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1. Wing Chun Intensivausbildungen, Pauschalausbildungen, Bootcamps - Teil 3

     
     

Schauen wir uns nun im dritten Teil dieses Artikels die unterschiedlichen Möglichkeiten an, wie man in sektionsbasierten Wing Chun Stilen durch Inanspruchnahme kostenpflichtiger Dienstleistungen die "Überholspur" nehmen kann. Nachfolgend stelle ich daher

  • Pauschalausbildungen und
  • Intensivausbildungen

im Detail dar und unterwerfe sie einem kritischen Blick.

(nach oben)

   
           
    2. Zusatzausbildungen im Wing Chun - variable Bezeichnungen, griffige Werbesprüche      
     

Anhand der im ersten und zweiten Teil dieses Artikels geschilderten Strukturen bzgl. Graduierungen und der innerhalb dieser Graduierungen vermittelten Lehrinhalte wird klar, dass es in manchen Wing Chun Stilen, in denen Chi Sao anhand von kostenpflichtigen Sektionen oder Partnerformen unterrichtet wird,

  • einerseits extrem teuer werden kann und
  • andererseits extrem lange dauern kann,

bis man die relevanten Inhalte erlernt hat.

Welche Wing Chun Stile, Schulen, Verbände oder Organisationen das sind, ist leider nicht auf den ersten Blick klar, offensichtlich oder pauschal angebbar, da es Außenstehende, Anfänger oder Laien i.d.R. sehr schwer ist, an transparente Informationen zu gelangen.

Normalerweise bekommt man lediglich Informationen über die Kosten bzgl. Monatsbeitrag, Lehrgangs- und Prüfungsgebühren. Wenn es Kosten für Sektionen, Formen, Waffen oder anderes gibt, werden diese meistens nicht ohne weiteres mitgeteilt.

Wenn man sich nun vorstellt, dass man nur begrenzte Lebenszeit hat und ohnehin für Wing Chun als Hobby wenig Geld ausgeben will bzw. sollte, sind die zwei Faktoren "Zeit und Geld" aber von jedem grundsätzlich als kritisch zu bewerten!

In einem kommerziell ausgerichteten System hat man normalerweise nur eine geringe Chance, Wing Chun von A bis Z fertig zu lernen - und soll es nach Meinung des Schulinhabers vermutlich auch nicht!

Denn ein Schüler, der "ausgelernt" hat, ist als "Kunde" offensichtlich verloren und trägt nichts mehr zum finanziellen Gewinn bei.
Wenn der Schüler auch noch überlegt, ob er eine eigene Gruppe in der gleichen Stadt oder im gleichen Stadtteil gründen soll, wird er sogar zum direkten Konkurrenten bzw. Wettbewerber des ehemaligen Lehrers. Es könnte für den Lehrer aus finanzieller Sicht also noch schlimmer kommen, als nur den "Kunden" zu verlieren.

Anfänger überblicken diese Problematik teilweise über Jahre hinweg nicht.

Da in meinen Augen aber all diejenigen Anfänger sind, die noch keine bzw. kaum Ahnung von Sektionsstrukturen haben und sich noch nicht mit den höheren Trainingsinhalten der Sektionen beschäftigen - dazu zählen i.d.R. alle Schülergrade zwischen 1-12 und evtl. sogar der 1. höhere Grad (TG, HG, etc.) - kommt die schleichende Erkenntnis also i.d.R. frühestens erst nach 4-5 Jahren.

   
     


Fragen über Fragen, vieles ist lange unklar - Anfänger überblicken die Methoden, Strukturen und Vorgehensweisen über Jahre nicht. Wer noch nicht in den höheren Sektionen trainiert, weiß i.d.R. überhaupt nicht, was noch alles auf ihn zukommen kann.

     
     

Üblicherweise existiert eine Art  "Schallmauer bzw. Grenze", was die Erkenntnis über mögliche übertriebene Geldzahlungen und eventuell existierende Zeitbremsen in gewissen Wing Chun Stilen anbelangt.

Diese Grenze liegt bei den einen Schülern zwischen dem 12. Schülergrad und dem 1. fortgeschrittenen Grad (Technikergrad bzw. höherer Grad) und bei den anderen zwischen dem 1. und dem zweiten fortgeschrittenen Grad (bzw. Technikergrad oder höherer Grad) - je nach Leidensfähigkeit und vorhandenem kritischen Geist.

Schallmauer zwischen 12. Schülergrad und 1. höherem Grad:
Hat man den 12. Schülergrad erreicht, trainiert man meistens schon 4-5 Jahre. Schüler in diesem Stadium sind normalerweise leidenschaftlich dabei und wollen weiterkommen. Die Spreu der Anfänger hat sich von dem Weizen der Fortgeschrittenen getrennt, denn wer doch keine Lust auf Wing Chun hatte, wird schon früh gekündigt haben. Nur die besonders Enthusiastischen kommen überhaupt soweit.

Diese Leidenschaft, die ein 12. Schülergrad für Wing Chun aufbringt, ist auch meistens der Hebel, über den der Lehrer jetzt die weiterführenden Chi Sao Sektionen zu verkaufen versucht.
Er weiß, der Schüler ist eh schon lange dabei, er wird wohl auch dabei bleiben wollen und die Kosten der 2. / 3. und 4. Sektion schon zahlen.

Nur wenige Schüler werden in diesem Stadium zwischen kostenloser 1. Chi Sao Sektion und kostenpflichtigen 2.-19. Chi Sao Sektion misstrauisch.

Sie machen erstaunlicherweise einfach nicht die Gesamtrechnung!

Anstatt kurz zu überschlagen, was der ganze Spaß bis zur Komplettierung der Sektionen kosten und wie lange das dauern wird, rechnen sie nicht nach bzw. denken nicht nach.

Stattdessen wird gezahlt.

Schallmauer zwischen 1. und 2. höherem Grad:
Analog dazu gibt es auch Schüler, die nach dem 1. höheren Grad das Wing Chun Training einstellen. Sie haben für die 2.-4. Chi Sao Sektion gezahlt und sollen nun noch höhere Preise für die 5. - 7. Sektion und die Biu Tze Form hinblättern.

Die meisten verstehen spätestens hier, was mit ihnen veranstaltet wird - sie sind ja auch schon ca. 7-8 Jahre dabei, wundern sich eventuell, wie wenig sie eigentlich in dieser langen Zeit gelernt haben, streiken schließlich und geben auf.
Die Kosten sind einfach zu hoch und langsam bewegt man sich auf das 8. Trainingsjahr zu, wird auch nicht jünger und hat vom Gesamtsystem immer noch nicht viel gesehen.

Diese Schüler, die sich auf die ab dem 12. Schülergrad beginnenden Geldzahlungen nicht einlassen wollen, bzw. die nach dem 1. höheren Grad die Segel streichen, sind für den jeweiligen kommerziell ausgerichteten Wing Chun Stil dauerhaft verloren.  

Es gibt hier eigentlich nur zwei Alternativen:

  1. Kündigung bzw. Einstellung des Trainings oder
  2. Beschaffung des Wissens in kürzerer Zeit und für weniger Geld.

Viele der Wing Chun Trainierenden sind an dieser Stelle aber schon so mit Wing Chun geistig und emotional verbunden, dass sie es sich schlichtweg kaum vorstellen können, mit dem Training aufzuhören.
Selbst wenn sie das Training einstellen, geistert Wing Chun noch auf Jahre in ihren Köpfen herum und es stellt sich die Frage, wie gut man hätte werden können, hätte man weiter trainiert.

Mit Wing Chun komplett aufzuhören kommt daher für viele nicht infrage. Stattdessen suchen sie nach Ausweichangeboten.

Und diese Angebote sind "Pauschalausbildungen" oder "Intensivausbildungen" mit denen sich Lehrer, die meistens selbst ursprünglich in kommerzialisierten Wing Chun Strukturen mit kostenpflichtigen Chi Sao Sektionen gelernt haben, eine Scheibe vom Kommerzkuchen abschneiden wollen und sich durch ihr platziertes Produkt der Intensivausbildung in einer Trittbrettfahrernische etabliert haben.

