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1. Unterschiedliche Meinungen, Wünsche und Vorstellungen

     
     

Will man Wing Chun erlernen, benötigt man einen Wing Chun Lehrer bzw. Trainer. Doch was zeichnet einen geeigneten bzw. qualifizierten Lehrer/Trainer aus?

Ist es sein großes Wissen?

Seine Graduierungen, seine Titel oder seine Kampfkraft?

Seine Perfektion in der Ausführung von Wing Chun Techniken bzw. Bewegungen?

Seine Fähigkeit, Leute über sein Charisma bzw. seine Ausstrahlung anzuziehen?

Oder ist es die Fähigkeit der Vermittlung von Wissen, die einen guten Wing Chun Lehrer ausmacht?

   
     


Was zeichnet einen guten Lehrer aus?- Um Wing Chun erlernen zu können, benötigt man einen guten Lehrer, Trainer, Coach, etc. ... jemanden, der die Inhalte des Systems qualitativ hochwertig vermitteln kann. Doch was macht einen guten Lehrer aus?

   
     

Offensichtlich gehen hier die Meinungen auseinander ...

Daher möchte ich das Thema "Qualitäten eines guten Wing Chun Lehrers" in diesem Artikel etwas näher diskutieren.

Jeder muss sich letzten Endes eine eigene Meinung bilden, was für ihn wichtig ist und im Unterricht eine Rolle spielt.

(nach oben)

     
           
    2. Wer kein Wissen vermitteln kann, kann kein Lehrer sein      
     

Die allgemeingültige Definition des "Lehrers" heruntergebrochen auf das Wesentliche besagt, dass es sich um "eine Person handelt, die kraft ihrer höheren Kompetenz auf bestimmten Gebieten anderen etwas beibringt bzw. andere etwas lehrt."

Dieser Lehrerbegriff, der sich aus dieser einfachen Definition ableiten lässt, ist natürlich kein geschützter Begriff. Demnach kann sich grundsätzlich jeder als Lehrer bezeichnen, der sich in der Phase der Vermittlung von Wissen, Können, Lebensweisheiten, Ausbildung oder Bildung befindet.
Beispielsweise ist ein erfahrenerer Schüler, der einem unerfahreneren Schüler etwas vermittelt - sei es eine einfache Technik, eine Bewegung, einen theoretischen Aspekt - im Augenblick der Vermittlung selbst der Lehrer.

Nichtsdestotrotz gibt es in der Qualität und der Qualifikation eines Lehrers deutliche Unterschiede - sicherlich eine triviale Aussage.

So besagt ein altes chinesisches Sprichwort: "Ein einfacher Lehrer erklärt Dinge. Ein guter Lehrer veranschaulicht Dinge. Aber ein wahrhaft großer Lehrer inspiriert seine Schüler."

Vermutlich kann man es nicht besser auf den Punkt bringen ...

   
     


Yip Man (Ip Man), Lehrer von Bruce Lee - Yip Man war der Lehrer von Bruce Lee und gilt als der "Urvater bzw. Urlehrer" heutiger Wing Chun Stile weltweit. Hier sieht man ihn auf den zwei berühmten Aufnahmen, wie er mit Bruce Lee Chi Sao praktiziert.

     
     

Wer schon mal versucht hat, Wing Chun zu unterrichten, weiß, dass es alles andere als leicht ist, Wing Chun Inhalte zu erklären.

Wing Chun Arbeitsweisen dieses auf Konzepten und Prinzipien basierenden Systems durch Parallelen und Beispiele zu veranschaulichen und damit einerseits zu vereinfachen und zugleich besser verständlich zu machen, ist noch schwerer.

Besitzt der Lehrer ein großes Wissen, kann dieses aber nicht weitergeben, hat sein ganzes Wissen für den Schüler keinen Wert!

Ein Lehrer, der über großes Fachwissen verfügt, es aber nicht vermitteln kann, ist weniger ein Lehrer als vielmehr ein Experte - aber im schlimmsten Fall ist er ein "Fachidiot".

Dabei ist die allgemeingültige Logik sicherlich trivial:

"Wer kein Wissen vermitteln kann, kann kein Lehrer sein - und sollte auch kein Lehrer sein."

So einfach ist es ... und auch so logisch!

(nach oben)

     
           
    3. Sind Graduierungen, Titel oder Siege im Wettkampf Merkmale eines guten Lehrers?      
     

Jeder Kampfsportler hat irgendwann einmal mit dem Training begonnen und einen Lehrer bzw. einen Verein gesucht. Aber wen sucht man eigentlich, wenn man am Anfang seiner Kampfsport- bzw. Kampfkunstausbildung steht?

Als ich zum Beispiel mit 14 Jahren mit Kampfsport begann und quasi "noch grün hinter den Ohren war", musste die Graduierung des Lehrers schön hoch sein (z.B. mehrfacher Dan-Grad / Schwarzgurt), sein Titel sollte großartig klingen (z.B. Sifu, Meister, Großmeister) oder er sollte einen berüchtigten Ruf als harter Kämpfer haben oder generell vielen Leuten bekannt sein.
Das war der Typ von Lehrer den ich damals haben wollte ... man hatte als Jugendlicher schließlich sofort das Gefühl, dass die Fähigkeiten, Graduierungen, Titel des alten, erfahrenen Lehrers - so großartig alles klang - auf einen abfärben würden.

Mittlerweile habe ich soviele Erfahrungen im Kampfsportbereich gemacht, dass ich meine eigene damalige Einstellung heute mehr oder weniger wohlwollend als "jugendlich naiv" bezeichnen würde.

Denn was sagt eine Graduierung, ein Titel oder die Kampffähigkeit über die didaktischen Fähigkeiten des Lehrers aus?

Heute nach etlichen Lehrern und Kampfsporttraining seit 1987 weiß ich: "Wenig - bis gar nichts!"

