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1. Der Lehrer als "Quelle" des Wing Chun Wissenstransfers

     
     

Wenn man jede Woche ins Training geht, kontinuierlich und konstant trainiert, sich anstrengt und diszipliniert hart arbeitet, wird man eine stetige positive Entwicklung im Wing Chun verzeichnen können.

Das gilt für jeden!

Im Training ist man Teil einer Gruppe und trainiert mit variierenden Trainingspartnern. Dabei lernt man nicht nur vom Trainer, sondern auch von den fortgeschritteneren Schülern und gibt gleichermaßen das erworbene Wissen an die jüngeren Schüler weiter. Es findet ein permanenter Wissenstransfer statt.

Dieser Wissenstransfer ist ein ganz normaler Prozess, der sich so in jeder Kampfsportart oder Kampfkunst abspielt und nicht auf Wing Chun alleine beschränkt ist.

   
     


Wissenstransfer - Wissen, sowohl in Praxis als auch in Theorie, wird vom Lehrer zum Schüler weitergegeben. Auch der Transfer von Wissen innerhalb der Gruppe der Schüler ist beim Erlernen von Wing Chun von großer Bedeutung!

   
     

Man lernt von einem Lehrer, der wiederum von seinem eigenen Lehrer gelernt hat, der wiederum von seinem Lehrer gelernt hat usw. usf. - sind diese Lehrer über mehrere Lehrergenerationen nachvollziehbar und verfolgbar, entsteht die sogenannte "Wing Chun Ahnenreihe" bzw. "Wing Chun Linie" oder der sog. "Wing Chun Stammbaum".

Dieser "Stammbaum" spielt in der Wing Chun Szene eine mehr oder weniger wichtige Rolle!

     
     


Wing Chun Stammbaum, Ahnenreihe oder Linie - Wer hat von wem gelernt? Wer ist wessen Lehrer und wer ist wessen Schüler? Der Wing Chun Stammbaum erlaubt es, die Ahnenreihe der einzelnen Lehrer über Yip Man und weitere Generationen zurück zu verfolgen.

     
     

Beispiel eines besonders in Deutschland bekannten Wing Chun Stammbaums wäre z.B. folgender:

Ng Mui → Yim Wing Chun → Leung Bok Chau → Leung Lan Kwai → Wong Wah Bo → Leung Yee Tei → Dr. Leung Yan → Chan Wah Shun → Yip Man → Leung Ting → Keith R. Kernspecht → etliche EWTO Schüler

Dieser Stammbaum ist der sog. "EWTO-Stammbaum" mit Keith R. Kernspecht (üblicherweise mit "KRK" abgekürzt) als dem in Deutschland bekanntesten Wing Tsun-Lehrer.

Üblicherweise wird die Ahnenreihe in Wing Chun Kreisen gerne zurück bis zur Nonne Ng Mui geführt, um den ungebrochenen Wissenstransfer bis zurück zur "Urquelle" zu belegen.

Der aktuelle Lehrer erscheint dadurch in einem besonderen Glanz und der noch unerfahrene Schüler geht nach Hause in der Einbildung, durch mehrere Jahrhunderte hindurch quasi direkt von Ng Mui unterrichtet worden zu sein.

Ob Ng Mui allerdings überhaupt real existiert hat, ist genauso unklar wie die Frage, ob Leung Ting in obigem Stammbaum wirklich letzter Schüler von Yip Man gewesen ist - das soll hier aber nicht Thema sein.

Man kann sich jedenfalls merken, dass Wing Chun Stammbäume meist weniger wert sind als das Papier, auf dem sie stehen.
Ich habe schon Lehrer getroffen, die ihren direkten Lehrer aus ihrem eigenen Wing Chun Stammbaum gestrichen haben, um den Eindruck zu erwecken, direkt aus der Hand des darüber stehenden Lehrers gelernt zu haben.
Beispielsweise kenne ich einen ehemaligen EWTO-Lehrer bzw. -Meistergrad, der Keith R. Kernspecht bewusst aus seiner WT-Ahnenreihe gestrichen hat, um vorzugeben, er hätte direkt von Leung Ting gelernt.

Stammbäume im Wing Chun halte ich daher selten für belastbar und man sollte nicht allzu viel Wert darauf legen. Denn was nutzt es schon, wenn Yip Man der direkte Lehrer des eigenen Lehrers war, wenn der eigene Lehrer mehr oder weniger eine Pfeife ist?

Wichtig ist beim Stammbaum lediglich die Tatsache, dass Wissen logischerweise vom Lehrer zum Schüler weitergegeben wird und dass dieser Schüler irgendwann selbst wieder Lehrer werden kann und eigene Schüler unterrichtet.

Mit anderen Worten ist die "Quelle des Wissens und der sich entfaltenden Fähigkeiten jedes Einzelnen" der Lehrer bzw. Trainer.

Der Lehrer bzw. Trainer vermittelt die Trainingsinhalte, die dahinter stehenden Theorien, Techniken, usw. - auf ihm baut die gesamte Trainingsstruktur der jeweiligen Wing Chun Schule auf.

Er ist quasi die "Wurzel" alles Guten - aber auch einiges Schlechten ... je nachdem, wie er eingestellt ist und welche Inhalte bzw. "Werte" er seinen Schülern weitergibt.

(nach oben)

     
           
    2. Der Wert von "Wissen aus erster Hand" - Wissen direkt vom Lehrer      
     

Trainiert man in einer beliebigen Kampfsportart oder Kampfkunst, wird man feststellen, dass das Wissen (sowohl in Theorie als auch Praxis), das man von einem fortgeschrittenen Schüler erhalten hat, doch nicht exakt dem entspricht, was der Lehrer selbst persönlich weitergegeben hätte oder weitergegeben hat!

   
     


Exakter Treffer bei der wiederholten Weitergabe von Lehrinhalten - Ein Schüler wird die vom Lehrer erhaltene Lehre stets individuell interpretieren und leicht verfälscht oder verändert weitergeben. Es wird quasi nie ein "exakter Treffer" ein und desselben Lehrinhaltes sein ...

   
     

Der fortgeschrittene Schüler stellt demnach mehr oder weniger ein Bindeglied zwischen einem selbst und dem Lehrer dar und unterliegt zwangsweise eigenen Beschränkungen. Er verfälscht unbewusst bzw. unabsichtlich die Lehre des Lehrers.

Einerseits ist es möglich, dass er den Lehrer nicht korrekt verstanden hat und daraufhin fehlerhafte bzw. unvollständige Informationen in Theorie und Praxis weitergibt.

Andererseits kann es auch sein, dass er den Lehrer zwar korrekt verstanden hat, aber das Gezeigte selbst nicht korrekt weitergeben kann, sich also in der Praxis unausgereift bewegt oder die Theorie noch nicht 100 % durchdrungen hat bzw. zwischen einzelnen theoretischen Bausteinen keine Verknüpfung sieht (obwohl Verknüpfungen existieren), da sein Horizont möglicherweise noch beschränkt ist.

Wie auch immer die Sachlage aussieht, es ist klar, dass ein jüngerer Schüler von einem fortgeschritteneren Schüler zwar einiges lernen kann, die Lerninhalte aber stets von dem differieren, was der Lehrer dem fortgeschrittenen Schüler selbst vermittelt hat oder dem jüngeren Schüler selbst vermittelt hätte.

Mit anderen Worten führt ein Transfer über "mehrere Ecken bzw. mehrere Schüler" immer dazu, dass die Lehre sich verändert, uminterpretiert wird und nicht mehr das ist, was der Lehrer ursprünglich unterrichtet hat. Schließlich interpretiert jeder Wing Chun auf seine eigene individuelle Weise, wobei diese Interpretation von den eigenen Fähigkeiten und körperlichen Voraussetzungen geprägt ist.

Ein prominentes Beispiel für solche Wissenstransferstrukturen ist Yip Man selbst!

Von ihm sagt man, er hätte lediglich eine Handvoll Schüler direkt bzw. persönlich unterrichtet - es werden von diversen Quellen ca. 10-15 Schüler genannt, die in persönlichem Kontakt mit Yip Man standen. Dieser "innere Kreis" an Schülern wiederum unterrichtete quasi als "Assistenten" die anderen Schüler von Yip Mans Schule.

   
     


Bruce Lee und Yip Man - Bruce Lee war einer der prominentesten Schüler von Yip Man. Hier sieht man beide beim Chi Sao Training. Die Schüler von Yip Man entwickelten sich individuell und gründeten ganz eigenständige Wing Chun Linien, die sich mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden - obwohl der Lehrer ein und derselbe war.

     
     

Dass Menschen sich voneinander unterscheiden ist eine triviale Erkenntnis, doch bzgl. der Weitergabe von Yip Mans Lehre nicht ganz unwichtig. Denn je nachdem, wer Wing Chun lernt, können komplett unterschiedliche Ergebnisse resultieren!

Ein großer, kräftiger und schwerer Schüler wird sich zweifellos anders bewegen als ein kleiner, schmächtiger und eher leichter Schüler.
Techniken, die für den einen funktionieren, müssen nicht zwangsweise für den anderen ebenso funktionieren und Erklärungen des Lehrers, die der eine auf seine Art und Weise verstanden hat, kann der andere wiederum völlig anders aufgefasst und interpretiert haben.

Dass diese Vermutung stimmt, kann man an all den unterschiedlichen Wing Chun Linien ablesen, die ihren Ursprung doch alle bei Yip Man haben.

So unterscheiden sich die Wing Chun Stile von Yip Mans Schülern Yip Chun, William Cheung, Moy Yat, Yip Ching, Wong Shun Leung, Leung Ting und etlichen anderen Schülern äußerst stark - obwohl ihr Lehrer ein und derselbe Yip Man war.

Besonders deutlich wird das an der Holzpuppenform!

Betrachtet man die unterschiedlichen Holzpuppenformen, die je nach Wing Chun Lehrer bzw. Wing Chun Stil existieren, sieht man teilweise große Ähnlichkeiten und doch wieder große Unterschiede. Meistens gleichen sich die verschiedenen Formen in den ersten Sätzen bzw. Bewegungen, wohingegen sie gegen Ende der Form stark differieren.

