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1. Teil 2 - Yip Man, die Stil-Schreibweise, Nachfolgerstreit und authentisches Wing Chun

     
     

In diesem zweiten Teil des Artikels über Wing Chun Schreibweisen und kommerzialisiertes Wing Chun beschäftige ich mich mit Yip Man als Ahne vieler Wing Chun Lehrer weltweit und gehe auf die Frage ein, wie es zur Transkription "Wing Chun" aus dem Chinesischen gekommen sein kann.

Weiterhin wird der sog. "Nachfolgerstreit" um das Erbe Yip Mans geschildert und ich gehe der Frage nach, ob es überhaupt "authentisches Yip Man Wing Chun" bzw. "original Wing Chun" gibt oder geben kann.

Viel Spaß!

(nach oben)

 
 
           
    2. Wer hat Yip Man nicht in der Ahnenreihe seiner Lehrer?      
     

Yip Man (* 1. Oktober 1893 in Foshan, China; † 2. Dezember 1972 in Hongkong) war einer der ersten, wenn nicht gar "der erste" Chinese, der Wing Chun als Kampfkunst für Nicht-Chinesen zugänglich gemacht hat und im größeren Stil gegen Geld in Hongkong unterrichtet hat.

 
 
     


Yip Man und seine zwei Söhne - Hier sieht man Yip Man (Mitte) und seine beiden Söhne Yip Ching (links) und Yip Chun (rechts). Beide Söhne kamen erst 1962 Foshan nach Hongkong und lernten ab da erst Wing Chun. Mit anderen Worten begannen die beiden Söhne Yip Mans erst 10 Jahre vor Yip Mans Tod mit Wing Chun.

   
     

Genaueres über Yip Man kann man in diesem Artikel "Yip Man - Urvater vieler Wing Chun-Stilrichtungen weltweit" nachlesen.

Einige prominente Schüler wie beispielsweise Wong Shun Leung, William Cheung, Yip Chun, Yip Ching (die beiden Söhne Yip Mans), Lok Yiu, Lo Man Kam, Moy Yat, Wang Kiu, Hawkins Cheung, Victor Khan und auch der durch seine Filme berühmt gewordene Bruce Lee waren direkte Schüler von Yip Man. Auch Leung Ting will direkter und letzter Schüler von Yip Man gewesen sein.

     
     


Einige der engsten Schüler Yip Mans - 1. Reihe von links nach rechts: Lo Man Kam, William Cheung, Moy Yat, Lok Yiu | 2. Reihe von links nach rechts: Hawkins Cheung, Yip Ching, Yip Chun, Wong Shun Leung | 3. Reihe von links nach rechts: Wang Kiu, Leung Ting, Bruce Lee, Victor Khan

     
     

Verfolgt man nun die Lehrer vieler deutschstämmiger WC-, WT-, VC-, VT-Stilisten über mehrere Lehrergenerationen zurück, so taucht bereits nach wenigen Lehrern in der jeweiligen Lehrer-Ahnenreihe Yip Man auf.

Bekannte Beispiele wären:

  • Samuel Kwok (Wing Chun) - lernte bei Ip Chun, dem Sohn und Schüler Yip Mans
  • Philipp Bayer (Ving Tsun) - lernte u.a. bei Wong Shun Leung, der direkter Schüler Yip Mans war
  • Gary Lam (Wing Chun) - lernte ebenfalls bei Wong Shun Leung
  • Ulrich Stauner (Ving Tsun) - lernte wiederum bei Gary Lam (siehe dort)
  • Keith Kernspecht (Wing Tsun) - lernte u.a. bei Leung Ting, der direkter Schüler Yip Mans gewesen sein soll (s.u.)
  • Etliche Wing Tsun Schüler von Kernspecht, von denen mehrere Kernspecht verlassen haben und nun mit teilweise eigenen Wing Chun Stilen bzw. Schreibweisen aufwarten, wie z.B.:
    • Emin Boztepe (EBMAS - Emin Boztepe Martial Arts System)
    • Hans Jörg Reimers (Wing Tsung, WMAA)
    • Niko Chatzilascaris (Wing Tzun, Fachschulen für Selbstverteidigung)
    • Anastasios "Tassos" Panagiotopoulos (Ving Tshun)
    • Klaus Brand (Wing Chun)
    • Birol Özden (Ving Chun, ALL-AACHT)
    • Martin Dragos (Dragos Wing Tsun, DWT)
    • Sergio Iadarola (Wing Tjun, IWKA)
  • usw.

