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1. Wing Chun Pauschalausbildungen, Intensivausbildungen, Bootcamps - Teil 2

     
     

Schauen wir uns nun im zweiten Teil dieses Artikels an, wie Chi Sao in Form von Sektionen bzw. Partnerformen blockweise vermittelt wird, welche Preise (lediglich in Form von Beispielen) erhoben werden und welche Psychostrukturen bzgl. des Verkaufs dieser Inhalte angewandt werden können, um die Inhalte gegen gewisse Geldzahlungen zu vermitteln.

Aber Achtung - die nachfolgend geschilderten Strukturen, Graduierungen und Preise sind lediglich als Beispiele zu betrachten.

Es gibt zwar Organisationen und Verbände, auf die diese Preise zutreffen. Es kann aber auch andere Schulen, Verbände und Organisationen geben, auf die diese nicht zutreffen und wo die Preise tiefer ... oder sogar deutlich höher ausfallen.

Auf jeden Fall gilt es stets, die Konditionen als Anfänger bzw. Neuinteressent selbst zu erfragen.

Wir beginnen mit einem kritischen Blick auf die in vielen Schulen anzutreffenden Schülergradprogramme und die mit ihnen verbundene Vermittlungsdauer.

(nach oben)

   
           
    2. Schülergradprogramme im Wing Chun - ein Blick auf Inhalte und Zeitdauern      
     

Wie ich erwähnt habe, orientieren sich viele Wing Chun Lehrer heutzutage an der von Leung Ting erfundenen Sektionsstruktur bei der Vermittlung von Chi Sao Inhalten.

Üblicherweise sind die Chi Sao Inhalte an Graduierungen gebunden.

Denken wir uns dazu einen fiktiven Wing Chun Verband aus, der 12 Schülergrade, vier fortgeschrittene Grade (FG) und vier Meistergrade (MG) und vier Großmeistergrade (GM) an seine Mitglieder vergibt und Wing Chun Chi Sao Inhalte nach der Struktur von Leung Ting vermittelt.

Wie ich im ersten Teil dieses Artikels geschildert habe, gibt es im sektionsbasierten Wing Chun in der Regel 19 Chi Sao Sektionen bzw. 19 Chi Sao Partnerformen und eine Chi Gerk Sektion (manchmal auch zwei) zu lernen.

Wie sind diese Chi Sao Sektionen nun über die Graduierungen - also die 12 Schülergrade und fortgeschrittenen Grade bzw. Meistergrade verteilt?

Ein Orientierungshilfe bieten hier häufig die Mitgliedsausweise der einzelnen Schulen, Verbände bzw. Organisationen.

Blickt man beispielsweise in einen Mitgliedspass einer Schule, die sich am Wing Chun nach Leung Ting orientiert, sieht man üblicherweise zunächst die Spalte der Schülergrade 1-12 mit gewissen Farbcodes.

Hier sieht man beispielsweise folgendes Bild:

   
     


Die ersten 12. Schülergrade - Die ersten zwölf Schülergrade sind in Unter-, Mittel- und Oberstufe unterteilt. Hier lernt man diverse Inhalte (s.u.) und verbringt in der Regel ca. 4-5 Jahre in diesem Schülergradprogramm.

   
     

Meistens folgt auf die Tabelle der Schülergrade eine weitere Tabelle, die den höheren Graden, z.B. Techniker- bzw. Meistergraden zugeordnet ist und die die ganzen zu lernenden Chi Sao Inhalte, Chi Gerk Inhalte, Langstock- und Doppelmesser-Lehrinhalte, etc. auflistet.

Diese kann z.B. wie folgt aussehen:

     
     


Lehrinhalte der höheren Grade (Techniker- höhere bzw. Meistergrade) - Standardmäßig verteilen sich die fortgeschrittenen Lehrinhalte des Chi Sao auf die höheren Grade. Ebenso wird die Biu Tze Form, die Holzpuppenform, der Langstock und die Doppelmesser erst auf die höheren Grade gelehrt.

     
     

In dieser Tabelle stehen kryptische Abkürzungen wie z.B. 

1 BTCS | 2 BTCS | 3 BTCS .... 1 MYCCS | 2MYCCS .... 8 MYCCS oder LP | LPCK, etc.

Was bedeuten diese Abkürzungen?

Kurze Erklärung dazu:

  • "1 BTCS" steht für "1. Biu Tze Chi Sao Sektion"
  • "8. MYCCS" steht für "8. Mok Yan Chong Chi Sao Sektion" (8. Holzpuppen Chi Sao Sektion).
  • "BTF" steht für "Biu Tze Form",
  • "MYCF" steht für "Mok Yan Chong Fat" also die Holzpuppenform.
  • "LPF" steht für Longpole-Form (Langstockform) und
  • "LPCK" steht für "Longpole Chi Kwan",
  • "CG" steht für "Chi Gerk"
  • usw. - weitere Abkürzungen kann man nun selbst ableiten.

Man sieht, dass offensichtlich fast alle Chi Sao und Chi Gerk Lehrinhalte, die schon im ersten Teil dieses Artikels aufgezählt wurden, erst auf die höheren Graduierungen vermittelt werden.

Nochmal zur Erinnerung - dabei handelt es sich also um folgende Inhalte:

     
     


Das Wing Chun System nach Leung Ting, aufgeteilt in 20 Blöcke - Sämtliche Chi Sao Inhalte wurden von Leung Ting in insgesamt 20 Blöcke aufgeteilt, die einen "roten Faden" durch das System darstellen. Dabei sind die einzelnen Blöcke den jeweiligen Formen (SNT, CK, BT, MYCF, SSCF) zugeordnet.

     
     

Viele im solchen Graduierungssystemen Trainierende glauben irrtümlich, dass sie die wesentlichen Inhalte des Wing Chun bereits während der Schülergrade 1-12 erlernen.

Das ist leider falsch!

Denn es sind nicht die 12 Schülergrade der ersten Tabelle das, was der wesentliche Inhalt im Wing Chun System nach Leung Ting ist, sondern es sind die Inhalte, die so kryptisch in der zweiten Tabelle aufgelistet sind - die sogenannten Chi Sao Sektionen bzw. Chi Sao Parnterformen, das Chi Gerk, die Biu Tze Form, die Holzpuppenform, die Langstock- und Doppelmesserinhalte. 

