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1. Pauschalausbildungen, Intensivausbildungen und Bootcamps im Wing Chun

     
     

Wing Chun wird von manchen Lehrern in Form einer kostenpflichtigen, teils sehr teuren Intensivausbildung angeboten. Bezeichnungen für Arten von Intensivausbildungen sind z.B.

  • Wing Chun Intensiv bzw. Wing Chun Intensivausbildung bzw. Intensiv Training
  • Intensivklasse
  • Profiklasse
  • Meister Akademie / Masters Academy
  • Wing Chun Bootcamp
  • Pauschalausbildung (verbunden mit "Pauschalangebot")
  • etc.

Diese unterschiedlichen Arten von Intensivausbildungen umfassen das Erlernen des gesamten Wing Chun Systems, wobei sich diese Angebote in der Regel ausschließlich auf Wing Chun Systeme beziehen, in denen Chi Sao Inhalte in Form von "Chi Sao Sektionen bzw. Chi Sao Partnerformen" unterrichtet werden.

Bei solchen Angeboten stellen sich automatisch mehrere Fragen:

  • Wie kommt es überhaupt zu dem Bedarf solch einer Intensivausbildung?
  • Warum lässt sich ein Schüler freiwillig auf eine Intensivausbildung ein und ist bereit, mehrere tausend Euro zu zahlen, um Wing Chun angeblich in "kurzer Zeit" zu erlernen, obwohl er doch normalerweise von seinem Lehrer kontinuierlich in Wing Chun unterrichtet und ohnehin weitergebracht werden sollte?
  • Und nicht zuletzt muss man sich die Frage stellen, ob teure Ausbildungen, die in sehr kurzer Zeit ein so komplexes System wie Wing Chun vermitteln, überhaupt ihre Sache wert sind?

Diese Fragen werde ich in diesem Artikel erörtern.

(nach oben)

   
           
    2. Das "Grundproblem" in sektionsbasiertem Wing Chun      
     

Eine Intensivausbildung ist logischerweise nicht der Standardausbildungsweg im Wing Chun.

Stattdessen trainiert man mehrmals pro Woche in einer Gruppe und eignet sich dabei das gewünschte Wissen und die Wing Chun typischen Fähigkeiten an. Warum also sollte man überhaupt eine Intensiv- bzw. Pauschalausbildung in Betracht ziehen?

Immerhin erwartet man von einem guten Lehrer einen offenen, ehrlichen und transparenten Unterricht. Man möchte i.d.R. nur trainieren und (seinen Fähigkeiten entsprechend) im Wing Chun vorwärts kommen.
Man möchte gefordert und gefördert werden und sich auf Dauer im Wing Chun entfalten können. Dafür zahlt man einen Monatsbeitrag ... und das sollte es auch mit den Zahlungen gewesen sein.

In einer guten Schule bei einem guten Lehrer sollte doch überhaupt nicht die Notwendigkeit einer kostenpflichtigen Intensivausbildung entstehen.

Ansonsten läuft doch irgendetwas falsch, oder?

Wie schon an vielen Stellen auf dieser Webseite ausgeführt, läuft es im Wing Chun leider häufig nicht so. In manchen Wing Chun Stilen - vor allem denjenigen, in denen Chi Sao Inhalte in Form von Chi Sao Sektionen bzw. Chi Sao Partnerformen unterrichtet werden - werden die Trainingsinhalte nur sehr zurückhaltend vermittelt.

Hintergrund dieser zurückhaltenden Vermittlung ist der Wunsch des Lehrers nach einem größeren finanziellen Verdienst, den er durch die Mitglieder zu realisieren versucht.

Manche Lehrer strecken die Lehrinhalte dazu bewusst über einen unnatürlich langen Zeitraum, um den Schüler möglichst lange bei der "finanziellen Stange" zu halten. Zudem werden die Lehrinhalte (Chi Sao Sektionen, Formen, etc.) ab einem bestimmten Level nur noch gegen Geldzahlungen, etc. vermittelt.

Es entstehen somit zwei künstlich aufgebaute Hürden: Zeit und Geld!

   
     


Zeit und Geld sind kostbare Güter - Lehrinhalte zeitlich zu strecken ist eine Möglichkeit, um Schüler möglichst lange auszubilden und somit "finanziell" bei der Stange zu halten. So fließen die Mitgliedsgebühren so lange es geht.
Lehrinhalte nur noch gegen Geld zu vermitteln, ist eine weitere Strategie, um an das Geld der Mitglieder zu gelangen.

     
     

Lebenszeit ist kostbar und will nicht verschwendet werden - und Geld ebenso nicht.

Möchte ein Schüler nun "schneller" lernen aber nicht die entsprechenden Preise für die Lehrinhalte zahlen, kommt seine Ausbildung entweder nur noch schleppend voran oder stagniert bzw. stockt komplett.

Der Lehrer dreht ihm quasi den "Wissenshahn" ab.

Normalerweise sollte man an dieser Stelle kündigen und sich entweder einem anderen "sauberer agierenden" Wing Chun Lehrer zuwenden. Existiert solch ein Lehrer aber nicht in erreichbarer Nähe, wäre mein Empfehlung auf jeden Fall der zügige Wechsel der Kampfkunst bzw. Kampfsportart.
Denn so leidenschaftlich ich selbst Wing Chun betreibe, muss ich ganz klar sagen:

Wing Chun ist nicht alles!

     
     


Wing Chun ist nicht alles! - Wenn es zu lange dauert, bis man die Lehrinhalte im Wing Chun erlernen darf bzw. zu sehen bekommt oder wenn man zuviel Geld bezahlen muss, um Lehrinhalte vermittelt zu bekommen, sollte man Wing Chun "sterben lassen" bzw. aufgeben und sich einer anderen Kampfsportart bzw. Kampfkunst zuwenden.

     
     

Dummerweise sind viele Schüler, die Wing Chun begeistert beginnen und dann aber in "negative Wing Chun Strukturen" hineinrutschen bzw. gezogen werden, in diesen manchmal fast schon "psychisch gefangen".

Es fällt ihnen unglaublich schwer, mit Wing Chun aufzuhören, selbst wenn sie mit ihrem Lehrer oder überzogenen Geldforderungen so schlechte Erfahrungen gemacht haben, dass ein Aufhören zwingend notwendig und dringend angeraten wäre.

Stattdessen suchen sie zwanghaft alternative Lernwege, um doch noch billiger und schneller an die ihnen vorenthaltenen Lehrinhalte zu kommen.

