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1. Teil 3 - Leung Ting, Keith R. Kernspecht, Leung Ting Wing Tsun und die EWTO

     
     

In diesem dritten Teil des Artikels über Wing Chun Schreibweisen und kommerzialisiertes Wing Chun wird Leung Ting als (selbstdeklarierter) "letzter Schüler Yip Mans" vorgestellt.

Anschließend folgen mehrere Informationen über seinen erfolgreichsten deutschen Schüler Keith R. Kernspecht inkl. einiger Stationen seiner soweit zugänglichen Biographie wie z.B. Gründung der größten Wing Tsun Organisation Deutschlands - der EWTO (Europäische Wing Tsun Organisation), Promotion, usw..

Allerdings möchte ich gleich zu Begin des dritten Teils dieses Artikel darauf hinweisen, dass ich weder die Biographien der beiden im Detail besprechen möchte (da es sicherlich andere Leute gibt, die diese besser kennen), noch beabsichtige, mich mit ihrem Wing Chun Stil oder Können auseinanderzusetzen.

Vielmehr möchte ich ihren Einfluss auf die deutsche Wing Chun Szene herausstreichen und erläutern, welchen Beitrag sie zu den Wing Chun Schreibweisen beigetragen haben.

Zudem werde ich einige der Kritikpunkte nennen, die im Internet bzgl. der beiden Personen diskutiert werden.

(nach oben)

 
 
           
    2. Leung Ting - letzter Schüler Yip Mans ... oder etwa doch nicht?      
     

Innerhalb der achtziger und neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebte Wing Chun weltweit eine starke Verbreitung und eine Art Boom.

Zu dieser Verbreitung trugen namhafte Schüler Yip Mans und deren eigene Schüler bei. Bekannte Lehrer sind z.B. Wong Shun Leung, William Cheung, Yip Chun, Yip Ching, Moy Yat, Lok Yiu, Samuel Kwok, Gary Lam und etliche andere.

Besonders in Deutschland fand Wing Chun in Form von "Wing Tsun" eine extrem große Verbreitung durch Leung Ting und seinen Partner Keith R. Kernspecht.

 
 
     


Leung Ting an der Holzpuppe - Leung Ting kann wohl mit recht als der kommerziell erfolgreichste Schüler Yip Mans betrachtet werden. Allerdings wäre er dies sicher nie geworden, hätte er nicht mit Keith Kernspecht zusammen gearbeitet.

   
     

Erinnert man sich an den in Teil 2 dieses Artikels erwähnten Nachfolgerstreit um das Erbe Yip Mans, so war Leung Ting (* 28.02.1947, Hongkong) selbst an diesem Streit unmittelbar beteiligt.

Obwohl Leung Tings direkter Lehrer Leung Sheung war, will Leung Ting nach eigenen Angaben in den letzten Lebensjahren Yip Mans bei diesem direkt trainiert haben. Ob dieser direkte Unterricht tatsächlich stattgefunden hat, wird kontrovers diskutiert. Auch über die Dauer und Intensität dieses Trainings herrschen zwischen Leung Ting und anderen Schülern Yip Mans Streitigkeiten.

Leung Ting bezeichnet sich selbst als "closed-door student" von Yip Man - also als den Schüler, der als letzter von Yip Man gelernt hat, nachdem dieser schon "seine Tür für Schüler verschlossen hatte (engl. closed-door)".

Bedenkt man, dass Yip Mans Schüler sich im "Nachfolgerstreit" um das Wing Chun Erbe Yip Mans stritten, kann man sich vorstellen, welche herausragende Stellung Leung Ting als Yip Mans letzter Schüler (closed-door-student) bekommt - er wäre derjenige, der Yip Mans geballte Wing Chun Kenntnisse vor dessen nahendem Lebensende nach einem ganzen Leben voller Wing Chun Training erfahren hätte.

Aus Sicht der Wing Chun Gemeinde wäre dies ein enormer Wissensschatz gewesen!