Bedeutet konkret, dass der eigentliche Kern des Wing Chun Systems nach Leung Ting in den unteren 12 Schülergraden nicht auch nur ansatzweise berührt wird!

Denn sämtliche Wing Chun Bewegungen bzw. Inhalte oder Techniken sind in Chi Sao Sektionen abgelegt. Jedenfalls im System nach Leung Ting.
Wer also glaubt, er hätte selbst als höchster 12. Schülergrad das Gesamtsystem gesehen, irrt gewaltig.

Dieser oben gezeigte bunte Block der Chi Sao Lehrinhalte enthält im Wesentlichen alles, was man an Lehrinhalte lernen kann. Das ist quasi der "Kern" sektionsbasierter Wing Chun Systeme.
Das sollten gerade Anfänger und Laien verstehen, die sich in den Schülergraden 1-12 aufhalten bzw. in Strukturen trainieren, die sich an eine solche Verteilung ihrer Lerninhalte auf entsprechende Graduierungen halten. 

Um diesen Kern gruppieren sich andere Trainingsinhalte wie z.B. Lat Sao (gerne auch etwas sinnlos als "Pak-Fauststoß-Spiel" bezeichnet).

Chi Sao ist ursprünglich eine große Ansammlung nicht weiter zusammenhängender Trainingsinhalte. Erst durch Leung Ting haben die Chi Sao Inhalte erstmalig so etwas wie eine "Struktur" bekommen.
Er hat sie untergliedert und geordnet - und zwar so, wie oben dargestellt: in 19 trainierbare Blöcke. 

Allerdings sind die "Ur-Sektionen" nach Leung Ting recht kurze Abläufe. Sie beinhalten pro Sektion ganz bestimmte "Kerntechniken" bzw. "Technikpaare"

Beispiele solcher Kerntechniken bzw. Technikpaare je nach Chi Sao Sektion wären:

  1. 2. CK Chi Sao Sektion: Hebel-Antihebeltechniken
  2. 4. CK Chi Sao Sektion: Doppelfauststöße
  3. 5. CK Chi Sao Sektion: Überkopfbong, Rückwärtshandflächenstoß, Langer Schritt
  4. 6. CK Chi Sao Sektion: Lap-Fak
  5. 1. BT Chi Sao Sektion: Biu Tze Ellbogen (Kap Jarn, Kwai Jarn, Pai Jarn)
  6. 2. BT Chi Sao Sektion: Pak Sao, Chan Sao
  7. 1. Holzpuppen Chi Sao Sektion: Genickzug, tiefer Fauststoß
  8. 7. Holzpuppen Chi Sao Sektion: kreuzender Stampftritt
  9. usw.

Diese Sektionen wurden in den folgenden Jahrzehnten von etlichen Trainierenden weiter ausgebaut und teilweise ausgeweitet. 

Wie auch immer man es betrachtet, sind die Chi Sao Sektionen der "KERN" der Wing Chun Interpretation nach Leung Ting und stellen den Hauptteil der gesamten Ausbildung dar.

Was man durch Chi Sao alles erlernen kann, ist ein vielfältiges Feld. Das erklre ich an andere Stelle genauer.
Wesentlich ist jedenfalls, dass man durch die Sektionen erfährt, was man im Prinzip aus den Formenbewegungen machen kann.
Schließlich baut man diese Bewegungen ins Lat Sao ein, trainiert dort mehr oder weniger abgesprochene Drills und überträgt das Ganze dann ins Sparring und trennt dort quasi "die Technikspreu vom Technikweizen"

So der Grundgedanke!

Wenn man nun die oben dargestellten Tabellen anschaut, fällt auf, dass sämtliche Chi Sao Inhalte überhaupt nicht in den ersten 12 Schülergraden aufzutauchen scheinen.

Offensichtlich werden von den insgesamt 20 Blöcken (19 Chi Sao Blöcke, 1 Chi Gerk Block) 19 Blöcke erst in den Technikergraden bzw. höheren Graden vermittelt, wohingegen nur die erste Cham Kiu Chi Sao Sektion Lehrinhalt der 12 Schülergrade zu sein scheint.

Auf den ersten Blick scheinen sich die Schülergrade also jahrelang nur mit zwei Formen beschäftigen zu dürfen und lediglich in der ersten Cham Kiu Chi Sao Sektion herumspielen.

Schauen wir uns dazu an, wie die üblichen Wartezeiten aussehen und was in dieser Zeit beispielsweise vermittelt werden kann.

     
     

1. bis 12. Schülergrad

     
     

Die nachfolgenden Beispiele sind Auszüge aus bekannten Lehrinhalten eines größeren deutschen Wing Chun Verbandes, der viele Nachahmer in Deutschland hat.
Die ebenfalls aufgelisteten Wartezeiten sind auch lediglich Beispiele und können teilweise kürzer oder auch länger ausfallen. Hier ist man stark vom jeweiligen Lehrer abhängig.

Aufgelistet sind jeweils die Zeitdauer, die von Prüfung zu Prüfung verstreicht, der anzustrebende Grad und Auszüge aus den wesentlichen Trainingsinhalten, die für diesen Grad abgeprüft werden.

  • 3 Monate - 1. Schülergrad - (SNT 1. Teil, etwas Grundtechniken, etc.)
  • 3 Monate - 2. Schülergrad - (SNT 2. Teil - ein halbes Jahr NUR für die SNT(!!!), paar Handtechniken, etwas Lat Sao, usw. )
  • 3 Monate - 3. Schülergrad - (CK Teil 1 - etwas Lat Sao, bisschen Dan Chi Sao)
  • 3 Monate - 4. Schülergrad - (CK Teil 2 - noch etwas Lat Sao, noch etwas Dan Chi Sao mit Schrittarbeit)

Bis hier hat man 1 Jahr trainiert - davon etwas Formen, etwas Dan Chi, etwas Lat Sao, grundsätzliche Theorie. Die Grundstufe ist geschafft und man durchläuft als nächstes die Mittelstufe.

  • 3 Monate - 5. Schülergrad - (beginn mit Poon Sao, Handwechsel, einfache Angriffe, CK Teil 3 (komplett), wieder etwas Lat Sao (Elllbogen) - 9 Monate Minimum nur für die CK (!!!))
  • 3 Monate - 6. Schülergrad (Zugangriff, Lap Kuen Zyklus, etc.), Lat Sao gegen Stilfremde, etc.
  • 3 Monate - 7. Schülergrad (Chi Sao, Pak Fauststoß, Springfaust, etc., Lat Sao gegen Ringerangriffe, Judokas, etc.)
  • 3 Monate - 8. Schülergrad (1. Chi Sao Sektion fertig, Bodenkampf - hier lernt man vermutlich immer noch eine Fallschule, bei der man sich den *****/das Steißbein bricht, etwas Lat Sao, etc.)