Und genau an dieser "Schwachstelle" setzen Anbieter von Intensiv- bzw. Pauschalausbildungen an.

Wo also ein Lehrer, Verbände bzw. Organisationen die Schüler / Mitglieder über lange Zeit zu halten versuchen und dementsprechend Lehrinhalte künstlich strecken bzw. nur gegen überzogene Geldzahlungen vermitteln, stehen automatisch Konkurrenten / Wettbewerber auf der Matte, die diese Nische zu nutzen versuchen.
Diese nutzen die Nische, indem sie identische Lehrinhalte zwar immer noch teuer, aber im Wettbewerbervergleich billiger und in kürzerer Zeit anbieten und somit versuchen, ein Stück vom Finanzkuchen für sich zu ergattern.

Reduziert man das Ganze aufs Wesentliche, sind das Urproblem in sektionsbasierten Wing Chun Stilen also als allererstes die vielen Wing Chun Lehrer, Schulen, Verbände oder Organisationen, die kein offenes, transparentes und preisgünstiges Lernen in akzeptabler Zeit ermöglichen.

Stattdessen wird die wahre Ausbildungsdauer verschleiert, werden Ausbildungsstrukturen nicht transparent dargetellt und die Mitglieder weniger als physisch und psychisch positiv zu entwickelnde Personen betrachtet, sondern mehr als finanziell auszunehmenden Kunden, um letztlich mehr und mehr Geld an ihnen zu verdienen.

Anbieter von Intensiv- bzw. Pauschalausbildungen agieren quasi als "Trittbrettfahrer" dieses "Wing Chun Finanzgebarens" und sind Nutznießer der dadurch entstandenen Nische.

Dabei profitieren sie von den üblichen Faktoren, die in allen Kampfkünsten die Wissensvermittlung behindern und die Entscheidung in Richtung Intensiv- bzw. Pauschalausbildung treiben.

Welche Faktoren das sind, schauen wir uns als nächstes an, bevor ich weiter unten erkläre, wie Intensiv- und Pauschalausbildungen im Detail funktionieren und worauf man unbedingt achten sollte.

(nach oben)

     
           
    3. Faktoren, die die freie Wissensvermittlung in Kampfkünsten negativ beeinflussen      
     

Kommt man nur schwer an das Wissen, das man gerne haben möchte (z.B. Wing Chun, Sektionen, Formen, Waffen, etc.), sucht man automatisch nach alternativen Wegen, um sich dieses Wissen anzueignen.

Betrachtet man Kampfsportarten bzw. Kampfkünste, erkennt man, dass es typischerweise Faktoren gibt, durch die der freie, ungehemmte Wissenstransfer gebremst wird bzw. gebremst werden kann.

Beispielsweise ist es ganz natürlich, dass derjenige, der großes Wissen angesammelt hat bzw. über sehr gute Fähigkeiten verfügt, diese Inhalte zunächst für sich selbst nutzt und - wenn überhaupt - nur in kleinen Portionen an Dritte weitergibt.

Wer also annimmt, dass die Vermittlung von Kampfkünsten oder Kampfsportarten stets zügig stattfindet, ist auf dem Holzweg!

Stattdessen trifft man nicht gerade selten auf ein zurückhaltendes Verhalten von Kampfsport- bzw. Kampfkunstlehrern.
Diese tendieren eher dazu, die Inhalte ihres Systems weitestgehend "bedeckt" zu halten und nicht an Dritte, die weder von ihnen trainiert noch Mitglieder ihrer Schule bzw. ihrer Organisation oder ihres Verbandes sind, weiter zu geben.

Dieser begrenzte Zugang zu Wissen bezieht sich aber nicht nur auf Dritte, die nicht Mitglied einer Kampfsport- / Kampfkunstschule sind.

Selbst mitten in der eigenen Schule bzw. Gruppe gibt es klare Abstufungen bzgl. des freien Zugangs zu sogenannten "höheren bzw. fortgeschrittenen Techniken".

Nur weil man Mitglied einer Schule oder Schüler eines Lehrers ist, bedeutet das noch lange nicht, dass der Lehrer dem Schüler sein Wissen mit offenen Händen vermittelt oder ihm sofortigen Zugang zu allen Lehrinhalten gewährt.

Es gibt also einen ganz natürlichen "Engpass" bei der Wissensvermittlung!

Wissen fließt nicht ungehindert vom Lehrer zum Schüler, sondern wird stellenweise lediglich "tröpfenweise" weitergegeben.
Diese Art der "gebremsten bzw. tröpfchenweisen Wissensvermittlung" bzw. dieser Rückhalt von Wissen ist im Kampfsport bzw. in Kampfkünsten meiner Meinung nach völlig normal.

   
     


Tröpfchenweise Wissensvermittlung - Kampfkünste und Kampfsportarten sind nicht selten von "Engpässen" in der Wissensvermittlung geprägt. Das Wissen fließt nicht, sondern wird lediglich in kleinen Portionen vermittelt.

     
     

Der Lehrer hat sich über Jahre - wenn nicht sogar Jahrzehnte - sein Wissen mühsam angeeignet. Es ist also nur natürlich, dass er genau schaut, wem er dieses Wissen zukommen lässt ... und unter welchen Bedingungen diese Vermittlung stattfindet!

Viele Trainer und Lehrer prüfen daher, ob der Schüler sich bzgl. Trainingseifer, Einsatz, Disziplin, Koordination, Trainingshäufigkeit, etc. bewährt und positiv anstellt, bevor man ihm mehr Zeit widmet und ihn intensiver unterrichtet.

Bildet sich mit der Zeit ein positives Schüler-Lehrer-Verhältnis aus, wird der Unterricht automatisch intensiver und es werden mehr Details vermittelt. Man sagt auch gerne: "ein Schüler muss sich erst in das Herz des Trainers vorkämpfen!"

Dieser Prozess ist wohl schlichtweg "menschlich"!

Wer schüttet schon gerne sein über Jahre erarbeitetes Wissen (ganz unabhängig davon, ob es sich um Kampfkunstwissen oder andere Wissensinhalte handelt) an x-beliebige Personen aus, die man noch nicht gut kennt und zu denen kaum ein persönliches Verhältnis besteht?

Wohl so gut wie keiner, der sich auf Dauer nichts von der Weitergabe des Wissens verspricht ... der Wunsch nach Respekt und Anerkennung, nach Spaß und Freude oder Überlegungen über entsprechende Bezahlung als Kompensation für vergangene Mühen spielen immer eine Rolle!