(nach oben)

     
           
    3. Pauschal- und Intensivausbildungen im Wing Chun      
     

Pauschalausbildungen und Intensivausbildungen versprechen häufig sowas wie den "heiligen Gral" im Wing Chun.

Pauschalausbildungen haben eigentlich nicht das Ziel, den Schüler durch das ganze System zu führen. Stattdessen kann der Schüler gewisse Etappen schneller absolvieren. Z.B. wird ihm das Erreichen eines hohen Schülergrades oder der rasche Sprung vom 2. höheren Grad auf den 3. höheren Grad in deutlich kürzerer Zeit ermöglicht als es sonst der Fall ist. Pauschalausbildungen betreffen also vereinfacht gesagt "Graduierungssprünge".

Intensivausbildungen haben in der Regel ein anderes Ziel. Sie sind dazu gedacht, Teile des Systems oder das ganze System in begrenzter Zeit zu erlernen.

Intensivausbildungen laufen in der Szene unter griffigen Namen wie z.B.

  • Wing Chun Masters Academy
  • Wing Chun Intensiv
  • Intensiv Training
  • Wing Chun Bootcamp
  • ...

und anderen Bezeichnungen.

Die Anbieter bewerben ihr "Produkt" bzw. ihre "Dienstleistung" mit Werbesprüchen oder mit vollmundigen Versprechungen wie z.B.

  • In "Sieben-Meilen-Stiefeln" durch das System
  • Eliteschmiede
  • In wenigen Jahren zum Profi
  • Schnelles und unkompliziertes Erlernen des Gesamtsystems

Eine Intensivausbildung kann in unterschiedlichen Varianten angeboten werden, die ich weiter unten erläutere.

Schauen wir uns zunächst Pauschalausbildungen an.

(nach oben)

   
           
    4. Pauschalangebote und Pauschalausbildungen im Wing Chun      
     

Pauschalangebote sind ein Konstrukt, was manche Lehrer innerhalb ihrer eigenen Organisationen oder Schulen ihren eigenen Schülern anzubieten versuchen.

Es sind also

  • keine Ausbildungsangebote, die externen Leuten, also "Nicht-Mitgliedern" unterbreitet werden und
  • i.d.R. keine Ausbildungsangebote, die von Lehrern "ohne eigene Schule" angeboten werden.

Pauschalangebote und die daraus folgenden Pauschalausbildungen sind also eine Methode, die eigenen Schüler in der eigenen Schule durch das eigene System beschleunigt kostenpflichtig zu schleusen.

Ein erstes Beispiel eines typischen Pauschalangebotes ist nachfolgend gezeigt. Es handelt sich dabei um ein reales Pauschalangebot aus einer kleineren Wing Chun Organisation in Deutschland aus dem Jahr 2008.

   
     


Beispiel eines Pauschalangebotes vom 5. Schülergrad bis zum 1. Technikergrad - Ein Schüler, der dieses Angebot annimmt, zahlt 5600 EUR (oder wahlweise 5000 EUR bar) und rauscht in 18 Monaten durch 8 Graduierungen. Also ca. alle 2 Monate wird eine Graduierung abgelegt. Welchen Effekt das auf die erreichbare Qualität der Technikausführung hat, kann man an fünf Fingern abzählen.

   
     

In diesem Beispiel soll ein Schüler offensichtlich vom 5. Schülergrad zum 1. Technikergrad in nur anderthalb Jahren gebracht werden. Ist er bereits 5. Schülergrad und würde regulär ausgebildet werden, wäre er frühestens nach drei Jahren und neun Monaten 1. Technikergrad.

Durch das Pauschalangebot spart er sich zwar zwei Jahre und 3 Monate an Zeit ein, aber die Qualität der resultierenden Techniken kann man an fünf Fingern abzählen. Wenn ca. alle zwei Monate die nächste Graduierung fällig ist, kann man sich ausmalen, was der Titelträger am Ende der Ausbildung kann - vermutlich wenig.

Zusätzlich kostet das Angebot auch eine schöne Stange Geld - nämlich 5600 EUR! Das entspricht den Kosten eines Kleinwagens.

Zwar wird in dem Pauschalangebot auch der reguläre Ausbildungspreis von 7700 EUR genannt (was im Vergleich zur Pauschalausbildung eine Kostenersparnis von 2100 EUR entspricht), doch ist das Ganze offensichtlich eine Milchmädchenrechnung.
Denn bei Annahme einer regulären Ausbildung wird davon ausgegangen, dass der Schüler alle Inhalte, die unter dem Punkt "Leistungen" aufgeführt sind, auch tatsächlich wahrgenommen hätte - was sicherlich nicht der Fall ist. Denn eine Privatstunde beim Dai-Sifu XY kostete in diesem Verband im Jahr 2008 ganze 100 EUR. Wer kann sich sowas leisten und dann gleich 36 Mal?

Wie man es dreht und wendet - der Preis ist zu hoch.

Pauschalangebote bieten sich dort an, wo der Lehr- und Lernweg ohnehin schon recht langsam und stockend verläuft. Typischerweise eigenen sich dafür Graduierungssysteme aus vielen Graduierungen mit dahinter stehendem Prüfungsprogramm, bei denen der Fortschritt genauestens über Prüfungsprogramme und einzuhaltende Wartezeiten vorgeschrieben ist.

Die Dauer solcher Pauschalangebote ist deutlich knapper bemessen als die Zeit, die der Schüler bis zum Erreichen des Grades im regulären Ausbildungsbetrieb benötigen würde.

Die Angebote sind in der Regel auch wieder gestaffelt - je kürzer die Zeit, desto teurer das Angebot.

Beispiel:

  • Pauschalangebot vom 4. Schülergrad bis 12. Schülergrad in 18 Monaten ohne Privatstunden: 3420 EUR → 190 EUR/Monat
  • Pauschalangebot vom 4. Schülergrad bis 12. Schülergrad in 16 Monaten inkl. eine Privatstunde pro Monat beim Schulleiter: 4380 EUR → ca. 274 EUR/Monat
  • Pauschalangebot vom 4. Schülergrad bis 12. Schülergrad in 14 Monaten inkl. zwei Privatstunden pro Monat beim Schulleiter: 5180 EUR → 370 EUR/Monat

Diese Beispiele sind real und stammen aus der gleichen Wing Chun Organisation, wie das oben gezeigte Beispiel der Pauschalausbildung vom 5. Schülergrad bis zum 1. Technikergrad.

Das perfide an Pauschalangeboten ist, dass der Lehrer dem Schüler eine Art "Überholspur" anbietet, um sein eigenes Unterrichtssystem zu umgehen. Der Lehrer hat sich ja selbst entschieden, z.B. mit 12 Graduierungen und weiteren höheren Graden zu unterrichten. Er bremst also willentlich und bewusst seine eigenen Schüler höchstselbst aus. Er ist also selbst der Fehler im System.

Und dann bietet er den Schülern ebenso höchstselbst den Ausweg aus dem eigenen langsamen System an.

Man stelle sich dazu vor, dass man von einem Autohersteller ein neues Auto für 20.000 EUR gekauft hat. Der Autohersteller hat aber den Wagen extra so gebaut, dass dieser nur im Schneckentempo fährt und Benzin ohne Ende schluckt. Mit dem Wagen stimmt also von vornherein etwas nicht – und das, was nicht stimmt, hat der Autohersteller selbst zu verantworten.
Das etwas nicht stimmt, merkt der Kunde aber erst nach dem Kauf und benötigt nun eine Lösung dafür. Und diese Lösung liefert ihm selbstverständlich auch der Autohersteller, der den Wagen für weitere 10.000 EUR aufrüstet, damit dieser so schnell und sparsam fährt wie der Kunde es eigentlich ursprünglich beim Kauf haben wollte. 

Der Autohersteller kassiert somit doppelt ab, weil er einerseits das Produkt selbst verkauft und es absichtlich fehlerhaft gestaltet und andererseits, weil er die Lösung für diesen Fehler auch noch selbst verkauft.

Vergleicht man dies mit Wing Chun, entspricht der Lehrer dem Autohersteller, das Wing Chun System dem Auto und das langsame Fahren und der hohe Benzinverbrauch entsprechen der langsamen Wing Chun Vermittlung und den vom Lehrer verlangten hohen Kosten.