Bis hier wurden insgesamt 2 Jahre trainiert - davon SNT + CK komplett, erste Cham Kiu Chi Sao Sektion komplett, etwas Lat Sao, etwas Bodenkampf und andere Inhalte - keine weiteren Sektionen. Die Mittelstufe ist abgeschlossen und man tritt in die Oberstufe ein.

Aber hier "kann" sich die Prüfungsdauer ändern.

Die normale Prüfungsdauer beträgt in der Oberstufe (je nach Schüler) 3 oder 6 Monate. In der Regel ist die Wartezeit auf den 9. Grad 6 Monate.
Man kann auch (wenn man kein Koordinationsspezialist ist) die Prüfung splitten - also "9. Grad - Teil 1" oder "9. Grad - Teil 2" machen.

Nehmen wir jetzt mal die Wartezeit von 6 Monaten pro Grad an, dann geht's so weiter:

  • 6 Monate - 9. Schülergrad (1. Sektion wiederholen, Lat Sao gegen Hieb und Stichwaffen, Formen Wiederholung)
  • 6 Monate - 10. Schülergrad (Formen Wiederholung, 1. Sektion wiederholen, Lat Sao gegen mehrere Gegner unbewaffnet)

Bis hier wurdne insgesamt 3 Jahre trainiert - davon SNT + CK komplett, erste Cham Kiu Chi Sao Sektion komplett, etwas Lat Sao gegen alles Mögliche, Stilfremde, Judokas, Boxer, Ringer, etwas Bodenkampf etwas Escrima, keine weiteren Sektionen, keine weiteren Formen. Die Hälfte der Oberstufe ist rum und man geht auf den 11. und dann 12. Schülergrad.

  • 6 Monate 11. Schülergrad - (Chi Kung, Chi Sao Wiederholung, Formen Wiederholung, Sanfte Mittel)
  • 6 Monate 12. Schülergrad - (Formen Wiederholung, Chi Sao Wiederholung, Lat Sao gegen mehrere bewaffnete Gegner, gegen Faustfeuerwaffe, Nervenstock, Sanfte Mittel, etc.)

Das Schülergradprogramm ist abgeschlossen und man hat insgesamt 4 Jahre trainiert.Davon immer noch nur SNT + CK komplett , immer noch nur erste Cham Kiu Chi Sao Sektion komplett, etwas Lat Sao gegen alles Mögliche, gegen Waffen, Mehrere, Stilfremde, Judokas, Boxer, Ringer, etwas Bodenkampf, keine weiteren Sektionen, keine weiteren Formen ... das ist die Bilanz nach mindestens vier Jahren Schülergradprogramm.

In einem Wing Chun System, das beispielsweise das geschilderte Schülergradprogramm aufweist (wovon es viele Schulen in Deutschland gibt), ist man also "mindestens" 4 Jahre dabei, wenn man 12. Schülergrad ist!

Dabei muss man sich vorstellen, dass man erstmal ein halbes Jahr für die paar Bewegungen der Siu Nim Tao braucht. Dann nochmal 9 Monate für das bisschen Cham Kiu.

Ich persönlich bin ja überzeugt, dass man die Siu Nim Tao in maximal vier Wochen bezogen auf den rudimentären Ablauf abgehakt haben muss. Wer das nach 6 Monaten immer noch nicht drauf hat, soll lieber etwas anderes als Wing Chun machen.

Das Gleiche gilt für die Cham Kiu, bei der ich 9 Monate für absolut übertrieben halte. Das bisschen Form sollte vom groben Ablauf her nach spätestens einem Monat sitzen. 

Auch Dan Chi Sao ist meines Erachtens mehr oder weniger eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für "Koordinationsgurken". Wer braucht schon diese einarmigen Übungen außer vermutlich denjenigen, denen beim Uhrzeitablesen der Kaffee aus der Tasse oder die Eiskugel aus der Waffel kippt?
Meiner Erfahrung nach "pennen" alle besser koordinierten Anfänger im wahrsten Sinne des Wortes ein, wenn man sie mit Dan Chi Sao oder sogenannten "Druckübungen" nervt.

Ich präferiere doch lieber gleich ein paar knackige Drills wie z.B. Lap / Da bzw. Lap / Kuen. Da geht alles tausendmal schneller. Es gibt doch zig sinnvollere Wege, als nun gerade über Dan Chi Sao zu starten ... Sorry, aber das muss mal gesagt werden!

Schaltet man nun sein Hirn ein und bedenkt, was man in 12 Schülergraden eines solchen Systems lernen kann, merkt man schnelle, dass man abgesehen von den langen Zeitdauern und den lediglich zwei Formen von den 19 Chi Sao Sektion mit lediglich einer Sektion also so gut wie nichts gelernt hat.

Was soll das Ganze also?

Warum ist das ganze Programm bereits zu Beginn offensichtlich so endlos in die Länge gezogen?

Abgesehen davon, dass 4-5 Jahre Ausbildungszeit eine sehr lange Dauer sind, man sich zwangsweise die Frage stellen, wer es überhaupt bis zum 12. Schülergrad schafft?

Ich habe mich selbst durch solche Strukturen gekämpft und weiß, dass die Realität meistens so aussieht:

Die meisten Schüler kündigen zwischen 1.-4. Schülergrad bereits in der Unterstufe. Dann kündigen die nächsten zwischen 5.-8. Schülergrad in der Mittelstufe.

Die Mehrheit der Schüler kommt also nie in der sog. "Oberstufe" an - lediglich die wenigsten kommen real beim 12. Schülergrad an. Das ist meistens nur eine Handvoll von Leuten. Und in Wahrheit kommen die wenigsten nach einer Zeit von 4 Jahren dort an. Eher sind es 5-6 Jahre Ausbildungszeit (wenn nicht noch länger). Mal hat man eine Prüfung verpasst, braucht etwas länger oder hat was weiß ich was gemacht.

Und selbst wenn man den 12. Schülergrad in so einem Wing Chun System erreicht hat, sollte man sich erst recht fragen, was man vom Wing Chun nach Leung Ting real gesehen hat?