Werfen wir daher einen Blick auf den Wert von Graduierungen, Titeln oder Kampfkraft und zwar mit Bezug auf deren Auswirkungen auf die Tätigkeit des Lehrers.

(nach oben)

   
           
    4. Dienen Graduierungen als Lehrbefähigungskriterium?      
     

In vielen Kampfsportarten und Kampfkünsten wird das vermittelte Wissen portioniert vermittelt. Die einzelnen Unterrichtsblöcke werden anschließend abgeprüft. Der Prüfling, der den jeweiligen Unterrichtsblock verinnerlicht hat und in ausreichend hoher Qualität während der Prüfung zeigen konnte, bekommt eine Graduierung zugesprochen. Dies kann ein Gürtel mit einer bestimmten Farbe, ein Abzeichen, eine Schärpe oder ein anderes Graduierungsabzeichen sein.

Graduierungen sagen allerdings lediglich aus, dass der Träger zu einem bestimmten Zeitpunkt (in der Regel am Tag der Prüfung) gewisse Prüfungskriterien erfüllt hat. Er hat ausreichend trainiert, hat sich gut auf die Prüfung vorbereitet und hat seine Techniken am Prüfungstag so beherrscht, dass er die Anforderungen des Prüfers erfüllt und somit seine Prüfung bestanden hat.

Da die "Lehrbefähigung" i.d.R. kein Prüfungsthema bei Graduierungsprüfungen ist, lässt eine Graduierung kein Urteil zu, wie gut derjenige unterrichten bzw. sein Wissen vermitteln kann.
Liegt die Graduierung schon länger zurück, kann man sogar davon ausgehen, dass der Graduierte aktuell nicht mehr so fit ist, wie er es am Tag der Prüfung war. Es ist also zu erwarten, dass Graduierungen an Wert verlieren, wenn man auf der Graduierungsstufe stehen bleibt, keine weiteren Graduierungen anstrebt und lediglich trainiert, um das Niveau (ansatzweise) zu halten.

Hohe Graduierungen sind also weniger ein Nachweis von didaktischem Geschick als vielmehr ein Ausweis für eine gewisse "technische Expertise".

Wie sieht es nun mit dem Wert von Graduierungen speziell im Wing Chun aus?

Leider ist gerade im Wing Chun und seinen Derivaten WT, VT, VC die Aussagekraft bzw. Belastbarkeit von Graduierungen recht dürftig!

   
     


Graduierungen im Wing Chun haben keine wirkliche Aussagekraft - Graduierungen werden nach Prüfungen vergeben - die meisten Prüfungen im Wing Chun (WT, VT, VC, etc.) sind allerdings häufig schlapp. Es gibt auch keine einheitlichen Standards. Dementsprechend weiß man überhaupt nicht, was die Graduierung einzelner Wing Chun Trainierender wirklich bedeutet.

     
     

Wie ich bereits an anderer Stelle dieser Webseite geschrieben habe, gibt es in Deutschland bzw. weltweit etliche Wing Chun Stilarten. Es gibt aber leider kaum schul- oder verbandsübergreifenden einheitlichen Prüfungskriterien - wenn es diese überhaupt gibt ...

Teilweise wird zwar geprüft, aber in vielen Verbänden reicht es schon aus, Prüfungsgebühren gezahlt zu haben und anschließend lediglich an den großen Verbandslehrgängen teilzunehmen - das gilt i.d.R. vor allem für größere Verbände.

Viele WT'ler kennen das Phänomen, bei denen Prüfungen auf großen Lehrgängen abgenommen werden. Dort steht man mit 40, 50, 100, 200 oder sogar mehr Schülern herum. Der Prüfer kommt kurz vorbei, testet die eine odere andere Technik und geht weiter zum nächsten Schüler.

Es sind soviele Teilnehmer, dass eine sinnvolle Prüfung nicht stattfinden kann. Dennoch bekommt jeder am Ende des Lehrgangs schließlich seine Urkunde - man hat bestanden!

Die Frage ist nur - was hat man überhaupt bestanden? Denn eine richtige Prüfung sieht definitiv anders aus ...

Vergleicht man solche Prüfungen mit Prüfungen aus anderen Kampfsportarten bzw. Kampfkünsten, kann man im Vergleich die Wing Chun Prüfungen meistens bzgl. Härte, Detailgenauigkeit, Umfang, etc. vergessen. Sie sind einfach nicht hart genug bzw. prüfen den Prüfling nicht umfassend genug.

Eine Ursache dieses Prüfungsgebarens ist häufig darin zu finden, dass der Lehrer mit seinen Mitgliedern Geld verdienen will.
Viele Lehrer schaufeln entsprechend endlos viele Schüler in ihre Schulen hinein, wobei einige der neuen Mitglieder für Kampfsport / Kampfkunst überhaupt nicht geeignet sind. Die Fitness und innere Härte sind nicht vorhanden, Ausdauer, Disziplin, Koordinationsfähigkeiten, etc. fehlen ... es mangelt auf den ersten Blick an diversen Stellen, die für Wing Chun aber unverzichtbar sind.

Es besteht logischerweise die Gefahr, dass solche Schüler, die eher wenig im Wing Chun verloren haben, bei "anspruchsvolle Prüfungen" durchfallen. Aus Frust und Enttäuschung über das Ergebnis - das sich evtl. mehrfach wiederholt - stellt sich früher oder später die Erkenntnis ein, dass Kampfsport / Kampfkunst doch nicht das richtige für sie ist. Sie kündigen und es entstehen finanzielle Einbußen für den Lehrer.
Um diesen finanziellen Verlust zu vermeiden, werden viele Prüfungen recht einfach abgehalten - dem Schüler wird lieber anhand der Graduierungen die Illusion vorgegaukelt, er könne tatsächlich kämpfen bzw. sich im Ernstfall selbst verteidigen.