Es ist ja nicht so, dass jemand dem Lehrer befiehlt, Wing Chun nach einem bestimmten Prüfungsprogramm zu vermitteln oder Wartezeiten einzuführen oder Lehrinhalte gegen Kosten zu vermitteln.

Das ist einzig und allein die Entscheidung des Lehrers selbst.

Wenn ein Lehrer seinen eigenen Mitgliedern also eine Art langatmiges Prüfungsprogramm mit Wartezeiten und überteuerten Kostenstrukturen aufhalst, ist das seine eigene Entscheidung unter der die Schüler evtl. zu leiden haben.

Dann aber auch noch Pauschalausbildungen anzubieten, damit die Schüler sowohl die Zeitbremse als auch die Kostenlast, die man selber willentlich eingeführt hat, in gewisser abgemilderter Form umgehen können, halte ich schlichtweg für unverschämt.

Interessant ist meistens auch, dass ich noch nie einen Schüler getroffen habe, der nach einer Pauschalausbildung wirklich fundiertes Wissen und ausgereifte Techniken vorzuweisen hatte und mit dem im Eiltempo vermittelten Wissen tatsächlich kämpfen konnte.

Der Effekt der Pauschalausbildung war vielmehr eine gesteigerte Arroganz gegenüber Mitschülern und ein gewisser Realitätsverlust bzgl. der eigenen Kampffähigkeit wie die nachfolgende kleine Anekdote zeigen soll:

     
     

"Pauschal-Berni"

Als ich vor langer Zeit noch in einem größeren WT-Verband selbst als Schüler trainierte, bekamen diejenigen, die es sehr eilig hatten, gerne vom Großmeister ein kostenpflichtiges Pauschalangebot unterbreitet. Diejenigen, die das Angebot annahmen, haben wir Schüler immer unter uns "Pauschal-XY" getauft und uns innerlich amüsiert. Die Typen hießen also z.B. "Pauschal-Willi", "Pauschal-Dieter", "Pauschal-Hakan", usw.

Einer der Pauschalschüler war Bernhard, genannt "Pauschal-Berni". Ganzkörpertätowiert, Glatze und durchaus kräftig.

Zufällig war die WT-Schule im vierten Stock über einer größeren Kickbox-Schule angesiedelt, die sich im Keller des Hauses befand und wo neben normalen Amateurkickboxern auch Profis trainierten und Wettkämpfer ausgebildet wurden.

Unser Großmeister griff damals gerne tief in die Überzeugungskiste und wollte uns immer weismachen, wie hocheffizient WT sei. Dazu sagte er in regelmäßigen Abständen Sachen wie

  • "Die dummen Kickboxer im Keller putzt ein 12. Schülergrad mit links weg" bzw.
  • "Meine Ausbilder machen aus den Kickboxern im Keller Hackfleisch".
  • Mit der Pauschale bist Du in Nullkommanix eine Kampfmaschine.

Nun ja, irgendwie haben das damals so gut wie alle dort trainierenden WT'ler geglaubt ... inklusive Pauschal-Berni.

Er hatte ein Pauschalangeobt vom 1. Schülergrad bis zum 1. Technikergrad abgeschlossen und darin war auch die Ausbildung zum Assistenstrainer ab dem 8. Schülergrad enthalten.
Pauschal-Berni war entsprechend extrem rasch WT-Ausbilder und 12. Schülergrad, lief mit vor Stolz geschwellter Brust zwischen den Schülern herum, blickte leicht arrogant auf sie herab und hielt sich für eine Kampfmaschine.

Irgendwann ist er dann auf die Bombenidee gekommen, den Fahrstuhl vom vierten Stock in den Keller zu den Kickboxern zu nehmen und denen mal zu zeigen, "wo Bartels den WT-Most holt". Keine Ahnung, was ihn geritten hat.

Wir haben später durch Gespräche mit ihm und mit den Kickboxern erfahren, was dann passierte.

Pauschal-Berni betrat die Kickbox-Schule, baute sich vor dem Tresen auf und sagte: "Hey, ich bin Wing Chun Ausbilder von der WT-Schule im vierten Stock und möchte hier mal mit einem von Euch Sparring machen".

     
     


Kräfteverhältnis zwischen Pauschal-Berni und dem Kickbox-Wettkämpfer - So ungefähr sah das Kräfteverhältnis zwischen Pauschal-Berni und dem Kickbox-Wettkämpfer aus. Nur dass Pauschal-Berni in der Illusion lebte, es sei genau anders herum.

     
     

Der Eigentümer der Kickbox-Schule hat daraufhin einen seiner Wettkämpfer geholt und gemeint: "Du, hier ist ein Ausbilder von der Kung Fu Schule im vierten Stock und der will Sparring machen. Pass auf, gib normal Gas und lass Dich nicht von dem verhauen."

Der Chef der Kickbox-Schule dachte also, dass da ein echt harter, austrainierter und erfahrener Kämpfer in seinen Kickbox-Laden kam und hat ihm einen entsprechenden Kickboxer hingestellt.

Lange Rede, kurzer Sinn - Pauschal-Berni wurde im Sparring von rechts nach links gebombt und hat die Schläge seines Lebens bekommen.

Wir hatten davon natürlich keine Ahnung und warteten jedenfalls im vierten Stock auf ihn und das Ergebnis. Irgendwann ging die Fahrstuhl auf und Berni wankte völlig im Eimer in die Schule. Er sagte nichts, lief schnurstracks in die Umkleidekabine, schnappte seine Sachen und ging Richtung Ausgang.

Im Vorbeigehen sagte er nur zum Großmeister:

"Übrigens, Sifu, ich kündige. Ist ja alles Thai Chi was wir hier machen"

Wir haben uns totgelacht...

     
     

Pauschalausbildungen mögen denjenigen, der sich auf sie einlässt, gegen Geldzahlungen schneller durch ein Graduierungssystem galloppieren lassen. Aber die Zeit zum technischen Ausreifen fällt dadurch leider nicht weg ...

... und ein Kämpfer wird man dadurch noch lange nicht. Dafür aber ein gutes Stück ärmer - sowohl was den finanziellen Aspekt als auch den Realitätsbezug anbelangt.

(nach oben)

     
           
    5. Intensivausbildungen vermitteln das "GANZE SYSTEM" - was bedeutet das?      
     

Wie schon oben erklärt, sind Intensivausbildungen im sektionsbasierten Wing Chun dazu gedacht, dem "Kunden" den Zugang zu ihm ansonsten vorenthaltenen Wissen gegen Geldzahlungen zugänglich zu machen.

In der Regel werden hier Chi Sao Sektionen als Hauptprodukt verkauft, aber auch Formeninhalte wie z.B. Biu Tze, Holzpuppe, Tripodalform, Langstock und Doppelmesser und anderes werden vermittelt.

Grundsätzlich wird stets damit geworben, dass Teilnehmer "das komplette System" in kurzer Zeit erlernen können.

Um diese Aussage verstehen zu können, müssen wir ein paar Überlegungen zu dem Begriff des "kompletten Systems" anstellen.

Wie ich schon an etlichen Stellen dieser Webseite geschrieben habe, gibt es eine unendliche Anzahl an Wing Chun Stilen weltweit. Es gibt aber keine einheitlichen Regeln, was im Wing Chun eigentlich vermittelt werden soll.

Dementsprechend unterrichten manche Lehrer die Tripodalform, andere wiederum nicht.

   
     


Tripodalform, die Schrittform des Wing Chun - Je nach Wing Chun Stil und Lehrer werden Inhalte vermittelt ... oder eben nicht. So gibt es Lehrer, die die Tripodalform (die zum Chi Gerk gehörende Form) vermitteln und es gibt Lehrer, die diese Form nicht vermitteln können bzw. sie nicht einmal kennen.

   
     

Langstockformen, Doppelmesserformen, Holzpuppenformen sehen je nach Lehrer völlig unterschiedlich aus.

Einige Lehrer machen Chi Sao, andere wiederum nicht. Chi Sao wird ebenfalls völlig unterschiedlich vermittelt:

  • mit viel Druck, mit moderatem Druck, ohne Druck,
  • mit Berücksichtigung der Wing Chun Konzepte und Prinzipien oder ohne,
  • realitätsnah oder realitätsfern,
  • einfach oder übermäßig komplex,
  • kämpferisch oder nicht.

