Wing Tsun Schulen waren.

In der Hoffnung, den bestehenden Markenschutz umgehen zu können, wurden entweder Buchstaben hinzugefügt (z.B. "Wing Tsung"), Buchstaben abgeändert (z.B. "VingTsun" oder teils ganz schlimm "WyngTjun"), Namen davor (z.B. "Dragos Wing Tsun") oder dahinter gesetzt (z.B. "Wing Tsun Universe") oder gänzlich neue Bezeichnungen erfunden (z.B. "EBMAS", "Wing Tai" oder "Wing Revolution").

Man stelle sich dazu vor, man hätte 15 Jahre professionell bzw. semi-professionell Judo im Deutschen Judo Bund (DJB) betrieben und wäre letztlich hochgraduierter Schwarzgurt (5. oder 6. DAN) und hätte sich nun vom DJB gelöst und würde eine Judo-Schule oder einen Judo-Verband gründen.

Doch anstatt das ganze "Judo" zu nennen, muss man es als:

  • Iudo
  • Juto
  • Judoh
  • Juhdo
  • Yutho
  • Ju Tai
  • Ju Revolution

bezeichnen, nur weil der DJB Markeninhaber der Marke "Judo" ist und man diese Schreibweise nicht verwenden darf.

Analog könnte man im Karate über Bezeichnungsalternative wie "Garade, Kahrade, Karateh, Kaaratte etc." nachdenken.

Das ist doch total absurd. Aber genau so verhält es sich bgzl. "Wing Tsun".

Da Kernspecht Markeninhaber der Marke "Wing Tsun" ist, durften seine Schüler - obwohl sie jahrelang Wing Tsun á la Leung Ting gelernt haben, dieses dummerweise nicht als solches bezeichnen - selbst wenn sie es gewollt hätten.

Nun auf die Seite der Konkurrenten und Wettbewerber gewechselt, mussten sie die Schreibweise ändern (falls sie es nicht ohnehin vorhatten), weshalb aus "Wing Tsun" durch Abändern oder Hinzufügen von Buchstaben eben

  • Ving Tsun,
  • Wing Tsung,
  • Wing Tjun,
  • Ving Chun,
  • Ving Tshun,
  • Wing Tzun,
  • Wyng Tjun
  • Wing Dschun
  • Wing Shun
  • etc.

... wurden.

Man sieht also, dass das ganze Bezeichnungschaos bzw. der Wald an Bezeichnungen, die für Wing Chun in Deutschland existieren, i.d.R. nicht auf unterschiedliche Wing Chun Stile hindeutet.

Vielmehr liegt die Wurzel meistens in der EWTO, was der Anfänger bzw. Laie kaum erkennen kann aber zu Beginn seines Trainings klären sollte.

     
     


Die EWTO als Ausgangspunkt für viele neugegründete Verbände - Viele der Kernspecht'schen Schüler haben sich später mit einem eigenen Verband verselbstständigt. Dennoch sind die meisten nach wie vor mit einer Eigeninterpretation des Wing Chun unterwegs.

     
     

Die Hauptursache des Bezeichnungschaos in Deutschland ist vor allem darin zu finden, dass ehemalige Schüler Kernspechts weiter ihren Beruf als Wing Chun Lehrer nach der EWTO-Trennung ausüben wollten, aber aufgrund des bestehenden Kernspecht'schen Markenschutzes der Bezeichnung "Wing Tsun" auf alternative, teils stark veränderte Bezeichnungen ausweichen mussten.

(nach oben)

     
           
    5. Antrag auf Nichtigkeit gegen die eingetragene Marke "Wing Tsun"      
     

Anstatt auf andere Schreibweisen auszuweichen, hätte man zunächst versuchen können, einen Antrag auf Nichtigkeit gegen die Wortmarke "Wing Tsun" einreichen zu können.

Schließlich kann jedermann versuchen, eingetragene Marken löschen zu lassen.

Tatsächlich hat einer der ehemaligen EWTO-Schüler - genauer genommen Marcus Schüssler - dies getan.
Er reichte über seine Patentanwälte Schneiders & Behrendt am 24.10.2007 einen Antrag auf Nichtigkeit ein und zielte dabei ausschließlich auf die Klasse 41 der Marke "Wing Tsun" - also Sportunterricht und Durchführung von Seminaren.