Die Antwortet lautet: "Quasi nichts" - nämlich nur eine einzige Sektion von insgesamt 19 Stück!

Kein Chi Gerk, keine Biu Tze, keine Holzpuppe, kein Langstock, keine Doppelmesser. Man ist aber schon mindestens 4 Jahre im Training. 

Wenn man sauber analysiert, ist offensichtlich, dass die zwölf Schülergrade "VOR" das wirkliche System geschaltet zu sein scheinen, ohne dass das wirklich nötig ist.

Man erhält also eine künstliche "Streckung" des gesamten Ausbildungsweges um weitere 12 Stationen - die Stationen der 12 Schülergrade wie nachfolgend dargestellt.

     
     


12 Schülergrade, die vor das eigentliche System geschaltet wurden - Die eigentlichen Inhalte im Wing Chun nach Leung Ting spielen sich in den Chi Sao Sektionen ab. Die 12 Schülergrade wurden quasi vor das eigentliche System "geschaltet" und vermitteln lediglich die erste Cham Kiu Chi Sao Sektion (in seltenen Fällen auch die zweite CK-CS-Sektion) und man benötigt dafür ca. 4-5 Jahre Minimum!

     
     

Man lässt die Anfänger also mindestens 4-5 Jahre mit irgendeinem Zeug trainieren, dass gegen Judokas helfen soll, gegen Ringer, gegen Boxer, usw. und hält sie von den wahren Inhalten des Systems - den Chi Sao Sektionen und dem Chi Gerk fern.
Von der Biu Tze Form, der Holzpuppenform, dem Langstock und den Doppelmessern ganz zu schweigen!

In dieser Zeit beginnt schleichend auch der kommerzielle Teil des Wing Chun!

Die Schüler gehen auf Lehrgänge, zahlen Lehrgangsgebühren, legen Prüfungen ab, zahlen Prüfungsgebühren, bezahlen monatliche Mitgliedsbeiträge, zahlen Jahresbeiträge, zahlen Dachverbandsgebühren, beginnen kostenpflichtige Ausbilderschulungen, nehmen evtl. an kostenpflichtigen Zusatzseminaren teil, usw. - man wird aus finanzieller Sicht schleichend zur Ader gelassen quasi für später "warmgemacht" ... es tritt ein Gewöhnungseffekt bzgl. Geldzahlungen ein, der kaum noch bemerkt subjektiv bemerkt wird.

Sicherlich sind die Lehrinhalte der 12 Schülergrade inkl. der damit verbundenen Zeitdauer nicht nur kritisch zu betrachten.
Man lernt auch durch solche Inhalte einiges an Selbstverteidigungsfähigkeit. Wer aber wirklich Wing Chun lernen will, wird sich zwangsweise stark ausgebremst wenn nicht sogar komplett gestoppt vorkommen, wenn er weiß, wo bzw. wann die wahren Inhalte vermittelt werden.

Wenn man die Lehrinhalte des Schülergradprogramms anschaut, fällt ebenfalls auf, dass die Inhalte sehr einfach gestrickt sind.
Pro Grad müssen nicht gerade "Herkulesaufgaben" bewältigt werden. Gerade die Inhalte der unteren vier Schülergrade können vermutlich von jedem noch so untalentierten "Koordinationsflöte" ausgeführt werden.

Das Ganze hat natürlich einen tieferen Sinn. Denn wie sagte schon einer meiner früheren Lehrer so erleuchtend: "Die Schule wird finanziell von den unteren Schülergraden getragen."

Es macht also tatsächlich Sinn, die unteren vier Schülergrade bzgl. der Lehrinhalte "gemütlich" zu gestalten. So kann sich jeder Hirsch hier amüsieren und daheim mit stolz geschwellter Brust behaupten, er trainiere Wing Chun.

Wing Chun wird somit zu einer Art "Auffangstation für alles und jeden."

Dieses Konzept passt auch zu den Werbesprüchen größerer Wing Chun Verbände, wie z.B.

  • "Wing Chun ist für jeden geeignet"
  • "Wing Chun kann jeder lernen"
  • "Wing Chun ist für jung und alt"
  • usw.

Hier kann und soll sich jeder wohlfühlen. Bisschen "Pitsche-Patsche" im Lat Sao und etwas "Gekurbel" im Chi Sao. Dann noch seitlich an mehreren Angreifern vorbeilaufen und einen Takedown-Versuch vom angeblichen Ringer mit Gam Sao in den Nacken begegnen. Haken bzw. Schwinger vom angeblichen Boxer dann mit Fook Sao, Fauststoß abwehren. 

Es wird leider viel Käse vermittelt, der nie gegen solche Stile funktionieren wird - eine große Illusion, die so aber durchaus auch gewollt ist!

Dabei können und werden viele Wing Chun Anfänger die Realität nie verstehen, die Illusion durchschauen bzw. geschweige denn akzeptieren, dass sie selbst nach etlichen Jahren Wing Chun Training damit kaum etwas zu stande bringen werden.

Das ist aber aus Sicht des Geldverdienens auch völlig irrelevant. Dass die meisten Schüler das System, die Sektionen, den Langstock, die Doppelmesser, Holzpuppe, etc. eh nie sehen bzw. lernen werden, ist dem kommerziell ausgerichteten Lehrer ohnehin klar und auch so gewollt.
Hauptsache ist, dass sich möglichst viele Mitglieder in den unteren Schülergraden tummeln und die geforderten Zahlungen erbringen.
Dabei mag das Schülergradprogramm dem einen oder anderen sogar etwas bringen, denn es hat sicherlich ein paar gute Punkte - aber aus Systemsicht ist es alles andere als Wing Chun bzw. "Trainieren im System".

Man hat in der Zeit der Schülergradausbildung also von den 20 zur Verfügung stehenden Chi Sao Sektionen inkl. Chi Gerk lediglich einen (!) der 20 Bausteine erlernt - also in Tat und Wahrheit so gut wie nichts!

     
     


Der erste Chi Sao Block bis zum 12. Schülergrad - Standardmäßig lernt der Schüler bis zum 12. Schülergrad gerade mal die erste Cham Kiu Chi Sao Sektion und nur in Ausnahmefällen noch die 2. Cham Kiu Chi Sao Sektion. Die Zeitdauer bis hierhin liegt in der Regel bei 4-5 Jahren. Eine Ewigkeit, in der man eigentlich nichts vom Gesamtpaket gesehen hat - gerade mal einen von insgesamt 20 Blöcken.