Was ich hier als simples Beispiel für merkwürdiges Prüfungsverhalten im Wing Chun beschreibe, erscheint dem Leser evtl. wie ein Witz, ist aber leider Realität!

Ich habe etliche Stunden an Videomaterial von Prüfungen diverser früherer namhafter WT-Verbände, in denen ich selbst trainiert habe. In diesen sieht man auf ernüchternde Art und Weise exakt das beschriebene Prüfungsverhalten.

Solch Prüfungsgebaren scheint keine Ausnahme einiger weniger Wing Chun (VT, VC, WT, etc.) Schulen bzw. Verbände oder Organisationen zu sein. Nach etlichen Gesprächen mit Wing Chun Trainierenden aus den unterschiedlichsten Schulen und Verbänden Deutschlands kann man Prüfungen im Wing Chun meistens nicht ernst nehmen. Wenn geprüft wird, wird das Programm i.d.R. nicht vollständig geprüft und generell scheint zu schwach geprüft zu werden.

Festhalten kann man also: Graduierungen im Wing Chun sind meistens recht fragwürdig und quasi ohne Aussagekraft!

Ich persönlich gebe nach allem, was ich erlebt habe, nichts mehr auf Graduierungen im Wing Chun. Sie sind für mich komplett wertlos, weshalb ich in meiner Schule ebenfalls von Graduierung Abstand genommen habe.

Wenn Graduierungen auch den einen oder anderen erfreuen mögen - ein Kriterium für die didaktischen Fähigkeiten des Wing Chun Lehrers sind sie ganz sicher nicht!

Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, aus den Graduierungen eines Lehrers auf seine didaktischen Fähigkeiten zu schließen, ohne diese ausführlich geprüft zu haben!

(nach oben)

     
           
    5. Sind Titel (Meister, Großmeister, Sifu, Dai-Sifu, etc.) Lehrbefähigungskriterien?      
     

Neben Graduierungen werden Titel ebenfalls als Lehrbefähigungskriterien misinterpretiert.

Sollte ein Lehrer, der sich mit einem großartigen Titel wie "Großmeister, Meister, Sifu oder Dai-Sifu" schmückt nicht auch ein ebenso großartiger Top-Lehrer sein?

Um vorzugreifen, möchte ich gleich festhalten: Titel wie beispielsweise Großmeister, Meister, Sifu, Dai-Sifu oder was es sonst noch so an "Pomp-und-Tralala-Titeln" im Wing Chun gibt, sagen noch weniger als Graduierungen über die didaktischen Fähigkeiten des Wing Chun Lehrers aus!

Wie gesagt gibt es weltweit die unterschiedlichsten Wing Chun Stilarten und die verschiedensten Wing Chun Schreibweisen (Wing Tsun, Wing Chun, Ving Tsun, Ving Chun, Ving Tshun, Wing Tjun, etc. - um nur einige wenige bizarre Wing Chun-Namenskonstrukte zu nennen).

Bedenkt man, dass es bei all dieser Vielfalt keine einheitlichen Standards zwischen all diesen Stilen gibt, ist klar, dass ein ziemlicher Wildwuchs innerhalb des Systems existiert. Daraus resultiert, dass jeder in seiner kleinen Schule bzw. seinem Verband machen kann, was er will und sich nennen kann, wie er will. Und so geschieht es auch ...

Bedeutet:
Jeder "Wing Chun Hanswurst" kann sich Meister, Großmeister, Sifu oder Dai-Sifu nennen oder sich einen x-beliebigen pompösen Titel geben - und diesen Titel druckt er sich dann am besten gleich selbst aus und hängt ihn an das Brett vor seinem Kopf.

   
     


Titel im Wing Chun kann man sich am ehesten an das dicke Brett vor dem eigenen Kopf hängen - Wenn es einen Titel für das dickste Brett vor dem eigenen Kopf geben würde ... ganz sicher würde man einen Wing Chun Trainierenden finden, der diesen Titel trägt oder unbedingt haben will - wenn nötig auch gegen viel Geld.
Bei manchen Wing Chun Leuten bekommt man jedenfalls den Eindruck, als könnten sie nicht genügend pompöse Titel tragen (Sifu, Dai-Sifu, Meister, Großmeister, Great great Grandmaster, usw.). Unterstrichen wird der Titelzirkus noch durch schicke Klamotten in Form von bunten Hemden (meistens gelb oder rot), bunten Schühchen (gerne auch gelb oder rot), schnieken Seidenschärpen und anderem Tralala. Tja, wer's nötig hat ...

   
     

Titel werden vor allem im Wing Chun geradezu inflationär verwendet - oder besser gesagt: missbraucht!

Das ist leider ebenfalls kein Witz - es gibt genügend Beispiele, die belegen, wie sich etliche bekannte Wing Chun Lehrer von heute auf morgen "Sifu" nannten, dann zu "Dai Sifu" übergingen, sich schließlich als "Meister"  bezeichneten und sich ein Jahr später selbst zum "Großmeister" ernannten.
Die erfahrene Wing Chun Gemeinde weiß, welche Leute gemeint sind ohne dass ich hier Namen nenne.

Ein armseliges Verhalten und in meinen Augen eines ernsthaften Kampfsportlers bzw. Kampfkünstlers unwürdig! Dementsprechend sind Titel unter erfahrenen und bodenständigen Wing Chun Trainierenden stets für einen Lacher aber auch Kopfschütteln gut, da klar ist, dass solche Bezeichnungen in Wirklichkeit wertlos sind.

Dummerweise reichen Titel aber immer noch aus, um Laien und Ahnungslose (wie beispielsweise Anfänger) zu beeindrucken bzw. zu blenden. Man ist also hin- und hergerissen, ob man dem Titelträger anhand seines Titels eher ein Selbstwertproblem attestieren sollte, oder ob man ihm Augenwischerei von Neuinteressenten, Anfängern und ihm anvertrauten Schülern vorwerfen soll?