Absicht dieses Antrags war also, den Markenschutz für Sportunterricht aufzuheben, sodass jeder im Sportunterricht "Wing Tsun" gewerblich anbieten darf.

Tatsächlich wurde dem Antrag zur Erklärung der Nichtigkeit der Gemeinschaftsmarke 607 523 "WING TSUN" vollumfänglich stattgegeben.

   
     


Antrag auf Nichtigkeit gegen Klasse 41 der Marke "Wing Tsun" - Der Antrag auf Nichtigkeit zielte ausschließlich auf die Klasse 41 - also Sportunterricht und Durchführung von Seminaren. Absicht dieses Antrags war also, den Markenschutz für Sportunterricht aufzuheben, sodass jeder im Sportunterricht "Wing Tsun" anbieten darf. Dem Antrag wurde stattgegeben!

   
     

Heißt: Die Marke wurde am 31.03.2009 für alle Dienstleistungen der Klasse 41 für nichtig erklärt.

Jedem ist es also seitdem gestattet, "Wing Tsun-Unterricht" gewerblich anzubieten, womit die Monopolstellung Kernspechts im Bereich "Sportunterricht" also gebrochen ist.

Die Entscheidung kann man hier nachlesen:

     
     

Entscheidung über die Nichtigkeitsklage "WING TSUN"
     
     

Anders verhält es sich allerdings für die Klasse 16, 25, 28 und 35, die von Herrn Schüssler bewusst nicht Teil des Nichtigkeitsantrags waren. Hier gilt es aufzupassen!

Denn in diesen Klassen genießt die Marke "Wing Tsun" nach wie vor Schutz!

Es ist also Dritten weiterhin nicht gestattet, Freizeitkleidung oder Sportartikel mit der Bezeichnung "Wing Tsun" zu bedrucken, Druckerzeugnisse (z.B. Bücher) herzustellen und darin die Bezeichnung "Wing Tsun" zu verwenden und alles zu verkaufen.

Auch Dienstleistungen eines  Franchisegebers analog zur EWTO bzgl. "Wing Tsun" dürfen nicht angeboten werden.

Beispiele für solche Angebote gibt es zuhauf.

Man muss nur auf Google suchen und findet beispielsweise bei "Spreadshirt" (einer T-Shirt Druckerei) Angebote von T-Shirts mit dem "Wing Tsun"-Schriftzug, die nicht von der EWTO stammen.

Keith R. Kernspecht könnte hier aufgrund seines Markenschutzes die Unterlassung fordern und für den Fall, dass solche T-Shirts verkauft wurden, Schadensersatzzahlungen für den ihm entgangenen Gewinn einzutreiben versuchen. 

(nach oben)

     
           
    6. "Wie der Herr, so's Gescherr" - selber Marken eintragen lassen      
     

Ich könnte mir vorstellen, dass viele der ehemaligen EWTO-Lehrer sich nach ihrer Trennung extrem über den Markenschutz Kernspechts geärgert haben.

Es ist ja nur logisch, dass sie, nachdem sie jahrelang im Rahmen ihrer EWTO-Mitgliedschaft und Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter am liebsten weiterhin "Wing Tsun" hätten anbieten wollen - auch wenn sie nicht mehr Teil der EWTO waren. Schließlich ist und war "Wing Tsun" der meistverbreitete Wing Chun-Stil in Deutschland.
Man hätte hier als Wettbewerber durch Verwendung des gleichen Namens und durch Angebot der gleichen Dienstleistung einfachen Zugriff auf die große Zahl der EWTO-Mitglieder oder -Interessenten gehabt. Ein Teil der EWTO-Gemeinde hätte sich wahrscheinlich den abgespaltenen Lehrer zugewandt.

Doch selbst wenn die Konkurrenten aus eigenen EWTO-Reihen in ihren eigenen neugegründeten Verbänden 1:1 "EWTO-Wing Tsun" angeboten hätten, hätten sie es aufgrund des Markenschutzes für "Wing Tsun" nicht so nennen dürfen.

Und obwohl viele von ihnen in EWTO-Zeiten hauptberuflich "Wing Tsun" betrieben haben, mussten sie nach ihrer Trennung nun eine alternative Bezeichnung wählen.

Ich stelle mir vor, dass das für einige sehr ärgerlich gewesen sein muss!