Man sieht, es bedarf meistens nur eines einzigen Lehrers in der Ahnenreihe, um direkt bei Yip Man zu landen - z.B. Philipp Bayer → Wong Shun Leung → Yip Man.

Auf dem Weg zur Klärung der Bezeichnungsvielfalt für Wing Chun in Deutschland müssen wir allerdings erstmal klären, wie es überhaupt zu der Schreibweise "Wing Chun" kommt?

Dieser Frage gehen wir jetzt nach.

(nach oben)

     
           
    3. Wing Chun - Im internationalen Vergleich die am häufigsten verwendete Schreibweise      
     

Im internationalen Vergleich ist die Schreibweise "Wing Chun" die am häufigsten auftretende Variante der verwendeten Schreibweisen und hat sich als übergreifende Bezeichnung der Kampfkunst weitgehend durchgesetzt.

Doch wie kommt es nun gerade zu dieser Schreibweise?

Ein Grund mag darin zu finden sein, dass Hongkong als Wohnort Yip Mans zu dessen Lebzeiten britisch war und zum "British Commonwealth of Nations" - also England - gehörte.

 
 
     


Das "British Commonwealth of Nations" - ist eine lose Verbindung souveräner Staaten, welche in erster Linie vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland und dessen ehemaligen Kolonien gebildet wird und dessen Gründung auf das Jahr 1931 zurückgeht. Auch Hongkong gehörte dazu, ist aber so winzig klein, dass es auf dieser Karte nicht zu sehen ist.

   
     

Hongkong war also zu Yip Mans Lebenszeit britische Kronkolonie und wurde erst 1997 (25 Jahre nach Yip Mans Tod) an China zurückgegeben.

Die drei in Hongkong gesprochenen Sprachen sind auch heute noch

  • Englisch,
  • Kantonesisch und
  • Hochchinesisch (Mandarin).

Übrigens - die Sprache, die Yip Man gesprochen hat und die Wing Chun und die Technikbezeichnungen des Systems geprägt hat, war kantonesisch. Demnach sind sämtliche Wing Chun Techniken meistens kantonesisch auszusprechen (wobei man nebenbei annehmen kann, dass nur wenige Wing Chun trainierende Europäer bzw. Nicht-Chinesen dies wirklich können).
Ein Beispiel wäre der Begriff "Sifu". Im Kantonesischen spricht man diesen aus, wie er geschrieben wird: "Sifu". Im Mandarin hingegen wird er als "Schifu" ausgesprochen - also mit dem Trigraph "sch".

Genaueres zum Sifu-Titel kann man hier im Artikel "Sifu, der "väterliche Lehrer" - was hat es mit dem Titel "Sifu" eigentlich auf sich?" nachlesen.

Da es für die kantonesische Sprache selbst heute keine einheitlichen, überall anerkannten Transkriptionsregeln zur Übertragung in die lateinische Schrift gibt und erst recht keine solcher Regeln zu Yip Mans Lebzeiten existierten, gab es damals keine Regeln, wie der Name der Kampfkunst zu transkribieren sei.

Aufgrund der Tatsache, dass die Europäer, die als erste Nicht-Chinesen Wing Chun gelernt haben, wahrscheinlich Engländer gewesen sind (wie gesagt: Hongkong war zu Yip Mans Lebenszeit britische Kronkolonie), die in Hongkong gelebt haben, geht auf sie sehr wahrscheinlich die Schreibweise "Wing Chun" zurück.

"Wing Chun" stellt also die phonetische Romanisierung von 詠春 dar, was im kantonesischen "schöner Frühling" bzw. "Ode an den Frühling" bedeutet.

Dementsprechend ist anzunehmen, dass die Schreibweise "Wing Chun" vermutlich die erste von Europäern genutzte Schreibweise für diesen Kampfkunst-Stil ist und bereits lange vor Yip Mans Ableben (1972) von Nicht-Chinesen in Gebrauch war.

Obwohl "Wing Chun" mittlerweile die am weitesten verbreitete Schreibweise weltweit ist, ist erwähnenswert, dass die "Ving Tsun Athletic Association" 1966 auf einen Vorschlag Yip Mans hin von seinem Sohn Yip Chun und sechs weiteren Schülern in Hongkong gegründet wurde.