     
     


Yip Man kurz vor seinem Tod bei der Demonstration der Holzpuppenform - An der Holzpuppenform der unterschiedlichen Schüler Yip Mans wird besonders deutlich, was passiert, wenn Schüler sich untereinander Wissen weitergeben und dieses nicht direkt vom Lehrer kommt. Yip Man soll die ersten 60 von insgesamt 108 Bewegungen (Yip Mans Holzpuppenform soll 108 Bewegungen enthalten haben) jedem Schüler selbst gezeigt haben. Nur wenigen Schülern hat er die gesamte Holzpuppenform gezeigt. Die restlichen Bewegungen zeigten sich die Schüler anschließend untereinander. Das führte dazu, dass heutige Holzpuppenformen der Yip Man Linie sich in den ersten 60 Bewegungen bzw. der ersten Hälfte recht ähnlich sehen, wohingegen der Rest doch sehr stark differiert.

     
     

Eine Erklärung für diesen Zustand ist, dass Yip Man stets die ersten 60 Bewegungen der Holzpuppenform an den jeweiligen Schüler persönlich unterrichtet haben soll, wohingegen die restlichen Bewegungen von seinen fortgeschrittenen Schülern weitergegeben wurden.

Dementsprechend ähneln sich die meisten Formen unterschiedlicher Schüler Yip Mans in der ersten Hälfte, wohingegen sie in der zweiten Hälfte große Unterschiede aufweisen.

Dieses Beispiel verdeutlicht schön, wie die Lehre eines einzigen Lehrers verschwimmt bzw. verwässert, wenn er nicht jedem einzelnen Schüler jede noch so kleine Übung selbst erläutert und mit ihm direkt trainiert, sondern Schüler sich untereinander Übungen beibringen, ohne diese evtl. vollständig durchstiegen zu haben.

Man kann sich also vorstellen, welche unterschiedlichsten Wing Chun Interpretationen es in großen Verbänden oder Organisationen trotz weitestgehend einheitlichem Unterrichtsprogramm geben muss.

Als Konsequenz daraus folgt, dass es grundsätzlich sinnvoll ist, so nah wie möglich an der "Quelle" zu lernen - also in möglichst direktem und engem Kontakt mit dem Lehrer zu stehen.

Ohne großartig darüber nachzudenken, kommt jeder Schüler früher oder später ganz von selbst zu dieser Erkenntnis.

Meistens fällt es ihm auf, wenn das, was er von einem fortgeschrittenen Schüler gelernt hat nicht (exakt) mit dem übereinstimmt, was ihm der Lehrer irgendwann persönlich zeigt.

Es ist also für den Schüler nur logisch, sich so nah wie möglich an den Lehrer als Quelle heran zu bewegen, um möglichst unverfälschtes Wissen direkt von ihm selbst zu erhalten!

(nach oben)

     
           
    3. Privatstunden im Wing Chun als Möglichkeit, direkt vom Lehrer zu lernen      
     

Reguläres Gruppentraining im Wing Chun unterliegt zwangsweise gewissen Beschränkungen.

Zwar versucht der Lehrer / Trainer, jeden Schüler immer wieder persönlich in die Finger zu bekommen, um ihm 1:1 Korrekturen zukommen zu lassen. Aber je größer die Gruppe wird, desto schwieriger wird der direkte und unmittelbare Trainingskontakt zwischen Schüler und Lehrer.

Das ist allerdings nicht weiter schlimm. Denn selbst wenn man nicht dauerhaft mit dem Lehrer zusammen trainiert, werden die Schüler das nötige Wissen (sei es Theorie oder Praxis) früher oder später dennoch erhalten.
Je seltener sie allerdings Korrekturen direkt vom Lehrer erhalten, desto länger wird es natürlich dauern, bis sie einen Unterrichtsinhalt sauber und korrekt erfasst haben.

Da es heutzutage jeder unglaublich eilig zu scheinen hat, möchten viele Schüler direkt vom Lehrer unterrichtet werden und mit ihm persönlich im Training die Arme kreuzen, um diese Problematik zu umgehen!

Da das im normalen Unterricht so nicht einfach umsetzbar ist, bieten manche Lehrer "kostenpflichtigen Privatstundenunterricht" an, den die Schüler abseits vom regulären Training buchen können.

   
     


Privatstunden sind Dienstleistungen - Und Dienstleistungen gibt es nicht umsonst. Sie müssen angemessen bezahlt werden!

     
     

In Privatstunden kann man mit dem Lehrer im "1:1 Kontakt" konzentriert und in Ruhe Details schleifen, bekommt das Wissen quasi aus erster Hand und kann die Bewegungen des Lehrers studieren und kopieren.

Doch Privatstunden sind und bleiben Dienstleistungen - und solche Leistungen müssen vergütet werden.

Welcher Preis ist angemessen?

(nach oben)

     
           
    4. Privatstunden kosten Geld - welcher Preis ist angemessen?      
     

In Privatstunden nimmt der Lehrer sich exklusiv für den Schüler Zeit. Er erklärt dem Schüler, trainiert mit dem Schüler und korrigiert den Schüler.

All diese Leistungen sind quasi "Dienstleistungen" und müssen selbstverständlich angemessen vergütet werden.

Um beurteilen zu können, welcher Preis angemessen ist, sollte man die erbrachte Leistung des Lehrers sinnvoll zu bewerten versuchen.

Dazu ist grundsätzlich die "Qualität der Lehre" natürlich der ausschlaggebende Punkt - der Lehrer sollte immerhin wissen, wovon er spricht!

Da Wing Chun hauptsächlich auf praktischen Übungen basiert, die man sowohl solo (Formen) als auch mit Partner ausführt (Sektionen, Lat Sao, etc.), sollte der Lehrer folglich in der Praxis möglichst ausgereift sein.
Weiterhin sollte er ein fundiertes theoretisches Fundament aufweisen können - er sollte also verstehen, warum und wieso er was tut und wie alles in der großen Wing Chun Struktur zusammen passt.
Schließlich sollte er nicht zuletzt eine saubere didaktische Struktur haben, damit er seinen Schülern einen roten Faden bieten kann und diese nicht eher "verwirrt", anstatt Klarheit zu schaffen.

Wie man sich denken kann, sind all diese Fähigkeiten bzw. Qualitäten nicht von heute auf morgen aufzubauen.

Ein "idealer" Wing Chun Lehrer, der sowohl Theorie als auch Praxis beherrscht und dazu noch eine optimierte Lehrstruktur aufweist, hat etliche Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in sein Training investiert.

   
     


Jahrelanges Training - Ein guter Lehrer hat Jahre über Jahre Zeit in sein eigenes Training investiert, bevor er überhaupt qualifiziert genug ist, Privatstunden geben zu können. Man bezahlt also nicht die nur kurze Zeit der Privatstunde, sondern vergütet automatisch auch all die Jahre der Arbeit und Mühen - was in meinen Augen nur fair ist.

   
     

Er hat selbst Jahre über Jahre gelernt, trainiert, trainiert und nochmals trainiert. Er hat vermutlich Prüfungen abgelegt, Lehrgänge besucht, verschiedene Lehrer gehabt, evtl. auch andere Kampfsportarten erlernt und sich mit anderen Stilen ausgetauscht, und und und ...

Man bezahlt in einer Privatstunde also nicht nur die in 60 Minuten erbrachte Leistung, sondern natürlich auch all die qualifizierende und schweißtreibende Arbeit, die der Lehrer selbst erbringen musste, um Wing Chun zu beherrschen und letztlich überhaupt Privatstunden anbieten zu können.

Doch was ist eine angemessene Vergütung für eine Privatstunde ?

Darauf eine gute Antwort bzw. eine "Zahl" bzw. einen "passenden Preis" zu nennen, erscheint mir nicht sinnvoll. Jeder Lehrer sollte sich einen eigenen Preis überlegen und jeder Schüler sollte dann überlegen, ob er den Preis zu zahlen bereit ist.

Dabei hängt der Preis zusätzlich auch noch von anderen Faktoren ab.

Der Tag hat trivialerweise nur 24 Stunden und wenn die Nachfrage der Schüler nach Privatstunden groß ist, gibt es folglich nur ein begrenztes Angebot an Privatstunden pro Tag.

Also bestimmen "Angebot und Nachfrage" wie auch im normalen Marktgefüge den Preis.

Ist das Angebot begrenzt, die Nachfrage aber groß, kann der Lehrer einen höheren Preis verlangen.

     
     


Angebot und Nachfrage in einem vollkommenen Markt - Der Preis auf dem Markt wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Im Bezug auf das Angebot bedeutet dies, dass bei einem geringen Preis wenig Anbieter ein Gut anbieten und bei einem hohen Preis viele Anbieter mit Ihrem Gut auf den Markt drängen. Bei der Nachfrage verhält es sich hingegen entgegengesetzt. Bei einem hohen Preis sind nur wenige Marktteilnehmer bereit das Gut zu kaufen. Bei niedrigem Preis ist die nachgefragte Menge hoch.

     
     

Solange die Schüler diesen Preis zu zahlen bereit sind, kann der Lehrer durchaus versuchen, bis an die "finanzielle Schmerzgrenze" gehen, wo der Preis evtl. schon an "Unverschämtheit" grenzt.

Das geschieht im Wing Chun durchaus - dazu weiter unten mehr ...

Man muss zusätzlich bedenken, dass nicht alle Lehrer hauptberuflich Wing Chun Lehrer sind. Sie gehen i.d.R. einem als "normal" einzustufenden Beruf nach (Handwerker, Bürojob, etc.) und betreiben Wing Chun vor allem in ihrer neben dem Hauptberuf verbleibenden Zeit.

Solche Lehrer überlegen natürlich, was sie in einer Stunde für ihre normale Arbeit verdienen. Ein Freiberufler überlegt logischerweise, ob er lieber einer zusätzlichen Stunde seiner normalen Arbeit nachgeht und z.B. 80 EUR pro Stunde abrechnet oder stattdessen eine Privatstunde im Wing Chun gibt und dort lediglich 30 EUR verdient.
Letzteres wäre für ihn ein Verlustgeschäft und er würde voraussichtlich für Wing Chun Privatstunden einen höheren Preis verlangen.

Nur wenige Lehrer werden ihre kostbare Freizeit opfern, wenn dafür nicht irgendetwas für sie herausspringt.

Weiterhin kann man diverse Lehrer untereinander vergleichen (was in der Realität freilich schwer ist).
Die einen sind nicht so qualifiziert wie die anderen. Das liegt u.a. an der Dauer ihres aktiven Wing Chun Trainings als auch an ihrem eigenen Trainingseifer, ihrem Talent, Intelligenz, etc. - folglich wird ein besserer Trainer, der sich seiner Qualitäten bewusst ist, einen höheren Preis verlangen als ein Lehrer, der eher um seine bescheidenen Fähigkeiten weiß oder vermutet, dass er es nicht wirklich drauf hat.