Die Art der Wissensvermittlung wird also durch viele Faktoren gelenkt - aber sie wird immer auch durch "subjektive Emotionen und Stimmungen" (Freude, Neid, Eifersucht, Misstrauen, Zurückhaltung, Ärger, Zuneigung, etc.) beeinflusst und gesteuert!

Ganz davon abgesehen, ob es sich jetzt um Wing Chun oder andere Inhalte handelt, ist ein Lehrer in der Regel stolz auf sein Können und bildet sich meistens auf sein Wissen aber auch auf seine Position als Lehrer etwas ein.

Wie gesagt: er hat sich jahrelang abgemüht, um eine Qualifikation zu erlangen, die es ihm überhaupt ermöglicht, unterrichten zu können.
Als Folge daraus beäugt mancher Lehrer seine Schüler misstrauisch, wenn diese allzu schnell lernen oder lernen wollen und empfindet unbewusst sogar etwas wie "Angst oder Furcht", wenn ein Schüler zu schnell gut wird. Immerhin könnte dieser Schüler ja die Position des Lehrers gefährden oder ihn irgendwann "vom Thron" stoßen.

Aber nicht nur die Furcht vor dem Verschwinden des hierarchischen Unterschieds zwischen Lehrer und Schüler kann eine Bremse bzgl. der Wissensvermittlung sein.

Manche Lehrer wollen auch angemessene "Vergütung" für ihr Wissen haben und fordern gewisse Geldsummen für die zu vermittelnden Wissensbausteine.

Dieser Wunsch nach angemessener Vergütung kann auch in übermäßige Gier umschlagen. Und je gieriger der Lehrer ist, desto höher die Preise bzw. für desto mehr Inhalte wird Geld verlangt.

Und wenn das Geld nicht fließt, fließt auch kein Wissen.

Es gibt weitere Beispiele, aber ich schätze, das Prinzip ist klar geworden!

Wissensvermittlung ist ganz sicher kein Prozess, der nur als "Schwarz oder Weiß" betrachtet werden kann. Also nach der Regel: "Ich bin Mitglied und zahle Dir Geld - also habe ich aufgrund der Bezahlung ein Anrecht bzw. einen Anspruch auf all Dein Wissen!"

Zwischen Schwarz und Weiß gibt es bekanntlich eine unendliche Anzahl an Grautönen in Form von Faktoren, die die Wissensvermittlung beeinflussen.

Wenn man beispielsweise Kampfkunstschulen, -verbände, -vereine oder -organisationen genauer betrachtet, begegnet man stets einer Art von "pyramidenartiger Wissensverteilung".

Dabei steht der Lehrer (er weiß am meisten bzw. sollte am meisten wissen) logischerweise an der Spitze, darunter folgen die fortgeschrittensten Schüler (sie wissen schon recht viel) während die Basis von den Anfängern (sie wissen noch wenig bis gar nichts) gebildet wird.

     
     


Pyramidenartige Wissensverteilung in Kampfkünsten - Ganz oben in der Schule steht der Lehrer, dann folgen die fortgeschrittensten Schüler. Als nächsten kommen die weniger Fortgeschrittenen und schließlich die Anfänger.

     
     

Diese Verteilung betrifft aber nicht nur die Art der Wissensverteilung sondern zeigt häufig auch, wie eng das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler gestaltet ist und wer den größten Wert für den Lehrer darstellt und um wen er sich häufig am meisten kümmert.

Das beste Verhältnis besteht auch hier zwischen den Fortgeschrittenen und dem Lehrer, wohingegen das Schüler-Lehrer-Verhältnis zwischen Lehrer und Anfänger noch am unausgereiftesten ist.

Das ist ebenfalls ganz normal.

Fortgeschrittene Schüler sind länger dabei und haben schon wesentlich mehr Höhen und Tiefen gemeinsam mit dem Lehrer durchstanden, als das für den Anfänger der Fall ist. Das Verhältnis hat somit Belastungsproben überstanden und die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung einer tieferen Vertrauensbasis - wenn nicht sogar Freundschaft - ist dementsprechend höher.

Daraus folgt, dass in den meisten Kampfsport- bzw. Kampfkunstgruppen bzw. -schulen ein "kleiner Vertrauenskreis" entsteht (sozusagen der "inner circle"), der zunächst nicht jedem Schüler offensteht, in dem aber Wissen freizügiger vermittelt und ausgetauscht wird.

Solch ein Vertrauenskreis kann beispielsweise lediglich aus dem Lehrer und seinem Assistenztrainer bestehen, kann aber auch den Lehrer und eine größere Gruppe von fortgeschrittenen Mitgliedern umfassen.

Und wer würde nicht gerne sofort zu diesem Vertrauenskreis gehören wollen, da sich in diesem das "Puzzle der jeweiligen Kampfkunst bzw. Kampfsportart" deutlich schneller zusammensetzt, als es für den Außenstehenden der Fall ist.

Doch der Schlüssel zum Eintritt in diesen Vertrauenskreis variiert.

     
     


Der Schlüssel zum Vertrauenskreis bzw. zum "inner circle" - Jede Schule hat einen kleinen Vertrauenskreis bzw. "inner circle" aus einem bzw. mehreren fortgeschrittenen Schülern, die sich um den Lehrer gruppieren.
Diese fortgeschrittenen Schüler sind länger dabei und haben schon wesentlich mehr Höhen und Tiefen gemeinsam mit dem Lehrer durchstanden, als das für den Anfänger der Fall ist. Das Verhältnis hat somit Belastungsproben überbestanden und die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung einer tieferen Vertrauensbasis ist dementsprechend höher. In solchen Vertrauenskreisen wird das Wissen häufig schneller vermittelt und das "Puzzle des Systems" rascher zusammengesetzt, als es für den reinen Anfänger der Fall ist.

     
     

Der Schlüssel besteht meistens aus gegenseitiger Sympathie, Vertrauen und Verlässlichkeit. Sehr häufig ist die Dauer (also der "Zeitfaktor") der Zugehörigkeit zur Schule und dem kontinuierlichen Training ebenso ausschlaggebend und manchmal öffnen schlichtweg erst Geldzahlungen die Tür.