     
     


Hauptquartier der Ving Tsun Athletic Association in Hongkong - Das "V" in Ving Tsun soll von "Victory" (engl. "Sieg") abgeleitet worden sein. Wenn man sich das heruntergekommene Schild in der Namestafel anschaut, sieht das allerdings nicht so recht nach Sieg aus.

     
     

Yip Man verwendete also statt "Wing Chun" bewusst die Transkription "Ving Tsun" für die Kampfkunst. Hintergrund für diese Namenswahl soll vermutlich das "V" von Victory (engl. "Sieg") gewesen sein.

Einige Schüler Yip Mans wie z.B. Wong Shun Leung und Moy Yat übernahmen diese Schreibweise, weswegen die Schreibweise "Ving Tsun" von manchen Lehrern als übergreifende Bezeichnung aller auf Großmeister Yip Man zurückgehenden Stile interpretiert wird.

Man kann also festhalten:
Engländer (also Europäer) sind vermutlich für die Transkription "Wing Chun" verantwortlich, da der Laut "TSCH" im Englischen mit "CH" geschrieben wird.
Yip Man selbst wählte unabhängig davon für seinen Stil "Ving Tsun", womit bereits im 20. Jahrhundert zwei romanische Schreibweisen existierten. Hier beginnt also bereits die Bezeichnungsvielfalt.

Verantwortlich für die enorme Zunahme an Stil-Schreibweisen sind aber vor allem Yip Mans eigene Schüler und deren nachfolgende Schülergenerationen.

Schauen wir daher nun ein wenig auf den Zeitpunkt nach Yip Mans Tod und den kurz darauf entbrannten "Nachfolgerstreit" um das Wing Chun Erbe von Yip Man.

(nach oben)

     
           
    4. Yip Mans Ableben und der Nachfolgerstreit - wer ist der wahre Erbe Yip Mans?      
     

Als Yip Man schließlich starb, war er 79 Jahre alt. Eine ärztliche Untersuchung hatte als Folge seiner langen Rauchgewohnheiten (Yip Man soll opiumsüchtig gewesen sein) als Diagnose "Kehlkopfkrebs" ergeben. Sein körperlicher Verfall konnte von Tag zu Tag beobachtet werden.

Obwohl er der Krankheit gelassen entgegentrat, weiterhin seinen Optimismus bewahrte und regelmäßig im Teehaus anzutreffen war, war es dann doch am 02.12.1972 soweit und Yip Man erlag seiner Krankheit.

 
 
     


Yip Mans Beerdigung - Hier sehen wir Bruce Lee (Bildmitte, dunkles Hemd), wie er Yip Man an dessen Beerdigung die letzte Ehre erweist.

   
     

Nach Yip Mans Ableben im Jahr 1972 entbrannte unter seinen Schülern der sogenannte "Nachfolgerstreit" - dabei stritten sich die engsten seiner Schüler, wer am ehesten von sich behaupten könne und dürfe, er habe das System vollständig von Yip Man erlernt und sei daher als dessen "Wing Chun Erbe" anzusehen.

Wer sich über diesen Nachfolgerstreit informieren möchte, klickt dazu auf diesen Link hier http://vingtsun.virtue.nu/. Sollte die Seite aber mittlerweile gelöscht worden sein und nicht mehr existieren, findet man hier einen Screenshot der Seite von 2009.

Bei dem Berühmtheitsgrad, den Yip Man bis 1972 erreicht hatte, war offensichtlich, dass mit der Frage um die Nachfolge nicht nur die selbstlose Absicht verbunden war, Wing Chun weiter zu verbreiten, sondern auch entsprechendes Geld zu verdienen.

Wie nicht anders zu erwarten, zersplitterte infolge dieser reichlich dummen Streitereien aufgrund von wirtschaftlichen Interessen und Egoproblemen der von Yip Man aufgebaute Gruppenzusammenhalt, woraufhin viele seiner Schüler ihrer eigenen Wege gingen und später in eigens dafür gegründeten Organisationen ihre eigenen Interpretationen von Wing Chun unterrichteten.

Um sich von den anderen ehemaligen Trainingspartnern abzugrenzen, wählten viele der Schüler unterschiedliche Schreibweisen für den vormals doch weitestgehend gleichen bei Yip Man gelernten Stil.