Lange Rede, kurzer Sinn - Preise für Wing Chun Privatstunden variieren logischerweise. Und diese Varianz ist ganz unabhängig davon, in welchem Wing Chun Stil man trainiert.

Man findet also Preise, die von 20 EUR bis hin zu 100 EUR (oder sogar mehr) variieren. Ob der Preis angemessen ist, muss man sich letztlich selbst überlegen.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass man in einer Privatstunde, in der lediglich Formen korrigiert werden, man etwas Chi Sao Sektionen oder Lat Sao Übungen lernt oder in einer Übung einen Feinschliff bekommt, nicht zum Atomwissenschaftler oder zum Herzchirurgen ausgebildet wird, sondern lediglich ein paar wenige Bewegungen trainiert und evtl. noch etwas Theorie erhält.

Was kann man mit diesem Wissen wirklich anfangen?

Manche Leute kämpfen nie und werden auch nie kämpfen oder kämpfen müssen. Andere erkennen auch nicht den tieferen Sinn hinter Wing Chun, der für die einen existiert für die anderen wiederum nicht. 

Der Wert, den man Privatstunden beimisst, variiert also individuell. Einer findet 60 Minuten Chi Sao mit dem Großmeister 100 EUR wert, ein anderer hält es für einen unverschämt überzogenen Preis für etwas Chi Sao Armschach mit jemandem in roten oder gelben Klamotten, der die Zeit vermutlich auch noch ausnutzt, um sein Meister- oder Großmeister-Image zu pflegen.  

Um nicht zu viel Geld zu bezahlen, sollte man sich also immer mal wieder fragen, ob das erhaltene Wissen für einen persönlich dem Wert des bezahlten Geldes entspricht und ob man dafür auch zukünftig immer noch den vereinbarten Preis zu zahlen bereit ist.

Abschließend möchte ich doch eine kleine Orientierungshilfe zur Preisbestimmung geben:

Man sollte sich vor Augen führen, dass eine Privatstunde bei einem hier ansässigen Boxtrainer, der u.a. eine A-Trainerlizenz im Deutschen Box-Verband besitzt, etliche Profikämpfe absolviert hat, Kampf- und Punktrichterlizenzen diverser Verbände aufweist und aktiv etliche Profiboxer trainiert, lediglich 30 EUR für volle 60 Minuten kostet.

Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass dieser besagte Boxtrainer einige der deutschen Wing Chun (WT, VC, VT, etc.) Großmeister ganz sicher zu "Kleinholz" verarbeitet (s.u.).

Ganz sicher!

     
     


Großmeisterliches Kleinholz - So mancher Boxtrainer, der mit offizieller Trainerlizenz ausgestattet ist und etliche Profikämpfe aufweisen kann, verlangt interessanterweise deutlich weniger Geld für eine Privatstunde, als der eine oder andere Wing Chun Großmeister - der vermutlich sogar selbsternannt ist. Und zusätzlich macht der Boxtrainer vermutlich aus letzterem auch noch mit links einen Haufen Kleinholz wie im Bild oben dargestellt (man sieht exemplarisch noch die Überreste von gelben Streifen auf der schwarzen Hosen). Wem sollte man also mehr Geld zahlen? Dem Profikämpfer mit jahrelanger Kampferfahrung oder dem Wing Chun Titelträger?

     
     

Das nebenbei als kleine Denksportaufgabe für diejenigen, die für eine Privatstunde einem beliebigen Großmeister freiwillig mehr als 50 EUR hinblättern würden.

Ist es das wirklich wert?

Privatstunden sind sicherlich prima, wenn man Lust darauf hat und sie sich leisten möchte ... und leisten kann.

Grundsätzlich kann ich Privatstunden mit einem "guten Lehrer" nur wärmstens empfehlen. Man kann wirklich sehr schnell vorankommen.
Allerdings ist diese Empfehlung nicht ohne Einschränkungen zu geben, denn es gibt - wie überall im kommerziellen Wing Chun - auch hier einige "Haken", auf die man achten muss, wenn man sich auf Privatstunden einlässt.

Worauf genau zu achten ist, erkläre ich nachfolgend.

(nach oben)

     
           
    5. Privatstunden, ein nettes Zusatzgeschäft für Lehrer      
     

Privatstunden sind nicht nur gut für den Schüler, der hier den direkten Kontakt zum Lehrer herstellen kann, Theorie und Praxis aus erster Hand erhält und schnelle Fortschritte verzeichnen kann.

Lehrer können durch Privatstunden auch den einen oder anderen Euro hinzuverdienen!

Ist man Inhaber einer Wing Chun Schule und hat eine gewisse Mitgliederzahl, verdient man lediglich an dem Mitgliedsbeitrag, der von den Mitgliedern eingezogen wird.

Dieser Verdienst ist vielen Kampfkunst- und Kampfsportlehrer heute allerdings nicht mehr genug und so versuchen sie, ihre Schule, ihr System etc. besser zu vermarkten, indem von ihnen weitere "Produkte" erdacht werden, die dem Schüler mehr oder weniger angeboten und manchmal sogar aufgedrängt werden.

Der Phantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt.

Es gibt dabei durchaus sinnvolle kostenpflichtige Angebote, die trotz der Tatsache, dass sie bezahlt werden müssen, positiv unterrichts- bzw. ausbildungsunterstützend ausfallen können.

Ein Beispiel für sinnvolle Angebote wären kostenpflichtige Unterrichtsprogramme, die dem Schüler einen roten Faden an die Hand geben. Hier erhält man das Destillat der Lehre des Trainers in aufbereiteter schriftlicher Form. Das sollte natürlich angemessen bezahlt werden.

Es gibt aber auch etliche Beispiele für ganze Pakete von zweifelhaften kostenpflichtigen Angeboten.

   
     


Die Produktpalette kostenpflichtiger Inhalte ist groß- Manche Lehrer und Organisationen bzw. Verbände generieren etliche kostenpflichtige Angebote, um neben den Mitgliedsgebühren weitere Einnahmequellen zu erzeugen. So müssen Lehrinhalte wie Sektionen, waffenlose Formen (Biu Tze, Holzpuppe) oder Waffenformen genauso bezahlt werden wie Zusatzkurse, die künstlich aus dem Unterricht herausgeschnitten wurden (Sparring, Situationstraining, etc.). Letztere könnte man aber ohne weiteres im Unterricht integrieren.

   
     

Beispiele für zweifelhafte kostenpflichtige Angebote wären z.B. Zusatzkurse (Sparring, Situationstraining, etc.), die künstlich aus dem Unterricht herausgeschnitten werden, obwohl man sie auch im regulären Training unterbringen könnte.

Weitere merkwürdige Angebote sind kostenpflichtige Ausbilderschulungen, durch die der Lehrer in Wahrheit nur kostenlose Assistenten heranziehen möchte, die ihn in seiner Arbeit unterstützen oder Sektionsgebühren für Lehrinhalte, die eigentlich durch den Mitgliedsbeitrag ohnehin abgegolten sein sollten.

Es gibt etliche Beispiele wie Gebühren für Formen (Biu Tze, Holzpuppenform), Gebühren für Waffeninhalte (Langstock, Doppelmesser), Jahresgebühren, Dachverbandsgebühren, Speziallehrgänge, schuleigene Schutzausrüstungen mit Schullogo (die meistens schlechter als Schutzausrüstungen anerkannter Anbieter sind) und vieles mehr.

Viele Lehrer füllen also die eigene Kasse über ihre Mitglieder, indem sie sich nicht auf die Mitgliedsbeiträge begrenzen, sondern ihren Schülern weitere "Inhalte" kostenpflichtig aufbürden.

Privatstunden können ebenfalls solche Zusatzangebote sein, wenn der Lehrer Standardlehrinhalte aus dem regulären Training herausnimmt und den Schüler dazu bewegt, Privatstunden zu buchen, um an diese Lehrinhalte zu kommen.

Schauen wir uns nun die Möglichkeiten an, wie man die Preise für Privatstunden in die Höhe treiben, den Gewinn von Privatstunden maximieren und generell Schüler stärker in die teuren Privatstunden treiben kann.

(nach oben)

     
           
 
 

6. Großartige Titel führen zu noch großartigeren Privatstundenpreisen

     
     

Man stelle sich vor, man liegt im Krankenhaus und ist gerade frisch operiert worden.

Die Tür öffnet sich und es schwebt die gesamte Arztmannschaft herein. Diese besteht aus Krankenschwestern, angehenden Ärzten im praktischen Jahr (PJ'ler), Assistenzärzten, einigen Oberärzten und dem Chefarzt, der sich auch noch mit den Titeln eines "Professors" und eines "Doktors der Medizin" schmückt.

Letzterer ist hier der Platzhirsch und man merkt an der unterwürfigen Haltung seines Medizinerstabes die Hierarchie.

   
     


Chefarztvisite - Professor Doktor XY, seines Zeichens Chefarzt, kommt mit seinem Stab aus Krankenschwestern, Assistensärzten und Oberärzten eingeschwebt und baut sich vor dem Bett auf. Sowohl das Auftreten als auch der Titel vermitteln ein hohes Maß an Kompetenz, oder?

   
     

Frage: wem aus der großen Gruppe traut man instinktiv am meisten Kompetenz zu?

Vermutlich demjenigen mit den meisten Titeln, der auch noch von allen hofiert wird!

Der Name "Prof. Dr. XY" klingt doch wesentlich kompetenter als "Dr. XY" oder einfach nur "Herr XY", nicht wahr?

Also möchten wir natürlich von Prof. Dr. XY behandelt werden und schließen sicherheitshalber eine private Zusatzversicherung ab und haben günstigerweise Anspruch auf "Chefarztbehandlung". So eine Versicherung kostet dann natürlich mehr als die einfache gesetzliche Krankenversicherung.
Tja, so funktionieren wir. Dummerweise macht der Oberarzt in Wirklichkeit die meisten Operationen und hat die meiste Übung, wohingegen der Chefarzt den Laden zu managen hat und vermutlich nicht die gleichen OP-Ergebnisse wie der Oberarzt erzielt.

Ganz ähnlich sieht man es auch in großen Wing Chun Verbänden. Dort wird der Trainerstab vom Verbandsleiter angeführt, der auch noch Sifu, Dai-Sifu oder Großmeister ist und evtl. noch andere pompöse Titel wie z.B. "silberner oder goldener Rang" trägt.

Die unterwürfige Haltung seines Teams ihm gegenüber streicht neben seinen Titeln die deutlich sichtbare Gruppenhierarchie heraus und lässt den Laien bzw. Anfänger unmittelbar verstehen, wer hier der Chef ist.