Wie auch immer man das Problem betrachtet, man kann feststellen, dass die Art der Wissensvermittlung durch viele "weiche Faktoren" gebremst oder auch durch "Emotionen" gesteuert wird. Ein natürlicher Engpass bremst somit häufig in vielen Kampfsportarten bzw. Kampfkünsten die Wissensvermittlung.

Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel.

Dennoch kann man festhalten, dass man nicht ohne weiteres von einem automatischen reibungslosen Wissenstransfer ausgehen kann, wenn man eine Kampfkunst bzw. Kampfsportart beginnt.

Selbst wenn es wie im Wing Chun keine Hürden wie z.B. Geldzahlungen für Lehrinhalte, zeitliches Strecken der Ausbildung gäbe, durch die der Schüler schwerer an Lehrinhalte kommt, existiert auch so ein gewisser "Engpass" in Form der natürlichen Zurückhaltung des Lehrers.

Diese Zurückhaltung bei der Vermittlung der Kampfkunst bzw. Kampfsportart kann unterschiedlich stark ausfallen und den Schüler bzw. das Mitglied bestärken, Intensiv- oder Pauschalausbildungen zu beginnen, in der Hoffnung dann freien Zugang zum Wissen zu erlangen.

Aber nicht nur der Charakter des Lehrers kann den Wissenstransfer erschweren. Auch das, was man üblicherweise als "Tradition im Wing Chun" bezeichnet, kann eine Hürde darstellen.
Denn traditionelles Wing Chun ist häufig von einem gewissen Maß an "Geheimniskrämerei bzw. Geheimhaltung" geprägt.

Absolut sinnlose Geheimniskrämereien, wie sie beispielsweise von manchen Wing Chun Lehrern immer noch praktiziert werden (Stichwort: Biu Tze Form, Holzpuppenform, Langstock und Doppelmesser, hohe Sektionen), bei denen der Schüler die fortgeschrittenen Techniken nicht zu sehen bekommt, werden häufig mit dem Argument der "Tradition" rechtfertigt.

Schauen wir uns daher als nächstes den Einfluss "traditioneller Geheimniskrämerei bzw. Geheimhaltung" auf Kampfkünste bzw. Kampfsportarten an, wie man sie bedauerlicherweise auch heute noch häufig in der einen oder anderen Wing Chun Schule vorfindet.

(nach oben)

     
           
    4. Geheimhaltung in Verbindung mit Tradition in Kampfkünsten und Kampfsportarten      
     

Wing Chun und andere Kampfsportarten bzw. Kampfkünste unterscheiden sich stark in der Art und Weise, wie Techniken gelehrt werden.

Einige Stile geben sich sehr geheimnisvoll und intransparent, wohingegen andere wiederum sehr offen und transparent vermittelt und trainiert werden.

Wing Chun zählt eher zu erstgenannten Stilen ... Geheimhaltung, Intransparenz und Zurückhaltung sind stärker an der Tagesordnung als es in anderen Stilen der Fall ist - dabei sind vor allem die fortgeschrittenen Inhalte einer gewissen Geheimhaltung unterworfen, was oft mit der Ausrede rechtfertigt wird, dies sei "Tradition".

Diese Geheimhaltung betrifft so gut wie alle fortgeschrittenen Trainingsinhalte, die man vor denjenigen zu verbergen versucht, die das entsprechende Niveau noch nicht erreicht haben bzw. (im Falle von kostenpflichtigen Inhalten) noch nicht gezahlt haben.

So gibt es Schulen, in denen fortgeschrittene Schüler hinter einem Vorhang, Paravent oder in einem anderen Raum verschwinden, um Techniken zu üben (Holzpuppe, Biu Tze, Langstock, Doppelmesser, etc.), die der Anfänger bzw. diejenigen, die laut Aussage des Lehrer "noch nicht so weit sind", die entsprechende Graduierung nicht besitzen, bzw. korrekter gesagt "nicht gezahlt haben", nicht sehen sollen oder dürfen.

   
     


Training hinter Vorhang, Paravan oder ganz in anderem Raum - Wer aus der "alten Generation" kennt nicht noch diese Situationen, in denen Fortgeschrittene die fortgeschrittenen Inhalte (Sektionen, Partnerformen, Biu Tze, Holzpuppe, Langstock oder Doppelmesser) hinter vorgezogenem Vorhang, bzw. hinter vorgestelltem Paravent oder ganz in einem abgetrennten anderen Raum trainiert haben?
Viele Lehrer trennen heute immer noch Fortgeschrittene von Anfängern, damit letztere die fortgeschrittenen Inhalte nicht zu sehen bekommen. Zugang bekommt nur der, der die nötige Graduierung besitzt, gezahlt hat oder eben "soweit ist" - was auch immer das heißen mag. Wann man "soweit" ist, liegt aber ausschließlich in der "Hand des Lehrers" - Willkür ist die Regel.

   
     

So ein Unterrichtsverhalten kennt man in Kampfsportarten wie z.B. Boxen, Kickboxen, Thaiboxen, Judo, Ju-Jutsu oder Karate und auch in anderen Kampfsportarten, die in großen anerkannten Verbänden organisiert sind (z.B. Deutscher Judo Bund e.V., Deutscher Ju-Jutsu Verband, etc.), eher nicht - denn dort sorgen die Verbände für eine große Transparenz und Offenheit.
Techniken sind dort keine Geheimnisse und auf Anfrage bekommt man von seinem Lehrer auch die Programme höherer Gurtfarben bzw. Grade gezeigt.

Das erscheint in der Denkweise des 21. Jahrhunderts, wo einem per Knopfdruck beliebiges Wissen zur Verfügung steht, auf den ersten Blick auch als normal.

Nicht zuletzt kann man Programme von etlichen Kampfsportarten wie z.B. Judo, Ju-Jutsu, Karate, etc. vom Weißgurt bis zum hohen Dan-Grad als Dokumentation schon länger auf DVD käuflich erwerben oder im Internet anschauen.

Aber normal wäre diese Art der Transparenz vor hundert Jahren ganz sicher nicht gewesen, denn Kampfkünste waren seit jeher von der Aura der Geheimhaltung umgeben - was definitiv auf Wing Chun zutrifft!

Ein Grund für Geheimhaltung ist sicherlich, dass die "Kunst des Kampfes" früher über Leben und Tod entschied.

Hatte man die überlegeneren Techniken bzw. den überlegeneren Kampfstil entwickelt, war man im Gegensatz zum gleichstarken Gegner, der mit dem minderwertigeren Kampfstil kämpfte, durchaus mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in der Lage, lebensbedrohliche Situationen zu überleben.