Wie Chi Sao vermittelt wird, ist vom jeweiligen Stil und dann natürlich komplett vom Lehrer abhängig.

Fakt ist, dass jeder Lehrer in seiner eigenen Schule tut und lässt, was ihm passt, da es keine klar vorgeschriebenen Lehrinhalte gibt, die in ihrer Gesamtheit als "das Wing Chun System" festgehalten werden können.

Wenn ein Lehrer also von dem "Wing Chun System" spricht, ist das eher eine Art schwammige Beschreibung all dessen, was dieser Lehrer subjektiv für das hält, was für ihn Wing Chun ausmacht.

Man kann also festhalten, dass die Bezeichnung des "kompletten Systems" nicht für alle Wing Chun Stile allgemeine Gültigkeit besitzt und erst recht kein vereinheitlichter Begriff ist.

Wenn man sich nun auf diejenigen Wing Chun Stile beschränkt, die sich an sektionsbasiertem Chi Sao nach Leung Ting orientieren, wird das Ganze schon etwas konkreter.

Wie erklärt, hat Leung Ting sämtliche Chi Sao Inhalte in 19 Sektionen bzw. Partnerformen unterteilt. Dazu kommen Chi Gerk Inhalte, Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze, Holzpuppe, Langstock, Doppelmesser und andere Lehrinhalte.

Allerdings kann man davon ausgehen, dass Leung Ting selbst immer wieder Veränderungen an den Sektionsinhalten vorgenommen hat bzw. vornimmt, sodass die heutigen Lehrinhalte sich von den vor mehreren Jahrzehnten logischerweise deutlich unterscheiden werden.

Aber selbst, wenn Leung Ting keine Änderungen vorgenommen hätte, so haben hunderte Lehrer in den vergangenen Jahrzehnten die ursprünglich von Leung Ting vorgenommenen Sektionseinteilungen und technischen Inhalte abgewandelt, präzisiert und ergänzt - sowohl zum Besseren als auch zum Schlechteren (je nach Lehrer).

Mit anderen Worten gibt es also selbst im sektionsbasierten Wing Chun kein klar definiertes "Wing Chun System".

Stattdessen ist mit "Wing Chun System" häufig lediglich der Block bestehend aus:

  • Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze, Mook Yan Chong Fat (Holzpuppenform)
  • sieben Cham Kiu Chi Sao Sektionen
  • vier Biu Tze Chi Sao Sektionen
  • acht Holzpuppen Chi Sao Sektionen
  • Langstock inkl. Langstockanwendungen
  • Doppelmesser inkl. Doppelmesseranwendungen
  • einige Anwendungen, Theorie, etc.

gemeint.

Obwohl der Eindruck entsteht, dass es doch eine gewisse Übereinkunft zwischen unterschiedlichen Anbietern von Intensivausbildungen gibt, gibt es dennoch unter ihnen große Unterschiede in den Auffassungen, welche Übungen, Drills, Bewegungen, Zyklen, Anwendungen, Prinzipien, Theorien, etc. in diese Lehrinhalte bzw. Unterrichtsblöcke gehören und welche nicht.

So hat der eine Anbieter bestimmte Übungen und Drills im Repertoire, die der andere wiederum nicht hat. Die Formen des einen Anbieters unterscheiden sich evtl. sogar stark von den Formen des anderen Anbieters.
Wiederum ist der eine Anbieter überzeugt, dass das was er zeigt richtig ist, wohingegen der andere Wettbewerber behaupten wird, dass er selbst das einzig richtige Wing Chun zeigt und erklärt.

Man kann also festhalten, dass man von unterschiedlichen Anbietern stets unterschiedliche Inhalte lernen wird, die sich teilweise stark unterscheiden und zwischen denen es stellenweise nicht einmal eine Übereinstimmung geben wird.

Die Schnittmenge ähnlicher Inhalte zwischen verschiedenen Lehrern ist evtl. sehr gering.

     
     


Unterschiedliche Leher vermitteln unterschiedliche Lehrinhalte - Man sollte nicht davon ausgehen, dass Wing Chun gleich Wing Chun ist. Je nach Lehrer werden unterschiedliche Inhalte und Auffassungen von Wing Chun unterrichtet. Die resultierende Schnittmenge (also die Menge aller gleichen Inhalte) kann sehr klein ausfallen.

     
     

Man lernt also pro Anbieter in dessen Intensivausbildungsangebot lediglich die individuelle Wing Chun Auffassung dieses Anbieters, die er generalisierend als "Wing Chun System" bezeichnet.

Das ist eigentlich der größte Witz an solchen Intensivausbildungen, da Laien und Anfänger meinen, sie würden die ihnen evtl. vorenthaltenden Lehrinhalte des eigenen Lehrers bzw. dessen individuellen Systems durch das Intensivausbildungsangebot eines anderen Lehrers und dessen individuellem System erlernen können. Dabei sind die "Systemaufassungen" beider Lehrer / Anbieter in großen Teilen verschieden. Da ein Schüler aber das System seines eigenen Lehrers nicht gesehen hat bzw. jemals sehen wird, wird er auch nie beurteilen können, ob das in einer Intensivausbildung Erlernte tatsächlich dem entspricht, was er von seinem eigenen Lehrer hätte lernen wollen bzw. hätte lernen sollen.

Laien bzw. Anfänger meinen also meistens irrtümlich, sie hätten nach Ablegen einer Intensivausbildung "DAS WING CHUN SYSTEM" komplettiert bzw. alles gesehen, was es im Wing Chun zu sehen gibt - was leider falsch ist.

Sie haben lediglich die "Wing Chun Auffassung bzw. Wing Chun Interpretation" eines einzigen Anbieters in Form einer Intensivausbildung für viel Geld gesehen.

Dabei muss doch jedem klar sein, dass es weltweit tausende andere Lehrer gibt, die voraussichtlich komplett andere Sachen machen und das ebenfalls als Wing Chun bezeichnen.

(nach oben)

     
           
    6. Intensivausbildungvarianten - Wochenendseminare, Intensivwochen und Bootcamps      
     

Die unterschiedlichen Intensivausbildungsangebote umfassen i.d.R.

  • Wochenendseminare",
  • "Intensivwochen" oder sog.
  • "Bootcamps"

Nachfolgend schauen wir uns die einzelnen Angebote genauer an.

   
     

Variante 1 - Wing Chun Wochenendseminare

   
     

Manche Intensivausbildungen werden bevorzugt einmal pro Monat bzw. alle zwei Monate an Wochenend-Terminen angeboten.

Preisbeispiele von Wochenend-Seminaren
So ein Seminar (meistens am Samstag und/oder Sonntag durchgeführt) kostet eine Teilnahmegebühr für den jeweiligen Seminartag, wobei die Preise variieren.

Es gibt Anbieter, die Intensivausbildungen als Inhaber einer Schule sowohl für ihre eigenen Mitglieder als auch für Externe anbieten. Sie verlangen je nach Kundentyp (intern/extern) unterschiedliche Preise.
So sind Preisbeispiele bekannt, bei denen eigene Mitglieder 120 EUR pro Tag zahlen, wohingegen externe Nicht-Mitglieder 200 EUR pro Tag zahlen.

Andere Anbieter wiederum verlangen pro Tage einen Pauschalpreis, der beispielsweise zwischen 50-70 EUR liegt.

Wiederum andere Anbieter geben für eine Ausbildung, die ca. 2-3 Jahre dauern soll, einen Gesamtpreis von 6500 EUR an.

Je nach Anbieter sind in dem Preis die gewünschten Lehrinhalte wie z.B. Formen, Sektionen, Waffen, etc. schon enthalten oder müssen nochmals separat gekauft werden.

Für den Fall, dass die Lehrinhalte nicht im Tagespreis enthalten sind, muss der gewünschte Lehrinhalte (z.B. eine spezielle Chi Sao Sektion) zunächst gekauft werden. Nach erfolgter Zahlung darf der Lehrinhalt immer und immer wieder an aufeinanderfolgenden Seminartagen trainiert werden. Lediglich der Tagespreis muss pro Seminar erneut bezahlt werden.