Wichtig ist hier lediglich, dass man aus diesen mehr oder weniger großartigen Bezeichnungen leider auch nicht auf die Fähigkeiten des Titelträgers schließen kann, geschweige denn didaktische Fähigkeiten abzuleiten in der Lage ist, um die es aber bei der Suche nach einem geeigneten Lehrer geht.

Also ein Kriterium für einen guten Lehrer sind Wing Chun Titel auch nicht!

(nach oben)

     
           
 
 

6. Eignet sich der Wing Chun "Kämpfer" - also der Kämpfertyp - als Lehrer?

     
     

Wenn ich noch Anfänger wäre und dementsprechend keine Ahnung von Wing Chun hätte, mich aber hier und jetzt entscheiden sollte, bei wem ich Wing Chun lernen sollte - bei jemanden mit Graduierungen, mit Titeln oder mit realer Kampferfahrung - würde ich mich definitiv für den "Kämpfertyp" entscheiden; selbst wenn er ein schlechter Lehrer wäre.

Er muss weder Graduierungen haben, noch Titel tragen - wenn er kämpfen kann, würde mir das anfangs reichen.

   
     


Keine Graduierung, keine Titel aber kampferfahren - Am ehesten sollte der Lehrer kampferfahren sein. Graduierungen oder Titel spielen keine große Rolle, wenn der Lehrer weiß, was funktioniert und was nicht.

   
     

Dazu eine kurze Anekdote, anhand derer ich die Situation kurz beleuchten möchte:

     
     

"Ich bin in einer größeren Kick-/Thaibox-Schule und es sind 40 Schüler im Technik-Training.

Nachdem der Trainer das Techniktraining beendet hat, sagt er: "So Männer, jetzt kommt's drauf an - wer bleibt zum Sparringstraining?"

37 Schüler gehen in die Umkleide, duschen und fahren nach hause. Gerade mal 3 von 40 bleiben zum Sparringstraining ... "

     
     

Diese Überlegung scheint auf den ersten Blick merkwürdig zu sein - sollte man nicht annehmen dürfen, dass derjenige, der Wing Chun betreibt, auch damit kämpfen kann?

Leider ist diese Annahme - freundlich ausgedrückt - falsch!

Die Realität sieht so aus, dass etliche Kampfsportler bzw. Kampfkünstler weder an realen Auseinandersetzungen (Straßenkampf, Schlägerei, etc.) beteiligt waren, noch an Wettkämpfen teilgenommen haben, geschweige denn regelmäßig Sparringstraining machen.

Das gilt nicht nur für Wing Chun sondern ganz generell für viele Kampfsportarten und Kampfkünste.

Diese Geschichte ist nicht fiktiv sondern real passiert - und zwar nicht ein einziges Mal, sondern immer und immer wieder. Und nicht nur im Kick-/Thaiboxen, sondern erst recht in anderen Kampfsportarten. Sie deckt sich auch mit Erfahrungen etlicher anderer Trainingspartner, mit denen ich trainiert habe.

Es gibt viele weitere solcher Erlebnisse. Beispielsweise werde ich recht häufig von Neuinteressenten angerufen, die bei mir trainieren wollen. Während des Telefonats sagen sie: "Ich möchte zwar trainieren aber bitte ohne Körpertreffer oder Schläge ins Gesicht - das mag ich nicht. Und Sparring möchte ich auch nicht."

Ich finde solche Ansagen grundsätzlich sehr merkwürdig. Immerhin überlegt da jemand, Kampfsport zu beginnen, wobei es ja gerade darum geht, den Gegner in erster Linie körperlich zu besiegen - durch Schläge, Tritte, etc. ... also selbstverständlich kommt es im Training zu Körpertreffern und manchmal auch zu Schlägen ins Gesicht. Das liegt in der Natur einer Kampfsportart bzw. Kampfkunst.
Und Sparring muss - quasi als "Realitätstest" - auch gemacht werden. Aber offensichtlich wollen viele Leute das alles nicht - sie wollen lieber weich trainieren. Dass das Ganze dann in einer realen Selbstverteidigungssituation nichts taugt bzw. kaum funktionieren kann, ist ihnen meistens egal bzw. wurde einfach nicht überlegt.

Man kann also festhalten:
Nur ein Bruchteil aktiver Kampfsportler in Deutschland hat Sparringserfahrung, noch weniger haben Wettkampferfahrung und die wenigsten haben reale Kampferfahrung.

Dabei stehen Kampfsportarten die sehr wettkampflastig sind (z.B. Kickboxen, Thaiboxen, Boxen, Ringen, Judo, etc.) noch wesentlich besser da als Wing Chun, wobei man aber nicht automatisch annehmen sollte, dass jeder Kickboxer, Thaiboxer, Boxer, Ringer, etc. kampferfahren ist.

Viele Kampfsportlehrer bzw. Kampfkunstlehrer - vor allem aus dem asiatischen Kampfkunstbereich - sind quasi "Theoretiker", die wenig bis keine Ahnung von der Praxis haben, aber ihren Schülern beibringen wollen, was diese in der Praxis machen sollen.

     
     


Wettkämpfe, Sparring oder reale Auseinandersetzungen sind Mangelware - Wettkämpfe werden im Wing Chun selten angetroffen bzw. so gut wie gar nicht. Sparring ist in vielen Schulen ebenfalls kein Trainingsinhalt und in realen Auseinandersetzungen ist ebenfalls nur ein geringer Prozentsatz der Wing Chun Lehrer gewesen.

     
     

Bizarr ... denn solche Lehrer dürften definitiv nicht unterrichten. Das gilt im Übrigen nicht nur für Wing Chun, sondern generell für viele Kampfsportarten oder Kampfkünste.

Gerade im Wing Chun sind Wettkämpfe Mangelware. Auch anständiges Sparringstraining ist rar.