Wer hatte da schon Lust, seinen überlegenen Stil an Fremde weiterzugeben, die sich evtl. früher oder später gegen einen selbst wenden würden und zu Gegner werden könnten?

Es galt als normal, das eigene System quasi "unter Verschluss" zu halten und außer im engsten Familienkreis nicht an Außenstehende weiter zu vermitteln.

Diese Charakteristik trifft exakt auf Wing Chun zu!

Wenn man Wing Chun als Kampfkunst betrachtet, wird alleine schon an der hierarchischen Struktur und den häufig bemühten "Familienbezeichnungen" (Sihing, Sigung, Sifu, Todai, etc.) deutlich, dass es sich um ein Familiensystem handelt, dass innerhalb der Familie weiter gegeben wurde, bzw. lediglich im kleinsten Kreis an ausgewählte Schüler vermittelt wurde. Außenstehenden wurde das System nicht zugänglich gemacht.

     
     


Wing Chun ist ein Familiensystem - Wing Chun wurde lediglich im kleinsten Familienkreis weitergegeben. Hier ist eine wohlhabende chinesische Familie um 1920 dargestellt.

     
     

Die historische Betrachtung des Systems lehrt uns, dass Yip Man der erste Chinese gewesen sein soll, der Wing Chun aus der Geheimhaltung geführt hat und es einer breiteren Gruppe von Chinesen zugänglich gemacht hat.
Er soll auch dafür verantwortlich gewesen sein, dass die ersten Nichtchinesen unterrichtet wurden. Ein Umstand, der bei anderen chinesischen Kampfkunstlehrern seiner Zeit offensichtlich für Empörung sorgte.

Trotz all der scheinbar stattgefundenen "Öffnung" des Wing Chun Systems für jedermann, findet man auch heute noch in vielen Wing Chun Stilen weiterhin eine klare Abgrenzung bzgl. der Wissensvermittlung sowohl zwischen Außenstehenden als auch zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen.

Wie schon weiter oben erwähnt, müssen fortgeschrittene Wing Chun Schüler in manchen sehr traditionell ausgerichteten Wing Chun Stilen, Schulen bzw. Organisationen teilweise hinter vorgezogenem Vorhang an der Holzpuppe üben, damit Anfänger diese Techniken nicht sehen können.
Weitere Inhalte des Systems, die ebenfalls traditionell als "streng geheim" galten (wie z.B. Biu Tze Techniken, Langstock- und Doppelmessertechniken) werden sogar nur dem kleinsten Kreis zugänglich gemacht - wenn überhaupt.

Viele Wing Chun Lehrer berufen sich also "scheinheilig" auf die Tradition chinesischer Gepflogenheiten bei der Wissensvermittlung, wenn sie das Zurückhalten ihrer Techniken rechtfertigen.

Diese Geheimniskrämerei und Geheimhaltung fördert natürlich erst recht die Neugierde der Schüler. Denn wer will nicht das Geheimnis lüften, dass andere vor einem zu verbergen versuchen?

Ein Lehrverhalten als "Tradition" bzw. "traditionell" zu bezeichnen, kann im Wing Chun also durchaus als Taktik des Lehrers gewertet werden, Schülern Lehrinhalte künstlich vorzuenthalten und diese absichtlich neugierig zu machen.
Denn ist die Neugierde bzw. Begierde der Schüler erst groß genug, werden die Lehrinhalte schließlich gegen Geldzahlungen angeboten und den Schülern wird weisgemacht, es sei eine große Ehre für sie, dass sie die Lehrinhalte nun als einige der wenigsten lernen dürften.

Obwohl in Tat und Wahrheit hier schlichtweg Abzocke stattfindet, fühlt sich der zahlende Schüler also noch geschmeichelt und geehrt.

Die Schüler, die keine Lust haben, sich auf diese Art der zahlungspflichtigen Wissensvermittlung innerhalb einer Schule einzulassen, suchen nach alternativen Wegen und wenden sich evtl. bevorzugt einer Intensiv- oder Pauschalausbildung zu ...

... und werden schließlich dort "zur Kasse gebeten".

Dazu weiter unten mehr.

(nach oben)

     
           
    5. Chi Sao, der Schlüssel zum Geldverdienst - Aufteilung in Sektionen / Partnerformen      
     

Es gibt etliche Gründe für eine zurückhaltende Wissensvermittlung in Kampfkünsten und Kampfsportarten.
Manche sind stärker ausgeprägt, andere wiederum schwächer - je nach Lehrer und Wing Chun Stil, Verband oder Organisation.

Ein aber noch wichtigerer Grund ist natürlich der Wunsch mancher Lehrer nach dem zu maximierenden Geldverdienst. Denn existiert irgendwo ein Bedarf, kann man das passende kostenpflichtige Angebot platzieren, um diesen Bedarf zu befriedigen.

Das funktioniert natürlich besonders gut in einer Kampfkunst wie Wing Chun, die bereits aus historischen Gründen bzw. traditioneller Sicht die Geheimhaltung ihres Stiles in gewissem Umfang kultiviert hat und weiterhin kultiviert.

Und ganz besonders gut funktioniert dies in der Wing Chun Stilrichtung, in der Chi Sao Inhalte in Form von Chi Sao Sektionen bzw. Chi Sao Partnerformen trainiert werden.

Wie das funktioniert, erkläre ich zwar an andere Stelle auf dieser Webseite noch genauer, will aber hier die Grundzüge umreißen.

Es gibt einige Kampfkünste auf der Welt, die Trainingsinhalte aufweisen, bei denen die Trainingspartner eine Art "Reflex- und Reaktionstraining" analog zum Chi Sao ("Klebende Hände bzw. klebende Arme") miteinander ausführen.
Alternative Beispiele gibt es im Gōjū-Ryū Karate bzw. im Taijiquan und anderen Stilen. Dort bezeichnet man ähnliche Übungen als "Tioshou" oder englisch "pushing hands".

   
     


Bruce Lee und Yip Man beim Chi Sao Training - Chi Sao bedeutet "klebende Hände bzw. klebende Arme" und ist eine "Reflex- und Reaktionstraining". Chi Sao stellt die Haupttrainingsmethode in vielen Wing Chun Stilen dar.

   
     

Wing Chun ist also keine Ausnahme, was diese Trainingsinhalte anbelangt!