In der Wing Chun Welt könnte man diese "closed-door-student-Behauptung" somit als herausragende "PR- bzw. Marketing-Aktion" werten.

Denn wer würde daraufhin nicht gerne bei Leung Ting trainieren wollen?

Kein Wunder also, dass diese Geschichte von vielen kritisiert oder bezweifelt wird - ob sie nun wahr ist oder nicht. Leung Ting gilt dementsprechend in den Kreisen von Yip Mans Schülern bzw. der Wing Chun Szene als umstritten.

Die Liste der Konflikte und Auseinandersetzungen ist in der Tat lang.

So bezichtigten einige Schüler Yip Mans Leung Ting in den frühen 70er Jahren, er habe sich fälschlicherweise als das "Oberhaupt der Wing-Chun-Schule" und "Träger des 8. Grades im Wing Chun" bezeichnet, wohingegen Leung Ting nach wie vor vehement bestreitet, dies jemals so geäußert zu haben.

Der Konflikt verschärfte sich später durch ein angeblich manipuliertes Foto, das Leung Ting und Yip Man zusammen zeigt. Das Thema wurde unter dem Begriff "head change" in der chinesischen Kung Fu Presse diskutiert.

Das Foto erschien ursprünglich in dem Magazin "New Martial Hero" und zeigt Yip Man zusammen mit dem Chefredakteur des Magazins. Später tauchte dasselbe Foto mit ausgetauschten Köpfen auf und zeigte Leung Ting neben Yip Man.

   
     


Leung Ting in der "Head Change Affäre" - Hier sieht man einen der "Steine des Anstoßes" bzgl. der Kritik an Leung Ting. Links im Bild sieht man Yip Man (sitzend) mit dem Chefredakteur der Zeitschrift "New Martial Hero". Rechts im Bild sieht man das gleiche Bild, nur dieses Mal sitzt auf dem Körper des Chefredakeurs der Kopf von Leung Ting, der dort hinein retouchiert wurde. Wie genau dies geschehen ist und warum, bleibt unklar.

     
     

Die Kritik zu dieser Fotomanipulation lautete, Leung Ting habe das Foto manipuliert, um seine Nähe zu Yip Man zu dokumentieren. Bedenkt man allerdings, dass zahlreiche andere originale Fotos existieren, die Leung Ting mit Yip Man zeigen, ist völlig unverständlich, warum Leung Ting so eine Fotoretouche durchgeführt haben soll und es ist durchaus verständlich, dass er diesen Vorwurf bestreitet.

Summiert man all die bekannten Geschichten und komplizierten Konflikte rund um Leung Ting und den Status des letzten Schülers bzw. "closed-door-students" Yip Mans auf, sieht man ein Musterbeispiel für  "Legendenbildung", die Leung Ting mit Hilfe Dritter vorangetrieben und perfekt für sich genutzt hat.

Um sich mit seiner individuellen Wing Chun Interpretation von anderen Anbietern abzusetzen, verwendete er statt "Wing Chun" für seinen Kampfkunststil die Bezeichnung "Wing Tsun" bzw. "Leung Ting Wing Tsun" und gründete in Hongkong die dort ansässige "International Wing Tsun Association (IWTA)", deren Oberhaupt er bis heute ist. In dem von ihm eingeführten Graduierungssystem hat er übrigens den Rang eines 10. Großmeistergrades inne.

Leung Ting hat und hatte zahlreiche Schüler auf der ganzen Welt, von denen viele später selbst eigene Schulen und Verbände nach Vorbild der IWTA gründeten und mittlerweile als Konkurrenz zur IWTA auftreten.

Der erwähnenswerteste und sicherlich kommerziell erfolgreichste seiner Schüler ist der Deutsche Keith Ronald Kernspecht (*28. Juni 1945, häufig in Wing Chun Kreisen als "KRK" bezeichnet).