Nachfolgend ist ein Beispiel eines Anbieters einer Intensivausbildung dargestellt. Die gezeigten Preise sind aus dem Jahr 2007.

   
     


Beispiel eines Intensivausbildungsangebotes eines Anbieters (aus 2007)- Hier sieht man schön, welche Inhalte eine Intensivausbildung ausmachen. Hauptsächlich werden Chi Sao Sektionen, Formen, Langstock- und Doppelmesserinhalte für teures Geld vermittelt. Die Lehrinhalte sind in insgesamt sieben Blöcke zerlegt und können blockweise gebucht bzw. gekauft werden. Interessanterweise fehlt Sparring bzw. der Hinweis, wie diese Inhalte ins Sparring übersetzt werden, komplett.

     
     

Ein denkbares Szenario eines Wochenendseminartages einer Intensivausbildung wäre also, dass man zu dem Intensivseminar anreist, für den Tag die Teilnahmegebühr (z.B. 50 EUR) zahlt, und beispielsweise die 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion lernen will.
Kostet diese Sektion je nach Anbieter zwischen 100 und 300 EUR, müsste man also zwischen 150 und 350 EUR an den Anbieter bezahlen.

Ausbildungsbegleitende DVD-Dokumentationen, Filmaufnahmen
Als Dokumentation bekommt man bei manchen Anbietern die gekauften Lehrinhalte zusätzlich auf DVD in Form von Filmaufnahmen.

Die Qualität der Filmaufnahmen variiert dabei je nach Anbieter stark.

Einige Anbieter machen sich die Mühe, die Lehrinhalte professionell im Filmstudio aufnehmen, schneiden und vertonen zu lassen.

Andere Anbieter wiederum stehen in ihrer eigenen Schule oder im Keller ihres eigenen Hauses, stellen eine Kamera auf und filmen sich selbst. Die Qualität variiert bei letzteren "Heimvideos" teilweise stark.
Meistens sind es einfache Kameramitschnitte, auf denen der Anbieter mit einem seiner Schüler die Sektion mehr oder weniger "runterhaut". Hier erlebt man manchmal Schnittfehler, Tonstörungen oder Bildfehler - alles ist dabei.

Filmmitschnitte von Sektionen variieren ebenfalls. Manchmal haben sie eine Länge von 10 Minuten, manchmal liegen sie bei 30 Minuten. Sie können also je nach Erklärungslust und -laune des Anbieters, nach gezeigten Kamerawinkeln, etc. völlig unterschiedlich ausfallen.

Verglichen mit einem regulären Training, in dem man Woche für Woche einmal bzw. mehrmals trainiert, fallen die Erklärungen bei allen bekannten Videodokumentationen äußerst mager aus, wenn sie überhaupt vorhanden sind.

Manche Anbieter beschränken sich lediglich darauf, den Bewegungsablauf zu zeigen, ohne weitere Erklärungen zu liefern, wann bzw. warum etwas gemacht wird. Ein persönliches und über Jahre andauerndes Training mit einem qualifizierten Lehrer kann so eine "magere" Videodokumentation nicht ersetzen.

Eigene Filmaufnahmen
Werden keine Video-Dokumentationen vom Anbieter mitgeliefert, kann der Seminarteilnehmer sich immerhin selbst filmen - aber natürlich nur, wenn der Anbieter dies gestattet.

Hier besteht allerdings das Problem, die eigene "Anonymität" zu wahren.

Da die meisten Wing Chun Lehrer es nicht gerne sehen, wenn ihre Schüler an solchen Intensivausbildungen teilnehmen und mit Rausschmiss aus der Schule drohen, versuchen viele Teilnehmer von Intensivausbildungen "anonym" zu bleiben bzw. im Geheimen an solchen Ausbildungen teilzunehmen.
Das hat aber auch zur Folge, dass sie nur ungern auf dem Filmmaterial anderer Leute zu sehen sein wollen, welches ja schließlich auch zufällig auf Youtube landen könnte, an Dritte verliehen oder nochmals verkauft wird. Infolge dessen achten Teilnehmer von Intensivausbildung durchaus sehr genau darauf, dass sie nicht auf den Aufnahmen Dritter zu sehen sind, was wiederum das Training etwas erschwert.

"Selbst filmen dürfen" heißt also noch lange nicht, dass man auch alles filmen darf bzw. dass das Filmen leicht oder unproblematisch von statten geht.

Schließlich sei noch zu erwähnen, dass man - hat man erst für eine Sektion gezahlt - zu den nächsten Wochenendseminaren wiederkehren kann, um die gekaufte Sektion zu vertiefen. Allerdings - Überraschung - muss man (wie bereits erwähnt) für den zusätzlichen Seminartag erneut die Teilnahmegebühr zahlen.

Da man eine Sektion auf keinen Fall innerhalb eines Seminartages oder Wochenendes vollständig lernen kann bzw. sämtliche Erklärungen bekommen kann, die zur korrekten Ausführung notwendig sind, kann man davon ausgehen, häufig wiederkehren zu müssen.

Nimmt man an, dass ein Seminartag pauschal 50 EUR kostet, würde allein der Besuch weiterer vier Seminartage erneut 200 EUR kosten, wodurch man für eine Sektion, die alleine z.B. 200 EUR kostet, schon bei 450 EUR landen würde.

Man muss also aufpassen - es wird bei diesem Konstrukt stetig teurer!

Änderungen, Weiterentwicklungen, etc.
Ein weiteres Problem, dass bei Intensivausbildungen bestehen kann, ist der Änderungswahn seitens des Anbieters.

Einerseits gibt es Anbieter von Intensivausbildungen, die ihre Lehrinhalte quasi "eingefroren" haben. Das ist für Teilnehmer der Ausbildung recht beruhigend, da die Lehrinhalte konstant die gleichen bleiben und man nicht in 2-3 Jahren befürchten muss, bereits gelernte Bausteine nicht mehr wieder zu erkennen.

Andererseits gibt es Anbieter von Intensivausbildungen, die mittlerweile zu neuen Wing Chun Erkenntnissen gekommen zu sein glauben und das Bedürfnisse hatten, ihr bisheriges "System" mehr oder weniger über den Haufen zu werfen und alles neu zu strukturieren und umzuändern.

Werden die Lehrinhalte (Formen, Sektionen, etc.) innerhalb von kurzer Zeit (z.B. im Jahrestakt) vom Anbieter massiv geändert, erkennen die Kunden, die sich teilweise über 2-3 Jahre oder länger ausbilden lassen, die einstmals gelernten Inhalte nicht mehr wieder.

Dies verursacht bei vielen ein Gefühl von Unsicherheit, da sie nicht mehr wissen, wo sie genau im System des Anbieters stehen. Zusätzlich kann sich Ärger über zu häufige Änderungen breit machen, da man schließlich gezahlt hat und nun eine konstante transparente Dienstleistung erwartet.

Manche Anbieter ändern bewusst und absichtlich nach einigen Jahren ihr System. Die Ursache dafür liegt u.a. darin begründet, dass die Absolventen der Intensivausbildung nun im Besitz des gleichen Systems des Anbieters sind (in der Theorie jedenfalls) und somit zu Konkurrenten werden könnten, indem sie ebenfalls eine Intensivausbildung anbieten.

Der ursprüngliche Anbieter ändert daher bewusst die Ausbildungsinhalte, indem er Formenänderungen bzw. Sektionsänderungen vornimmt und z.B. Waffenformen, Inhalte und Anwendungen ändert oder hinzudichtet, um sich von dem Gelernten seiner ehemaligen Kunden zu distanzieren und behaupten zu können, diese hätten damals ja "nur Unausgegorenes" oder "Unvollständiges", etc. gelernt

Vertragliche Verpflichtungen und Rechnungsstellung
Manche Anbieter von Intensivausbildungen lassen ihre Teilnehmer vor Beginn der Intensivausbildung sog. "Ausbildungsverträge" unterzeichnen. In diesen Verträgen wird u.a. vereinbart, dass der Teilnehmer / Kunde nach Teilnahme an der Intensivausbildung auf keinen Fall in derselben Stadt, in der der Anbieter wohnt und unterrichtet, eine eigene konkurrierende Schule eröffnen darf.