     
     

Wenn man sich das vor Augen führt, müsste man als jemand, der enthusiastisch in das Wing Chun Training einsteigt, totaler Anfänger eigentlich sehr frustriert werden!

Abschließend können wir uns noch die Frage stellen, wie es mit den Kosten für die erste Cham Kiu Chi Sao Sektion aussieht?

Standardmäßig wird die erste Cham Kiu Chi Sao Sektion in solchen Schülergradstrukturen unentgeltlich vermittelt. Erst ab der zweiten Chi Sao Sektion beginnen i.d.R. in den Verbänden / Organisationen die Zahlungen.

Wenn man es auf den Punkt bringt, bieten die 12 Schülergrade die Möglichkeit, den Spruch "Wing Chun kann jeder lernen" für 4-5 Jahre in die Tat umzusetzen.

Hier fängt man jede "Selbstverteidigungsbratpfanne" auf, die für Wing Chun und generell jeden anderen harten Kampfsport / jede andere harte Kampfkunst eigentlich total ungeeignet ist.
Alle die im harten Training mit harten Konditionsübungen, Skipping, Seilspringen, Pratzentraining, Takedowns, Sandsack, Sparring, etc. untergehen bzw. pulverisiert werden würden, finden hier eine Heimstatt. 

Aus Kommerzgründen eine Topsache!

Aus Sicht des Kung Fu-Aspektes allerdings zweifelhaft und für diejenigen, die zügig wirklich Wing Chun lernen wollen, sehr schlecht.

Doch wie geht es nach dem Durchlaufen der Schülergrade in den fortgeschrittenen Graduierungen weiter?

(nach oben)

     
           
    3. Höhere Grade im Wing Chun - ein Blick auf Inhalte, Zeitdauern ... und Preise!      
     

Mit Erlangen des zwölften Schülergrades will der Schüler nun seinen ersten fortgeschrittenen Grad erlangen (auch 1. Technikergrad, 1. Lehrergrad, 1. fortgeschrittener Grad oder 1. höherer Grad genannt).

Ab hier wird es üblicherweise teuer! Das schauen wir uns mal genauer an.

   
     

1. Technikergrad, 1. Lehrergrad, 1. fortgeschrittener Grad, 1. höherer Grad

   
     

Üblicherweise erlernt der Schüler beim Übergang vom 12. Schülergrad zum 1. fortgeschrittenen bzw. höheren Grad die zweite, dritte und vierte Cham Kiu Chi Sao Sektion.

Die Trainingsdauer (auch "Wartezeit" genannt) beträgt mindestens ein Jahr, bis die Prüfung abgelegt werden darf.

   
     


Lehrinhalte bis zum 1. Techniker- bzw. höheren Grad - Man lernt weitere drei Blöcke aus dem Chi Sao Gesamtpaket und zwar die 2., 3. und 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion. Man hat also vier von 20 Sektionen erlernt - das ist gerade mal ein Fünftel, also auch noch nichts.

   
     

Er ist also mindestens 5 Jahre dabei, wenn er geprüft wird, hat aber lediglich vier von den 20 Sektionen erlernt - also vom Wing Chun immer noch kaum etwas gesehen.

Will er nun die zweite bis vierte Cham Kiu Chi Sao Sektion erlernen, zieht ihn der Lehrer normalerweise zur Seite und eröffnet ihm, er müsse jetzt für jede Sektion zahlen. Um die Zahlungen zu rechtfertigen werden teilweise mehr oder weniger irre Argumente angeführt.

So verklickert der Lehrer dem Schüler anhand des - in meinen Augen - saublöden Arguments , er hätte damals bei seiner eigenen Ausbildung auch gezahlt und müsse nun "refinanzieren".
Auch hört man hier, dass der Schüler ja selbst später unterrichten und dann seine Unkosten ebenfalls wieder einspielen könne.
Eine andere Methode, den 12. Schülergrad von den nun beginnenden Zahlungen in Kenntnis zu setzen, beinhaltet, dass der Lehrer einen anderen fortgeschrittenen Schüler bittet, den 12. Schülergrad über die anstehenden Zahlungen zu informieren. Das ist insofern schlau eingefädelt, da der 12. Schülergrad sieht, dass andere Mitschüler vor ihm auch diesen Weg gehen. Man findet sich also quasi unter "Gleichgesinnten" wieder (Stichwort: Herdentrieb bzw. Gruppenzwang).

Es ist klar, dass auf diese Art und Weise eine Finanzspirale entsteht, die so gut wie keiner der Schüler durchbricht bzw. durchbrechen wird.

Dummerweise lassen sich allzu viele Schüler auf diese fadenscheinige Erklärung und diese Methodik ein, da sie u.a. die gute Stimmung zwischen Lehrer und Schüler als Vertrauensverhältnis missdeuten, obwohl der Schüler für den Lehrer lediglich einer von mehreren Kunden ist, die gut behandelt werden müssen, um die Zahlungsmoral aufrecht zu erhalten.

Wie heißt es so schön: "Der Schüler interpretiert die Reibungshitze beim "Über-den-Tisch-ziehen" als Nestwärme."

Mir sind genug Fälle bekannt, wo Schüler und Lehrer das scheinbar beste Verhältnis hatten - jedenfalls aus Sicht des Schülers.
Kaum lag jedoch die Kündigung des Schülers vor, tauchten nicht gerade selten Anwaltschreiben auf, in denen der Lehrer noch ausstehende Zahlungen einzuklagen droht. Das zum Thema des "Vertrauensverhältnisses".

Wie steht es um die Preise?

Preise fallen für insgesamt vier Bausteine an, nämlich die drei Sektionen und die Prüfung. Preisbeispiele wären:

  • 2. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR
  • 3. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR
  • 4. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 125 EUR
  • Anwendungen - sind inklusive
  • Prüfung zum ersten fortgeschrittenen Grad - 185 EU
  • GESAMT: 560 EUR

Diese Preise sind keine Phantasiepreise, sondern Preisbeispiele aus einer bekannten Wing Chun Organisation aus dem Jahr 2008.

Der Baustein der "Anwendungen" ist übrigens in der Regel inklusive, weil es diese Anwendungen häufig gar nicht gibt.
Sie werden so gut wie nicht vermittelt und auf Nachfrage bekommt man äußerst dürftige Beispiele gezeigt, die für die Realität eher ungeeignet sind.