Ich erinnere mich nur ungerne an eine meiner alten WT-Schulen, in der Sparringseinheiten als "Trainingszusatz" einmal im Monat gegen Extrakosten angeboten wurden. Das hat aufgrund der Extrakosten natürlich kaum einer wahrgenommen - und der Lehrer wusste nicht einmal, wie man richtiges Sparring betreibt (es war ein einziges sinnloses Gekloppe).

Wenn man also auf einen graduierten oder titeltragenden Lehrer verzichtet, sollte man auf jeden Fall darauf achten, dass der eigene Lehrer wenigstens ein Quäntchen Kampferfahrung hat und weiß, wovon er redet.

Nichts ist schlimmer, als vom eigenen Lehrer Kampfkunstillusionen beigebracht zu bekommen, die in der Realität wie Seifenblasen zerplatzen. Die Realität ist im schlimmsten Fall evtl. die erste und einzige Selbstverteidigungssituation in der man auf seine Fähigkeiten ernsthaft angewiesen ist.
Wenn man in dieser Situation illusorische Techniken anzubringen versucht oder eine unrealistische Einschätzung der Lage vornimmt, die der Lehrer einem in Verkennung der Realität eingedrillt hat, kann es schlimm enden.

Es ist daher - mal abgesehen von didaktischen Fähigkeiten des eigenen Lehrers - immer noch am sinnvollsten, einen Lehrer zu haben, der real kämpfen kann.
Im günstigsten Fall hat er schon harte Auseinandersetzungen auf der Straße gehabt und weiß, was funktioniert und was nicht. Wettkampferfahrung ist gleichermaßen sinnvoll.

All diese Erfahrungen (Wettkampf, Sparring, reale Situationen) sind sinnvoll, um (wie es so schön heißt) "Zaubertechniken aus dem Wing Chun Märchenwald" von real funktionierenden Techniken zu trennen.

Der Kämpfertyp hat allerdings auch Nachteile!

Kämpfer sind häufig "Alphatypen" - also Menschen, die dominieren und gewinnen wollen und nur äußerst schwer ebenfalls dominante Personen neben sich dulden.

Das kann aus Sicht des Lern- und Entfaltungsprozesses des Schülers und des dafür notwendigen guten "Lehrer-Schüler-Verhältnisses" problematisch werden. Erreicht der Schüler einen gewissen Grad des Fortgeschrittenenstadiums, erwacht so einem Lehrer häufig der Konkurrenz-Gedanke. Als Folge wird der Schüler dauerhaft künstlich "klein" gehalten, er kann sich nicht vollständig entwickeln und schließlich über den eigenen Lehrer hinauswachsen.

Andererseits härtet der Schüler durch einen solchen Lehrer eher aus, als wenn der Lehrer zwar gut unterrichten kann, aber zu weich ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schüler den Lehrer kopiert und eher kämpfen lernt, halte ich für höher.

Man kann also zusammenfassen:
Abgesehen vom didaktischen Potential sind kämpferische Fähigkeiten bei einem Kampfsport- bzw. Kampfkunstlehrer am wichtigsten, wenn nicht sogar unverzichtbar. Hingegen kann man auf Graduierungen noch am ehesten verzichten und Titel schlichtweg komplett vernachlässigen.

Anfänger sollte sich also weder von Titeln noch von Graduierungen blenden lassen, wenn sie einen geeigneten Lehrer suchen. Letztendlich sollten sie sich die Qualität der Schüler des jeweiligen Lehrers anschauen, um von ihnen auf seine Lehrfähigkeiten zu schließen.

Weiterhin sollten sie ein längeres Probetraining absolvieren, um zu überprüfen, was sie danach gelernt haben. Die Qualität eines guten Lehrers lässt sich am ehesten an den Schülern und dem eigenen Fortschritt ablesen.

(nach oben)

     
           
    7. Kompetenzen eines "guten" Wing Chun Lehrers      
     

Wenn Graduierungen, Titel und Kampfkraft keine Kriterien für einen guten Lehrer sind, stellt sich nach wie vor die Frage, wodurch bzw. durch welche Kompetenzen sich ein guter Wing Chun Lehrer auszeichnet?

Ein Wing Chun Lehrer muss nicht zwangsläufig ein großes Wissen besitzen und ganz sicher muss er nicht alles können.
Aber er muss verinnerlicht haben und verstehen, was er unterrichtet. Diese Dinge sind zwar wichtig, aber mit Sicherheit nicht entscheidend. Viel wichtiger ist die Fähigkeit des Lehrers "Wissen vermitteln zu können".

Alle Schüler sind unterschiedlich - sie lernen individuell. Es kann daher nicht die eine "ultimative Lehrmethode" bzw. das "Patent-Rezept" zur Vermittlung von Wing Chun geben.

Manche Schüler brauchen keine großen Erklärungen sondern können durch "abschauen" bzw. "kopieren" lernen, einige bedürfen klarer Erklärungen, andere müssen Bewegungen "spüren" und wiederum anderen muss man bei der Technikvermittlung quasi schon die Hand führen, damit man zu halbwegs vernünftigen Ergebnissen gelangt.

Ein guter Lehrer begleitet seine Schüler systematisch mit dem Ziel, die eigenen Ressourcen und Kompetenzen zu erweitern.

   
     


Kontinuierliche Kompetenzerweiterung - Systematische Begleitung des Schülers bei der Entwicklung und Erweiterung der eigenen Kompetenzen.

   
     

Um den Schüler in der Entwicklung begleiten zu können, muss der Lehrer individuell auf den jeweiligen Schüler eingehen.

Bildlich gesprochen gibt es für jeden Schüler quasi einen "Schlüssel", mit dem man ihn "aufschließen" kann, um den Weg für die Wissensvermittlung zu öffnen und frei zu machen.

Diesen Schlüssel muss der Lehrer geduldig suchen, wenn er seine Schüler ernsthaft voran bringen will.