Rechnungen oder Quittungen für die Ausbildung werden je nach Anbieter ausgestellt ... oder eben nicht.

     
     

Variante 2 - Wing Chun Intensivwochen

     
     

Intensivwochen sind eine weitere Möglichkeit einer Intensivausbildung, um Sektionen bzw. Wing Chun Lehrinhalte zu kaufen und zu trainieren.

Wie der Name schon sagt, kann man während einer "Intensivwoche", die beispielsweise von Montag bis Freitag - also fünf Tage - dauert, bei manchen Anbietern jeweils eine Handvoll Sektionen (ca. 3-6 Stück) mehrere Tage lang durcharbeiten.

Dazu muss pro Seminartag wieder eine Teilnahmegebühr entrichtet werden. Unter Annahme eines Tagespreises von 50 EUR, landet man hier zunächst erst einmal bei ca. 250 EUR für eine fünf Tage andauernde Intensivwoche, ohne auch nur irgendetwas gelernt oder gesehen zu haben.

Nun bezahlt man weiterhin pro Sektion einen weiteren Festpreis. Hier liegen die Preise (wie oben erwähnt) derzeit zwischen 100 bis 300 EUR pro Sektion.

Da Intensivwochen darauf ausgelegt sind, mehrere Sektionen abzuarbeiten, kann man beispielsweise auf Preise im vierstelligen Bereich kommen. Inkl. der Teilnahmegebühr wird es noch teurer.

Doch was nützen solche Intensivwochen?

Erfahrene Wing Chun Trainierende wissen, dass allein ein gut koordinierter Schüler mit entsprechender Intelligenz schon deutlich länger als einen Tag benötigt, um eine Sektion vollständig zu erlernen bzw. in Theorie und Praxis zu erfassen.

Ein Tag (also 6-8 Stunden) ist geradezu eine lächerlich kurze Zeit für eine einzige Sektion.

Man selbst hat nur eine begrenzte Auffassungsgabe, kann sich nicht 6-8 Stunden hundertprozentig konzentrieren bzw. fokussieren und benötigt für die Lehrinhalte ohnehin endlose Wiederholungen und Korrekturen, bis sie sauber im Bewegungsapparat verankert sind.

Die Annahme, man könne in fünf Tagen auch nur drei Sektionen annähernd vollständig erfassen, ist nach allgemeiner Auffassung schlichtweg falsch.

Man wird zwar Abläufe gezeigt bekommen, die mit Erklärungen untermauert sind, aber wird das Seminar mit großen Lücken verlassen. Selbst die DVD-Dokumentationen können diese Lücken nicht füllen, geschweige denn die eigens dafür angefertigten Filmmitschnitte.

Als Ergebnis hat man drei- bis vierstellige Beträge aus dem Fenster hinausgeworfen, hat dafür die individuellen Sektionsinhalte des Anbieters zwar "gesehen" und höchstens oberflächlich trainiert, ohne sie danach vollständig zu beherrschen.
Daraus resultierend muss man prinzipiell wieder zu so einer Intensivwoche fahren oder zu Wochenendseminaren anreisen, um an die gelernten Bruchstücke anzuknüpfen und die Gedächtnis- bzw. Verständnislücken aufzufüllen.

Weitere Termine sind aber wieder kostenpflichtig - also wird es hier auch stetig teurer und teurer.

Will man dieses Geld nicht investieren, muss man wohl oder übel akzeptieren, dass man - trotz Teilnahme an einer Intensivwoche bzw. Intensivausbildung - letztlich nur mit einem bruchstückhaften Wissen ausgestattet ist.

     
     

Variante 3 - Wing Chun Bootcamps

     
     

Allein der pompöse Name lässt schon aufhorchen: "BOOTCAMP" ... Uiiiiiiiii

Hier erwartet man allein schon aufgrund des Namens eine kaum zu bewältigende Aufgabe, der nur die härtesten gewachsen sind.

Vor dem geistigen Auge vermutet man Stress, Schweiß und den einen oder anderen Ar***tritt mit schweren Militärstiefeln.

     
     


Wing Chun Bootcamps stellt man sich vermutlich so vor - Allerdings geht es in Bootcamps weniger um physischen oder psychischen Drill sondern vielmehr darum, gigantische Lehrinhalte in kürzester Zeit zu vermitteln. Das geht aber vermutlich niemandem in dieser kurzen Zeit ins Hirn, geschweige denn in den Bewegungsapparat.

     
     

Mit dieser Einschätzung liegt man gar nicht so falsch - allerdings nicht, was den körperlichen Schweiß- und Stressfaktor anbelangt.

Der Begriff "Bootcamp" steht stellvertretend für eine hochkomprimierte Vermittlung der Wing Chun Systeminterpretation des jeweiligen Anbieters.
Soll heißen: der Anbieter hat irgendwann irgendein Wing Chun System von irgendeinem Lehrer erlernt, hat dieses individuell trainiert und verstanden und vermutlich abgeändert und gibt nun seine eigene Sicht der Dinge kostenpflichtig weiter. Heißt der Anbieter z.B. Paul Gerfried Zulu oder Karl Klapp, Kann man also "Paul Gerfried Zulu Wing Chun" bzw. "Karl Klapp Wing Chun" dort lernen.
Die Vermittlung sämtlicher Wing Chun Lehrinhalte erfolgt im Unterschied zu Wochenend-Seminaren oder Intensivwochen allerdings in einem einzigen Gewaltakt innerhalb weniger Tage.

Man kann laut der Anbieter, die in Deutschland so eine Veranstaltung anpreisen, ihr gesamtes Wing Chun System innerhalb von 7-10 Tagen durcharbeiten. So werden beispielsweise in den ersten sieben Tagen die waffenlosen Inhalte vermittelt (19 Chi Sao Sektionen und Chi Gerk inkl. Theorie) und an weiteren zwei Tagen die Waffeninhalte (Langstock / Doppelmesser) vermittelt.
Dabei kann man also 19 Chi Sao Sektionen, Chi Gerk, Langstock und Doppelmesser - in einem Rutsch "erlernen".

Nochmal zum Mitschreiben - man arbeitet sich also durch sage und schreibe

  • 19 Chi Sao Sektionen
  • Chi Gerk
  • Langstock und
  • Doppelmesser

innerhalb von nur 7-10 Tagen!

Natürlich gibt es in so einem Fall auch Rabatt ... denn in der Wing Chun Kommerzszene bleibt kein Marketingregister ungezogen.

     
     


Die gute alte Wing Chun Marketing-Orgel - Um marketingtechnisch sämtliche Wing Chun Pfeifen einwandfrei bespielen zu können, benötigt man eben viele Register, die man bei der passenden Gelegenheit zieht.
Zögert ein Interessent bei dem Gedanken, unverschämte Geldsummen für kaum trainierbare Lehrinhalte zu zahlen, zieht man eben das "Rabatt-Register" bzw. "Discount-Register" und senkt den Preis. Der Kunde wird schon irgendwie anbeißen.

     
     

Inklusive Rabatt liegt man für ALLES "nur" noch bei knappen 5000 EUR, zahlt vergleichsweise also nur noch für einen Kleinwagen!

Man sollte sich an dieser Stelle mal überlegen, was so ein Angebot in anderen Kampfsportarten bedeuten würde.

Nehmen wir dafür das bekannte "Shotokan Karate" als Beispiel. Dort gibt es insgesamt 28 Katas (laut Wikipedia), deren Zahl also fast genauso groß ist, wie es Sektionen im Wing Chun gibt.

Würde man einem Karateka sagen, er solle innerhalb von 7-10 Tagen auf einem Karate-Bootcamp 28 Katas, die dazugehörigen Anwendungen, Inhalte und Theorien erlernen, würde dieser uns alleine bei dieser Aufforderung vermutlich schon einen Vogel zeigen.

     
     


Wer ist in der Lage, gigantisch viel in extrem kurzer Zeit zu lernen? - Wenn man in anderen Kampfkünsten oder Kampfsportarten vergleichbare Bootcamps anbieten würde (z.B. Karate mit 28 Katas, Anwendungen, Theorie, etc.), würde man wohl einen Vogel gezeigt bekommen. Erst recht, wenn man dafür noch vierstellige Beträge verlangt ...