Dieser spielt bei der Ausbildung all der vielen Wing Chun Schreibweisen, die man im Deutschen Raum findet, eine entscheidende Rolle, weswegen ich nun nachfolgend einen Absatz einigen Auszügen aus Keith R. Kernspechts bekannter Biographie widmen werde.

(nach oben)

     
           
    3. Keith R. Kernspecht, Leung Ting Wing Tsun und die EWTO      
     

Man muss ein sehr guter und charismatischer Geschäftsmann sein, wenn man aus dem bisschen existierenden Wing Chun, das Leung Ting zu vermitteln hat, eine so große Organisation wie die EWTO mit (laut EWTO-Webseite) derzeit 50.000 Mitgliedern und etlichen über Deutschland verteilten Schulen (laut Webseite 2014: 900 Schulen) aufbauen kann.

Zweifellos gehört Keith R. Kernspecht damit in den Kreis der ganz großen Kampfkunstlehrer der Geschichte und verdient bereits allein für diese Leistung Achtung!

Wendet man sich Kernspechts Biographie zu, beginnt man leider nach kurzem in ziemlich undurchdringbarem Nebel zu stochern. Nur wenige "Stationen" seine Lebens sind wirklich transparent bzw. für Außenstehende nachvollziehbar.

Zur Verbreitung des Leung Ting Wing Tsun (vornehmlich in Deutschland) kann man Kernspechts Biographie aber einige Details entnehmen.

So gründete dieser 1967 den sogenannten "Budo-Zirkel" in Kiel, der sich als Kampfsportverein u.a. auch dem chinesischen Kung Fu widmete.

Mit Wing Chun kam Kernspecht Anfang der 1970er Jahre u.a. im China-Viertel Londons in Berührung, wo er auf seinen damaligen Wing Chun Lehrer Joseph Cheng traf.

Cheng selbst war Schüler von Lee Shing, der wiederum ein Schüler Yip Mans war.

 
 
     


Joseph Cheng, einer der Schüler von Lee Shing (eines Schülers von Yip Man) - Joseph Cheng, Autor des Buches "CHONG WOO KWAN - WING CHUN - The Art of Simultanious Defence & Attack (veröffentlicht 1977)" gründete 1970 die Chong Woo Kwan (Loyal to Martial Arts Association) und war einer der ersten, die Wing Chun an Nicht-Chinesen unterrichteten. Viele Kampfsportler/Kampfkünstler kontaktierten ihn damals, um etwas über diese bis dato wenig bekannte Kampfkunst zu erfahren.

   
     

Von Joseph Cheng lernte Kernspecht die Grundzüge des Wing Chun (das er später zu einer Disziplin des Budo-Zirkels machte) und lud 1975 schließlich Leung Ting auf Chengs Rat nach Kiel ein.

Vielen sind die Filmaufnahmen auf YouTube bekannt, auf denen Leung Ting im Audimax der Christian-Albrechts-Universität (Kiel) seinen damals fortgeschrittensten Schüler Allan Fong (Fong Wei Hung) vorführt, während Kernspecht im Hintergrund im weißen T-Shirt und Rauschebart aufpasst, dass Allan Fong von Leung Ting nicht in die hinter ihnen stehenden Stühle geworfen wird. 

     
     


Leung Ting mit seinem Schüler Allan Fong im Audimax der Universität Kiel - Hier sieht man Leung Ting bei einer Demonstration seines Wing Tsun im Audimax der Christian Albrechts Universität Kiel. Leung Ting zeigt Auszüge aus seinen Chi Sao Sektionen (2. Cham Kiu Chi Sao Sektion, 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion, 3. Biu Tze Chi Sao Sektion, etc.), freies Chi Sao, Holzpuppenform, Langstock, Doppelmesser, etc. - historisch gesehen eine interessante Demonstration!

     
     

Kernspecht gründete wenig später die EWTO (Europäische Wing Tsun-Organisation). Durch die Bezeichnung einer "Europäischen" Organisation, wird klar, dass hier nicht einfach auf Deutschland als einziges Land abgezielt wurde. Hier sollte das Leung Ting Wing Tsun über Europa verteilt werden.