Bei der erfolgreichen Wissensvermittlung helfen ihm als Kernkompetenzen:

  • Fach- und Sachkompetenz
  • Organisationskompetenz
  • Gesprächskompetenz
  • Beziehungskompetenz
  • Selbstkompetenz

Diese einzelnen Kernkompetenzen schauen wir uns nachfolgend einmal genauer an.

     
     

Fach- und Sachkompetenz:

     
     

"BEVOR" die Ausbildung seiner Schüler beginnt, sollte sich ein Wing Chun Lehrer als allererstes die Frage stellen:

  1. was er weiß,
  2. was er kann und
  3. was er für die Ausbildung seiner Schüler zu tun bereit ist!

Als nächstes sollte er sich fragen:

  1. was er wissen müsste,
  2. was er können sollte und
  3. was er tun müsste, um seine Schüler erfolgreich in Wing Chun auszubilden!

Weiß er nicht genug, kann er nicht genug und tut er nicht genug bzw. ist er nicht bereit, genug für seine Schüler zu tun, sollte er nicht unterrichten!

Leider können Anfänger nicht beurteilen, was ihr Lehrer wirklich weiß, wirklich kann oder ob er genug tut.

Erst nach Jahren des Trainings merken sie die Grenzen des Lehrers bzw. sind schlimmstenfalls durch eine oberflächliche oder sogar falsche Lehre schlecht ausgebildet worden. Das kann sehr enttäuschend sein!

Ich empfehle daher allen meinen Schülern, sich im Laufe ihres Kampfkunst- bzw. Kampfsportweges viele Lehrer anzuschauen und über den Tellerrand der eigenen Schule zu blicken. Schließlich habe ich selbst etliche Kampfsportarten betrieben bzw. in etliche Kampfsportarten hineingeschaut und somit meinen Horizont erweitert. Also kann ich meinen eigenen Schülern nur wärmstens empfehlen, dasselbe zu tun!

   
     


Der Blick über den Wing Chun Tellerrand - Ich empfehle jedem, über den Tellerrand des eigenen Systems zu blicken. Sei es Wing Chun oder eine andere Kampfkunst oder Kampfsportart. Andere Systeme sind ebenfalls sehr interessant. Manchmal entdeckt man besseres, manchmal erkennt man dadurch aber erst recht, dass Wing Chun genau das Richtige für einen ist.

     
     

Zur Vermittlung des Wing Chun Systems im Sinne der Vermittlung eines ganzheitlichen Überblicks über innere und äußere Aspekte des Wing Chun, ist sowohl ein theoretisches als auch praktisch fundiertes Fachwissen unverzichtbar.

Das Wing Chun System erst seit wenigen Jahren zu trainieren oder nur einen rudimentären Überblick zu haben, reicht für eine Lehrertätigkeit nicht aus.

Stattdessen sollten neben einem umfassenden Überblick über das System etliche Jahre Praxiserfahrung vorhanden sein, die eine ausreichende Handlungssicherheit gewährleisten.

Zusätzlich sollte nicht nur bei den Schülern sondern auch beim Lehrer eine gewisse Lernbereitschaft vorhanden sein.

Kein Mensch ist perfekt - auch der Lehrer nicht!

Die Tatsache, dass man offiziell der "Lehrer" in der eigenen Schule ist, rechtfertigt eine starre, lernunwillige Haltung nicht.

Der Lehrer sollte nicht jemand sein, der weit außerhalb der Gruppe steht und gerne den "Boss" raushängen lässt.

     
     


Ein guter Lehrer lässt nicht den "Boss" raushängen - Stattdessen zieht er mit seinen Schülern an einem Strang, um qualitativ hochwertiges Wing Chun gemeinsam zu trainieren. Jeder lernt ein Leben lang - auch der Lehrer. Er ist und bleibt Schüler und ist unter den Schülern der Erfahrenste.

     
     

Stattdessen ist der Lehrer Teil der Gruppe selbst!

Wing Chun zu erlernen bedeutet in Wahrheit "ein Leben lang Wing Chun zu erlernen" - daher ist der Lehrer genau wie alle anderen auch Schüler; nur ist er eben der erfahrenste von allen und gibt in der Rolle des Erfahrensten sein Wissen weiter. Kein Grund also, eine blasierte oder hochnäsige Haltung an den Tag zu legen und mit seinen Schülern von oben herab zu reden.

Ebenso sollte der Lehrer sich neuen Erkenntnissen gegenüber nicht grundsätzlich verschließen. Die Fähigkeit zur Reflexion und Evaluation ist eine Charaktereigenschaft, die ein guter Lehrer aufweisen sollte.

Des Weiteren ist es trivial zu erwähnen, dass pädagogische und psychologische Kenntnisse bei der Wissensvermittlung natürlich weiter helfen.

Der Lehrer sollte daher in der Lage sein, seine Erklärungen durch einprägsame Bilder zu ergänzen. Er muss wissen, durch welche Unterrichtsmethode, durch welches Lernmittel oder durch welche Beispiele seine Erklärungen am besten beim Schüler ankommen und effektiv einsinken können. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass je nach Zielgruppe, Alter, Geschlecht oder Bildung andere Wege zum Ziel führen.

Die Fähigkeit in Abhängigkeit von der Gruppe die jeweils beste Form der Wissensvermittlung zu wählen, sich zu wandeln und anzupassen – das hebt den guten Lehrer von der Masse ab.

Diese Fähigkeit ist es u.a., die einen guten Lehrer ausmacht!

     
     

Organisationskompetenz:

     
     

Ein guter Unterricht mit mehreren Schülern, von denen sich alle auf unterschiedlichem Niveau bewegen, will gut organisiert und geordnet sein.

Doch wie organisiert / ordnet man als Wing Chun Lehrer den Unterricht?