Lo Man Kam gründete beispielsweise die "Wing Chun Kung Fu Association", Wong Shun Leung behielt die Bezeichnung "Ving Tsun" bei, während z.B. Leung Ting und sein späterer deutscher Partner Keith R. Kernspecht die Schreibweise "Wing Tsun" wählten.

Die zunehmende Bezeichnungsvielfalt nimmt also nach Yip Mans Tod weiter ihren Lauf, da wir nun schon

  • Wing Chun
  • Ving Tsun und
  • Wing Tsun

unter den Schülern Yip Mans vorfinden können. Der Grund war stets die Abgrenzung von den ehemaligen Trainingspartner bzw. Mitschülern ein und desselben Lehrers innerhalb ein und desselben Stils: Yip Man Wing Chun.

Doch gibt es eigentlich einen "wahren Erben" Yip Mans?

Gibt es jemanden, der mit Fug und Recht behaupten kann, "authentisches Yip Man Wing Chun" vermitteln zu können?

Dieser Frage wollen wir jetzt nachgehen.

(nach oben)

     
           
    5. "AUTHENTISCHES YIP MAN (IP MAN) WING CHUN" - gibt es das überhaupt?      
     

Jede Kampfkunst hat ihre ganz eigene "Galionsfigur" bzw. ihr "Aushängeschild". Im Judo ist dies der Gründer Jigorō Kanō, im Shotokan Karate ist es Gichin Funakoshi und im Aikido bezieht man sich auf Morihei Ueshiba.
Diese Stilgründer bzw. großen Lehrer dienen als Vorbild und werden in der jeweiligen Gemeinde von den Trainierenden sehr verehrt.

Im Wing Chun gibt es ebenfalls eine Galionsfigur, denn man bezieht sich besonders gerne auf Yip Man und bringt die Kampfkunst vor allem mit ihm in Verbindung.

Zusätzlich haben einige Filme (z.B. "Ip Man 1" von 2008 und "Ip Man 2" von 2010) diesen Zusammenhang in den letzten Jahren unterstrichen. Nicht zuletzt verstärkte die Berühmtheit von Bruce Lee, der ein Schüler Yip Mans war, Yip Mans weltweiten Bekanntheitsgrad.

 
 
     


Yip Man und Bruce Lee - Bruce Lee gilt zweifelsfrei als einer der berühmtesten Schüler Yip Mans. Man kann mit Recht annehmen, dass Yip Man posthum ebenfalls von Bruce Lees Ruhm profitiert haben mag.

   
     

Es gibt nun etliche Wing Chun Lehrer, die Yip Mans Bekanntheitsgrad, seinen Ruhm, seinen Namen etc. für sich verwerten wollen, indem sie sich mit "fremden Lorbeeren Yip Mans" zu schmücken versuchen.

Zu diesem Zweck behaupten sie, "authentisches Yip Man Wing Chun" bzw. "original Yip Man Wing Chun" zu unterrichten und anzubieten.

     
     


Authentisches Yip Man Wing Chun - Yip Man ist nun seit 1972 Tod. Das sind einige Jahrzehnte bis zum heutigen Datum. Da fragt man sich doch ernsthaft, wie viele Lehrer, die 1972 noch nicht einmal geboren waren, auf die Idee kommen können, Ihr Wing Chun "authentisches Yip Man Wing Chun" zu nennen? Und das ist vermutlich das einzige, wahre und echte Wing Chun á la Yip Man und man hat noch irgendwo das Zertifikat, mit dem Yip Man die Echtheit bestätigt, richtig?

     
     

Verstärkt wurde der Hype um Yip Man durch die oben erwähnten Filme "Ip Man 1" und "Ip Man 2", in denen Donnie Yen als Hauptdarsteller Yip Man verkörperte.

In den Filmen wurden schön choreographierte und sauber einstudierte Kampfszenen gezeigt, in denen Donnie Yen geradezu unmöglich zu gewinnende Kämpfe mühelos und unverletzt übersteht, wohingegen alle seine Gegner von ihm besiegt werden.

Bei jugendlichen Kinobesuchern lösten diese Filme den Wunsch aus, Wing Chun zu lernen, um genauso "toll kämpfen zu können wie Yip Man". Man konnte in den Jahren 2008 - 2011 dementsprechend regen Zulauf im Wing Chun verzeichnen, da viele Interessenten gerade diese Filme gesehen hatten.