Interessant an der Wahl alternativer Bezeichnung ist, dass viele von Kernspechts ehemaligen Schülern die meisten dieser alternativen Bezeichnungen (analog zur Marke "Wing Tsun") selbst wieder markenrechtlich sichern ließen bzw. immerhin versucht haben, die von ihnen gewählte Bezeichnung als Marke anzumelden.

Einige wenige Beispiele (inkl. Aktenzeichen, Typ und Aktenzustand) wären folgende (klickt man auf das Aktenzeichen, öffnet sich das Rechercheergebnis vom Patentamt):

   
     

"Wing Tzun" von Niko Chatzilascaris

   
     

(Aktenzeichen 399702334 - Wortmarke / Anmeldung zurückgewiesen)

   
     

"Wing Tjun" von Sergio Iadarola

   
     

(Aktenzeichen 010837292 - Wortmarke / Marke eingetragen)

   
     

"DragosWingTsun" von Martin Dragos

     
     

(Aktenzeichen 398614261 - Wortmarke / Marke eingetragen)

     
     
"Wing Tsung" von Hans Jörg Reimers
     
     

(Aktenzeichen 398155186 - Wortmarke / Marke eingetragen)

     
     

"International Academy of WingChun" von Klaus Brand

     
     

(Aktenzeichen 303442026 - Wort-Bildmarke / Marke gelöscht)

     
     

"Wing Tai" von Heinrich Pfaff

     
     

(Akenzeichen 3020110300585 - Wort-Bildmarke / Marke eingetragen)

     
     

"International Allan Fong Wing Tsjun Organisation" von Thomas Luke Böhlig

     
     

(Aktenzeichen 305182706 - Wortmarke / Marke eingetragen)

     
     

"Wing Revolution" von Victor Gutierrez

     
     

(Aktenzeichen 008831133 - Bildmarke / Eintragung veröffentlicht)

     
     

"Dynamic VingTshun" von Anastasios. "Tassos" Panagiotopoulos

     
     

(Aktenzeichen 302385762 - Wort-Bildmarke / Marke gelöscht)

     
     

"Wing Tsun Universe" von Alfred Johannes Neudorfer

     
     

(Aktenzeichen 3020110512140 - Wortmarke / Eintragung nicht möglich)

     
     

und etliche mehr ... man muss nur nach ehemaligen EWTO'lern schauen und beim DPMA eine Markenrecherche machen. Kostet nix, geht flott ... erstaunlich, was und wen man da alles findet.

     
     

Man sieht, dass etliche ehemalige Kernspecht-Schüler seinem Beispiel folgen und ebenfalls Marken für ihre Schreibweise bzw. ihr Logo beim Deutschen Patent und Markenamt (DPMA) eingereicht haben.

Anhand des Anmeldedatum kann man ebenfalls beobachten, dass diese Anmeldung kurze Zeit nach dem EWTO-Austritt des jeweiligen Kernspecht-Schülers (bzw. besonders amüsant sogar in einigen auch hier nicht genannten Beispielen kurz vorher) erfolgt ist.

Falls es irgendwen interessiert, wer alles die Schreibweise seines Wing Chun Stils markenrechtlich hat sichern lassen, muss dazu nur hier auf diesen Link beim DPMA gehen und in das Feld "Wiedergabe der Marke" testweise "Wing Tsung", "Wing Tzun", "Wing Tjun" oder "Ving Chun" eingeben bzw. unter "Anmelder / Inhaber" den Namen des jeweiligen Lehrers eingeben.

Man findet als Inhaber der Marken meistens ehemalige EWTO-Mitglieder!

Ich persönlich kann diese Markeneintragung aus zwei Hauptgründen überhaupt nicht nachvollziehen.

Zum einen geht es meiner Meinung nach grundsätzlich gegen den ursprünglichen Kampfkunstgedanken und zum anderen macht es bzgl. der Markeneintragung generell wenig Sinn, wenn man sich vorstellt, welche Ware bzw. Dienstleistung da eigentlich geschützt werden soll.

Eine Ware oder Dienstleistung über eine Markenanmeldung schützen zu lassen, macht ja nur dann Sinn, wenn man große Gewinnerwartungen hat und mit vielen Wettbewerbern rechnen muss. Dabei zielt eine Marke stets darauf ab, die "Kopie" der gleichen Bezeichnung zu unterbinden.