     
     

Die Abspeicherung von 28 Katas ist in so kurzer Zeit einfach unmöglich, da sich niemand solche komplexen Abläufe merken kann.
Wenn man dann noch dafür ca. 5000 EUR verlangt, würde er den Anbieter vermutlich vollständig für nicht mehr ganz dicht halten.

Das Gleiche würde für Judo und die dort zu erlernenden Würfe, Fegetechniken, Bodenkontrolltechniken, etc. gelten.

Niemand wäre in der Lage, in so kurzer Zeit all diese Inhalte effektiv und vollständig zu erlernen und niemand wäre bereit dafür so horrende Summen zu bezahlen.

Die Videodokumentation, die man während des Bootcamps erstellt, wird normalerweise so generiert, indem der Anbieter zunächst dem Teilnehmer die Übungen erklärt und sie dann mit dem Teilnehmer übt.
Laufen die Bewegungen einigermaßen, wird die Kamera angeschaltet und das Geübte gefilmt. Dann wird zur nächsten Übung übergegangen.

Es kann also von Einschleifen, Eindrillen und exessiven Üben nicht die Rede sein. Stattdessen erstellt ein Teilnehmer mehr oder weniger sein eigenes Trainingsvideo, dass er später mit eigenen Trainingspartnern nachtrainieren kann.

Er lernt also in Tat und Wahrheit hauptsächlich von einer DVD. Er sieht also den kontinuierlichen Lehrer nicht, kann somit den Lehrer später keine weiteren Details innerhalb von Übungen, Drills, Zyklen fragen, kann die Übungen nicht vom Lehrer permanent korrigieren lassen und ist sich i.d.R. also selbst überlassen.

Was dabei herauskommt, kann man an fünf Fingern abzählen.

Manche Anbieter offerieren als Abhilfe den Teilnehmern weitere "Korrekturtermine" nach einem Jahr oder beliebigen Trainingszeiten. Der Teilnehmer kann also wiederkommen und sich korrigieren lassen, wovon vermutlich die wenigsten wirklich Gebrauch machen.

Was die finanzielle Abwicklung des Bootcamps anbelangt, wird i.d.R. eine Rechnung ausgestellt, in der dem Teilnehmer die Rechte an den Videomitschnitten abgesprochen wird, wie nachfolgend anhand eines Beispiels gezeigt wird (Original liegt vor).

     
     


Beispiel eines Auszugs aus einer Bootcamp-Rechnung - Rechnung ohne Mehrwertsteuer und mit Regelung bzgl. der Rechte an den Videomitschnitten. Keine Rechte liegen beim Kunden! Die Videomitschnitte, die eigentlich das Destillat der ganzen Dienstleistung sind, sind lediglich eine "zeitlich unbegrenzte Leihgabe". Weder darf man sie verleihen, verkaufen und auch nicht Dritten vorführen.

     
     

Man besitzt laut solcher Rechnung keine Rechte an den Videomitschnitten, darf diese weder verleihen, noch verkaufen und auch nicht Dritten vorführen.

Man muss sich nun vorstellen, was das bedeutet. Man galloppiert innerhalb von 9-10 Tagen durch ein so komplexes System wie Wing Chun und wird in den ersten sieben Tagen mit 2-3 Chi Sao Sektionen pro Tag vollgeballert. In den letzten zwei Tagen lernt man Langstock (1 Tag) und Doppelmesser (1 Tag), wobei jede einzelne Waffe Jahre des kontinuierlichen Trainings bedarf, bis sie beherrscht wird.

Es ist selbst für einen Blinden offensichtlich, dass man sich bei so einem Vermittlungskonstrukt so gut wie nichts merken kann. Immerhin ist der Durschnitts-Wing-Chun Trainierende nicht gerade ein Atomwissenschaftler mit einem IQ von 150 und dem Erinnerungsvermögen einer 500 GB Festplatte. Es wird also von all den vermittelten Lehrinhalte kaum etwas wirklich hängen bleiben.

Der eigentliche Wert des Bootcamps ist also das Destillat, das sich in den Videomitschnitten wiederfindet. Man wird sich also nach dem Bootcamp hauptsächlich an die Videomitschnitte klammern, in der Hoffnung, diese mit einem einigermaßen begabten Trainingspartner aufarbeiten zu können ... was vermutlich die wenigsten schaffen.

Der Wert liegt also in den Videomitschnitten; für diese hat man das eigentliche Geld bezahlt. Und laut Rechnung liegen alle Rechte dieser Videomitschnitte beim Anbieter. Man selbst hat diese nur als Leihgabe!

Das ist aber eine teure Leihgabe, oder?

Außerdem ist eine Vorführung nicht erlaubt. Soll das jetzt heißen, dass man es nicht mal seinem Trainingspartner zeigen darf?

Merkwürdige Bedingungen, die allerdings real auf so einer Rechnung gesichtet wurden.

Man fragt sich nicht nur bei Wochenendseminaren und Intensivwochen sondern erst recht bei Bootcamps, welchen Wert diese überhaupt haben?

Es gibt genügend Beispiele aus asiatischer Kampfkunstliteratur, in der der Lehrer dem Schüler mitteilt, dass dieser nur noch länger für das Erlernen des Systems benötigt, wenn er sich mehr und mehr zu beeilen versucht.

Nicht umsonst wird das Erlernen einer Kampfkunst bzw. einer Kampfsportart von vielen Erfahrenen als "Lebensaufgabe" bzw. "Lebensweg" aufgefasst oder beschrieben.

Daher wissen auch erfahrene Wing Chun Trainierende aus Jahren des Trainings, dass man Wing Chun nicht an einem Tag oder an wenigen Tagen erlernen kann.

Und schon gar nicht lernt ein "Anfänger" Wing Chun, ohne einen qualifizierten Lehrer zu haben, der ihn kontinuierlich in der Praxis begleitet.
Gerade das Chi Sao Training ist eine so komplexe Trainingsmethode, dass man hier unbedingt einen erfahrenen Lehrer oder Trainingspartner benötigt, der einem immer und immer wieder Korrekturen zukommen lässt und den Weg weist.

Sektionen, so kurz sie auch manchmal sein mögen, beinhalten wesentlich mehr als nur einen einfachen Partnertanz, in dem man eine durchchoreographierte Bewegungsfolge runterrattert.
Das Aufschlüsseln von Sektionen nach einzelnen Angriffsaktionen, daraus folgenden Kontern und Fortsetzungsmöglichkeiten bedarf Zeit, Ausdauer, Geduld ... und die nötige Intelligenz.
Die dahinterstehenden Konzepte und Prinzipien müssen für den Schüler von dem Lehrer aufgeschlüsselt, sauber vermittelt und am Beispiel erklärt werden.

Doch abgesehen davon ist es noch viel wichtiger, dass das Erlernte ausreichend trainiert wird und man sich genügend Zeit nimmt, eine Bewegung oder eine Bewegungsfolge im Bewegungsapparat zu verankern.

Wenn wir bedenken, dass es im Wing Chun heißt, ein Wing Chun Kämpfer sei in der Lage, reflexartig zu reagieren bzw. reflexartig eingedrillte Bewegungsfolgen unbewusst abzuspulen, muss man sich überlegen, wie dieses Ziel "reflexartigen Reagierens" überhaupt erreicht werden kann?

Dazu gibt es Erkenntnisse, die direkt aus der Sportmedizin kommen. Dort ist bekannt, dass ein Sportler mindestens drei Trainingsmonate benötigt, in denen er tagtäglich ein und dieselbe Bewegung etliche Male ausführt, bis diese in seinem Bewegungsapparat verankert ist und er diese "unbewusst" - also ohne nachzudenken - ausführen kann.

Auf Chi Sao bezogen heißt das, dass man eigentlich drei Monate lang ein und dieselbe Bewegung täglich trainieren muss, bis diese unbewusst und ohne Nachdenken abgespult werden kann.

Allein eine Chi Sao Sektion besteht aber aus etlichen Drills, Abfolgen oder Zyklen. Man würde also Monate des tagtäglichen Trainings benötigen, um diese Drills und Abfolgen bzw. Zyklen ausreichend zu trainieren.