Titel vermitteln bekannterweise Kompetenz und öffnen den Geldbeutel besonders Zahlungswilliger ganz von selbst, was einige Lehrer der Wing Chun Gemeinde schon lange begriffen haben!

Dementsprechend trägt der "Wing Chun Lehrer von Welt" heute besonders gerne pompös klingende Titel wie z.B.

  • Wing Chun Sifu XY
  • Wing Chun Dai-Sifu
  • Wing Chun Meister XY
  • Meister des unbewaffneten Wing Chun
  • Meister des bewaffneten Wing Chun
  • Wing Chun Großmeister
  • Wing Chun Grandmaster
  • Wing Chun Great Grandmaster
  • Wing Chun Great Great Grandmaster
  • usw.

Solche Titel beeindrucken den ahnungslosen Laien und Wing Chun Anfänger und ohne dass man die Fähigkeiten des Lehrers tatsächlich live erlebt hat, nimmt man von Anfang an eine Demutshaltung bzw. Respektshaltung an.

Interessant ist an solchen Titeln meistens nur, wer eigentlich dem Träger den Titel verliehen hat?

Gerade die deutsche Wing Chun Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, sich besonders fleißig selbst zu promovieren und sich ohne Dazutun eines Dritten Titel selbst zu vergeben.

Man ist quasi "Großmeister" von eigenen Gnaden, hat sich den Sifu oder Dai-Sifu Titel selbst vergeben oder nennt sich Wing Chun Meister. Ein DIN A3-Drucker ist in heutiger Zeit schließlich schnell gekauft und die Titelurkunde kann selbst der Dümmste rasch am Computer erstellen.

Und wer sich nicht selbst zum Großmeister ernennen möchte, greift einfach zu einer alternativen Methode. Dazu nimmt er seine fortgeschrittensten Schüler, ernennt diese zum Meister und lässt sich im Umkehrschluss von ihnen zum Großmeister erheben. Eine Hand wäscht schließlich die andere. Außerdem kann man wohl kaum ein schlichter Meister bleiben, wenn die eigenen Schüler nun auch Meister sind. Man muss sich schließlich von der breiten Masse abheben.

Die Großmeistertitelvergabe greift in Deutschland vor allem bei den Leuten um sich, die früher in größeren Wing Chun Organisationen miteinander trainiert haben. Einer fängt in seinem kleinen Verband mit der Selbstpromotion an und die anderen ziehen quasi aus Gruppenzwang rasch nach.

Da man sich den Großmeistertitel leider nicht wie ein dickes Brett permanent vor die eigene Stirn nageln kann, muss man den Schülern natürlich auch äußerlich zeigen, welchen Titel man trägt. Dementsprechend wird der tolle Titel durch entsprechende farbenfrohe Kleidung betont.
Hierzu hat sich im deutschen Wing Chun am häufigsten eine Art typischer Farbcode bzw. eine typische Kleiderordnung verbreitet, die ursprünglich vor Jahrzehnten von der EWTO - genauer gesagt von Leung Ting - geprägt wurde.

Hier gab es ursprünglich folgende Kleiderordnung:

  • Der Großmeister trägt ein gelbes T-Shrit und eine schwarze Hose mit gelben Streifen.
  • Der Meister trägt ein rotes T-Shirt und eine schwarze Hose mit breiten roten Streifen.
  • Der normale Lehrer (Technikergrad, höherer Grad aber noch keine Meister) trägt eine schwarzes T-Shirt und eine schwarze Hose mit schmalen roten Streifen.
   
     


Ehemalige EWTO Kleiderordnung - Der Technikergrad (links) trug früher schmale rote Streifen in Dreiecksform. Der Meistergrad (Mitte) trug breite rote Streifen in Dreiecksform und der Großmeister (rechts) zeichnete sich durch breite gelbe Streifen in Dreiecksform aus. Diese Kleiderordnung wird heute von vielen ehemaligen EWTO-Schülern, die mittlerweile eigene Schulen bzw. Verbände gegründet haben, verwendet. Die EWTO hat mittlerweile zu modernerer Kleidung gewechselt, hat aber die farbliche Kennzeichnung Technikergrad / höherer Grad = schmales Rot, Meister = breites Rot, Großmeister = breites Gelb beibehalten.

     
     

Diese Kleiderordnung ist bei der EWTO mittlerweile abgeändert worden und durch modernere Kleidung ersetzt worden, wo der Großmeister zwar immer noch gelb, die Meister und Technikergrade bzw. höheren Grade rot tragen, die Farbflächen aber je nach Graduierung (höherer Grad oder Meistergrad) kleiner oder größer ausfallen.

Was die EWTO derzeit macht, soll hier keine Rolle spielen. Interessant ist lediglich, dass es zig Trittbrettfahrer gibt, die die ehemalige Kleiderordnung der EWTO kopiert haben, die Streifenbreiten in Richtung "extra breit" abgeändert haben und sich neben farblich passenden Turnschuhen (s.u.) zusätzlich mit dicken Titeln schmücken.

     
     


Dicke Streifen mit farblich passenden Turnschuhen - Wenn ich bei Wing Chun Großmeistern extra dicke Farbstreifen an den Hosen sehe, vermute ich automatisch bzw. reflexartig ein gewisses Selbstwertproblem. Wenn dann aber auch noch die Turnschuhe farblich passen, wird es doch irgendwie bedenklich, oder?

     
     

Diese Mutation von einfachen Technikergraden hin zu Wing Chun Meistern und schließlich zu Großmeistern ohne direkte Graduierungsvergabe seitens Dritter konnte der amüsierte Beobachter über die letzten Jahre im Internet verfolgen.

Irgendwo im Wing Chun Forum des Kampfkunstboards wurde dazu auch schon eine Liste der derzeitig gelb tragenden Wing Chun Großmeister erstellt. Dort kann man sämtliche Namen einsehen.

Es ist klar, wie der Hase läuft!

Je höher die Graduierung und je höher der Titel des Lehrers, desto mehr Geld wird von ihm für Privatstunden verlangt.
Und je höher die Graduierung und je höher der Titel, desto mehr Geld ist der Laie bzw. Anfänger für Privatstunden zu zahlen bereit.

Die wahren Kompetenzen des Lehrers sind dabei anfangs überhaupt nicht einsehbar, da ein Anfänger bzw. Laie diese überhaupt nicht beurteilen kann.

So läuft das Graduierungs- bzw. Titelspiel in Privatstunden. Schlecht für Anfänger und Laien - aber leider Realität im deutschen Wing Chun!

Ich empfehle daher grundsätzlich, anstatt mit teuren, hochgraduierten (bzw. selbstgraduierten) Lehrern Privatstunden zu veranstalten, stattdessen lieber mit den fortgeschrittenen Schülern dieser Lehrer kostenlos zu trainieren. Letztere können während dieses Trainings ihre Techniken ausfeilen und der Anfänger kann etwas Neues lernen.

Zum Verbandschef oder zu einem sog. Wing Chun Meister geht man - wenn überhaupt - doch lieber nur, um sich den "Feinschliff" abzuholen, aber nicht um Techniken von Anfang an zu lernen.

Dafür ist das Preis-Leistungsverhältnis einfach viel zu schlecht!

(nach oben)

     
           
    7. Das Privatstundenkonzept und die Kostenregelungen größerer Verbände      
     

Wir haben gelernt, dass ansteigende Titel und Graduierungen mit ansteigenden Preisen für Privatstunden verknüpft werden können.

Um das Ganze in die Tat umzusetzen, haben größere Schulverbände je nach Graduierung und Titel ein ausgeklügeltes Privatstundenkonzept erarbeitet, in dem präzise vorgeschrieben ist, wie lange eine Privatstunde zu dauern hat, mit welcher Graduierung man wie viel Geld verlangen darf und wie der Preis sich in Abhängigkeit von der Privatstundenteilnehmerzahl zu ändern hat.

Hier ist es nämlich nicht so, dass nur der Chef bzw. Meister oder Großmeister eines Wing Chun Verbandes oder einer Wing Chun Organisation Privatstunden geben darf. Stattdessen dürfen schon niedriger graduierte Schüler selbst Privatstunden geben.

Allerdings dürfen sie nur fest vorgegebene Preise entsprechend ihrer Graduierung geben, wobei der Preis gemäßt ansteigender Graduierungen ebenfalls ansteigt.

Durch diese Regelung werden diese Schüler ebenfalls in das Privatstundenkonzept "hinein gezogen" - sie machen bei dem Spiel stillschweigend mit und kassieren selbst von Schülern, die niedriger graduiert sind als sie selbst.
Dadurch erhöht sich allgemein die Akzeptanz von teils unverschämten Privatstundenkonzepten. Man wird somit als Schüler salopp ausgedrückt "Mittäter", indem man einfach selbst die eigenen niedriger graduierten Trainingspartner abzockt und sich kritiklos in das Kommerzsystem eingliedert und sich das Privatstundenkonzept zu eigen macht.

Um dieses Konzept genauer zu beleuchten, gebe ich nachfolgend ein Beispiel aus einem Wing Chun Verband, dessen Unterlagen mir dazu vorliegen.

In  diesem Verband gibt es 12 Schülergrade, vier Technikergrade (die man auch höhere Grade nennen könnte), Meistergrade und einen Großmeistergrad.

Grundsätzlich darf in diesem Verband nur derjenige Privatstunden geben, der einen ersten Technikergrad (TG) bzw. höheren Grad (HG) besitzt.

Die Privatstunde kostet in diesem Verband bei einem 1. TG bzw. 1. HG insgesamt 30 EUR bei einem Teilnehmer, 25 EUR bei zwei Teilnehmern, usw. Steigt die Teilnehmerzahl, sinkt der Preis also pro zusätzlichem Teilnehmer.

Es gilt:

  • 1 Teilnehmer - 30 EUR
  • 2 Teilnehmer - 25 EUR
  • 3 Teilnehmer - 20 EUR
  • 4 Teilnehmer - 16 EUR

Bei vier Teilnehmern verdient ein 1. TG / 1. HG also 64 EUR, wobei das ja nicht wirklich noch "Privatunterricht" sondern eher ein "Kleingruppenunterricht" ist, der auch nicht mehr so effektiv sein wird.