   
     


Guter Unterricht will organisiert sein - Jeder Schüler benötigt im Idealfall individuelle Betreuung. Das ist in einer größeren Gruppe fast unmöglich. Dennoch hilft ein sauber organisiertes und geordnetes Training.

   
     

Je homogener die Gruppe ist, desto einfacher hat es der Lehrer - je mehr die Gruppen gemischt sind, desto schwieriger ist es, sauber zu organisieren.

Guter Unterricht will im Idealfall geplant und koordiniert aber auch in gesundem Umfang kontrolliert werden.

Dazu benötigt man einen guten Überblick über den Kenntnisstand des einzelnen Schülers und muss eine gewisse Vorstellung von dessen Lerntempo haben und mit genügend Weitblick abschätzen können, wo der Schüler bald stehen kann bzw. stehen sollte.

Für einen adäquaten Lernfortschritt müssen die dazu nötigen Prozesse rechtzeitig initiiert und Trainingsstrukturen für den Schüler individuell entwickelt werden.

Der Lehrer ermöglicht sowohl Spielräume, setzt aber auch - wo nötig - klare Grenzen. Die Schüler bekommen individuelle Aufgaben, die (sinnvoll verteilt) die Schüler fordern und ihnen helfen, schließlich ihre Fähigkeiten zu entfalten.

     
     

Gesprächskompetenz:

     
     

Wissensvermittlung findet im Dialog statt - teils über verbale teils über non-verbale Kommunikation.

Die Kommunikationsfähigkeit des Wing Chun Lehrers hat bei der Wissensvermittlung also einen großen Stellenwert.

Das einfache Zeigen einer Technik reicht bei weitem nicht aus, um das Wing Chun System in seiner Gänze zu erfassen.
Es bedarf sauberer Erklärungen und eines präzisen theoretischen Fundaments, um wirklich zum Kern von Wing Chun vorzudringen.

Sprachliche Präsenz, eine gute Rhetorik inklusive der Fähigkeit zur Strukturierung sind wichtig, um Wing Chun neben der Praxis auch in der Theorie gut zu vermitteln.

   
     

Beziehungskompetenz:

     
     

Unter Beziehungskompetenz ist die Fähigkeit zu verstehen, wie der Lehrer mit anderen Menschen z.B. seinen eigenen Schülern umgeht.

Der Lehrer sollte ein gewisses Einfühlungsvermögen besitzen und sich in den Schüler hineinversetzen können.

Was denkt, fühlt, empfindet der Schüler, wo sind seine Probleme z.B. beim Erlernen einer Technik, wo entstehen Lernblockaden oder wo "hakt" es zwischen den Schülern in der Gruppe oder zwischen dem Schüler und dem Lehrer?

Der Lehrer braucht eine "empfindliche Antenne", um Spannungen jedweder Art zu detektieren und frühzeitig aufzulösen. Es ist durchaus zu erwarten, dass der Lernweg des Schülers von dem Lernweg, den der Lehrer beschritten hat bzw. beschreitet, abweicht.
Eine tolerante Haltung und Rücksichtnahme auf die Individualität des Schülers zeichnen ebenfalls einen guten Lehrer aus.

Der Lehrer sollte sich seinen Schülern gegenüber offen und ehrlich zeigen, seine Strukturen, Absichten etc. transparent darlegen und sich im Idealfall flexibel zeigen. Dazu zählt auch, dass der Lehrer sich den kritischen Fragen der Schüler stellt und Rede und Antwort steht - so er es denn kann.
Auch mal etwas "nicht zu wissen" ist keine Schande - wie heißt es so schön: "Niemand ist weiter von der Wahrheit entfernt als derjenige, der alle Antworten weiß."

Zum Thema der Offenheit und Ehrlichkeit gehört auch, dass ein Wing Chun Lehrer die eigene Kampfkunst realistisch darstellen und nicht als den "ultimativen Stil, mit dem man jeden besiegt" idealisieren sollte. Schulen die am meisten mit so etwas angeben, geheimnisvoll oder gekünstelt elitär tun, sind in der Regel eine Schande für ihre Kampfkunst.

Des Weiteren sollte der Lehrer auch mit unorthodoxen Reaktionen der Schüler umgehen können - verhält der Schüler sich beim Demonstrieren der Technik so, dass die Technik gegen ihn nicht funktioniert, sollte der Lehrer zeigen, wie man die Technik anpasst und nicht einfach sagen "der Schüler müsse schon richtig mitspielen" oder in "ordentlich abwatschen / zusammenfalten" und ihn dadurch lediglich verängstigen und somit gefügig machen.

Wenn alles nichts hilft, ist evtl. die Technik Quatsch und über Bord zu kippen ... denn was nutzen Techniken, die trotz Anpassung nicht funktionieren?

Ein gewisses Maß an Humor kann ebenfalls nicht schaden - selbst in Betracht der Tatsache, dass es sich bei Wing Chun um eine ernsthafte Kampfkunst handelt, die ernsthaft betrieben werden sollte.

Humor, solange er nicht in andauerndes Geblödel umschlägt, kann die Trainingsatmosphäre deutlich verbessern.

   
     

Selbstkompetenz:

     
     

Selbstkompetenz behandelt das Verhalten des Lehrers im Umgang mit sich selbst. Wie geht der Lehrer mit sich selbst um?

Der Blick sollte nicht nur auf die Schüler gerichtet sein, stattdessen muss der Lehrer auch sich selbst kritisch wahrnehmen und hinterfragen!

Häufig fehlt der selbstkritische Blick des Lehrers und die Kampfsport-/Kampfkunstschule verkommt zur Bühne, auf der der Lehrer als alleiniger Hauptdarsteller vor dem Publikum seiner Schüler herumturnt und sich selbstverliebt aufbläst oder herumposiert.