Wie soll also eine einzelne Chi Sao Sektion an einem einzigen Tag vollständig trainiert werden können?

Oder wie sollen 3-6 Sektionen in fünf Tagen trainiert werden können, ohne dass man bereits am zweiten Tag die Chi Sao Sektion vom Vortag vergessen hat bzw. am Ende der Intensivwoche sämtliche Sektionen der vier Vortage komplett vergessen hat?

Bzw. noch schlimmer - wie will man das gesamte Wing Chun System, bestehend aus 19 umfangreichen Chi Sao Sektionen, Chi Gerk, Langstock, Doppelmesser, etc. in 7-10 Tagen eines Bootcamps auch nur ansatzweise erfassen?

Die Logik aus Sicht des routinierten und erfahrenen Kämpfers erschließt sich einfach nicht.

(nach oben)

     
           
    7. Fazit zu Intensivausbildungen      
     

Intensivausbildungen, die nach der oben geschilderten Variante über Wochenendseminare, Intensivwochen oder sog. Bootcamps durchgeführt werden, sind in meinen Augen schlicht mit Anlauf zum Fenster herausgeworfenes oder durch den Kamin verfeuertes Geld.

Ich weiß, wovon ich rede - ich habe selbst 5 Jahre lang an einer zum regulären Training parallel laufenden Intensivausbildung teilgenommen und betrachte diese Intensivausbildung heute als großen Fehler!

Sicherlich habe ich dort einiges von der Wing Chun Sichtweise des Anbieters gelernt, aber kämpferisch hat es mich kein Stück weitergebracht.

Die meisten Anbieter vermitteln lediglich Chi Sao, die Formen und Waffeninhalte mit der dazugehörigen Theorie. Da ist aus kämpferischer Sicht aber enorm viel Quark dabei!

Es werden teils realitätsfremde Situationen, Märchen- und Zaubertechniken trainiert, die so niemals in einer realen Selbstverteidigungssituation auftreten werden. Und schon gar nicht kann man damit gegen austrainierte, routinierte und erfahrende Kämpfer anderer Stile bestehen. Es wird nicht gezeigt, wie man fit wird, wie man Schlagkraft, Schnellkraft, etc. trainiert und - am wichtigsten - wie alles in das Sparringstraining übersetzt wird.

Keiner der Anbieter (soweit ich weiß) transferiert die Chi Sao Inhalte während der Intensivausbildung ins Sparring. Eine gigantische Lücke!

   
     


Transfer des Gelernten ins Sparring - Mit ist kein Anbieter einer Intensivausbildung bekannt, der während der Intensivausbildung zeigt, wie die Lehrinhalte ins Sparring übertragen werden. Eine große Lücke ... denn welchen Wert haben Techniken, die in der Realität nicht anwendbar sind?

Keinen!

   
     

Mit anderen Worten ist all das schöne Chi Sao Gekurbel, das eloquente Gedrehe und Chi Sao Armschach nicht im geringsten prasixerprobt. Ich habe das jedenfalls in der gesamten Intensivausbildung nicht erlebt. Und keiner von denen, die ebenfalls an Intensivausbildungen teilgenommen haben, haben irgendeine Form von Sparring gezeigt bekommen.

Aber es gibt nicht nur das Sparringsproblem. Vielmehr ist das Basisproblem, dass man überhaupt keine Zeit hat, sich ausreichend mit den Sektionsinhalten am jeweiligen Seminartag zu beschäftigen und andererseits auch noch einen viel zu hohen Preis zahlen muss.
Zudem erhält man (verglichen mit einem kontinuierlichen wöchentlichen Training) extrem dürre Dokumentationen, auf denen lediglich Bruchteile der Erklärungen von Praxis und Theorie der jeweiligen Sektion zu finden sind.

Wir alle kennen reguläres Kampfkunst-Training. Ich kenne keinen Lehrer, der sein geballtes Wissen auf den Punkt komplett und in einem Rutsch fokussiert dem Schüler vermittelt. Stattdessen wird in einem Training ein Detail besprochen und trainiert, dann gibt es im nächsten Training das nächste Detail, Korrekturen und weiteres Training. So geht das fort und fort und so baut man über Jahre auf und reift aus.

Selbst wenn es einen Lehrer gäbe, der zu einer Sektion, einem Drill, einer Übung auf einen Schlag alles was er weiß erklären würde, könnte sich selbst ein sehr begabter Schüler nur Bruchteile davon merken. Das liegt leider in der Natur des Menschen.

Eine Intensivausbildung vermittelt also komprimiertes Wissen - aber vieles davon bleibt zwangsweise auf der Strecke.

Ich habe mich jetzt in dieser Betrachtung rein auf die Kosten, die Zeitdauer, etc. fokussiert. Was noch überhaupt nicht berücksichtigt wurde, ist der Lehrer.

Denn wenn dieser ein schlechter Didakt ist und die Inhalte unübersichtlich vermittelt, von Seminar zu Seminar Änderungen in seinem Programm, seinen Sektionen, seinen Formen, etc. vornimmt, ist es allein schon aus diesen Gründen fast unmöglich, zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen.

Man darf auch nicht vergessen, dass der Anbieter Geld verdienen will und dass die Teilnehmer seine Kunden sind. Welches Interesse hat so ein Anbieter schon, dem Kunden alles komplett zu vermitteln und diesen somit als Kunden dauerhaft zu verlieren?

Intensivausbildungen und Pauschalangebote sind also letzten Endes nicht mehr als eine Art "Nische" für Wing Chun Anbieter, wobei diese Nische nur deshalb möglich ist, weil es in den größeren Verbänden nur tröpfchenweise Wissensvermittlung gibt.

Einerseits kann es extrem lange dauern, bis man die Sektionen lernt - selbst wenn diese nichts kosten sollten - und andererseits können Sektionen auch noch kostenpflichtig sein.

Es gibt also mehrere Gründe für trainierende Mitglieder, auf Dauer frustriert zu werden.

Diesen Frust über die langen Wartezeiten, die Repressionen und die Geldforderungen machen sich Anbieter von Intensivausbildungen und Pauschalangeboten zunutze, um selbst noch einiges an Geld im Markt abzuschöpfen - habe ich ja weiter oben ausführlich erklärt.

Bedenkt man all dies, sollte von der Teilnahme an solchen Angeboten grundsätzlich abgeraten werden!

Denn wird Wing Chun erst einmal kommerziell verwertet, also als "Produkt" angeboten, verwandelt sich ein Schüler bzw. ein Mitglied zum "Kunden", den man solange wie möglich binden will und wieder und wieder das Produkt in unterschiedlichsten Facetten verkaufen möchte.

Dazu möchte ich den Ausspruch eines Leiters einer sehr großen Wing Chun Organisation in Deutschland zitieren, der sagte: "Ich habe mein Wissen stets in kleinen Portionen vermittelt. Denn wer wenig hat, muss dünn streichen." - es wird an diesem Ausspruch doch sehr deutlich, wie der Hase läuft.

In meinen Augen haben solche Strukturen nichts mehr mit sauberem Kampfkunsttraining zu tun, sondern sind eine pervertierte Form von Kampfkunst- bzw. Kampfsportkommerz.

Wenn sich das eigene Training also in solchen Bahnen entwickelt und es keine Alternativen zu geben scheint, würde ich ausdrücklich empfehlen - so gerne ich Wing Chun selbst trainieren mag - eine andere Schule zu suchen, wo es so etwas nicht gibt.

Im schlimmsten Fall sollte man vollständig kündigen, Wing Chun also ganz den Rücken kehren und etwas anderes beginnen, wo es solche Strukturen nicht gibt!

     
     


Wing Chun ist nicht alles - Warum muss es gerade Wing Chun sein? Es gibt etliche Alternativen, in denen man auch super trainieren und Spaß haben kann. Einfach mal in andere Stile reinschnuppern ... nur Mut! Boxen z.B. ist ein toller Spaß.

     
     

Boxen, Kickboxen, Thaiboxen oder BJJ zum Beispiel sind eine super Sache. Nur Mut ...

(nach oben)

     
           
    8. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum dritten Teil über Intensivausbildungen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

(nach oben)

   
           
   
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