Ein 2. TG / 2. HG darf schon höhere Preise verlangen. Hier gelten folgende Preise je nach Teilnehmer:

  • 1 Teilnehmer - 35 EUR
  • 2 Teilnehmer - 30 EUR
  • 3 Teilnehmer - 25 EUR
  • 4 Teilnehmer - 20 EUR

Das geht konstant so weiter. Ein 3. TG / 3. HG Grad darf noch höhere Preise verlangen. Es gelten folgende Preise:

  • 1 Teilnehmer - 40 EUR
  • 2 Teilnehmer - 35 EUR
  • 3 Teilnehmer - 30 EUR
  • 4 Teilnehmer - 25 EUR

Die Stufe der Techniker bzw. höheren Grade schließt der 4. TG / 4. HG ab. Er nimmt folgende Preise:

  • 1 Teilnehmer - 50 EUR
  • 2 Teilnehmer - 45 EUR
  • 3 Teilnehmer - 40 EUR
  • 4 Teilnehmer - 35 EUR

Anschließend kommt der Wing Chun Meister. Er greift auch ordentlich in die Tasten  und nimmt:

  • 1 Teilnehmer - 60 EUR
  • 2 Teilnehmer - 50 EUR
  • 3 Teilnehmer - 45 EUR
  • 4 Teilnehmer - 40 EUR

Das sind bei vier Teilnehmern mal schnelle 160 EUR für eine lockere Privatstunde, die vermutlich lediglich 45 Minuten dauert.

Die Krone des ganzen Konstrukts ist der Großmeister selbst. Er möchte finanziell natürlich nicht hinter seinen Meistern hintan stehen.

Er kassiert für eine Privatstunde:

  • 1 Teilnehmer - 100 EUR
  • 2 Teilnehmer - 80 EUR
  • 3 Teilnehmer - 65 EUR
  • 4 Teilnehmer - 55 EUR
  • 5 Teilnehmer - 50 EUR

Das sind aktuelle Preislisten aus dem Jahr 2009. Nicht schlecht, oder?

Ich habe das Ganze nochmals graphisch dargestellt, damit man explizit sehen kann, was an Geld verdient wird.

   
     


Privatstundenpreise pro Teilnehmer je nach Graduierung - Hier ist der Verdienst des Lehrers über der Anzahl an Teilnehmern aufgetragen. Die unterschiedlichen Kurven entsprechen der Graduierung der jeweiligen Lehrer. Je höher die Graduierung, desto höher der Verdienst und desto höher der Verdienst mit zunehmender Teilnehmerzahl. Bei fünf Teilnehmern (hier nicht dargestellt) verdient ein Großmeister insgesamt 250 EUR. Wird die Privatstunde mit 45 Minuten gerechnet (was häufig üblich ist) entspricht das einem Stundenlohn von ca. 330 EUR - und das lediglich für ein paar Körperbewegungen.

   
     

Ein Großmeister nimmt bei fünf Teilnehmern also in einer Privatstunde satte 250 EUR ein, was - wenn die Privatstunde wie häufig üblich auf 45 Minuten ausgelegt ist - einem Stundenlohn von ca. 330 EUR entspricht.
Würde man diesen Verdienst spaßeshalber auf einen 8-Stunden Tag umrechnen, wären das pro Tag 2640 EUR und bei einer regulären 40 Stundenwoche pro Woche 13.200 EUR. Pro Jahr arbeitet man in Deutschland im Schnitt 250 Tage - also bei einer fünf-Tage-Woche insgesamt 50 Arbeitswochen. Das entspricht dann einem Jahresgehalt von 660.000 EUR - mehr als eine halbe Millionen Euro.

Das ist natürlich eine stark vereinfachte Milchmädchenrechnung, da in der Realität kein Lehrer so viele Privatstunden geben kann und da es erst recht nicht so viele Schüler gibt, die das Geld permanent zu zahlen bereit wären.
Dennoch verdeutlicht diese Rechnung, von welchen Verdienstmöglichkeiten wir hier sprechen - und das alleine mit ein wenig Wing Chun!

Neben diesen ganzen Verdienstmöglichkeiten durch Privatstunden, darf bei dieser Privatstundenregelung vor allem nicht vergessen werden, dass die Bezeichnung "Privatstunde" explizit bedeutet, dass man "alleine" mit dem Lehrer trainiert.

Ist man aber bereits zu dritt oder zu viert, kann immer nur einer zur Zeit mit dem Lehrer trainieren, wohingegen entweder der Dritte herumsteht oder mit dem vierten Schüler trainieren muss. Letzteres könnten die beiden sicherlich auch alleine zuhause machen - und zwar kostenlos.

Bei Privatstunden mit Teilnehmerzahlen >2 handelt es sich also nicht mehr um wirkliche Privatstunden, sondern um sog. "Kleingruppenunterricht", der nicht mit der Effizienz von Privatstunden zu vergleichen ist.
Und obwohl der Lehrer durch diesen Kleingruppenunterricht nicht mehr die Qualität einer wirklichen Privatstunde erreicht, verdient er bei Teilnehmerzahlen >2 dennoch deutlich mehr, als er für einfache Privatstunden verdienen würde.

Und die Schüler, die als "Gehirnakrobaten" dickes Geld dafür zahlen, dass sie im Endeffekt hauptsächlich untereinander und nur kurze Zeit mit dem Lehrer trainieren, merken das vermutlich noch nicht einmal. Wer so dumm ist und sich auf so etwas einlässt, müsste eigentlich zur Strafe noch mehr zahlen!

Es sind aber nicht nur die horrenden Preise und Verdienstmöglichkeiten eines ausgeklügelten Privatstundensystems im Wing Chun, die aufhorchen lassen.

Denn neben dieser Privatstundenkostenregelung gibt es noch einige weitere interessante Details, die man wissen sollte und beachten muss.

Ein weiterer Punkt betrifft z.B. das "Versteuern" von Privatstundengewinnen ...

(nach oben)

     
           
    8. Privatstunden und der Fiskus - Versteuern von Privatstundengewinnen      
     

Bezieht man eine Dienstleistung oder kauft eine Ware, möchte man sich das gerne quittieren lassen und sich eine Bestätigung vom Dienstleister bzw. Anbieter ausstellen lassen.

Das Gleiche gilt natürlich für eine Privatstunde, die auch eine Dienstleistung darstellt.

Daher sollte man sich eigentlich eine Privatstunde immer quittieren lassen. Evtl. kann man den Privatstundenunterricht später als Fortbildungsmaßnahme, Ausbildung, etc. versteuern und sich sogar eine Steuerrückzahlung sichern.

Dumm nur, dass Quittungen für Privatstunden in der Regel nicht zum Repertoire von Wing Chun Lehrern gehören. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass Quittungen für Privatstunden ausgestellt wurden. Man belehre mich gerne des Gegenteils.

Dass einige Wing Chun Lehrer das Ausstellen von Quittungen vermeiden möchten, ist durchaus nachvollziehbar, denn es könnte nachgewiesen werden, wie viele Privatstunden sie gegeben haben und wie viel Geld von ihnen eingenommen wurde. Der aufsummierte Gewinn müsste zum Jahresende versteuert werden und der ganze schöne "Haufen Schwarzgeld" würde drastisch schrumpfen.

Privatstunden laufen daher gerne "unter der Hand" ab und am Fiskus vorbei.

Dass es aber keine besonders intelligente Idee ist, Steuern am Staat vorbei zu schleusen, ist spätestens seit der Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß hinreichend bekannt.

   
     


Steuerhinterziehung ist keine gute Idee - auch im Wing Chun nicht - Egal ob Uli Hoeneß oder Wing Chun Großmeister. Ärger mit dem Finanzamt sollte man tunlichst vermeiden und jeden Euro gewissenhaft versteuern. Obwohl im obigen Bild auf den Fußballverein Borssia Dortmund angespielt wird, könnte der schwarz-gelb gestaltete Knast auch gut als "Großmeisterknast" durchgehen ... wie passend :)

   
     

Nichts ist so schlimm wie Steuerschulden, wenn man das Finanzamt auf dem Hals hat.

Ein Lehrer sollte sich also gut überlegen, ob er Privatstundenverdienste wirklich nicht versteuert und das Risiko der Steuerhinterziehung eingeht.
Immerhin könnten manche Schüler durchaus auf die Idee kommen, sämtliche Privatstunden über Jahre aufzuschreiben. Hängt dann der Haussegen zwischen Lehrer und Schülern aus irgendeinem finanziellen Grund doch einmal gewaltig schief, läge es nur allzu nah, dass die Schüler gemeinsam Anzeige gegen den Lehrer erstatten. Haben wir alles schon erlebt!

Schüler sollten sich überwinden, grundsätzlich Quittungen für Privatstunden zu verlangen.

Mir ist dabei durchaus klar, dass sie gehemmt sein könnten, dies zu tun. Es könnte schließlich sein, dass der Lehrer ihnen danach keine Privatstunde mehr erteilt.

Jeder muss für sich abwägen, was er zu tun bereit ist und worauf er dauerhaft verzichten könnte.

(nach oben)

     
           
    9. Privatstundendauer - hat eine Stunde 60 Minuten oder etwa nicht?      
     

In meinem Universum hat ein Tag noch 24 Stunden und eine Stunde immer noch 60 Minuten. Dementsprechend erwarte ich bei der Bezeichnung "Privatstunde" eine Dauer von 60 Minuten - nicht mehr und nicht weniger.

Interessanterweise gilt diese Zeiteinheit (1h = 60 Min.) nicht im Wing Chun. Dort wird eine Stunde häufig mit 45 Minuten gerechnet.

   
     


Eine Privatstunde im Wing Chun dauert meistens nur 45 Minuten - Normalerweise bedeutet die Bezeichnung "Stunde" volle 60 Minuten. Das scheint im Wing Chun Universum teilweise nicht zu gelten, da viele Lehrer nur 45 Minuten lang Privatstundenunterricht erteilen.

   
     

Zum einen ist das für den auf Kommerz ausgerichteten Lehrer recht günstig, weil er dann für die Arbeit von anderthalb Stunden das gleiche Geld wie für zwei volle Zeitstunden bekommt. Er muss einfach weniger arbeiten ...

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund. Dazu fragte ich mal einen früheren Lehrer von mir, welche Gründe die 45 Minuten haben und bekam folgende Erklärung:

     
     

(Zitat):

"Eine Privatstunde dauert deshalb nur 45 Minuten, weil der Schüler in den letzten 15 Minuten der vollen Stunde genug Zeit bekommt, sich wieder umzuziehen und die Trainingsräume zu verlassen.

Er ist dann meistens schon weit weg, wenn der nächste Schüler zur Privatstunde kommt.

So sieht keiner der Schüler, wer eigentlich sonst noch von seinen Trainingspartner und Mitschülern Privatstunden bekommt."

(Zitatende)

     
     

Der einzige, der den Überblick über die gegebenen Privatstunden behält, ist der Lehrer selbst.