Kernspecht vertritt demnach das Leung Ting Wing Tsun System als alleiniger Lizenznehmer der IWTA in den meisten Ländern Europas (mit Ausnahme von Ungarn, Polen usw.) und ist seit Gründung der EWTO deren Cheftrainer.

     
     

Einschub - was ist die EWTO?

Die EWTO selbst ist eine Abteilung der WingTsun GmbH & Co. KG und ist eine sogenannte "kommerzielle" Kampfkunst-Organisation mit einer Vielzahl angeschlossener Schulen in den deutschsprachigen Ländern.
Kern der durch die "lizenzierten" Schulen vermittelten Unterrichtsinhalte der EWTO ist das "Leung Ting Wing Tsun", eine auf Leung Ting zurückgehende Stilrichtung der Kampfkunst Wing Chun.
Die Mitglieds-Schulen der EWTO arbeiten als Franchising-Unternehmen, welche auch Gebietslizenzen nach Postleitzahlen für ein regionales Monopol erwerben können.

Alle lizenzierten Schulen lehren nach dem standardisierten EWTO-Programm, wobei der Lernfortschritt strikt in verschiedene Grade unterteilt ist. Da die meisten Schulen die Grade getrennt voneinander unterrichten, ist ohne ein kostenpflichtiges Aufsteigen im Grad keine neue Wissensvermittlung gegeben.

Je nach Schule fallen dabei für einen Schüler bis zum Erreichen des 12. Schülergrades deutlich über tausend Euro an Gebühren an.

Die Einführung von Schülergraden und Meistergraden ist bei chinesischen Kampfkünsten unüblich, die abgesehen von der Beziehung "Meister/Schüler" oder bei Familienstilen (wie etwa dem Wing Chun) die Beziehung "Vater/Sohn" keine Hierarchien kennen).

(Zitat aus Wikipedia, Stand 05.07.2012)

     
     

Laut EWTO-Webseite ist die EWTO unter allen Verbänden bzw. Organisation, die individuelle Wing Chun Interpretationen wie z.B. "Wing Tsun" unterrichten, die größte weltweit. Allein im deutschsprachigen Raum soll die EWTO über 900 Schulen und ca. 50.000 Mitglieder umfassen (Stand 2014).

Verglichen mit den Mitgliederzahlen des Deutschen Karate Verbandes im Jahr 2013 in Höhe von 183.000 Mitgliedern (Link Webseite DKV) ist das zwar nur ein Drittel und im Vergleich zum Deutschen Judo Bund (Link Website DJV)mit 199.000 Mitgliedern (Stand 2005) nur ein Viertel.

Dennoch ist Kernspecht maßgeblich zuzuschreiben, dass Wing Chun sich in Form von "Leung Ting Wing Tsun" seit 1976 stetig in Deutschland verbreitet hat und viele Interessierte diesen Kung Fu Stil derzeit trainieren.

Nutzen wir nun die Gelegenheit, bevor wir weiter die Wing Chun Stilschreibweisen betrachten, die in der Wing Chun Szene meistverbreitete Kritik an Keith R. Kernspecht aufzugreifen.

(nach oben)

     
           
    4. Ausgewählte Kritikpunkte am "Vater des Wing Tsun in Deutschland"      
     

Will man etwas mehr über Keith R. Kernspecht als den "Vater des Wing Tsun in Deutschland" erfahren und wendet sich dessen Biographie zu, so findet man nur Bruchstücke, die kein vollständiges Bild dieser Person ergeben.
So erscheint die Biographie von außen betrachtet unvollständig, schwer nachvollziehbar und wird im Übrigen ebenso wie die Biographie Leung Tings in Wing Chun Kreisen kontrovers diskutiert.