Einige Lehrer waren also bestrebt, den Hype um die Filme und um Yip Man für sich zu nutzen.

Dumm nur, dass die chinesische Produktionsfirma entschlossen hatte, den Film nicht "Yip Man" (wie er in Deutschland bis dato hauptsächlich geschrieben wurde) zu nennen, sondern den Film "Ip Man" zu betiteln.

Dieses Problem wurde kurzerhand gelöst, indem "authentisches Ip Man Wing Chun" bzw. "original Ip Man Wing Chun" angeboten wurde bzw. wird, indem man einfach die Schreibweise von "Yip" zu "Ip" änderte.

Diese Trittbrettfahrerei ist schon recht amüsant aber auch albern zugleich.

Denn es bleibt die Frage bestehen, ob es eigentlich wirklich "authentisches Yip Man Wing Chun" bzw. "original Yip Man Wing Chun" gibt oder ob das Ganze nicht einfach Augenwischerei bzw. schlichtweg nicht sauber durchdacht ist?

Meiner Meinung nach gibt es heutzutage kein "authentisches Yip Man Wing Chun" bzw. "original Yip Man Wing Chun". Der Einzige, der "authentisches Yip Man Wing Chun" bzw. "original Yip Man Wing Chun" praktiziert hat, war Yip Man selbst.

Wieso?

Jeder, der ernsthaft Kampfsport bzw. Kampfkunst betreibt, weiß, dass er sein Wissen mit den Trainingsjahren stetig ausbaut und sein Technikrepertoire kontinuierlich erweitert.

Zusätzlich altert man mit der Zeit. Der Körper ist mit 40 Jahren nicht mehr so fit und leistungsstark wie mit 20; und mit 65 Jahren nicht mehr so fit und flexibel wie mit 40 - man muss also seine Techniken den Gegebenheiten des Alters anpassen.

Entsprechend wird man sein Repertoire an die eigenen Möglichkeiten von Körperkraft, Flexibilität, Geschwindigkeit, etc. anpassen müssen.

Zusätzlich reift der Geist, die Erfahrung wächst, man vertieft sein theoretisches Verständnis und ändert vermutlich (mit fortschreitendem Alter) sein Training, setzt andere Betonungen, kreiert neue Übungen, lässt alte Übungen weg.

Yip Man soll mit sieben Jahren sein Wing Chun Training begonnen haben und es bis zu seinem Tod ausgeübt haben - wie bekannte Filmaufnahmen und Fotos wenige Wochen vor seinem Tod bestätigen.

Man kann logischerweise davon ausgehen, dass er in den 72 Jahren (7 Jahre bis 79 Jahre) seines Wing Chun Trainings und seiner Alterung vom 20- über 40- und 60-Jährigen bis hin zum fast 80-Jährigen starke Wandlungen in seiner Wing Chun Interpretation vorgenommen hat.

Dies wird von seinen ehemaligen Schüler so auch bestätigt!

Bekannterweise begann Yip Man 1949 in Hongkong zu unterrichten und zog sich 1970 vom Unterricht zurück. In den 21 Jahren seines Unterrichts unterrichtete er zahllose Schüler und war häufig gezwungen, den Unterrichtsort zu wechseln.
Entsprechend stammen die Schüler Yip Mans teilweise aus völlig unterschiedlichen Unterrichtsperioden. Manche erlebten Yip Man gleich zu Beginn des Unterrichts im Jahre 1949, andere wiederum kamen erst später dazu, als Yip Man schon kurz vor dem Ende seiner Karriere stand.

Verglichen Schüler aus unterschiedlichen Unterrichtsperioden später ihr von Yip Man gelerntes "authentisches Yip Man Wing Chun", so stellten sie fest, dass es teils gravierende Unterschiede in den Lehrinhalten gab.

Es gab also keine 100% deckungsgleichen Inhalte - Yip Man hatte logischerweise zwischen 1949 und 1970 sein Training angepasst - sei es aus Erfahrung oder um seinem fortgeschrittenen Alter Rechnung zu tragen.

Was sagt uns das?

Ganz einfach, es kann kein "authentisches Yip Man Wing Chun" geben!

Was man stattdessen bei Yip Man zu einem gegebenen Zeitpunkt erlernen konnte, war eine Wing Chun Interpretation, die dem Lebensabschnitt entsprach, in dem Yip Man sich zu dem gegebenen Zeitpunkt selbst befand - sozusagen eine "Momentaufnahme".