   
     

2. Technikergrad, 2. Lehrergrad, 2. fortgeschrittener Grad, 2. höherer Grad

     
     

Das ganze Spiel geht dann so weiter, dass man nun den zweiten höheren Grad anstrebt.

Hier lernt man typischerweise die fünfte bis siebte Cham Kiu Chi Sao Sektion bzw. Partnerform, die Biu Tze Form, Anwendungen (die wiederum kaum existieren) und muss schließlich die kostenpflichtige Prüfung ablegen.

     
     


Lehrinhalte bis zum 2. Techniker- bzw. höheren Grad - Man lernt weitere drei Blöcke aus dem Chi Sao Gesamtpaket und zwar die 5., 6. und 7. Cham Kiu Chi Sao Sektion. Dazu kommt in der Regel noch die 3. Form - die Biu Tze Form. Bis hierhin ist man häufig schon acht Jahre Mitglied. An der Holzpuppe stand man bis dahin vermutlich noch nicht und kann NUR ein Drittel der Sektionen. ACHT JAHRE!

     
     

Die Wartezeit auf die Prüfung beträgt in der Regel zwei Jahre (oder anderthalb Jahre).

Preisbeispiele wären hier wiederum aus einer bekannten Wing Chun Organisation aus dem Jahr 2008 :

  • 5. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR
  • 6. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR
  • 7. Cham Kiu Chi Sao Sektion - 140 EUR
  • Biu Tze Form - 250 EUR
  • Anwendungen - sind inklusive
  • Prüfung zum zweiten fortgeschrittenen Grad - 200 EU
  • GESAMT: 870 EUR

Bedenkt man, dass vor dem Erlernen der zweiten bis siebten Cham Kiu Chi Sao Sektion zunächst 12 Schülergrade absolviert werden müssen und der Normalschüler alleine dafür schon mindestens vier Jahre benötigt, ist man also schon mindestens sieben Jahre im Training, bevor man lediglich sieben Sektionen von insgesamt 19 Sektionen und lediglich drei Formen (Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze) erlernt bzw. (besser gesagt) gesehen hat.

In dieser Zeit hat man mindestens sieben Jahre lang monatliche Mitgliedsgebühren bezahlt, etliche Lehrgänge für viel Geld besucht, etliche Prüfungsgebühren bezahlt, etliche Jahresgebühren bezahlt und ist um einige tausend EUR erleichtert worden.

Auch bedenklich ist die Methode, nach der die Inhalte i.d.R. zugänglich gemacht werden. Denn zuerst muss man zahlen und bekommt anschließend einen Stempel in seinem Pass. Gelernt hat man noch nichts, sondern hat sich zunächst das Recht "erkauft", die Inhalte trainieren zu dürfen. Meistens fehlen jedeoch ausreichend Trainingspartner bzw. darf man die Inhalte im regulären Training gar nicht trainieren.
Stattdessen werden die Inhalte der Sektionen häufig nur in Privatstunden vermittelt, die ebenfalls bezahlt werden müssen. Auch werden die Sektionsinhalte gerne nur auf Lehrgängen gezeigt, was ebenfalls eine Art "Vermittlungsbremse" darstellt.

Davon abgesehen möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich die sieben Cham Kiu Chi Sao Sektionen, die auf den zweiten höheren Grad fällig sind, in meiner Schule übrigens lediglich als "Grundlagen" bzw. "Basics" einordne.

Wenn man sich vorstellt, dass mindestens acht Jahre in manchen Verbänden rumgeeiert wird, bis man gerade mal ein lächerliches Drittel der 19 Sektionen überhaupt erlernen darf und bis dahin vermutlich noch nicht mal an der Holzpuppe gestanden hat, sträuben sich mir unweigerlich die Haare.

Wie lernt man nun weiter und welche Kosten kommen noch auf einen zu?

     
     

3. Technikergrad, 3. Lehrergrad, 3. fortgeschrittener Grad, 3. höherer Grad

     
     

Als nächster Grad steht der dritte fortgeschrittene / höhere Grad an.

Für diesen muss man die vier (manchmal auch fünf) Biu Tze Chi Sao Sektionen beherrschen, muss Anwendungen zu den Sektionen lernen und darf die ersten drei Sätze der Holzpuppe einstudieren.

     
     


Lehrinhalte bis zum 3. Techniker- bzw. höheren Grad - Man lernt weitere vier Blöcke aus dem Chi Sao Gesamtpaket und zwar die 1. bis 4. Biu Tze Chi Sao Sektion (je nach Verband sind es auch fünf BT-Sektionen). Dazu kommen in der Regel noch die ersten drei Sätze der Holzpuppenform.
Bis hierhin ist man häufig schon 9-10 Jahre Mitglied - häufig gilt hier eher "mindestens 10 Jahre". Denn in der Regel sind die meisten Schüler deutlich langsamer oder kommen eher niemals hier an. Traurig aber wahr!

     
     

Die Wartezeit bis zur Prüfung beträgt in der Regel mindestens 2 Jahre.

Preisbeispiele wären hier wieder aus einer bekannten Wing Chun Organisation aus dem Jahr 2008:

  • 1. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 2. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 3. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • 4. Biu Tze Chi Sao Sektion - 180 EUR
  • Holzpuppe Satz 1 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 2 - 100 EUR
  • Holzpuppe Satz 3 - 200 EUR
  • Anwendungen - sind inklusive
  • Prüfung zum dritten fortgeschrittenen Grad - 300 EUR
  • GESAMT: 1520 EUR

1520 EUR (!) für die wenigen Wing Chun Trainingsinhalte!

Diesen Preis muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn das keine Ausbeutung ist, weiß ich auch nicht weiter. Dazu kommt noch eine gesamte "minimale" Trainingsdauer von neun Jahren.

Aber Achtung - wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Das war bis hier lediglich der dritte fortgeschrittene Grad / höhere Grad.

     
     

4. Technikergrad, 4. Lehrergrad, 4. fortgeschrittener Grad, 4. höherer Grad

     
     

Auch für den vierten Grad gibt es klare Vorgaben, was für diesen Grad vermittelt wird. Man erlernt zunächst Satz 4 - 6 der Holzpuppenform - darf diese also immer noch nicht komplett erlernen, da die letzten zwei Sätze fehlen.