Nachfolgend möchte ich daher die derzeit zwei meistdiskutierten Kritikpunkte nennen, die vor allem die freie nicht-kommerzielle Wing Chun Szene beschäftigen und in öffentlich zugänglichen Quellen einsehbar sind (z.B. Wikipedia, Kernspecht'sche Bücher, EWTO-Webseite). Das wären

  1. Kernspechts Biographie mit Hinblick auf Ausbildung, Beruf und Kampfsportstationen
  2. Kernspechts Promotion in Bulgarien

1. Ausbildung, berufliche Tätigkeiten, Kampfsport bzw. Kampfkunstbeschäftigung:

Bekannte Ausschnitte aus Kernspechts Biographie erwähnen ein Sammelsurium verschiedenster Tätigkeiten. Neben dem Studium klassischer und moderner Sprachen, der Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaften werden weiterhin Tätigkeiten als Polizeibeamter bei der Bereitschaftspolizei Schleswig-Holstein (ohne abgeschlossene Ausbildung), Schleusendolmetscher, Schiffsklarierer, Wissenschaftliche Hilfskraft, Lehrkraft an zwei Kieler Mittelschulen, einem Wirtschaftsgymnasium, einer Justizvollzugsanstalt, der NATO und und und ... genannt.
Im Kampfsport- bzw. Kampfkunstsektor will Kernspecht sich zusätzlich zu all diesen Tätigkeiten auch noch mit Freistilringen, Catchen, Jiu-Jitsu, Judo, Kempo, Shaolin Kung Fu, Shotokan- und Wado-Ryu-Karate, Ko-Budo, Hapkido, Taekwondo, Aikido, Escrima (philippinischer Stock- und Messerkampf) und diversen thailändischen Kampfkunstdisziplinen auseinander gesetzt haben.

Kritisch an all dieser Aufzählung erscheint nicht nur die große Anzahl an beruflichen Tätigkeiten sondern auch die gewaltige Latte an Kampfkunst- bzw. Kampfsportstilen, die in der Biographie genannt werden. Es drängt sich zwangsweise der Eindruck eines "Sammlers" bzw. eines "Tausendsassas" auf, der auf allen Parties gleichzeitig tanzen möchte. Denn ein Normalsterbliche würde alleine für die Ausübung "eines" Berufs und für die Beherrschung "eines" einzelnen Stiles vermutlich ein ganzes Leben benötigen.

Verfolgt man die im Internet bzw. in Internetforen stattfindende Diskussion (z.B. Kampfkunstboard) über die Biographie Kernspechts, betrifft diese u.a. die zeitliche Dauer, Detailtiefe und die erarbeiteten Abschlüsse der einzelnen Tätigkeiten.

So ist weitestgehend unklar, welche der oben aufgelisteten Studiengänge mit einem Abschluss abgeschlossen wurden oder ob nur mal "reingeschnuppert" wurde.

Weiterhin ist ebenfalls völlig unklar, welche der genannten Kampfsportarten / Kampfkünste in welcher Detailtiefe über welchen Zeitraum mit welcher Graduierung betrieben wurden.

2. Promotion an bulgarischer Universität:

Eine weitere in der freien nicht-kommerziellen Wing Chun Szene kritisch diskutierte Station in Kernspechts Biographie betrifft seine Zusammenarbeit im Bereich der Sportwissenschaften mit der nationalen Sportakademie in Sofia (Bulgarien).

An der Staatsuniversität Plovdiv wurde er 1999 zum Ehrendoktor (Dr. h.c.) der Kampfkünste und - laut EWTO-Webseite - 2006 zum Ehrenprofessor (Professor h.c.) ernannt. Wem diese Titel und deren Bedeutung nicht geläufig sind, kann die nachfolgende Information dazu lesen:

 
 
     

Einschub - was sind akademische Ehrentitel?