Diese Überlegung ist nicht nur für Yip Man zutreffend, sondern gilt meines Erachtens für jeden Wing Chun Lehrer weltweit.

Je nach Erfahrung, Wissen, Technikrepertoire und Alter ist das Wing Chun jedes Lehrers ständig in Veränderung begriffen. Zwar können Techniken in "Programmen" teilweise fixiert sein, dennoch können sich neue Erkenntnisse zu alten Techniken mit der Zeit einstellen und die Sichtweise (grundlegend) verändern.

Im Unterschied zu anderen Kampfsportarten gibt es gerade im Wing Chun kein "einheitliches Wing Chun" und keinen feststehenden Trainingsplan, an den man sich weltweit orientieren kann. Im Wing Chun verhält es sich in dieser Hinsicht anders als beispielsweise im Judo.

Judo wird in unterschiedlichen Judo-Verbänden weltweit unterrichtet. Obwohl diese Verbände weitestgehend eigenständig agieren, orientieren sie sich dennoch an dem "Kōdōkan", der ältesten und bedeutendsten Judo-Schule der Welt, deren Sitz sich im Tokioter Stadtbezirk Bunkyō (Japan) befindet und 1882 vom Begründer des Judo Jigorō Kanō, gegründet wurde.

Als bedeutendste japanische Judo-Schule gibt das Kōdōkan die Richtlinien vor, an denen sich weltweit die Judo-Verbände orientieren. Der Kōdōkan hat damit auch die Funktion, die Reinheit des Judo zu wahren, wie es Jigorō Kanō gelehrt hat.

Anders als im Judo gibt es im Wing Chun solch eine "Urschule" zur Vorgabe von Richtlinien, was Wing Chun zu sein hat, bzw. wie es zu unterrichten ist oder welche Techniken, Formen, etc. zum Wing Chun Curriculum zu gehören haben leider nicht!

Auch hat Yip Man keine "Richtlinien" hinterlassen oder einen Schüler benannt, der die Reinheit seiner Lehre bewahren soll.

Stattdessen sind Wing Chun und all seine weltweit vertretenen Stile (WT, VT, VC, WC) vielmehr ein zersplitterter Haufen eigenständiger Schulen und kleiner, mittelgroßer oder größerer Verbände, in denen jeder Lehrer bzw. Verbandsleiter tut und lässt, was ihm passt. Keiner ist keinem verpflichtet und einheitliche internationale Richtlinien existieren schon gar nicht.

Wer also "DAS ORIGINALE WING CHUN", das "UR-WING CHUN" oder "AUTHENTISCHE WING CHUN" bzw. "AUTHENTISCHES YIP MAN WING CHUN" sucht oder lernen will, wird dieses nie finden können.

Vielmehr kann man davon ausgehen, dass jeder Lehrer oder Verbandsleiter sein Wing Chun kontinuierlich anpasst - sei es aus wachsender Erfahrung oder um sein zunehmendes Alter mit der einhergehenden Schwäche zu berücksichtigen.

Genügend Beispiele dafür gibt es zuhauf!

Ein passendes Beispiel in Deutschland ist sicher Keith R. Kernspecht, der sich 2014 mit 69 Jahren deutlich weicher bewegt, als es 1979 sicherlich der Fall war, als Kernspecht mit 35 Jahren noch in der Lage war, 200 kg an der Schnell'schen Drückmaschine zu drücken.

Während Kernspecht nach seiner Bodybuilding-Phase im Alter von 40 vermutlich noch sehr leistungstark war und viele Stunden Chi Sao mit Druck verkraftete, dürfte sein Krafteinsatz und seine Fitness im Vergleich zur Jugendzeit heute deutlich anders aussehen.
Zahlreiche Videos auf Youtube belegen, dass er mittlerweile extrem weich arbeitet und sich mehr und mehr auf einfache "Schubsprogramme" fokussiert, während seine Schüler ihn aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und vermutlich aus Respekt und Achtung lediglich nur noch sachte bis gar nicht mehr angreifen.

Wer also heute bei Keith R. Kernspecht Wing Tsun lernt, wird einem völlig anderen und extrem weichen Wing Tsun begegnen, als es z.B. 1980-1990 der Fall war.