Somit kann auch keiner der Schüler, falls er mal mit dem Lehrer z.B. aufgrund finanzieller Gründe in Konflikt geraten sollte, diesem ernsthaften Ärger bereiten, indem er z.B. einen Hinweis über all die Privatschüler und abgehaltenen Privatstunden an das Finanzamt gibt, falls er vermutet, dass der Lehrer die Masse an Privatstunden nicht versteuert.

Ein Lehrer, der seine Privatstundengewinne nicht versteuert, bleibt mit diesem Konstrukt aus

  • "keine Quittungen ausstellen" und
  • "Privatstunden dauern 45 Minuten"

meistens auf der sicheren Seite, da seine Schüler es sich mit ihm vermutlich auf längere Zeit nicht verscherzen wollen und eh meistens nicht weiter nachdenken, welcher Sinn hinter allem steckt.

(nach oben)

     
           
    10. Abgabenregelung - wer profitiert in großen Verbänden noch von den Privatstunden?      
     

In größeren  Schulverbänden bzw. Organisationen kann es neben den Kostenregelungen bei Privatstunden auch noch eine Abgaberegelung geben. Der niedriger graduierte Lehrer muss in diesem Fall den Verbands- oder Schulleiter an seinem Privatstundengewinn beteiligen.

   
     


Prozentuale Abgabe von Privatstundengewinnen an den Verbandsleiter - Üblicherweise muss derjenige, der Privatstunden gibt, einen Teil seines Gewinnes an den Verbandsleiter (häufig der jeweilige Meister bzw. Großmeister) abtreten. Dieser verdient also dazu, ohne auch nur einen Handstreich getan zu haben.

   
     

Zu diesem Zweck muss man laut Verbandsregelung pro Privatstunde z.B. 5 EUR an den Verbandsleiter - i.d.R. der Meister bzw. Großmeister des jeweiligen Verbandes - abtreten.

In manchen Verbänden muss man sogar "pro Privatstundenteilnehmer" 5 EUR abtreten.
Bei vier Teilnehmern verdient der Verbandsleiter / Großmeister also automatisch 20 EUR einfach so, ohne einen Finger während der Privatstunde gekrümmt zu haben.

Diese Regelung wird damit begründet, dass der Verbandsleiter schließlich den ganzen Verband bzw. die ganze Schule aufgebaut hat.

Diese Abgaberegel ähnelt Maßnahmen zur Gewinnbeteiligung beispielsweise in Anwaltskanzleien, bei der sie in ähnlicher Form zwischen "Partnern" und normalen Angestellten stattfindet. Dort profitiert der Partner der Kanzlei auch von den Arbeiten des normalen Angestellten, an dessen Gewinnen er beteiligt wird.

Diese Abgabenregelung verleitet jedoch häufig dazu, dass Privatstunden "unter der Hand" ablaufen, um diese Abgabe an den Cheftrainer, Schulleiter bzw. Großmeister nicht zahlen zu müssen.

Es finden also "Unehrlichkeiten" statt, die das Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und Lehrer nachhaltig aushebeln bzw. zerstören (falls es überhaupt in solchen Finanzstrukturen jemals existiert hat).

(nach oben)

   
           
    11. Kommerzialisierung von Lehrinhalten und deren Vermittlung in Privatstunden      
     

Man sieht, es gibt neben fairen Privatstunden auch viele reichlich halbgare Privatstundenkonzepte im Wing Chun. Etliche davon habe ich selbst exakt so erlebt. Genug Originalunterlagen liegen mir vor, um sämtliche obiger Aussagen belegen zu können.

Ganz und gar nicht schön!

Besonders übel wird es aber dann, wenn der Lernfortschritt des Schülers stagniert, weil er keine der "kostenpflichtigen Zusatzangebote" buchen will und der Lehrer ihn quasi "zur Strafe" ausbremst.

   
     


Ausbildungsstop aufgrund nicht erfolgter Zahlungen - Will der Schüler das Wing Chun Kommerzspiel nicht bzw. nicht mehr mitspielen, verliert er die Sympathien des Lehrers bzw. der Lehrer merkt, dass an dem Schüler nichts mehr zu verdienen ist und verliert das Interesse. Das kommt einem Ausbildungsstop des Schülers gleich. Weigert man sich, das Kommerzspiel mitzuspielen, wird man früher oder später ausgebremst werden.

   
     

Will der Schüler also keine kostenpflichtigen Privatstunden nehmen, kommt er nicht zu den kostenpflichtigen Lehrgängen, legt keine kostenpflichtige Prüfung ab, kauft keine kostenpflichtigen Sektionen bzw. Partnerformen, etc. lassen manche auf Gewinn ausgerichtete Lehrer ihre Schüler bzgl. deren Lernfortschritt am ausgestreckten Arm verhungern. Das kommt im Prinzip einem Ausbildungsstop gleich.

Der Schüler kann sich entscheiden - mitspielen und zahlen oder kündigen.

Es gibt in solchen Strukturen realistisch betrachtet nur diese zwei Wege!

     
     


Zahlen oder kündigen - Entweder man zahlt oder man kündigt, es gibt eigentlich keine andere Wahl. Zahlt man nicht, verdient der Lehrer nichts und wird einerseits verstimmt (kein Gewinn) und verliert andererseits das Interesse am Schüler bzw. vermittelt ihm nichts mehr. Das kommt einem Ausbildungsstop im Wing Chun gleich.

     
     

Besonders schlimm kann das Spiel in Wing Chun Strukturen ausfallen, in denen Wing Chun Inhalte über Chi Sao Sektionen vermittelt werden.

Ich habe dieses Thema zwar an anderer Stelle schon angerissen bzw. ausführlich erklärt. Für diejenigen, die es aber noch nicht gelesen haben, erkläre ich es hier erneut.

Chi Sao ist einer der Haupttrainingsinhalte im Wing Chun und eigentlich das Alleinstellungsmerkmal dieser Kampfkunst. Man sagt gerne, Chi Sao sei das "Herz und die Seele des Wing Chun".

Es gibt unterschiedliche Arten, wie man im Wing Chun Chi Sao vermittelt. Dabei hat sich in Deutschland die Version am meisten verbreitet, bei der die Chi Sao Trainingsinhalte in mehrere Trainingsblöcke gegliedert wurde:

Die sogenannten "Chi Sao Sektionen" oder "Chi Sao Partnerformen".

Demnach wird in manchen Wing Chun Verbänden, Schulen oder Organisationen Chi Sao in Form von Chi Sao Sektionen oder Chi Sao Partnerformen vermittelt.

Wenn man sich an die ursprüngliche Gliederung (die von Leung Ting eingeführt wurde) hält, gibt es 19 Chi Sao Sektionen. Das wären:

  • 7 Cham Kiu Chi Sao Sektionen / Partnerformen
  • 4 Biu Tze Chi Sao Sektionen / Partnerformen
  • 8 Holzpuppen Chi Sao Sektionen / Partnerformen.

Dazu gibt es dann noch Chi Gerk, die analoge Trainingsmethode für die Beine, die häufig ebenfalls in eine bis zwei Sektionen aufgeteilt ist.

In dem nachfolgenden Bild kann man sehen, was man im Wing Chun - abgesehen von den Waffeninhalten - lernen kann.

     
     


19 Chi Sao Sektionen und wahlweise eine oder zwei Chi Gerk Sektionen - Sämtliche Wing Chun Trainingsinhalte sind in den Chi Sao und Chi Gerk Sektionen / Partnerformen abgelegt. Auf ihnen bauen nach dem korrekten Erlernen später die Lat Sao Inhalte auf.

     
     

In Wing Chun Stilen, die Chi Sao in Form von Chi Sao bzw. Chi Gerk Sektionen / Partnerformen trainieren, sind sämtliche Wing Chun Bewegungen, Technikpaare, Drills, Zyklen, etc. in diesen Sektionen abgelegt.

"DAS" sind die Inhalte die am wichtigsten sind. Man lernt Sektion für Sektion bzw. Baustein für Baustein und befasst sich danach mit den zu jeder Sektion gehörenden Lat Sao Inhalten. Lat Sao baut also auf den Chi Sao Sektionen auf - und nicht umgekehrt.

Diese "Zergliederung" der Chi Sao Inhalte in Form von Sektionen ist so genial durchgeführt worden, dass insgesamt 19 Chi Sao Blöcke und wahlweise ein oder zwei Chi Gerk Blöcke entstehen, die man einerseits hervorragend trainieren kann, aber andererseits leider auch hervorragend "monetarisieren" bzw. "kommerzialisieren" kann.

Einige Lehrer, Verbände oder Organisationen haben die kommerziellen Möglichkeiten der Sektionen auch schon früh erkannt und sich entschlossen, die Chi Sao Vermittlung nur noch kostenpflichtig durchzuführen.

Zu diesem Zweck wurden die 19 Chi Sao Sektionen zu Blöcken zusammengefasst und einzelnen Graduierungen zugeordnet. In der Regel sieht die Zuordnung folgendermaßen aus:

     
     

1. bis 12. Schülergrad

1. Cham Kiu Chi Sao Sektion (selten auch schon die 2. Cham Kiu Chi Sao Sektion)
     
     

1. Technikergrad / 1. Höherer Grad

2. bis 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion
     
     

2. Technikergrad / 2. Höherer Grad

5. bis 7. Cham Kiu Chi Sao Sektion
     
     

3. Technikergrad / 3. Höherer Grad

1. bis 4. Biu Tze Chi Sao Sektion
     
     

4. Technikergrad / 4. Höherer Grad

1. bis 6. Holzpuppen Chi Sao Sektion
     
     

1. Meistergrad / 5. Praktikergrad

7. und 8. Holzpuppen Chi Sao Sektion / Chi Gerk
     
     

Die 19 Chi Sao Sektionen und die Chi Gerk Sektion(en) sind also die Haupttrainingsinhalte, die man beherrschen muss, wenn man eine der fortgeschrittenen Graduierungen erhalten möchte. Lat Sao spielt in den meisten sektionsausgerichteten Wing Chun Stilen mit zunehmender Sektionsnummer eine immer untergeordnetere Rolle und ist häufig nicht prüfungsrelevant.

Jede der Sektion kostet nun Geld. Will man eine Sektion erlernen, muss man also an den Verbandsleiter oder Schulleiter Geld zahlen.