Für Laien bzw. Ahnungslose hier eine generelle Info zu verliehenen Ehrentiteln mit Zusatz "honoris causa (h.c.)" im akademischen Umfeld anerkannter internationaler Universitäten:

Die Abkürzung h.c. steht bei "Dr. h.c." bzw. "Prof. h.c." für "honoris causa" (lat. "ehrenhalber") und dient zur Kennzeichnung von als Auszeichnungen verliehenen Graden, Bezeichnungen und Titeln, die damit von regulär erworbenen Bezeichnungen (akademische Grade, Amtstitel / -bezeichnungen) abgegrenzt werden.

Die Ehrenwürde soll in erster Linie aufgrund hervorragender Verdienste auf wissenschaftlichem Gebiet verliehen werden.

Die Ehrung wird häufig anlässlich allgemeiner oder unmittelbarer Verdienste um die Hochschule oder die Fakultät verliehen, auch wenn dies in der Regel keine formale Voraussetzung ist.

Ein typischer Fall ist die Auszeichnung eines herausragenden Wissenschaftlers, der sich als Gründungsdekan in besonderer Weise für die Fakultät verdient gemacht hat.

Häufig erfolgt die Verleihung der Ehrenwürde auch aus politischen, finanziellen oder anderen Gründen, bei denen die Exzellenz der wissenschaftlichen Leistungen des Geehrten nicht immer erkennbar ist.

Im internationalen Vergleich handhaben deutsche Hochschulen die Verleihung eher zurückhaltend.

(Quelle: Wikipedia)

     
     

2009 legte Kernspecht zusätzlich eine Promotionsprüfung an der Bulgarischen Universität ab und erwarb sich somit neben seinen "ehrenhalber" verliehenen Titeln den regulär zu tragenden Doktortitel "Doktor der Wissenschaft", gekennzeichnet durch die Buchstabenfolge "Dr. sc.".

Kritik wird aus der freien nicht-kommerziellen Wing Chun Szene laut, dass diese Promotion auf der EWTO-Webseite als bestandene Prüfung zum sog. "Großen Doktor" geschildert wird, die wiederum laut EWTO-Webseite in Bulgarien von der Funktion her mit der in Deutschland üblichen Habilitation zu vergleichen sein soll. Eine Habilitation hat in Deutschland allerdings einen wesentlich höheren Stellenwert als die Promotion.
Es entsteht also der Eindruck, der Doktortitel Kernspechts solle durch solche merkwürdigen Vergleiche unnötig aufgewertet und mit einer Habilitation gleichgestellt werden.

2011 wurde Kernspecht schließlich im Alter von 66 Jahren laut EWTO-Webseite von der Paisij Hilendarski Universität der Titel "Professor emeritus" verliehen, der dort (ebenso laut EWTO-Webseite) seit Bestehen der Universität erst ein "einziges Mal" vergeben worden sein soll.
Es bleibt allerdings unklar, ob mit diesem "einzigen Mal" eben gerade diese Verleihung an Kernspecht gemeint ist, oder ob jemand anderes vorher schon emeritiert wurde, was bei Renteneintritt der Universitätsprofessoren eigentlich zu erwarten sein dürfte.

Wem nicht klar ist, was der Titel "Professor emeritus" bedeutet, kann die nachfolgende Information dazu lesen:

     
     

Einschub - was ist ein emeritierter Professor ("Professor emeritus"):

Für Laien bzw. Ahnungslose hier eine generelle Info zur Bezeichnung "Emeritus" bzw. "emeritierter Professor" im akademischen Umfeld anerkannter internationaler Universitäten:

Der Zusatz "emeritus" (wörtlich: "ausgedient") steht stellvertretend für "Emeritierung" und ist eine Bezeichnung für Hochschullehrer oder Professoren, die aus Altersgründen von der Pflicht zur Wahrnehmung der Alltagsgeschäfte entbunden sind.

Dieser international einheitlich verwendete Zusatz kennzeichnet Professoren, die in den Ruhestand übergegangen sind (Pensionierung) und von ihrer Lehr- und Forschungsverpflichtung zurückgetreten sind.