Es kommt auch vor, dass der Lehrer Techniken oder Arbeitsweisen vorstellt, die in der Realität schlichtweg nicht funktionieren. Hier hilft ein kritischer bzw. selbstkritischer Blick und der Wille, sich stetig zu verbessern. Dann fällt es auch leichter, sich von diversen "Märchentechniken" einfacher zu trennen.

   
     


Märchentechniken im Wing Chun sollten entsorgt werden - Ein selbstkritischer Blick hilft dem Lehrer, sinnlose oder illusorische Techniken als solche zu erkennen. Man sollte seinen Schülern keinen Quatsch erzählen oder Sinnlosigkeiten beibringen, die ihnen im Ernstfall nicht wirklich weiterhelfen. Immerhin orientieren sich Schüler an ihrem Lehrer.

   
     

Schüler orientieren sich an ihrem Wing Chun Lehrer. Der Lehrer wiederum ist aufgrund all seiner Erfahrung (... hoffentlich ...) deutlich weiter als die Schüler.

Wenn er schon nicht geistig gereifter erscheint, sollte er wenigstens im technischen Sinne weiter als seine Schüler sein. Diesen Vorsprung auszunutzen, um sich über die Schüler zu erheben und quasi den "großen Zampano in gelben Großmeisterklamotten" raushängen zu lassen, vergiftet das Schüler-Lehrer Verhältnis und zerstört dieses letztendlich.

Eine ehrliche Selbstwahrnehmung mit gesunder Selbstkritik und dem Willen, sich selbst stetig zu verbessern, fördert die Entwicklung des Lehrers und verbessert das Lernklima der Schule.

Im Kampfsport ist der Lehrer nicht selten Vorbild der Schüler, dem es als Schüler nachzueifern gilt.

Aber neben der Vorbildfunktion ist der Lehrer auch eine Art Maßstab, an dem der Schüler sich dauerhaft misst. Dementsprechend provozieren viele Schüler den Lehrer und streben danach, ihren Lehrer zu überholen bzw. sich irgendwann von ihm frei zu machen und ihren eigenen Weg zu gehen. Daran ist nichts auszusetzen.

Diese permanent existente Auseinandersetzung fordert vom Lehrer eine hohe Stabilität und Belastbarkeit, um dem andauernden "Austesten" des Schülers ausgeglichen begegnen zu können. Den Schüler klein zu halten, indem er übermäßig gemaßregelt wird, wäre falsch.
Stattdessen sollte der Lehrer mehr "Ich-Stärke" zeigen und in der Lage sein, sich vom Schüler in notwendigen Umfang abzugrenzen und - wo nötig - klare Grenzen zu setzen.

Da der Lehrer allgemein Vorbild seiner Schüler sein sollte - und zwar nicht nur in technischer Hinsicht sondern generell in seinem Handeln - sollte er auch sozial verantwortlich handeln, also Zivilcourage zeigen.

Zivilcouragiertes Handeln geschieht in Situationen, in denen zentrale Wertüberzeugungen und soziale Normen (z. B. Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit, friedlicher Konfliktaustrag, etc.) oder die physische oder psychische Integrität einer Person verletzt werden.

Zivilcouragiert handelt dabei, wer bereit ist, trotz drohender Nachteile für die eigene Person, als Einzelner (seltener als Mitglied einer Gruppe) für die Wahrung humaner und demokratischer Werte, für die Integrität und die legitimen, kollektiven, primär nicht-materiellen Interessen vor allem anderer Personen, aber auch des Handelnden selbst einzutreten.

Die Vermittlung von Werten ist neben der Ausbildung in Wing Chun zentraler Bestandteil einer Kampfkunstausbildung und sollte nicht vernachlässigt werden. 

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    8. Das Feuer der Begeisterung weitergeben      
     

Ein wirklich guter Lehrer zu sein, der quasi perfekt Wing Chun beherrscht, eine großer Kämpfer ist und zusätzlich all die oben angeführten Kompetenzen in sich vereint, ist vermutlich eine Idealvorstellung, die so nicht erreicht werden kann.

Mir ist so ein Lehrer in all den Jahren meines Trainings selbst nicht begegnet - und ich bin selbst kein solcher idealer Lehrer.

Dennoch sollte man sich stets bemühen, den Typus des in diesem Artikel gezeichneten Lehrer-Ideals anzustreben und kontinuierlich an sich zu feilen und zu arbeiten, um für die eigenen Wing Chun Schüler der optimale Lehrer zu sein oder zu werden!

Im Endeffekt ist die höchste Kunst des Lehrers, die Schüler zu begeistern, mitzureißen und an sie das Feuer der Begeisterung weiter zu geben. .

   
     


Das Feuer für Wing Chun weitergeben - Ödes Training, mangelnde Begeisterung für Wing Chun und fehlende Motivation sind alles Mängel, durch die die Schüler keine wahre Hingabe für diese schöne Kampfkunst entwickeln. Ein guter Lehrer entzündet seine Schüler!

   
     

Diese Kunst kann man nicht wirklich erlernen. Entweder man besitzt diese Gabe oder eben nicht!

Eine aufgesetzte, gespielte Begeisterung ist etwas anderes als ein im Inneren loderndes Feuer der Begeisterung, dessen Glut auf andere überspringt und in ihnen ein neues Feuer entfacht.

In Ergänzung zu den vorgenannten fachlichen und menschlichen Qualitäten eines guten Lehrers braucht es noch die aus tiefster innerer Überzeugung kommende Begeisterung, die andere anzustecken und mitzureißen vermag.

Wenn der Lehrer es schafft, diese Begeisterung auf seine Schüler zu übertragen und sie soweit zu leiten, dass die Schüler den Lehrer irgendwann übertreffen und sich anschließend problemlos vom Lehrer frei machen und ihren eigenen Weg gehen können, dann erst verdient es der Lehrer als wahrhaft großer Lehrer bezeichnet zu werden.

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    9. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu den hier aufgelisteten Überlegungen über die Qualitäten eines guten Lehrers?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

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