Weiterhin beschäftigt man sich nun mit den ersten sechs von insgesamt acht Holzpuppen Chi Sao Sektionen (sog. "Mok Yan Chong Chi Sao Sektionen - oder abgekürzt "MYCCSS"). Die Wartezeit bis zur Prüfung beträgt in der Regel mindestens 3 Jahre.

     
     


Lehrinhalte bis zum 4. Techniker- bzw. höheren Grad - Man lernt weitere sechs Blöcke aus dem Chi Sao Gesamtpaket und zwar die 1. bis 6. Mok Yan Chong Chi Sao Sektion (bzw. Holzpuppen Chi Sao Sektion). Dazu kommen in der Regel noch die Sätze vier bis sechs der Holzpuppenform.

     
     

Preisbeispiele sehen aus wie folgt:

  • 1. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 2. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 3. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 4. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 5. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • 6. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 220 EUR
  • Holzpuppe Satz 4 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 5 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 6 - 200 EUR
  • Anwendungen - sind inklusive
  • Prüfung zum vierten fortgeschrittenen Grad - 400 EUR
  • GESAMT: 2320 EUR

Man ist also vierter fortgeschrittener Grad für unverschämte 2320 EUR!

Wie lange hat ein "normaler Schüler" minimal bis zur Erreichung des vierten fortgeschrittenen Grades jetzt trainiert?

Kurze Rechung:

  • 4 Jahre für 12 Schülergrad
  • 1 Jahr für den 1. fortgeschrittenen Grad
  • 2 Jahre für den 2. fortgeschrittenen Grad
  • 2 Jahre für den 3. fortgeschrittenen Grad
  • 3 Jahre für den 4. fortgeschrittenen Grad

Man benötigt also von Beginn der Wing Chun Ausbildung über die 12 Schülergrade bis hin zum vierten fortgeschrittenen Grad insgesamt ca. 12 Jahre.

Innerhalb dieser 12 Jahre hat man immer noch nicht die Holzpuppe komplett erlernt, da einem immer noch der siebte und achte Satz der Holzpuppenform fehlen. Weiterhin fehlen noch zwei Holzpuppen Chi Sao Sektionen und von Chi Gerk hat man auch noch nichts gesehen.

Alternative Bezeichnungen der "fortgeschrittenen Grade" sind übrigens häufig auch "Technikergrade (TG)" oder "höhere Grade (HG)", wobei das Vorhandensein der Bezeichnung nicht automatisch bedeutet, dass exakt die aufgezählten Finanzstrukturen, Preise oder Lehrinhalte vorhanden sein müssen.

Nachdem die Graduierungen alle absolviert wurden, man also den 4. fortgeschrittenen Grad bzw. 4. Technikergrad bzw. 4. höheren Grad innehat, folgt als nächstes der Wing Chun Meistergrad.

     
     

5 Praktikergrad, 1. Meistergrad, 5 höherer Grad

     
     

Der Meistergrad wird üblicherweise einfach "weitergezählt" - also mit der Zahl "5" gezählt. Obwohl es der 1. Meistergrad ist, wird er also "5. Praktikergrad" genannt oder auch "5. Meistergrad" oder "5. Lehrergrad" oder "5. höherer Grad".

Auf den 5. Praktikergrad lernt man schließlich die letzten beiden Sätze der Holzpuppenform, die 7. und 8. Mok Yan Chong Chi Sao Sektion (7. und 8. Holzpuppen Chi Sao Sektion), Chi Gerk und die Langstockform. In manchen Verbänden lernt man zusätzlich noch Langstock Chi Kwan und Langstockanwendungen.

     
     


Lehrinhalte bis zum 5 Praktikergrad bzw. 1. Meistergrad - Man lernt die letzten beiden Holzpuppen Chi Sao Sektionen und Chi Gerk, das manchmal als eine oder zwei Chi Gerk Sektionen aufgespalten ist. Dazu kommen häufig noch Langstock Inhalte wie z.B. die Langstockform oder Langstock Chi Kwan bzw. Langstock-Anwendungen (je nach Schule, Verband oder Organisation).

     
     

Die Preise fallen noch höher als bei den niedrigeren Graduierugen aus:

  • 7. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 300 EUR
  • 8. Mok Yan Chong (Holzpuppen) Chi Sao Sektion - 300 EUR
  • Holzpuppe Satz 7 - 200 EUR
  • Holzpuppe Satz 8 - 400 EUR
  • Chi Gerk 1 - 300 EUR
  • Chi Gerk 2 - 300 EUR
  • Anwendungen - sind inklusive
  • Langstockform + Langstockanwendungen - 3000 EUR
  • Prüfung zum ersten Meistergrad (sog. "5. Praktikergrad") - 800 EUR
  • GESAMT: 5600 EUR

Man soll also für eine einfache Langstockübung mit ein wenig Theorie und ein paar Partnerübungen 3000 EUR ausgeben?

Hört sich reichlich irre an, ist aber ebenfalls wahr. Es kursieren auch andere Preise, die allerdings immer noch bei ca. 1500 EUR liegen.

Auch fällt auf, dass man bis hierhin noch immer nicht die Doppelmesser gelernt hat!

Diese kosten in diesem Graduierungssystem bei einigen wenigen Lehrern sogar sagenhafte 8000 EUR und werden erst auf den 7. Praktikergrad vermittelt (also den 3. Meistergrad).
Auch hier gibt es alternative Preise um die 3000 EUR - was ich auch für einen Anreiz halte, dem überteuerten Anbieter die Doppelmesser kostenlos dort hinzustecken, wo die Sonne nicht scheint!

Die Vorbereitungszeit dauert auf den 1. Meistergrad (5. Praktikergrad) i.d.R. 4 Jahre!

Man kommt also bis zur Meisterung des Wing Chun Systems auf schlappe 16 Jahre minimaler Ausbildungszeit - ist also, wenn man mit 20 Jahren begonnen hat knapp 36 Jahre alt und somit aus dem Maximum der körperlichen Kampf- und Leistungskraft schon lange raus!

Selbst wenn man nun die Prüfungszeiträume auch nur um einige Jahre verkürzen würde, käme man immer noch auf ca. 13-15 Jahre. 

Übel daran ist auch, dass sich mit dem Erlernen jedes Sektionen- oder Formenbausteins auch meistens etliches an den darunter liegenden Programmpunkten ändert. 