(Quelle: Wikipedia)

Nachtrag: Rein logisch würde diese Bezeichnung sehr gut zu Keith R. Kernspechts Alter (66) im Jahr der Verleihung (2011) passen, wenn man den Slogan "Rente mit 65" bedenkt.

     
     

Auch hier äußert sich die freie nicht-kommerzielle Wing Chun Szene kritisch und bemängelt, dass die Bedeutung eines "emeritierten" Professors international eindeutig ist. Dennoch soll dieser Titel laut EWTO-Webseite in Bulgarien anders als z.B. in Deutschland nicht die Pensionierung, sondern "verdienter Professor" bedeuten!

In Anbetracht all der Titel, die Kernspecht in den letzten Jahren sowohl im Leung Ting Wing Tsun als auch in Bulgarien aufgehäuft hat (in der EWTO rangiert er als 10. Großmeistergrad (GM - sog. "Master of Comprehension")), bezeichnet er sich derzeit laut EWTO-Webseite somit selbst als "GM (Prof. Prof. h.c. Dr. Dr. h.c.) Kernspecht", was korrekterweise allerdings - wenn solche umfangreichen Titelnennungen überhaupt im Kampfkunstsektor nötig sind - eher GM (Prof. em. Prof. h.c. Dr. h.c. Dr. sc.) Kernspecht heißen müsste.

     
     


Doktorhut und Doktorwürde - GM (Prof.em. Prof. h.c. Dr. h.c. Dr. sc.) Kernspecht dürte also neben seiner Großmeisterkluft mit Recht diesen dargestellten Doktorhut tragen. Sehr schick ...

     
     

Ich erinnere mich bei all dieser Ansammlung von Tätigkeiten, Studiengängen, erlernten Kampfkunststilen, Kampfsportarten, Professorentiteln, Doktortiteln gerne an den Sparkasse Werbespot von 1999, in dem sich zwei Typen Ihre Statussymbole unter die Nase reiben (s.u.).

     
     


Sparkasse Werbespot 1999 "Mein Haus, mein Auto, meine Frau" - Wer hat "den Größten" ist unter Männern ja gerne ein beliebtes Spiel.

     
     

Bedenkt man zusätzlich, dass Ehrendoktorwürden oder Ehrenprofessuren aus Gründen des in Akademikerkreisen geltenden "guten Stils" normalerweise nicht vor den eigenen Namen gesetzt werden und manchmal interessante Rückschlüsse auf den die Titel minutiös aufzählenden Träger zulassen, kann man diese pompöse Titelauflistung Kernspechts recht amüsant finden, zumal die meisten Titel doch lediglich Ehrentitel sind, auf die besser verzichtet werden sollte.

Beispiele für bekannte Personen, die auf Nennung ihrer Ehrentitel lieber verzichten, gibt es übrigens genug.

Da wäre u.a. keine geringere als Bundeskanzlerin Angela Merkel zu nennen, die neben ihrem regulären Physik-Doktortitel (Dr. rer. nat.) 2014 noch 10 weitere Ehrendoktorwürden verschiedener Universitäten (u.a. Jerusalem, Tel Aviv, New Yorker New School for Social Research, der Uni Leibzig, der Radboud Universität im niederländischen Nimwegen, der Frauenuniversität Ewha in Seoul,  und der technischen Universität Breslau) besitzt.

     
     


Bundelkanzlerin Merkel bei der Verleihung eines Ehrendoktortitels - Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommt in diesem Bild die Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv verliehen. Israels größte Universität würdigte damit ihren Einsatz für die Vertiefung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.

     
     

Würde Frau Merkel einen ähnlichen Wert auf ihre Titel wie Kernspecht legen, müsste man sie also mit

Frau Dr. rer. nat. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Dr. h.c. Merkel

ansprechen bzw. anschreiben. Aber das ist der eh zurückhaltenden Bundeskanzlerin dann vermutlich doch zu blöd bzw. unter ihrer Würde.