Das Gleiche gilt somit generell für die EWTO, die in den 80er und 90er Jahren deutlich kämpferischer agierte, als es heute der Fall zu sein scheint. Vergleichen Schüler der 80er und 90er Jahre ihr EWTO-WT mit Schülern von 2014, werden sie große Unterschiede feststellen und das alte Programm kaum noch wiedererkennen bzw. wiederfinden.

Ein anderes gutes Beispiel in Deutschland, das sehr gut über käufliche Videos bzw. Youtube-Videos nachvollzogen werden konnte, ist Martin Dragos und das von ihm betriebene "Dragos Wing Tsun".
Anfangs noch angelehnt an das von ihm ursprünglich in der EWTO erlernte "Leung Ting Wing Tsun" hat Martin bis heute ein sich ständig in irgendeiner Entwicklung begriffenes individuelles Wing Tsun kreiert, dass er entsprechend konsequent "Dragos Wing Tsun" nennt - was also als die "Wing Tsun Interpretation von Martin Dragos" zu verstehen ist.

Obwohl er die von Kernspecht geschützte Wortmarke "Wing Tsun" verwendet und lediglich seinen Namen "Dragos" davorsetzt (was bzgl. Legalität innerhalb dieses gesamten Artikel noch diskutiert wird) hat sein Wing Chun-Stil mit dem anfangs erlernten Leung Ting Wing Tsun nicht mehr viel gemein.
Merkwürdig, dass Dragos nicht die freie Bezeichnung "Wing Chun" verwendet, sondern durch die Bezeichnung "Wing Tsun" immer noch auf das Kernspecht'sche markenrechtlich abgesicherte "Wing Tsun" verweist, von dem er sich doch weitestgehend gelöst haben möchte.

Man kann also festhalten - es gibt genauso wenig ein "AUTHENTISCHES YIP MAN WING CHUN" wie es generell "DAS WING CHUN" gibt.

Vielmehr ist jedes Wing Chun Angebot eine individuelle Interpretation des jeweiligen Lehrers, da dieser zwar Lehrinhalte, die er selbst einstmals von seinem Lehrer gelernt hat, weitergibt aber dabei seine eigene "Würze" in Form von eigenem Verständnis, eigenem Bewegungstaltent, Interpretation, etc. hinzufügt.

Wing Chun ist also je nach Lehrer ein sich ständig in Wandlung befindendes System, wobei jeder seine ganz eigene Interpretation von Wing Chun unterrichtet.

Es wäre also durchaus für Laien förderlich, wenn man statt beliebiger Stil-Schreibweisen wie z.B.

  • Wing Chun
  • Wing Tsun
  • Ving Chun
  • Wing Tjun
  • Ving Tshun
  • etc.

einfach den meistverbreiteten Oberbegriff "Wing Chun" verwenden würde und diesen einfach mit dem Namen des jeweiligen Interpreten versehen würde. Zum Beispiel so:

  • "Dragos Wing Chun"
  • "William Cheung Wing Chun"
  • "Gary Lam Wing Chun"
  • "Klaus Brand Wing Chun"
  • "Kernspecht Wing Chun"

So wäre automatisch klar, dass es sich um die individuelle Interpretationen des Systems je nach Lehrer handelt.

Dummerweise läuft es so nicht.

Vielmehr findet man vor allem in Deutschland eine Vielzahl total verwirrender Wing Chun Schreibweisen (wie anfangs erwähnt: Wing Chun, Wing Tsun, Wing Tsung, Wing Tzun, Ving Chun, Ving Tsun, Wing Tjun, Ving Tshun, Wing Tsjun), hinter denen häufig ganz spezielle Personen stehen, die sich nicht selten die Schreibweise auch noch markenrechtlich gesichert haben.

Werfen wir nun im nächsten Teil 3 dieses Artikels einen Blick auf Leung Ting und Keith R. Kernspecht, die als Team hauptsächlich zur Verbreitung der Variante "Wing Tsun" in Deutschland beigetragen haben und wie Kernspechts Markenschutz für "Wing Tsun" die große Anzahl an Stil-Schreibweisen hervorgerufen hat.

Hier geht es zum dritten Teil "Leung Ting, Keith R. Kernspecht, Leung Ting Wing Tsun und die EWTO".

(nach oben)

     
           
    6. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum zweiten Teil über Schreibweisen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

(nach oben)

 
 
           
   
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