     
     


Wann ist eine Markenanmeldung sinnvoll? - Eine Marke ist dann sinnvoll, wenn ich mit großen Gewinnen für einen Wing Chun Stil mit einer bestimmten Schreibweise rechnen kann und viele Wettbewerber am Markt sind, die ihren Stil exakt auch so nennen wollten (z.B. "Wyng Tzung"). Erst dann macht eine Marke Sinn. Eine Marke wie z.B. "Dragos Wing Tsun" oder "Wing Revolution" schützen zu lassen, ist sinnlos. Denn wer würde sein Produkt so nennen, wenn nicht Herr Dragos bzw. wer kommt schon auf die Idee, aus Wing Tsun später Wing Revolution zu machen wie Victor Gutierrez?

     
     

Am Beispiel verdeutlicht müsste Victor Gutierrez also nur dann "Wing Revolution" als Marke anmelden, wenn er befürchten müsste, dass irgendwer die eigene Kampfkunst ebenfalls exakt "Wing Revolution" nennen würde und auf dem Markt als Konkurrent auftreten würde - aber wer will das schon bzw. wer würde das schon?

Der Name "Wing Revolution" ist so eng mit Gutierrez verbunden, dass Wettbewerber damit eh kaum eine Chance hätten. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Wing Revolution anmeldet, ist also gleich Null.

Das Gleiche gilt für "Dragos Wing Tsun", da eh keiner Dragos Wing Tsun macht außer Martin Dragos selbst. Warum also eine Marke dafür anmelden?

In meinen Augen sprechen sämtliche der oben aufgeführten Markenanmeldungen dafür, dass die Markenanmelder nicht so recht nachgedacht haben, was sie eigentlich mit ihrer Markenanmeldung bezwecken wollen bzw. welchen Sinn eine Markenanmeldung für sie eigentlich macht.

Es ist doch offensichtlich, dass sie Markenschutz für etwas begehren, das eh niemand kopieren will bzw. wofür es nun wirklich keinen Markt mehr gibt.

Wo sollen denn die ganzen Wettbewerber bzw. Konkurrenten sein, die nun ausgerechnet "Wing Tai, Dynamic VingTshun, Dragos Wing Tsun oder Wing Revolution" anbieten würden und wie groß kann der Kundenstamm sein, damit sich eine Markenanmeldung wirklich lohnt?

Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Spruch "Wie der Herr, so's Gescherr" hier gut passt.

Den Markenanmeldern ist häufig nichts Besseres eingefallen, als ihre eigene Schreibweise ebenfalls als Marke anzumelden und somit den exakt gleichen Weg wie den ihres ehemaligen Lehrers Keith R. Kernspecht zu gehen. Das nenne ich in der Tat "gut konditioniert".

Keith R. Kernspecht muss in mancher Hinsicht wirklich ein genialer Lehrer sein, wenn seine Lehre sich nachhaltig so durchgesetzt hat und noch nach Trennung von der EWTO so weiter wirkt.

Respekt!

Seine ehemaligen Schüler mögen im Wing Chun Sinne technisch sehr gut sein. Es stellt sich aber die rhetorische Frage, ob sie tatsächlich so gute Strategen wie ihr früherer Lehrer sind?

Amüsant in dieser Hinsicht ist auch, dass einer der wenigen, der keine Marke angemeldet zu haben scheint, Emin Boztepe mit seiner EBMAS (Emin Boztepe Martial Arts System) ist - ich habe jedenfalls keinen Markeneintrag gefunden.
Würde auch keinen Sinn machen - denn wer könnte schon "Emin Boztepe Martial Arts System" machen, wenn nicht Emin Boztepe selbst?

Die fehlende Markenanmeldung für EBMAS entspricht aber Emins Charakter, der sich ja schon zu EWTO-Zeiten von vielen Dingen um ihn herum in der EWTO wenig bis kaum beeindrucken ließ.

(nach oben)

     
           
    7. Darf man die Wortmarke "Wing Tsun" mit anderen Wörtern kombinieren?      
     

Wie ich ausführlich erklärt habe, ist die Wortmarke "Wing Tsun" weiterhin für Freizeitkleidung, Sportartikel, Druckerzeugnisse und Dienstleistungen eines  Franchisegebers - also die Klassen 16, 25, 28 und 35 - geschützt.