Ein Preisbeispiel für die Sektionen aus dem Schulverband, der auch die oben aufgelistete Privatstundenregelung aufweist, wäre folgendes:

1. - 12. Schülergrad

  • 1. Cham Kiu Chi Sao Sektion - kostenlos

1. Technikergrad / 1. höherer Grad

  • 2. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR
  • 3. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR
  • 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR

2. Technikergrad / 2. höherer Grad

  • 5. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR
  • 6. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR
  • 7. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR

3. Technikergrad / 3. höherer Grad

  • 1. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 2. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 3. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 4. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR

4. Technikergrad / 4. höherer Grad

  • 1. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 2. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 3. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 4. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 5. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 6. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR

1. Meistergrad / 5. höherer Grad

  • 7. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 300 EUR
  • 8. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 300 EUR
  • Chi Gerk 1 - 300 EUR
  • Chi Gerk 2 - 300 EUR

Das sind reichlich gesalzene Preise für das bisschen "Chi Sao Armschach", mit dem man alleine noch lange nicht kämpfen kann.

Die Aufspaltung der Chi Sao / Chi Gerk Inhalte nach Graduierung mit den dazugehörigen Beispielen für Sektionspreise ist nachfolgend nochmal anhand folgender Grafik verdeutlicht.

     
     


Aufteilung der Sektionen nach Graduierungen inklusive Sektionskosten - Die Sektionen sind über die einzelnen Technikergrade und Meistergrade verteilt und werden meistens nur gegen Geldzahlungen vermittelt. Die Preise fallen dabei häufig recht teuer aus!

     
     

Man sieht, dass die wesentlichen Inhalte im Wing Chun in den Technikergraden bzw. höheren Graden trainiert werden. Die Schülergrad 1 - 12 lernen vom "großen Wing Chun Kuchen" also lediglich "ein paar Krümel" in Form der ersten Cham Kiu Chi Sao Sektion und benötigen für diese 12 Grade dennoch mindestens 4-5 Jahre.
Wirkliches Wing Chun haben sie in dieser Zeit nicht gelernt und gesehen haben sie auch nichts.

Eigentlich tragisch - doch das erläutere ich nochmals gesondert in einem extra Artikel an anderer Stelle.

Abgesehen von dieser Schülergradpleite sind die Sektionspreise lange nicht alles, was der Schüler zahlen muss. Denn zu den Sektionspreisen kommen meistens noch Geldzahlungen für Formen wie z.B. die waffenlosen Formen Biu Tze und Holzpuppe und die Waffenformen Langstock und Doppelmesser hinzu.

Preisbeispiele wären hier:

Biu Tze Form (auf 2. TG / 2. HG)

  • Biu Tze Form - 250 EUR

Holzpuppenform (Mok Yan Chong Fat)

  • Holzpuppe Satz 1 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 2 - 100 EUR
  • Holzpuppe Satz 3 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 4 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 5 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 6 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 7 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 8 - 400 EUR

Auch bei dieser Formenvermittlung gibt's einige erwähnenswerte Frechheiten!

Beispielsweise wird die Holzpuppenform in manchen Verbänden statt per KOmplettpreis Satz für Satz (wie oben aufgelistet) vergoldet. Früher soll jede einzelne Bewegung laut Aussagen eines meiner früheren Wing Chun Lehrer 50 D-Mark gekostet haben. Bei 118 Bewegungen kommt da eine stolze Summe zusammen.

Schaut man auf die Preise der einzlenen Holzpuppensätze, fallen die Sätze 2 und 8 ins Auge. Der zweite Satz der Holzpuppenform, der bis auf eine einzige Handbewegung lediglich das Spiegelbild des ersten Satzes ist, kostet stattliche 100 EUR - also 100 EUR für eine einzige vom ersten Satz abweichende Handbewegung.
Weiterhin ist der achte Satz doppelt so teuer wie alle anderen Sätze. Mit welcher Begründung? - Weil es der letzte Satz ist!

Auch für die Waffenformen gelten Preise, die je nachdem, wer sie anbietet, eine große Preisspanne aufweisen:

  • Langstockform mit Anwendungen - 1500 - 3000 EUR
  • Doppelmesserform mit Anwendungen - 1500 - 8000 EUR (!!!)

Man sieht an dieser Preisliste, dass es hier finanziell ordentlich an das Portemonnaie der Mitglieder geht. Dabei ist diese Preisliste lediglich eines von vielen Beispielen.

Es kann durchaus Lehrer geben, die genau diese Preise verlangen, es kann aber auch Lehrer geben, die teurer oder auch billiger sind. Und sicherlich gibt es auch Lehrer, die überhaupt nichts für diese Inhalte verlangen.

Letztere vermitteln Chi Sao Sektionen umsonst, verlegen aber das Zeigen der Sektionsinhalte bewusst in Privatstunden, die sie ihren Schülern aufdrängen. Dort wird dann über die Privatstundenpreise der ursprüngliche Sektionspreis - auf den verzichtet wurde - wieder eingespielt.

Damit kommen wir zum nächsten Punkt - nämlich der Verlagerung von Trainingsinhalten in kostenpflichtige Veranstaltungen.

Zu diesem Zweck lagern Lehrer bewusst die kostenpflichtigen Sektionsinhalte bzw. Trainingsinhalte aus dem regulären Training aus und bieten diese nur noch auf Wochenendseminaren, Intensivlehrgängen oder eben teuren Privatstunden an.

Und wie das abläuft, erkläre ich nachfolgend.

(nach oben)

     
           
    12. Was wäre, wenn der Lernfortschritt an Privatstunden gekoppelt wäre?      
     

Schaut man in beliebige Wing Chun Schulen, sieht man dort vor allem viele Anfänger und wenige Fortgeschrittene. Das ist ein ganz normales Erscheinungsbild, da in der Regel immer mehr Anfänger als Fortgeschrittene existieren, da nicht jeder Anfänger automatisch das Fortgeschrittenenstadium erreicht.

   
     


Viele Anfänger, wenig Fortgeschrittene - Die natürliche Verteilung in Wing Chun Schulen sieht so aus, dass es sehr viele Anfänger gibt und nur wenige Fortgeschrittene. Den Fortgeschrittenen fehlen also zwangsweise die Trainingspartner. Sind die wesentlichen Wing Chun Trainingsinhalte zusätzlich nur in den hohen Graduierungen enthalten, werden diese vermutlich so gut wie nie trainiert. Fatal!

   
     

Kreiert man nun ein Graduierungssystem, welches 12 Schülergrade und 4 Techniker- bzw. höhere Grade aufweist und legt dieses über eine normale Wing Chun Schule, so verteilen sich entsprechend viele Schüler auf die unteren vier bzw. auf die unteren acht Schülergrade.

Wenn überhaupt gibt es dort nur sehr wenige höhere 10., 11. oder 12. Schülergrade und noch weniger Technikergrade bzw. höhere Grade. Meistens ist der Lehrer sogar selbst lediglich ein 1., 2. oder maximal dritter Techniker- bzw. höherer Grad.

In solchen Schulen kümmert sich der Lehrer i.d.R. hauptsächlich um die Anfänger, um diese dauerhaft in der Schule und bei Laune zu halten. Sie stellen schließlich den Hauptteil der Schüler und somit den Hauptteil der Finanzierung dar, der die Schule letztlich finanziell am Leben hält.

Als ich einen meiner früheren stark kommerziell ausgerichteten Lehrer auf diesen Zustand ansprach, sagte dieser zu diesem Thema mehrere Dinge:

   
     

(Zitat)

"Man muss die Anfänger rechtzeitig mit Chi Sao in Kontakt bringen und somit binden, damit sie irgendwann bereit sind, die Sektionen zu zahlen. Man muss sie schnellstmöglich über die ersten vier Schülergrade katapultieren, damit sie mit dem 5. Schülergrad mit Chi Sao und dort mit Poon Sao beginnen. Das macht immer besonders viel Spaß."

"Die Kosten der Schule werden hauptsächlich von den Schülern des 1. bis 4. Schülergrades getragen."

"Mit den fortgeschrittenen Schülern verdient man fast nichts mehr. Es sind einfach zu wenige. An denen kann man nur noch über Sektionszahlungen und Privatstunden verdienen."

(Zitatende)

     
     

Die Anfänger sind also zwangsweise (aus finanziellen Gründen) gut betreut, wohingegen es bei den Fortgeschrittenen häufig an Betreuung mangelt, da diese eher weniger Geld für den Lehrer abwerfen.

Dabei wird Wing Chun wie man an der Verteilung der Chi Sao Sektionen / Parnterformen auf die höheren Graduierungen gerade im Fortgeschrittenenstadium erst richtig interessant!

Komischerweise wird gerade der Weg ins Fortgeschrittenenstadium den Schülern nicht einfach gemacht. Es werden künstlich "Nadelöhre" erzeugt, die die Schüler an der ungehinderten Entfaltung hindern.

Beispielsweise hat man in größeren Schulverbänden oder Organisationen meistens keinen rechten Überblick mehr, wer was wann und wie gut gelernt hat. Zu diesem Zweck muss ein fortgeschrittener Schüler zum Erreichen der Prüfungsreife für den nächsten Technikergrad bzw. höheren Grad einen schriftlichen Nachweis erbringen, dass er tatsächlich alle geforderten Inhalte gelernt hat.

Dieser schriftliche Nachweis wird häufig "Laufzettel" genannt.

Ein Laufzettel enthält eine Art Checkliste mit Inhalten, die vom Lehrer abgehakt werden, wenn sie vermittelt wurden. Erst wenn der Laufzettel vollständig abgearbeitet wurde, ist der Schüler "prüfungsreif" und darf den nächsten Grad absolvieren.

Nachfolgend ist so ein exemplarischer Laufzettel auf den vierten Technikergrad / 4. Lehrergrad bzw. 4. höheren Grad des Verbandes gezeigt, aus dem auch die Preisbeispiele weiter oben entlehnt sind.

Die Abkürzungen bedeuten:

  • SNT = Siu Nim Tao. SNT 1 bedeutet z.B. der erste Satz der Siu Nim Tao, usw.
  • MYCF = Mok Yan Chong Fat = Holzpuppenform. 4. MYCF heißt also vierter Satz der Holzpuppenform, usw.
  • MYC CS 1 = 1. Mok Yan Chong Chi Sao Sektion bzw. 1. Holzpuppen Chi Sao Sektion, usw.
  • Cham Kiu 1/3 steht für den ersten von drei Cham Kiu Sätzen, falls man die Cham Kiu in drei und nicht vier Sätze unterteilt, usw.
  • Biu Tze Form 1/1 bedeutet, dass die gesamte Biu Tze Form gezeigt werden muss.
  • BTCS 1 steht für die 1. Biu Tze Chi Sao Sektion, usw.
     