Beispielsweise ändert die Erkenntnis der in der Biu Tze Form enthaltenen Ganzkörperbewegung (Stichwort: "7-Gelenke-Kraft") die ganze Arbeitsweise in den Cham Kiu Chi Sao Sektionen 1-7.
Die Holzpuppenform verdeutlicht das Arbeiten mit kurzen, schockartigen und kräftigen Bewegungen. Wer nicht merkt, dass alles mit Power ausgeführt wird, anstatt butterweich aufzunehmen, ist vermutlich hirntot. 

Dann kommen noch alle Tritte dazu - z.B. Huen Bo, der Zirkelfeger oder die Tritte der Holzpuppe und schließlich Chi Gerk. Brechen der Achse, den Gegner am Boden kontrollieren usw. usf. ... ein Augenöffner nach dem nächsten.

Bereits der Zirkelfeger der Biu Tze als auch sämtliche Tritte der Holzpuppe verdeutlichen völlig logisch, dass die Arbeitsweise des Wing Chun stets den Takedown bzw. das "Zu-Boden-bringen" des Gegners zur Folge hat. Das hat man, da die Biu Tze Chi Sao Sektionen erst auf den 3. höheren Grad und somit erst frühestens nach 7 Jahren vermittelt werden, Ewigkeiten vorher nicht gesehen.
Man müsste also statt auf Parkett oder Linoleum-Fussboden eher auf Matten trainieren, um knackige Takedowns ausführen zu können. Macht aber kaum einer - weil kaum einer soweit gekommen ist und die Holzpuppen-Chi Sao Sektionen abgeschlossen hat.

In diesen Strukturen kommen viele der sehr guten Sachen erst zum Schluss!

"Platt gesagt" eiert man also erstmal 4-5 Jahre in den Schülergraden rum, lernt quasi nichts, dann stoppelt man über Jahre und Jahre durch die höheren Grade und wird dabei immer älter und älter.
Beginnt man - wie bei vielen üblich - so Anfang 20, ist man mit 35 Jahren dann evtl. am Ende vom 4. TG.
Das aber auch nur, wenn die Kohle stimmt, man einen guten Draht zum Lehrer hat, etc. ... es ist nicht so einfach, wie man denkt.

Aber mit 35 Jahren ist man aus "Sportsicht" bzw. "Kämpfersicht" ja schon mehr als "altes Eisen".
Man hat die beste Zeit seiner Jugend so gesehen hauptsächlich mit "Sammeln" verbracht und dann, erst dann beginnt man, die Bausteine der 19 Chi Sao Sektionen miteinander zum funktionieren zu bringen, da man sie dann erst vollständig "gesehen" hat. 

Sehen reicht aber leider nicht - man muss die Lehrinhalte auch noch lange ausführlich trainieren. Nur ist man nach 15 Jahren Training vermutlich "saft- und kraftlos", hat keinen Bock mehr und geht eh kaum noch ins Training. 

Man muss sich also überlegen, dass ein Schüler quasi Krümel für Krümel von dem System einsammeln muss - und das über Jahre. Jedes Jahr kostet, jede Sektion kostet, jede Form kostet, jeder Lehrgang kostet. 

     
     


Jahre über Jahre verstreichen - Man trainiert und trainiert und hängt im schlimmsten Fall mitten in der Kostenfalle.

     
     

Wenn ich selbst bedenke, dass ich einen dritten Technikergrad 1990 schon für was sehr besonderes gehalten hat, muss man sich jetzt mal überlegen, was der eigentlich in solchen Strukturen wirklich offiziell nach seiner Graduierung beherrscht.
Er kann drei Formen, 10 von 19 Sektion (also gerade mal knapp mehr als die Hälfte), hat von der Holzpuppe die ersten drei Sätze gesehen. 

In meinen Augen ist ein dritter TG also gerade mal mitten im System - quasi halbfertig.

Er ist aber schon ca. 10 Jahre dabei. Da wäre man in jedem anderen System schon bei vergleichbarer Zeit und hartem Training eine echt routinierte Kampfbombe.

Jetzt kann man sich mal überlegen, was all die 1. und 2. Technikergrade vom Leung Ting System gesehen haben, die schon Schulen gegründet haben und dort ihre Schüler unterrichten.
Sie haben offiziell keinen Plan von Biu Tze Techniken (bzw. sind noch komplett unausgereift), keinen Plan von Holzpuppe, Langstock, Doppelmesser ...

Man könnte sich durchaus fragen, wieso jemand in so einem Stadium eigentlich unterrichten oder Schulen leiten kann, wenn man nach dem oben gezeigten Block eigentlich so wenig (1. TG gerade mal 4 Sektionen, 2. TG gerade mal 7 Sektionen) gelernt hat und keinen wirklichen Überblick über das Gesamtsystem hat? 

Und was heißt das eigentlich bezogen auf all die Schüler, die als 8. Schülergrad mit der Assistentenausbildung anfangen und z.B. ab 10. Schülergrad mitunterrichten?
Was können die denn eigentlich bzw. wieso gelten sie auch nur annähernd als qualifiziert? Sie können aus Wing Chun Sicht ja nun wirklich überhaupt nichts relevantes ....

Wie man es dreht und wendet - in meinen Augen ist das System aus Schüler- und Technikergraden eine riesige Farce und für (hochmotivierte) Schüler eine echte Tragödie. 

Es ist nur logisch, dass Schüler, die dieses von mir geschilderte System kennen und in solchen Strukturen mit den dazugehörigen Finanzstrukturen trainieren und dort einfach nicht weiterkommen, verzweifelt nach Alternativen suchen, um endlich Zugriff auf sämtliche Chi Sao Sektionen und restliche Lehrinhalte zu bekommen und das System für sich gefühlt "abzuschließen".

Und genau zu diesem Zweck nutzen sie entweder Pauschalausbildungen oder Intensivausbildungen.

Dumm nur, dass diese Angebote aber meistens von denjenigen unterbreitet werden, die selbst die nachteiligen Schülergradstrukturen und Hinhalte- bzw. Finanzstrukturen der höheren Grade unterstützen oder in eigenen Schulen etabliert haben. Die Anbieter sind also kaum "Erlöser" sondern selbst Teil des Systems.

Jetzt sind wir auch vom Verständnis soweit, dass wir uns die Methoden bzw. Strukturen von Pauschal- und Intensivausbildungen hier im dritten Teil des Artikels im Detail anschauen können.

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    4. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum zweiten Teil über Intensivausbildungen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

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