Im Gegensatz zu anderen Kampfkünsten, in denen "pushing hands-Übungen" allerdings nur einen kleinen Anteil am gesamten Training haben, ist Chi Sao einer der Haupttrainingsinhalte im Wing Chun.

Unter den weltweiten Stilrichtungen sticht besonders die Yip Man Linie hervor, da sie die wohl stärkste Verbreitung weltweit erfahren hat.

Von den Schülern Yip Mans, die nach dessen Ableben Wing Chun weltweit verbreitet haben, haben einige einen hohen Bekanntheitsgrad in Wing Chun Kreisen erlangt.

Zu nennen wären Wong Shun Leung, William Cheung, Yip Chun, Yip Ching (beides Söhne Yip Mans), Moy Yat und natürlich noch Leung Ting. Letzterer ist für die Wing Chun Entwicklung in Deutschland maßgebend.

Diese aufgezählten Schüler (und etliche mehr) unterrichten in ihrer individuellen Wing Chun Interpretation Chi Sao.

Chi Sao hat im Wing Chun die Bedeutung der logischen Fortsetzung der Formen (Siu Nim Tao, Cham Kiu, Biu Tze, etc.).

Vergleicht man das Erlernen von Wing Chun mit dem Erlernen einer Sprache, könnte man sagen, dass die Formen das Alphabet - also die Buchstaben - darstellen.
Durch die Formen lernt man sowohl grundlegende Handpositionen (Tan Sao, Bong Sao, etc.), als auch Handbewegungen (Gan Sao, Fak Sao, etc.), Schrittarbeit, Tritte - also generell Wing Chun typische Körperbewegungen - kennen.

Der Anfänger beginnt also mit "kleinen Bausteinen" die später zu Techniken zusammengesetzt werden.

Im Chi Sao werden diese "Bausteine" innerhalb von Partnerübungen sinnvoll aneinandergereiht. Man bildet also - wieder verglichen mit einer Sprache - erste Worte.

Drills im Chi Sao (sogenannte "Zyklen") helfen dem Trainierenden, diese Bausteine / Techniken kontinuierlich zu wiederholen. Man schleift sich somit Bewegungsabläufe in seinen Bewegungsapparat hinein, indem man Chi Sao Übungen zyklisch drillt.

Schließlich gibt es im Chi Sao längere Bewegungsabläufe, in denen man die vorher gedrillten Technikbausteine wiederum aneinanderfügt. Es bilden sich "Kettentechniken" heraus - verglichen mit einer Sprache fügt man sozusagen Worte aneinander und spricht einen ersten Satz.

Das ganze Prinzip wird (vereinfacht erklärt) folgendermaßen didaktisch fortgesetzt, indem man nun die Fähigkeiten aus dem Chi Sao ins Lat Sao überträgt.

Lat Sao wiederum ist eine Übungsmethode, die zwar mehr oder weniger klaren Absprachen folgt, aber schon ein wesentlich höheres Zufallsmoment enthalten kann. Wiederum verglichen mit einer Sprache beginnt man nun verschiedene Sätze zu sprechen und sich - mehr oder weniger frei - zu unterhalten.

Schließlich überträgt man seine Chi Sao und Lat Sao Fähigkeiten ins Sparring. Analog zur Sprache unterhält man sich nun frei und ohne Absprachen.

Betrachtet man die unterschiedlichen Bewegungen, die in sämtlichen waffenlosen Soloformen im Wing Chun enthalten sind (Handkantenschläge, Fingerstiche, Ellbogenschläge, Faustschläge, Tritte, etc.), kann man sich leicht ausrechnen, dass es eine relativ große Anzahl an Chi Sao Übungen, Drills bzw. Zyklen geben muss, um alle Bewegungen aus den Formen im Chi Sao Training abzudecken.

Führt man sich weiterhin das geschilderte didaktische Konzept vor Augen, wie man von den Formen kommend über Chi Sao Zyklen und Drills trainierend Übungen ins Lat Sao transferiert und schließlich beim Sparring landet, wird die Notwendigkeit eines "roten Fadens" durch die Wing Chun Chi Sao Lerninhalte offensichtlich.

An dieser Stelle hat sich Leung Ting (einer von Yip Mans Schülern) ein erstes Konzept überlegt, wie man sämtliche im Wing Chun auftretenden Bewegungen, etc. im Chi Sao sinnvoll üben kann.

Zu diesem Zweck hat er eine Unterteilung sämtlicher Chi Sao Inhalte in einzelne Abschnitte bzw. Lehrblöcke vorgenommen und so einen "roten Faden" durch das Wing Chun System kreiert.

Insgesamt wurden die Chi Sao Inhalte in 19 Blöcke unterteilt. Diese Blöcke werden üblicherweise als "Chi Sao Sektionen" oder "Chi Sao Partnerformen" bezeichnet - vereinfacht spricht man schlicht von "Sektionen (engl. "sections")".

Die Untergliederung sieht nun aus wie folgt:

Die ersten sieben Chi Sao Trainingsblöcke werden "Cham Kiu Chi Sao Sektionen" bzw. "Cham Kiu Chi Sao Partnerformen" genannt. Sie bauen im Wesentlichen auf Bewegungen der zwei Formen Siu Nim Tao (SNT) und Cham Kiu (CK) auf.

Die darauf folgenden weiteren vier Chi Sao Trainingsblöcke werden "Biu Tze Chi Sao Sektionen" bzw. "Biu Tze Chi Sao Partnerformen" genannt. Wie die Bezeichnung besagt, werden in ihnen die zwölf Sätze der Biu Tze Form (BT) verarbeitet.

Die letzten acht Sektionen bezeichnet man als "Mok Yan Chong Chi Sao Sektionen" bzw. "Holzpuppen Chi Sao Sektionen oder Partnerformen". Hier könnte man sagen, dass jeweils eine dieser Holzpuppen Chi Sao Sektionen einem der acht Sätze der Holzpuppen-Form ("Mok Yan Chong Fat bzw. HP") entspricht.

Diese Art der Zuordnung zwischen SNT, CK, BT und HP ist zwar nicht hundertprozentig richtig, aber man kann es erstmal grob so stehen lassen.

Auf den Punkt gebracht hat Leung Ting die gesamten Chi Sao Trainingsinhalte in 19 Blöcke wie folgt zergliedert:

  • Sieben Cham Kiu Chi Sao Sektion bzw. Partnerformen
  • Vier Biu Tze Chi Sao Sektionen bzw. Partnerformen
  • Acht Holzpuppen Chi Sao Sektionen bzw. Partnerformen.