     


Exemplarischer "Laufzettel" für den vierten Technikergrad - Sämtliche Wing Chun Trainingsinhalte sind in den Chi Sao und Chi Gerk Sektionen / Partnerformen abgelegt. Auf ihnen bauen nach dem korrekten Erlernen später die Lat Sao Inhalte auf.

     
     

Man sieht an dem Laufzettel in den rot unterlegten Feldern, dass der Schüler erst einmal einen Haufen Geld für Sektionen und Formen bezahlen muss. Zusätzlich muss man in diesem Beispiel für den vierten Technikergrad auch noch 30 Mal am Technikertraining teilnehmen, was pro Trainingseinheit, die ein Mal pro Monat stattfindet, 50 EUR kostet.

Man ist also allein mit dem Punkt "30 Teilnahmen am Technikertraining" bereits mit 1500 EUR dabei.

Will man also die Lehrinhalte der nächsten Graduierung "freigeschaltet" bekommen, muss man zunächst zahlen und bekommt dafür auf dem Laufzettel ein Kreuzchen vor dem jeweiligen Lehrinhalt. Parallel zu diesem Laufzettel bekommt man in den Mitgliedspass ebenfalls einen Stempel und eine Unterschrift bei der jeweiligen Sektion, die man bezahlt hat.

Man muss sich das explizit so vorstellen:
Man bezahlt z.B. 220 EUR für die 3. Holzpuppen Chi Sao Sektion und bekommt auf dem Laufzettel abgehakt, dass man bezahlt hat. Anschließend bekommt man noch einen Stempel und eine Unterschrift in dem Mitgliedsbooklet oder Mitgliedspass bei der Sektion, die man bezahlt hat.

Es findet also einiges an Geldtransfer und bürokratischer Stempelei mit Unterschriften hier und da statt - aber gelernt hat man bis dahin noch nichts und gesehen auch nichts.

Wie kommt man aber nach all der Zahlung an die Trainingsinhalte?

Man kann sie entweder von den anderen fortgeschrittenen Schülern oder vom Lehrer selbst gezeigt bekommen. Doch das ist einfacher gesagt als in die Tat umgesetzt.

Denn tatsächlich haben es fortgeschrittene Schüler in solchen Wing Chun Strukturen recht schwer, an die bezahlten Trainingsinhalte zu kommen und Wing Chun auf einem fortgeschrittenen Level zu trainieren.

Das liegt an diversen Gründen.

  1. Ein erster Grund, warum Fortgeschrittene es in solchen Strukturen nicht leicht haben, ist (wie erwähnt) die geringe Anzahl an fortgeschrittenen Schülern. Dummerweise sind die wahren Wing Chun Inhalte der höheren Chi Sao Sektionen auf die Technikergrade bzw. höheren Grade verteilt. Man muss also fortgeschrittene Trainingspartner haben, um überhaupt weiterkommen zu können. Nur gibt es leider deutlich weniger Fortgeschrittene mit Technikergrad bzw. höherem Grad, mit denen man trainieren kann oder darf.
  2. Ein weiterer Grund besteht in der Geheimniskrämerei bzw. Geheimhaltungsmentalität im Wing Chun, mit der die fortgeschrittenen Trainingsinhalte häufig verschleiert werden. Selbst wenn man eine Sektion bezahlt hat, darf man diese noch lange nicht mit anderen Fortgeschrittenen trainieren. Erst wenn diese selbst gezahlt haben, darf man mit ihnen zusammen trainieren, ansonsten würde sich ein Nichtzahler Sektionsinhalte kostenlos "erschleichen", was wiederum den Gewinn des Lehrers schmälert.

Das Thema der "Geheimhaltung" innerhalb der Gruppe der Schüler ein und derselben Schule ist somit ebenso eine Bremse bei der freien Entfaltung fortgeschrittener Schüler.

Ein bekanntes Beispiel solcher gebremster Wissensvermittlung ist z.B. Leung Ting, der auf einem im Internet veröffentlichten Video der EWTO auf Schloß Langenzell die hohen Techniker- und Meistergrade über die vierte Biu Tze Chi Sao Sektion aufklärt und mit den Worten schließt:

     
     

(Zitat)

"But don't teach the  students. Keep something for ourselfs (aber unterrichtet es nicht an Eure Schüler. Behalten wir etwas für uns selbst)."

(Zitatende)

     
     

In solchen Strukturen bleibt schließlich nur noch der Lehrer als "optimaler Trainingspartner".

Nur ist dieser im regulären Training hauptsächlich mit den Anfängern beschäftigt.

Es gibt zwei Lösungen für dieses Problem:

  1. Kostenpflichtige Privatstunden
  2. Kostenpflichtige Intensivseminare (alle paar Wochen oder ein Mal pro Monat)

Wenn fortgeschrittene Schüler also langsam frustriert werden, weil sie im regulären Unterricht nicht mehr niveauvoll trainieren können und auch vom Lehrer die Sektionsinhalte nicht im gewünschten Tempo lernen, ist der Zeitpunkt gekommen, dass der Lehrer ihnen als einen ersten Ausweg Privatstunden anbietet.

Natürlich kostenpflichtig ...

Alternativ können Fortgeschrittene Schüler auch Intensivseminare besuchen, die z.B. ein Mal pro Monat stattfinden und ebenfalls Gebühren kosten (z.B. 50 EUR für eine Zeitdauer von 11 bis 18 Uhr).

Fortgeschrittene Schüler stagnieren in solchen Strukturen also zwangsweise und werden unbewusst in Privatstunden oder alternative Lehrangebote gedrängt, die sie ebenfalls bezahlen müssen. 

Es bleibt also nicht bei Zahlungen für Sektionen. Stattdessen gibt man auch noch viel Geld für Privatstunden aus. Und da man eine Sektion normalerweise nicht in einer Stunde, geschweige denn in 45 Minuten lernen kann, wird man pro Sektion mehrere Privatstunden buchen müssen.

Es ist auch klar, dass man - je höher die Sektionen werden - einen immer qualifizierteren Lehrer benötigt. Will man beispielsweise für den 4. Technikergrad die 7. und die 8. Holzpuppen Chi Sao Sektion erlernen, benötigt man einen Wing Chun Meistergrad, der diese Inhalte bereits erlernt hat.

Orientiert man sich an der obigen Darstellung der Kostenstrukturen, kostet die 7. Holzpuppen Chi Sao Sektion 300 EUR. Dazu kommen die Kosten für eine Privatstunde beim Meister, die mit 60 EUR für 45 Minuten abgerechnet wird.
Benötigt man ca. 5 Privatstunden (was nur 3h und 45 Minuten entspricht), ist man schon 600 EUR allein für eine Sektion los.

Diese Schilderung der Verknüpfung von fortgeschrittenen Lehrinhalten mit Privatstunden mag teilweise übertrieben klingen.

Nur leider gibt es genug Leute, die dies exakt so bestätigen würden. Mir fallen auf Anhieb mindestens 25 ein.

Man muss also unbedingt die Augen aufhalten, wenn man in solche Strukturen gerät bzw. in diesen unterwegs ist und das große Bezahlen beginnt!

(nach oben)

     
           
    13. Abschließende Worte zu "Privatstunden im Wing Chun"      
     

Privatstunden in Kampfsportarten und Kampfkünsten sind ganz sicher eine gute Sache!

Wenn man aus erster Hand Wing Chun vom Lehrer lernen will, sind Privatstunden wirklich sinnvoll. Man sollte allerdings einen Lehrer finden, der faire Preise anbietet und wirklich fundierte Inhalte ungebremst vermittelt und mit offenen Händen verteilt.

Ansonsten kann man Privatstunden im Wing Chun einfach nicht empfehlen!

Häufig ist der Preis viel zu hoch und die vermittelten Inhalte sowohl in Theorie und Praxis deutlich zu mager. Mit anderen Worten ist das "Preis-Leistungs-Verhältnis" schlichtweg miserabel.

Wenn man dazu noch einen sehr schlechten Lehrer mit zusätzlichen Egoproblemen erwischt, kann man durchaus erleben, dass der Lehrer einen missbraucht und vielmehr sich selbst trainiert und man für 60 EUR ganze 45 Minuten lang Backpfeifen kassiert.

Man sollte also aufpassen, dass der Lehrer ernsthaft den Schüler trainiert und diesen nicht auch noch in Privatstunden neben der ganzen teuren Zahlung für seine eigenen Ziele ausnutzt.

Außerdem muss man unbedingt aufpassen, dass man kein Graduierungssystem durchläuft, das auf Dauer in einer ausgeklügelten Finanzstruktur endet, die darauf ausgelegt ist, den Schüler wo es geht finanziell auszuquetschen und den Lehrer reicher zu machen.

   
     


Armer Schüler, reicher Lehrer - Man sollte aufpassen, dass der Lehrer sich nicht dauerhaft unverschämt am Schüler bereichert. Letzterer wird ordentlich zur Kasse gebeten, wohingegen der Lehrer das ganze Geld für etwas Wing Chun kassiert.

   
     

Ich kenne mittlerweile genug Leute, die anfangs euphorisch von ihrem Verband bzw. ihrer Organisation schwärmten und langsam, ganz langsam in die Sektionsspirale hineingeraten sind. Sie waren so mit dem System verwoben, dass sie überhaupt nicht geblickt haben, was sie dort machen, zahlen bzw. was mit ihnen veranstaltet wird.

Eh sie sich versahen, waren ein paar tausend Euro weg und sie konnten auch nicht besser kämpfen als jeder andere dahergelaufene Kampfsportler, der einmal pro Woche Judo oder Karate im Verein für 5 EUR Vereinsbeitrag pro Monat betreibt.

Wer nicht im Geld schwimmt und dem Ober für einen Cappuccino in der privaten Edelkneipe 100 EUR Trinkgeld in die Unterhose steckt, sollte sich lieber zehn Mal überlegen, ob er statt Privatstunden zu buchen nicht lieber seiner Freundin oder Frau stattdessen ein paar schicke Blumen kauft.

Man muss also sehr aufpassen, dass man sich nicht freiwillig zum Wing Chun Goldesel irgendeines dahergelaufenen geldgeilen Wing Chun Lehrers mit Protztitel machen lässt.

     
     


Der Wing Chun Goldesel - Manche Schüler machen sich freiwillig zum willigen Wing Chun Goldesel eines auf Kommerz ausgerichteten Wing Chun Lehrers. Reichlich dumm, wenn man mich fragt ...

     
     

Denn wer sich freiwillig zum dummen Esel macht, muss sich nicht wundern, wenn andere auf ihm reiten!

(nach oben)

     
           
    14. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zu Privatstunden im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

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