Aber nicht nur die undurchsichtige Titelauslegung (Prof. em.) Kernspechts wird kritisiert. So wird auch beanstandet, dass seine Promotionsarbeit nicht öffentlich einsehbar ist, wie es sonst für Dissertationen international üblich ist und der Titelerwerb somit für Dritte nicht nachvollziehbar ist. 

Auch steht die Frage im Raum, warum Kernspecht als Deutscher seine wissenschaftliche Arbeit nicht an einer deutschen Universität absolviert hat, sondern sich an eine Universität wendete, die sich in einem Land des ehemaligen Ostblocks zwischen Rumänien, Serbien und dem Kosovo befindet.

Diese Vorgehensweise erzeugt zwangsweise einen gewissen "Beigeschmack".

     
     


2165 km Fahrt von Kiel nach Plovidiv - Man fährt von Kiel nach Plovdiv ganze 2166 km und benötig mindestens einen ganzen Tag Fahrzeit, würde man das Auto nehmen. Warum der Aufwand, wenn man auch an einer anerkannten deutschen Universität promovieren könnte?

     
     

Des Weiteren mutet es reichlich merkwürdig an, dass die Gepflogenheiten dieser bulgarischen Universität im internationalen Vergleich so deutlich anders ausfallen sollen, als es der internationale Standard gebietet.
So wird laut EWTO-Webseite Kernspechts Promotion (Stichwort: "Großer Doktor") mit einer Habilitation verglichen, obwohl Promotion und Habilitation an Universitäten i.d.R. glasklar voneinander getrennte Arbeiten mit stark differierenden Zeitdauern sind.

Zusätzlich wundert es, dass die Promotionsarbeit öffentlich nicht einsehbar ist, obowhl etliche Leute sich mit einer Anfrage an die Universität gewandt haben.

Vergleicht man also Leung Tings Biographie als auch die Biographie seines erfolgreichsten deutschen Schülers Keith R. Kernspecht, sieht man diverse Ungereimtheiten.

Da beide Personen aber vor allem in der deutschen Wing Chun Szene eine gewichtige Rolle spielen bzw. viele Jahrzehnte gespielt haben, ist verständlich, dass diese kontrovers diskutiert werden.

Wie auch immer - denn abgesehen von diesen etwas undurchschaubaren Stellen in den Biographien Leung Tings (Nachfolgerstreit, closed-door-student, etc.) und Keith Kernspechts ist beiden als Duo gelungen, die Wing Chun Interpretation von Leung Ting - also das sog. "Leung Ting Wing Tsun" - stärker zu verbreiten, als es anderen Schülern Yip Mans jemals gelungen ist.

Gerade in Europa und vor allem in Deutschland wird niemand so stark mit Leung Ting Wing Tsun in Verbindung gebracht wie Keith R. Kernspecht.

Ihm ist es zweifellos zuzuschreiben, dass diese Kampfkunst generell in Deutschland eine so enorme Verbreitung gefunden hat. Etliche Lehrer, die heute einen Wing Chun Stil in Deutschland anbieten, profitieren indirekt von dieser Popularität, deren Urheber Kernspecht ist.

Dieser hohe Verbreitungsgrad (so geteilter Meinung die Wing Chun Szene bzgl. Kernspechts Person ist) ist eine bemerkenswerte Leistung für sich und vor dieser enormen Marketingleistung ziehe auch ich vor Respekt meinen Hut!

Wenden wir uns nun dem nächsten Thema zu, wie Kernspecht die Bezeichnung "Wing Tsun" als Wortmarke schützen ließ, welche Auswirkungen das auf einige seiner ehemaligen Schüler hatte und wie versucht wurde, die Marke "Wing Tsun" mittels einer Nichtigkeitsklage teilweise zu löschen.

Hier geht es zum vierten Teil "Kommerzialisiertes Wing Tsun, Markeneintragungen, Nichtigkeitsklagen".

(nach oben)

     
           
    5. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum dritten Teil über Schreibweisen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

(nach oben)

 
 
           
   
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