Wie allgemein bekannt, existiert in manchen Wing Chun Stilen zusätzlich noch die sog. "Tripodalform", die an der Tripodalpuppe geübt wird. Zu dieser Form gehört das Reflex- und Reaktionstraining der Beine, das sogenannte "Chi Gerk Training", das - je nach Lehrer - in eine oder zwei Chi Gerk Sektionen / Partnerformen aufgeteilt wird.

     
     


Das Wing Chun System nach Leung Ting, aufgeteilt in 20 Blöcke - Sämtliche Chi Sao Inhalte wurden von Leung Ting in insgesamt 20 Blöcke aufgeteilt, die einen "roten Faden" durch das System darstellen. Dabei sind die einzelnen Blöcke den jeweiligen Formen (SNT, CK, BT, MYCF, SSCF) zugeordnet.

     
     

Alles in allem ist das Chi Sao und Chi Gerk Training nach Leung Ting also in insgesamt 20 Einheiten zerteilt.

(nach oben)

     
           
    6. Chi Sao Sektionen / Partnerformen - das Alleinstellungsmerkmal des Wing Chun      
     

Kennt man bereits andere Kampfsportarten wie z.B. Karate, Judo, Boxen oder Brazilian Jiu Jitsu, ist man gewohnt, dass außer einem Mitgliedsbeitrag und Anschaffungskosten für Trainingskleidung keine weiteren Zahlungen auf das Mitglied zukommen.

Technikvermittlung ist selbstverständlich in den Mitgliedsbeiträgen enthalten!

Erstaunlicherweise verhalten sich Wing Chun Stilrichtungen, in denen Chi Sao in Form von Sektionen / Partnerformen unterrichtet werden, häufig komplett anders, was die Vermittlung und damit verbundenen Kosten anbelangt.
Denn Chi Sao Sektionen werden häufig nur gegen zusätzliche Zahlungen weitergegeben, die neben den Mitgliedsbeiträgen zu entrichten sind.

Aus heutiger Sicht ist es eigentlich kaum vorstellbar, dass Wing Chun Mitglieder so dumm sein können, sich auf solche Zahlungsforderungen von Wing Chun Lehrern, Schulinhabern oder vereinzelten Verbandsleitern einzulassen.

Zum besseren Verständnis muss man sich aber in die Zeit zurückversetzen, als sich Wing Chun gerade in Form von "Wing Tsun" in Deutschland etablierte.
Denn wenn man damals von Wing Chun sprach, sprach man in Deutschland prinzipiell von Leung Ting Wing Tsun (LTWT). Dieser Wing Chun Stil war die Wing Chun Interpretation von Leung Ting.

   
     


Leung Ting - Gründer des Leung Ting Wing Tsun - Leung Ting Wing Tsun war "DER" Wing Chun Stil, der sich hauptsächlich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Deutschland verbreitet hat. Das Duo bestehend aus Keith R. Kernspecht und Leung Ting verbreitete Wing Tsun (WT) im Rahmen der Europäischen Wing Tsun Organisation (EWTO) in Deutschland.

   
     

Wing Tsun galt in Deutschland in den 1970er, 1980er und Anfang der 1990er Jahren (als es noch kein MMA gab) als äußerst direkte und effiziente Art der Selbstverteidigung. Der Gegner wurde förmlich überrollt und mit Stoptritten und schnellen, harten Kettenfauststößen konfrontiert, schließlich zu Boden gebracht und dort weiter mit Schlägen, Knien, etc. attackiert.
Traditionelle Kampfsportarten wie z.B. Judo, Karate, Jiu Jitsu, etc. oder auch das Ringen, Boxen und andere waren durch das typische Wing Tsun Vorgehen völlig überrumpelt.

In diesen Jahrzehnten konnte Wing Tsun einen enormen Zustrom an Neuinteressenten und Anfängern verzeichnen. Jeder sprach über Wing Tsun, Kampfkunst- bzw. Kampfsportzeitschriften widmeten sich Wing Tsun - Wing Tsun war in aller Munde.

Dieser Hype war nicht zuletzt dem außerordentlichen Marketinggeschick von Keith R. Kernspecht (Leiter der Europäischen Wing Tsun Organisation EWTO) zu verdanken, der Leung Ting Wing Tsun mit Hilfe einiger seiner Schüler (besonders hervorzuheben: Emin Boztepe, Anastasios "Tassos" Panagiotopoulus, Frank Ringeisen, Thomas Mannes, Salih Avci, etc.) geschickt im Kampfsportgeschehen durch Zeitschriftenartikel, Demos,  Budo-Gala, etc. platzierte.

Wing Tsun wurde damals reichlich frech als eine der "effizientesten Kampfkünste bzw. Selbstverteidigungen der Welt" dargestellt.
Eine Darstellung, die im Lichte heutiger MMA-Kämpfe (UFC, K1, ...) nur noch müde belächelt werden kann. Nichtsdestotrotz glaubten damals viele an diese Überlegenheit und wollten unbedingt Wing Tsun bzw. einen Wing Chun Stil erlernen.

Die Überlegenheit von Wing Tsun wurde damals hauptsächlich darauf zurückgeführt, dass der Wing Tsun Kämpfer in der Lage sei, den Angriff des Gegners durch seine herausragenden im Chi Sao trainierten Reflexe zu "erspüren". Er müsse also nicht "rein optisch" den Angriff sehen, sondern könne allein durch den Kontakt zu den gegnerischen Armen einfach "reagieren".
Dementsprechend wurde behauptet, ein Wing Tsun Kämpfer sei Kämpfern anderer "rein visuell" agierender Kampfsportarten deutlich überlegen, da er schlichtweg schneller sei bzw. schneller reagieren könne.

Diese Behauptungen waren damals schon und sind heute natürlich großer Quatsch und grober Unfug!

Es ist zwar schwer vorstellbar, aber damals glaubten das allerdings so gut wie alle.

Wie heißt es so schön: "Glaube versetzt Berge!"

Chi Sao Training als "die überragende Trainingsmethode" des Wing Tsun verhalf Wing Tsun somit zu einer Art "Alleinstellungsmerkmal" im Vergleich zu allen anderen Kampfkünsten und Kampfsportarten.

Geschicktes Marketing betonte zusätzlich dieses herausragende Merkmal.