Dennoch verwenden manche Anbieter die Bezeichnung "Wing Tsun" in Kombination mit anderen Wörtern wie z.B. "Dragos Wing Tsun" oder "Wing Tsun Universe", etc.

Hier wäre die Frage, ob das Ergänzen des Markennamens "Wing Tsun" durch Worte wie "Dragos" oder "Universe" oder andere Zusätze eine Markenrechtsverletzung darstellt?

Aussage von Rechtsexperten zufolge

(siehe dazu folgenden Link zu "Frag-einen-Anwalt.de")

müssen für eine Markenrechtsverletzung grundsätzlich vier Voraussetzungen gegeben sein:

  1. Verwechslungsgefahr
  2. Branchennähe
  3. Handeln im geschäftlichen Verkehr
  4. Bekanntheit der Marke

Eine Verwechslungsgefahr ist aber bei Zusatz von Worten definitiv gegeben bzw. zumindest argumentierbar.

Die Ergänzungen, wie z.B. "Dragos WING TSUN" oder "WING TSUN Universe", können nämlich relativ unproblematisch als Herkunftsangaben bzw. Ortsbestimmung begriffen werden.

So könnte man im Fall der Bezeichnung "Wing Tsun Stuttgart" z.B. verstehen, dass es die Stuttgarter Filiale bzw. Ableger des betreffenden Markeninhabers Kernspecht ist, obwohl die Schule keine EWTO-Schule ist.
Im Falle von "Dragos Wing Tsun" könnte man verstehen, dass es der Wing Tsun Stil der EWTO ist, wobei der den Stil vor Ort anbietende Lehrer Martin Dragos ist.

Weiterhin müsste eine Branchennähe gegeben sein, was ebenfalls der Fall ist.  

Letztendlich ist hier auch ein Handeln im geschäftlichen Verkehr gegeben, da meistens beabsichtigt wird, den Namen (gegebenenfalls in Verbindung mit einem Logo) gewerblich zu nutzen.

Eine gewerbliche Tätigkeit müsste ebenfalls mit den ergänzten Namen verbunden sein. Ist das der Fall und steht keine rein private nicht gewerbliche Tätigkeit dahinter, ist auch dieses dritte Kriterium erfüllt.

Auf den Punkt "Bekanntheit" kommt es schließlich nicht so an, da es keine sehr stark bekannte Marke ist. Es würde also für die Annahme einer Markenrechtsverletzung genügen, dass die oben genannten 3 Kriterien vorliegen.

Man darf also keine Kleidungsstücke z.B. mit den Aufdrucken "Dragos Wing Tsun" oder "Avci Wing Tsun" oder "TA Wing Tsun International" oder "Wing Tsun Universe" oder anderen Wortkombinationen mit "Wing Tsun" bedrucken und entgeltlich vertreiben. Darauf sollten die Betreiber der vorgenannten Verbände achten.

Das Gleiche gilt für Urkunden, Plakate oder Bücher. Das Ausdrucken und in Verkehr bringen ist ebenso nicht erlaubt.

Keith R. Kernspecht als Markeninhaber könnte den Markenverletzer auf Unterlassung, Auskunft und Schadensersatz in Anspruch nehmen (Stichwort "Abmahnung").

Er könnte also die Abgabe einer strafbewährten Unterlassungserklärung, Erstattung von Rechtsanwaltskosten, Auskunft über Art und Umfang der ungerechtfertigten Verwendung sowie Schadensersatz verlangen.

Sollte auf die Abmahnung nicht reagiert werden, wäre auch an gerichtliche Schritte (insbesondere einstweilige Verfügung) zu denken.

Nach all den Problematiken, die eine Umgehung einer bestehenden Marke wie "Wing Tsun" mit sich bringen kann, fragt man sich, warum überhaupt so viele - teils irre - Schreibweisen verwendet werden?

Diesen Aspekt inkl. einiger abschließender Überlegungen zur Kommerzialisierung im Wing Chun stellt der fünfte und letzte Teil des Artikels dar, den man hier unter "Internationale Schreibweise Wing Chun und abschließende Worte" lesen kann.

(nach oben)

   
           
    8. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum vierten Teil über Schreibweisen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

(nach oben)

   
           
   
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