Als Folge setzte sich in den Köpfen vieler damalig trainierender Wing Tsun Kämpfer dieser Glaube an die Fähigkeit,

  • Angriffe "erfühlen" zu können,
  • dadurch "schneller" reagieren zu können und
  • anderen somit "deutlich überlegen" zu sein,

fest. Diese Fähigkeit und dieses daraus resultierende Überlegenheitsgefühl wurde gezielt auf das Chi Sao Training zurückgeführt.

Chi Sao wurde demnach bewusst als der Schlüssel dargestellt, der einerseits die Tür zum Wing Tsun aufschließt und andererseits jedem die Fähigkeit gibt, beliebige Kämpfer anderer Kampfsportarten zu dominieren.

Wenn man sich weiter vor Augen führt, dass immer und immer wieder die Entstehungslegende des Wing Tsun bemüht wird - also dass eine Frau Wing Tsun erfunden haben soll und sämtliche Kämpfer ihrer damaligen Zeit besiegt haben soll - kann man sich vorstellen, dass etliche Wing Tsun Trainierende - und seien sie noch so fett, unfit und unkoordiniert - sich der schönen Illusion hingaben (und leider immer noch hingeben), durch Wing Tsun Training bzw. Wing Chun Training und das Chi Sao Training jedem noch so starken Kämpfer überlegen zu sein.

Typischerweise wird dazu häufig die Behauptung aufgestellt, Wing Chun Kämpfer seien Boxern haushoch überlegen. Gerne bemühen manche total Verblendete den Vergleich zwischen Profi-Boxern und Wing Chun Großmeistern.

     
     

Einschub: Wing Chun Großmeister vs. Mike Tyson

Einer der effektivsten Boxer der Geschichte ist sicher Mike Tyson. Er wurde mit 20 Jahren 1986 der jüngste Schwergewichtsboxweltmeister und zeichnete sich durch eine extrem hohe Geschwindigkeit, Agilität, brutal harte Schlagkombinationen, etc. aus.

Dennoch waren einige Wing Chun Vertreter der Meinung, ein "Wing Chun Großmeister" (das sind i.d.R. die älteren Herren mit dünnem Haarbesatz, leichter Wampe und gelben Klamotten) könne Mike Tyson in kürzester Zeit kampfunfähig machen.

Die Geschichte über solche Aussagen wäre nur allzu lustig, wenn sie nicht tatsächlich getätigt worden wären.
Ich habe solche Aussagen tatsächlich mindestens 50 Mal in den letzten Jahrzehnten gehört und habe mir stets amüsiert vorgestellt, wie die Überreste vom Wing Chun Großmeister im Ring mit Besen und Schaufel zusammengekehrt werden, nachdem Mike Tyson ihn von rechts nach links gebombt hat.

     
     

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Wing Chun zwischen 1970 und 2000 förmlich einen Boom erlebt hat, als sehr effizient galt und die überlegenen Fähigkeiten von Wing Chun Kämpfern auf Chi Sao zurückgeführt wurden.

Wer Wing Chun erlernen wollte, wollte also unbedingt Chi Sao erlernen. Und an genau dieser Stelle kann ein geschickter Verkäufer sein Produkt platzieren.

Denn ist man im Besitz von einem Produkt oder von Wissen, dass plötzlich alle haben oder erlernen wollen, ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht völlig verständlich, dass man den Zugang zu dem Produkt oder dem Wissen erschwert bzw. hohe Preise verlangt, um maximal zu profitieren.

Die dazu angewandt Methoden zur Profitmaximierung sind offensichtlich:

  1. Einerseits gilt es, das Produkt in einzelne Bausteine zu zerstückeln und
  2. andererseits gilt es, jeden Baustein nur gegen Geldzahlungen zu verkaufen.

Übertragen auf Chi Sao bedeutet dies, dass Chi Sao das Produkt ist und dass die Bausteine die Chi Sao Sektionen bzw. Chi Sao Partnerformen sind, die nur gegen Geld vermittelt werden.

Versetzt man sich in die Rollle des Betriebswirtschaftlers und denkt das Ganze weiter, ist klar, dass man den Kunden möglichst lange binden will, um ihm möglichst lange und oft wieder und wieder etwas verkaufen zu können.
Denn hat man den Kunden erstmal "am Haken", versucht man natürlich, ihn dort so lange wie möglich zu halten und Nutzen aus ihm zu ziehen.

     
     


Kundenbindung im Wing Chun - Hat man den Kunden erstmal "am Haken", lässt man ihn nicht mehr los. Ein Weg, den Kunden anschließend möglichst lange auszunehmen, ist die Zerlegung der Lehrinhalte in Blöcke bzw. Bausteine und das darauf folgende Verkaufen dieser Blöcke / Bausteine.

     
     

Transferiert auf Chi Sao Inhalte heißt dies, dass man die Sektionen auf gar keinen Fall auf einen Schlag komplett zugänglich macht.

Ein Mitglied, das alle Chi Sao Inhalte sofort sehen kann bzw. alle Sektionen / Partnerformen sofort erlernen kann, muss nicht zwingend Mitglied bleiben und dementsprechend auch keine monatlichen Mitgliedsbeiträge, jährlichen Dachverbandsbeiträge, etc. zahlen.

Ein enormer finanzieller Verlust stünde im Raum.

An diesem Punkt ist es wiederum sehr günstig, dass die oben im Artikel erwähnte "Geheimhaltung" bzw. "Geheimniskrämerei" im Wing Chun aus traditioneller Sicht so gepflegt wird.

Sie eignet sich hervorragend, um den Schüler bzw. das Mitglied glauben zu lassen, man könne ihm allein aus traditioneller Sicht nicht sofort alles zugänglich machen. Der Schüler habe sich schließlich noch nicht bewährt bzw. sei noch nicht so weit oder noch nicht so reif, etc. - man streckt also die Ausbildung künstlich und kassiert auf diese Weise gemütlich monatliche Mitgliedsbeiträge, Jahresgebühren, etc. und verkauft ab und zu die nächste Sektion ganz ... oder auch nur in Bruchstücken.

Jetzt schauen wir uns hier im "zweiten Teil des Artikels" an, wie diese Chi Sao Vermittlung konkret erfolgt.

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    7. Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare? - Schreib mir ...      
     

Du hast Fragen, Anregungen, Hinweise oder Kommentare zu der hier aufgelisteten Schilderung zum ersten Teil über Intensivausbildungen im Wing Chun?

Dann trau Dich und schreib mir an: info@wingchun-elsner.de

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